Schritt für Schritt durch einen erlebnisreichen Dezember

Leuten, die mich fragen „wie geht’s? was machst du so?“ antworte ich gerne „es ist viel los bei mir“, weil wirklich viel geschieht und sich das kaum in einem kurzen Antwort-Satz zusammenfassen lässt.

Hier also beschreibe ich detailierter, was ich mit diesem „es ist viel los bei mir“ meine, am Beispiel des erlebnisreichen Dezembers in meinem Freiwilligendienst.

1. Dezember 2017:

Besuche zum Mittagessen auf Empfehlung mein erstes Vegan-Raw-Restaurant. Nicht in Berlin, sondern in Pula, Kroatien.

Später auf der Buchmesse Istriens zu Besuch. Leider sind fast alle Titel auf kroatisch, was ich kaum spreche. Frage meine Ansprechpartnerinnen, ob der Bücher-Klau in Kroatien wie in Deutschland ebenfalls de facto akzeptiert ist. Sie rieten mir von derartigen Aktionen ab.

2. Dezember 2017:

‚Wage‘ es einmal, den Franck-Kaffee [kroatischer Kult-Kaffee] anstelle der mir bekannten Marken zu kaufen.

5. Dezember 2017:

In einem Jugendzentrum der Stadt findet ein Tag der Freiwilligen statt. Mit einer Schülergruppe besuche ich diesen, komme in Kontakt mit lokalen NGOs. Wie sich herausstellen sollte, war ich nicht zum letzten Mal dort.

Auf dem Weihnachtsmarkt von Pula probiere und genieße ich die kroatische Weihnachts-Spezialität Fritule, in Öl gebratene süße Teigbällchen, die üblicherweise mit süßer Soße serviert werden. Es gab in Pula auf einem zentralen Platz der Stadt einen Weihnachtsmarkt von ca. 10 Ständen. Der Markt schien mir tendenziell gering besucht, Schüler*innen erzählten mir, das sei für sie keine solche Tradition, auf einen Weihnachtsmarkt zu gehen. Das Gefühl habe ich auch, der Markt wirkt wie eine importierte Tradition. Mehr Anklang finden die über den ganzen Dezember stattfindenden Konzerte, von denen ich auch einige besuchte und wo der Platz gut gefüllt war.

8. Dezember 2017:

Die Schule besucht eine ihrer Partnerschulen, die Schule für Gastronomie und Tourismus in Celje (Slowenien). Ich werde eingeladen mitzukommen und nehme das Angebot gerne an. Um 6:30 Uhr, noch in der Dunkelheit, fahren wir als Schüler, einige Lehrer und ich mit dem Bus über die Grenze nach Slowenien. Werden bei Ankunft in der Schule in einem Hörsaal empfangen, wir machen ein kleines Weihnachts-Quiz, kriegen dann ein leckeres Mittagsessen und Kaffee in dem Schul-Restaurant serviert. Dann ging es weiter in das archäologische Museum der Stadt, weiter zu einer kleinen Stadtführung durch Schüler zu Freizeit in der Shopping-Mall von Celje. Wieder in der Dunkelheit kommen wir dann wieder in Pula an nach einem schönen Tagesausflug.

10. Dezember 2017:

Mit einer nun in Kroatien lebenden kulturweit-Alumni treffe ich mich in der Ortschaft Lovran zum Wandern. Wir wollen in den umliegenden Bergen im Naturpark Učka wandern, vielleicht gar bis auf den höchsten Berg Vojak (1400 m) ? Treffen uns morgens in einem Café vor Ort zur Stärkung, wandern dann los fast vom Meer aus. Zuerst einmal suchen wir den Startpunkt des Wanderwegs in einer nahegelegenen Gemeinde, ihn gut gefunden, dort treffen wir auf eine Familie, die ebenfalls an diesem Tag den Berg hochsteigen möchte.

Dies war ein Glück für uns, da diese professionelle Wanderer waren, und uns in den schwierigen Schnee-Bedingungen halfen, wer weiß, ob wir es sonst (so weit) gewagt hätten. Es ist eine herausfordernde Wanderung, es liegt teils tiefer Schnee, mit jedem Meter wird es kälter, der Sonnenuntergang im Winter schon recht früh, und wenn es zu spät wird, kriege ich keinen Bus mehr zurück nach Pula.

