{"id":36,"date":"2018-10-21T22:55:03","date_gmt":"2018-10-21T20:55:03","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/?p=36"},"modified":"2018-10-21T22:57:09","modified_gmt":"2018-10-21T20:57:09","slug":"ich-hab-da-was-begriffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/2018\/10\/21\/ich-hab-da-was-begriffen\/","title":{"rendered":"Ich hab da was begriffen."},"content":{"rendered":"<blockquote><p>&#8222;Man ist oft mit sich selbst so sehr im Widerspruch als mit Andern.&#8220; &#8211; Francois de la Rochefaucauld<\/p><\/blockquote>\n<p>Die letzten Wochen waren nicht ganz einfach.\u00a0Dienstag vor zwei Wochen\u00a0bin ich mit einem derartig entz\u00fcndeten Hals aufgewacht dass es sich angef\u00fchlt hat als h\u00e4tte mir jemand eine Handvoll Rasierklingen in den Hals gesteckt. Folglich war ich die ganze Woche zu nichts zu gebrauchen, habe im Bett gelegen, meine Sch\u00fcler vermisst, zwei Staffeln Queer Eye vernichtet und mich buchst\u00e4blich zu Tode gelangweilt, w\u00e4hrend drau\u00dfen auch noch das sch\u00f6nste Wetter war. <!--more-->Nicht mal geschrieben habe ich. Immerhin ging es zum Wochenende hin aufw\u00e4rts und samstags waren Kira und ich endlich einmal in Pawlowsk &#8211; ein Zarenschloss mit Park oder wohl eher ein Park mit Zarenschloss.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/IMG-20181014-WA0013.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-37\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/IMG-20181014-WA0013-300x400.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/IMG-20181014-WA0013-300x400.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/IMG-20181014-WA0013.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/IMG-20181014-WA0013-1x1.jpg 1w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/IMG-20181014-WA0008.jpg\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/a><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/IMG-20181014-WA0008.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-38\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/IMG-20181014-WA0008-300x400.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/IMG-20181014-WA0008-300x400.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/IMG-20181014-WA0008.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/IMG-20181014-WA0008-1x1.jpg 1w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>How to shoot like a Pro in Pawlowsk. <\/em><\/p>\n<p>Es tat unendlich gut, au\u00dferhalb der Stadt und vor allem an der frischen Luft zu sein. Wir sind ewig durch die Alleen und an den Seen entlang spaziert, aber letztlich hat es mich doch ein bisschen \u00fcberfordert und ich war am Abend so\u00a0fertig wie seit langem nicht mehr.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/20181014_041741_0.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-40 aligncenter\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/20181014_041741_0-300x400.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/20181014_041741_0-300x400.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/20181014_041741_0.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/20181014_041741_0-1x1.jpg 1w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><em>Wer\u00a0braucht\u00a0schon\u00a0den\u00a0Indian\u00a0Summer,\u00a0wenn\u00a0er\u00a0den\u00a0Sommergarten\u00a0im\u00a0Oktober\u00a0hat?