{"id":253,"date":"2015-02-09T23:24:07","date_gmt":"2015-02-09T15:24:07","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/selamatdatang\/?p=253"},"modified":"2015-03-24T16:18:48","modified_gmt":"2015-03-24T08:18:48","slug":"schattenseiten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/selamatdatang\/2015\/02\/09\/schattenseiten\/","title":{"rendered":"Schattenseiten."},"content":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich habe ich gewusst, dass man auch in Malaysia mit Geld alle Probleme l\u00f6sen kann. Das ist Teil eines jeden Systems, dass nicht wirklich reibungslos funktioniert. Wenn ein Polizist nur 800Ringit (circa 200Euro) im Monat verdient, l\u00e4sst sich Korruption schwer verhindern.<br \/>\nBestechlichkeit ist etwas, was zwar komplett gegen meine \u00dcberzeugungen steht und mit dem ich nur sehr schwer umgehen kann, aber zumindest kann ich irgendwo nachvollziehen woher es kommt. Weder akzeptieren noch tolerieren kann ich Rassismus.<br \/>\nSamstag Nacht kam es leider dazu, dass Natascha und ich hautnah mit beidem in Kontakt kamen und ich werde dieses beklemmende Gef\u00fchl wohl mein Leben lang nicht mehr vergessen.<\/p>\n<p>Kurz und knapp die Ausgangsituation, damit verst\u00e4ndlich ist wor\u00fcber ich schreibe und warum ich es als Rassismus bezeichne:<\/p>\n<p>Wie so oft am Freitag Abend machten wir uns auf ins Nachtleben der Stadt, trafen unseren Freund Bisso in der PiscoBar und gingen f\u00fcr die HipHop-Night ins Lust. Es war ein toller Abend, wir haben gesungen, getanzt und wahnsinnig viel gelacht. Als gegen 3.30 Uhr die Lichter angingen und der DJ ank\u00fcndigte dass es Zeit sei zu gehen (in Malaysia ist f\u00fcr die meisten Clubs um 3.00 Uhr Sperrstunde) protestierten wir also lautstark und versuchten Bisso und einige weiter Freunde zu \u00fcberzeugen mit uns in den After-Hour-Afrobeats-Club zu fahren, der vielleicht 15 Minuten entfernt liegt. Die Jungs, 5 Nigerianer, eine Malayin und Bisso (Sudaner\/S\u00fcdafrikaner) lie\u00dfen sich breitschlagen und hatten sogar zwei Autos dabei in denen wir fahren konnten.<br \/>\nDie Stimmung war nach wie vor gut, es liefen bereits Afrobeats im Auto und die Nacht war noch jung. Eben jene gute Stimmung kippte in dem Moment, in dem wir auf eine Stra\u00dfensperre zufuhren und die Polizeiautos erblickten.<br \/>\n&#8222;They want money&#8220; war das einzige was Julien vom Fahrersitz aus sagte bevor er gef\u00fchlt s\u00e4mtliche Papiere z\u00fcckte, die ihm in diesem Leben jemals ausgestellt wurden. Die Polizei leuchtete in unser Auto und versuchte gar nicht seine \u00dcberraschung \u00fcber die Besetzung des Autos zu verbergen.<br \/>\n&#8222;Alle aussteigen, bitte.&#8220; Au\u00dfer Natascha und ich, wir d\u00fcrften auch sitzen bleiben, ganz wie wir wollen. Sie verlangten nach einem Ausweis, den originalen Pass hatte nat\u00fcrlich niemand mit zum Feiern genommen, dass w\u00e4re schlie\u00dflich mehr als dumm. Wir hatten zwar beide unseren Personalausweis dabei, jedoch keine Kopie unserer Aufenthaltsgenehmigung oder Arbeitserlaubnis. Das interessierte jedoch auch niemanden, die Polizisten lasen nur &#8222;Bundesrepublik Deutschland&#8220;, sahen unsere blonden Haare und die helle Haut und waren h\u00f6flich, respektvoll und nahezu wiederw\u00e4rtig freundlich.<br \/>\nEin Unterschied wie Himmel und H\u00f6lle dagegen, wie sie mit allen anderen umgingen. Aufenthaltsgenehmigung, F\u00fchrerschein, Passport, Student-ID, alles musste gezeigt werden, an allem war etwas auszusetzen. Bisso wurde auf Waffen abgetastet, bei einem Dritten reichte auch die Kopie des Passes nicht aus, obwohl das die g\u00e4ngige Art ist sich auszuweisen.<br \/>\nAber in dieser knappen Stunde drehte sich alles nur darum, dass die Jungs nicht wei\u00df, asiatisch oder malaysisch waren. Mit einer offensichtlichen Abscheu wurden sie gedem\u00fctigt, behandelt wie geflohene Straft\u00e4ter und mich fragte ein Polizist drei (!) Mal ob wir wirklich freiwillig mit ihnen unterwegs seien.<br \/>\nEs war offensichtlich worauf all das hinauslaufen sollte: ein wenig zus\u00e4tzliches Bargeld vor den &#8222;Chinese New Year-Feiertagen&#8220; in der n\u00e4chsten Woche.