Der Familienvater erzählt mir, der Berg sei eigentlich sehr leicht, im Sommer würden die Leute da in kurzer Hose hochwandern, bloß mit Schnee im Winter sieht es anders aus. Das Gefühl habe ich auch, alles nicht allzu schwer, einzig enorm rutschiger Schnee.

Zugleich wird mit jedem Meter die Aussicht spektakulärer, Blick aufs Meer mit Inseln dadrin, die Bucht und die Stadt Rijeka, sowie im Hintergrund ein weiteres Gebirge. Ich verstehe schon, warum es Urlauber hierherzieht. Auf einem Plateau von 1300 m Höhe erschließt sich uns dann der Blick auf die Region Istrien. An sonnigen Tagen könne man hier sogar bis nach Venedig schauen, erzählt der Vater. Da auf dem Gipfel ein starker, hörbarer und sehbarer Sturm weht, fangen wir von diesem Plateau aus den Abstieg an.

Es verläuft alles gut, wir kommen zeitig zum Sonnenuntergang wieder unten an, ich kriege pünktlich meinen Bus zurück nach Pula.

Ein geiler, spektakulärer Berg-Anstieg war das, für mich bisher der höchste Berg, denn in Nordrhein-Westfalen, wo ich aufwuchs, gibt es keine so hohen Berge.

13. Dezember 2017:

3 Schülerinnen erzählen mir jeweils 5 Minuten, ob Auslandaufenthalte sinnvoll sind. Passte irgendwie zu der Zeit damals, da ich die Verlängerung des Freiwilligendienstes beantragt hatte.

Um die 35 Grundschüler aus einer Schule in der Region kommen in den Treffpunkt Deutschland, den Fachraum für Deutsch an der Schule für Tourismus, Gastgewerbe und Handel in Pula. Hier besuchen sie eine Ausstellung zu Weihnachten. Als Teil dieser Ausstellung bin ich als Weihnachtsmann verkleidet. Das zieht natürlich einige Aufmerksamkeit auf sich.

Am Abend besuche ich das Theater der Stadt zu Tanz-Aufführungen diverser Gruppen der Stadt, von ganz jung bis mittel-alt.

15. Dezember 2017:

Nach langem Warten die erste Stunde Kroatisch-Kurs. Hatte vor den Kurs an der lokalen Uni zu besuchen, doch wurde der im November wegen zu wenig interessierten Teilnehmern abgesagt. Zum Glück kannten mein Vorgänger und meine Ansprechpartner eine private Lehrerin hier vor Ort, die auch Zeit für den Kurs hat. So also nun endlich nach drei Monaten hier die erste offizielle Stunde kroatisch.

Pula ist in den Sommermonaten ein großer Urlaubs-Ort, vor allem für deutschsprachige Touristen. Das bedeutet, viele Leute sprechen hier englisch, teils sogar deutsch, sodass die Versuchung natürlich groß ist, einfach auf englisch zu reden. Ich halte die Gespräche soweit ich kann auf kroatisch, doch vor allem wenn mein Kroatisch nicht sonderlich gut ist, wechseln die Leute meist auf englisch.

16. und 17. Dezember 2017:

Ich entschloss mich, für das Wochenende in die nahegelegene Stadt Trieste in Italien zu fahren. Mit nahegelegen meine ich 2 Stunden mit dem Fernbus. Da ich nur einmal in Italien gewesen war in meinem Leben, und ich so viel Gutes davon gehört habe, wollte ich diese Gelegenheit ausnutzen und dahinfahren. Fuhr morgens früh los, schaue mir zuerst selbstständig die Stadt und ein berühmtes Kaffee-Haus mit eigenem Wikipedia-Artikel an, dann treffe ich mich mit einem Couchsurfer, der mich für die Nacht auch beherbergt, wir kommen schnell in Unterhaltung und er führt mich zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt, trennen uns dann, weil ich am Schloss und einer Foto-Ausstellung Interesse habe, er jedoch weniger, da sei er schon zigfach drin gewesen. Treffen uns dann am Abend wieder, nachdem wir uns zeitweise verloren hatten, führen noch schöne Unterhaltungen am Abend und beim Frühstück am nächsten Morgen. Gegen Mittag geht für mich dann auch der Bus zurück nach Pula nach einer kleinen, feinen Zeit in Trieste.

21. Dezember 2017:

Ich besuche ein Chor-Konzert der Musikakademie Pula in der Kirche St. Anton. Eine Nachbarin, selbst talentierte Pianistin, hat mich dazu eingeladen und sang mit.