<\/em><\/a><\/p>\n<p>Sonntags habe ich es also nochmal ein bisschen langsamer angehen lassen und bin in den Sommergarten, der nur ein paar Minuten zu Fu\u00df entfernt liegt, um gem\u00fctlich einen Kaffee zu trinken und ein bisschen zu lesen. Das Wetter war einfach sagenhaft, es war sonnig und warm und selbst der St. Petersburger Wind hat Sonntagspause gemacht. Anschlie\u00dfend bin ich noch eine gro\u00dfe Runde an der Newa entlangspaziert und Ende vom Lied war folgendes: R\u00fcckfall deluxe. Montag lag ich \u00a0wieder im Bett, Husten, Halsschmerzen und Fieber inklusive und das schlug dann so richtig auf die Stimmung. Den ganzen Montag hab ich durchgeheult und mich nach Zuhause gesehnt, nach meinem eigenen Bett, nach dem Blick aus dem Fenster direkt auf die Weinberge, nach meiner Oma die mit einem einzigen Blick Fieber messen kann und dann wortlos eine Kanne Tee hinstellt, der dich in nullkommanix wieder auf den Damm bringt. Wei\u00df der Geier, was sie da rein mischt.<\/p>\n<p>Ich bin niemand, der zu Heimweh neigt, aber diese Woche war der Gedanke an zuhause wie ein st\u00e4ndiger Stich. Ich kann an einer Hand abz\u00e4hlen, wie oft ich in den letzten paar Jahren krank war und das mein K\u00f6rper nicht so mitmacht, wie ich das will, ohne normalerweise auch nur einen Gedanken daran verschwenden zu m\u00fcssen, dazu noch in einem Land, in dem ich im \u00e4u\u00dfersten Notfall nicht mal\u00a0einem\u00a0Arzt sagen kann was mir fehlt, das hat das Gedankenkarussell angeworfen.<\/p>\n<p>Die Sache ist die: Du bist krank, du bist gelangweilt, deine Kraft (und Geduld) reicht f\u00fcr nicht mehr als Netflix und Instagram. Ersteres ist okay, sich irgendeine harmlose Serie reinzuziehen tut der Seele gut. Letzteres&#8230;naja. Ich glaube, wir sind uns alle sehr gut dar\u00fcber im Klaren, das Social Media auf vielf\u00e4ltige Weise Erwartungsdruck aufbaut, <em>obwohl <\/em>man wei\u00df das es immer nur eine Realit\u00e4t darstellt und wie leicht die sich f\u00e4lschen l\u00e4sst. Aber da liegst du nun und scrollst und scrollst und dein einer Freund ist hier unterwegs, ein Freiwilliger erlebt dies und das sensationelles, der andere sieht da und dort sch\u00f6ne Sachen&#8230;und du liegst einfach nur da und schl\u00fcrfst deinen Kamillentee. Und auf einmal willst du alles andere tun, herumspringen, Leute kennen lernen, feiern, eben das, was die anderen auch so tun.<\/p>\n<p>Nicht falsch verstehen, ich mag und mache all das, aber eben nicht im \u00dcberma\u00df. Ein Abend mit einem spannenden Buch ist mir nun mal lieber als auszugehen und mich eventuell von Menschen ansprechen und angraben lassen zu m\u00fcssen, denen ich im Grunde am liebsten den R\u00fccken zudrehen w\u00fcrde. Und dabei krampfhaft gute Laune haben zu m\u00fcssen. Nennt es Arroganz, nennt es Faulheit oder Bequemlichkeit, mir egal. Extrovertiert sein bedeutet f\u00fcr mich manchmal mehr \u00dcberwindung, als gut ist und das wei\u00df ich auch. In einer fremden Sprache einen Kaffee zu bestellen stresst mich, in einem Gespr\u00e4ch mit einem Kerl der mir gef\u00e4llt halbwegs entspannt zu wirken l\u00e4sst mich meistens nur noch mehr verkrampfen. Ich kann mit dir \u00fcber B\u00fccher, \u00fcber Filmsoundtracks und das Alte Rom reden, aber Smalltalk ist\u00a0zuweilen eine unl\u00f6sbare Gleichung f\u00fcr mich. Und deswegen f\u00fchle ich mich manchmal mit mir selbst unwohl, weil in mir immer noch ein Teil der kleinen Realsch\u00fclerin weiterlebt, die genau deswegen schief angeschaut wurde und nicht wirklich dazugeh\u00f6rt hat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/20181014_043542_0.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-41 aligncenter\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/20181014_043542_0-300x400.