<br \/>\nSieben Polizisten, mit Waffen die vor ihrer Brust baumeln, warteten darauf dass ihnen endlich jemand Geld anbot. Der achte war nicht so geduldig und fragte einfach direkt &#8222;Was bekomme ich daf\u00fcr, dass wir euch nicht mitnehmen?&#8220;.<br \/>\nIn der selben Sekunde verfrachtete Bisso uns beide endg\u00fcltig ins Auto, mit der Anweisung blo\u00df sitzen zu bleiben und den Mund zu halten. Obwohl es in uns beiden \u00e4hnlich aussah &#8211; eine Mischung zwischen Schock, Hilflosigkeit und Wut taten wir wie uns gehei\u00dfen und waren erleichtert als uns einige Minuten sp\u00e4ter erlaubt wurde weiterzufahren.<br \/>\nZwar kamen wir alle relativ glimpflich davon, jedoch war es das furchtbarste Gef\u00fchl dass ich jemals gef\u00fchlt habe. Wenn etwas, dass komplett gegen deine pers\u00f6nliche Vorstellung von Gut und B\u00f6se steht, vor deinen Augen passiert und weder du noch irgendwer sonst etwas dagegen ausrichten kannst, ist es eine Kombination aus Machtlosigkeit und unglaublicher Wut.<br \/>\nGrade auch dass so extrem offensichtliche Unterschiedliche zwischen Menschen gemacht werden, macht mich unbeschreiblich w\u00fctend und hinterl\u00e4sst einen pr\u00e4genden Eindruck bei mir. Denn Natascha und ich zahlten nicht einen Ringit und wurden auch nicht weiter bel\u00e4stigt. Man bot mir sogar an ein Taxi f\u00fcr uns zu rufen.<\/p>\n<p>Grade weil dies hier ja ein offizieller &#8222;kulturweit&#8220;-Blog ist, weise ich darauf hin dass es f\u00fcr mich, im Rahmen meines FSJ, die erste Erfahrung dieser Art in Malaysia war. F\u00fcr mich, die h\u00e4ufig eher das Gegenteil erlebt &#8211; ich habe es als junge Europ\u00e4erin hier h\u00e4ufig einfacher als viele andere und auch das ist oft unangenehm. Es war jedoch nicht das erste und leider wohl auch nicht das letzte Mal f\u00fcr unsere Begleiter dass sie so etwas erleben mussten.<br \/>\nNat\u00fcrlich kann man diese Geschehnisse nicht pauschalisieren, nicht alle Polizisten \u00fcber einen Kamm scheren und die Einheimischen durch die Bank alle zu Rassisten erkl\u00e4ren. Das m\u00f6chte ich auch gar nicht, dass ist etwas was ich weder beurteilen kann noch m\u00f6chte. Dass ich hier auch so nicht erlebt habe. Aber ich m\u00f6chte auch nicht so tun als w\u00e4re ich nicht dabei gewesen. Als h\u00e4tte ich dar\u00fcber nicht nachgedacht und als h\u00e4tte ich dazu nichts zu sagen.<br \/>\nWegen der politischen Situation in Malaysia war ich mir unsicher (und bin es immer noch) ob ich das ohne Weiteres so schreiben und ver\u00f6ffentlichen sollte. Und eben weil mein Geschreibsel das Malaysia-Bild von einigen Menschen pr\u00e4gt, die noch nie hier gewesen sind aber vielleicht dann und wann meinen Blog verfolgen.<br \/>\nAuch negatives geh\u00f6rt zum Leben, zum Leben im Ausland, es gibt diese Schattenseiten, die Momente in denen man gerne schreien will warum das denn so unfair ist. Und in denen man sich zusammenrei\u00dfen und den Mund halten muss. Weil man niemanden damit hilft wenn man sich echauffiert, ganz im Gegenteil. Damit h\u00e4tten wir alles noch viel schlimmer gemacht, egal wie schwer es ist sich das einzugestehen.<br \/>\nDieser Post enth\u00e4lt keine Vorschl\u00e4ge oder Tr\u00e4ume wie man ein Land von Korruption befreien kann, wie es wohl sein wird wenn alle Menschen gleich behandelt werden. Wenn es dann jemals soweit sein wird.<br \/>\nNur eins noch: Haben mir die Nachrichten aus Deutschland, \u00fcber die PEGIDA-Demonstrationen Bauchschmerzen gemacht, so steigen meine Bedenken \u00fcber all diese rechtsstehenden Bewegungen in Deutschland immer weiter. Weil ich gesehen habe, wie einfach es sein kann jemanden schlecht zu behandeln wenn man &#8222;am l\u00e4ngeren Hebel&#8220; sitzt.<br \/>\nDie Welt wird sich nicht ver\u00e4ndern, weil ich hier davon erz\u00e4hle. Aber mich hat es irgendwo ver\u00e4ndert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nat\u00fcrlich habe ich gewusst, dass man auch in Malaysia mit Geld alle Probleme l\u00f6sen kann. Das ist Teil eines jeden Systems, dass nicht wirklich reibungslos funktioniert. Wenn ein Polizist nur 800Ringit (circa 200Euro) im Monat verdient, l\u00e4sst sich Korruption schwer verhindern. 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