22. Dezember 2017:

Es ist der letzte Schultag vor den Weihnachtsferien, und ich erhalte die offizielle Bestätigung, dass meine Verlängerung des Freiwilligendienstes offiziell ist!

24.-26. Dezember 2017:

Entschließe mich, an Weihnachten an meinem Ort Pula zu bleiben. Denn möchte ich jetzt dieses Jahr komplett in allen Facetten mitnehmen. Würde ich über Weihnachten/Neujahr nach Deutschland zurückfahren, würde es mich zu sehr rausbringen aus allem, was ich bisher erlebt hatte.

Ich mache mir die Tage über eine ruhige Zeit, keinen Stress mit einer Tip-Top-Feier, mit Geschenken oder was andere wohl von mir denken. Meiner Meinung und Erfahrung nach entsteht an dieser eigentlich schönen Zeit so viel Stress und Streit in dem Ziel, ein wunderschönes, perfektes Weihnachtsfest, leckeres Essen in mehreren Gängen natürlich, perfekte Harmonie untereinander und die exakt passenden Geschenke zu haben. Das sind durchaus erstrebenswerte Ziele, und doch ist es meines Erachtens nicht im Sinne des Weihnachts-Geistes, sich deshalb stressen zu lassen, sich verrückt zu machen oder sich zu überarbeiten.

Es herrscht an den Tagen schönes, wenn auch kaltes Wetter, das ich dazu nutze, hier einen größeren Wald am Stadtrand auf langen Spaziergängen zu erkunden und zu genießen.

31. Dezember 2017:

Mitte Dezember lese ich eine Annonce für Silvester in Pula auf Couchsurfing. Entscheide mich, sie zu kontaktieren, die Couchsurferin sagt zu, und so feiere ich dann mit ihr den Abschied vom alten und den Beginn des neuen Jahres. Hole sie mittags ab, zeige ihr die Stadt, wir richten uns ein, lernen uns kennen, essen und ziehen dann los in die Stadt.

Wir begeben uns ins Zentrum. Auf dem zentralen Forums-Platz in Pula spielt ein DJ und eine Band namens Prljavo Kazalište.

Ich hatte erst vermutet, das sei so eine Veranstaltung für Touristen, da jetzt um Neujahr wieder einige Besucher hierher kamen. Nicht falscher hätte ich legen können.

Ok, beim DJ hätte das so sein können. Er hat so den Standard aus den 80ern und 90ern gespielt. Doch die Band ist weder Standard noch für Touristen.

Prljavo Kazalište (kroatisch für ’schmutziges Theater‘) ist eine legendäre kroatische Rock-Band aus der Hauptstadt Zagreb, die 1977 — damals noch in Jugoslawien — gegründet wurde. Die Band und das Publikum gingen ab bei diesem Konzert, Texte wurden mitgesungen, die Band hat das Forum abgerissen und es in die Geschichts-Bücher überführt.

Hier eine kleine Hör-Probe:

Den ganzen Dezember über

Das Haus, in dem ich in einer Untergeschoss-Wohnung lebe, wird mit einem Holzofen beheizt.

Nun fährt der Vermieter Anfang Dezember für über einen Monat in Urlaub. Üblicherweise hat stets der Vermieter für alle Bewohner des Hauses den Holzofen angezündet und warm gehalten. Nun, da er in Urlaub fährt, habe ich für mich selbst zu heizen. Er hinterlässt mir für den Monat, in dem er weg ist, einen Stapel Holz, viele Baumstämme, Feuerzeuge, Grill-Anzünder, eine Axt zum Hacken, feuerfeste Handschuhe.

Leider ist mir völlig unklar, wie ich dieses Teil in Gang setze. In der ersten Zeit wickele ich mich pragmatisch in Decken ein, versuche die Kälte auszuhalten.

Irgendwann fällt mir ein, dass mein Opa früher lange Zeit selbst Holzofen genutzt hat. Ich schreibe ihn per Mail/Facebook an, er hat in der Tat Ahnung, bittet um konkrete Informationen und Bilder des Ofens, schicke ihm diese, und mit seinen Tipps und ein wenig Experimentieren kriege ich es tatsächlich hin, das Feuer am Brennen zu halten.

Hätte nicht gedacht, dass ich sowas hier auf diesem Austausch erlebe.

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