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/20181014_043542_0-300x400.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/20181014_043542_0.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/10\/20181014_043542_0-1x1.jpg 1w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p><em>Petersburg, I love you &#8211; but this week, you brought me down.<\/em><\/p>\n<p>Das genau dieses Gef\u00fchl hier in Russland aufkam, tat verdammt weh. Es mag der Krankheit geschuldet sein, aber da lag ich nun und hab ich nicht nur in Selbstmitleid, sondern auch in Selbstvorw\u00fcrfen ergangen. Warum gelingt es dir nicht, hier zu schreiben, <em>hier<\/em>, wo du so viel M\u00f6glichkeit und Input hast wie w\u00e4hrend der ganzen Schulzeit nicht? Warum starrst du an die Decke, h\u00f6rst deprimierende Musik, statt zu lesen? Warum liegst du \u00fcberhaupt hier? Du solltest drau\u00dfen sein, die Herbstfarben genie\u00dfen, die letzten warmen Sonnenstrahlen des Jahres auf dein Gesicht scheinen lassen. Du solltest <strong>mehr <\/strong>tun, <strong>mehr <\/strong>sein.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;<a title=\"Klick f\u00fcr Detailanzeige\" href=\"https:\/\/www.aphorismen.de\/zitat\/154765\">Nicht in der Erkenntnis liegt das Gl\u00fcck, sondern im Erwerben der Erkenntnis.<\/a>&#8220; &#8211; Edgar Allan Poe<\/p><\/blockquote>\n<p>Und dann sind zwei wunderbare Dinge passiert: Erstens, es ging endlich bergauf mit meiner Gesundheit. Zweitens, ich habe angefangen zu schreiben, genau diese Fragen. Gleich vorweg, ich hab keine Antworten darauf gefunden, w\u00e4re ja auch zu einfach. Stattdessen steht jetzt eine Abfolge der immer gleichen Fragen in meinem Tagebuch: Was will ich von diesem Aufenthalt? Wenn ich Ende Februar Russland verlasse, was soll sich dann f\u00fcr mich erf\u00fcllt haben? Eigentlich dachte ich, dass mir das klar w\u00e4re seit dem Vorbereitungsseminar.<\/p>\n<p>Die Wahrheit ist: <strong>Ich wei\u00df es immer noch nicht.<\/strong><\/p>\n<p>Warum sollte ich auch? An manchen Tagen \u00fcberfordert es mich schon zu entscheiden, was ich fr\u00fchst\u00fccken soll, weshalb habe ich es mir dann zur Aufgabe gemacht, mir bereits \u00fcber die Erkenntnisse und Lebenslektionen und Weisheiten im Klaren zu sein, die ich aus diesen sechs Monaten mitnehme? Weil ich ein Idiot bin, der grunds\u00e4tzlich zur eigenen Fehleinsch\u00e4tzung neigt. Weil ich aus irgendeinem Grund wohl der Meinung war, ich m\u00fcsse ums Verrecken aus diesen sechs Monaten eine Parabel auf wei\u00df Gott was machen, irgendeinen tieferen Sinn dahinter ausgraben.<\/p>\n<p>Und wenn der Zweck von all dem hier einfach ist, eine gute Zeit zu haben? Und zwar auf meine Weise?<\/p>\n<p>Es hat zwei Wochen Bettl\u00e4grigkeit gebraucht, bis ich das endlich mal geschnallt habe. Ich muss mich nach keiner Norm richten, nach keinem vorgegebenen Ma\u00df. St. Petersburg ist einfach nur, was ich daraus machen werde und wenn das hei\u00dft, in den Augen anderer ein bisschen langweilig zu scheinen, wat soll&#8217;s. Im Moment ist mir das egal, der Zeitpunkt, da mir das wider besseren Wissens etwas ausmachen wird, kommt schon wieder. Aber nicht jetzt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">_______________________________________________________________________________<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Serie der Woche:<\/strong> Queer Eye &#8211; f\u00fcr ganz viel, dringend ben\u00f6tigte gute Laune und ein bunter Strau\u00df Toleranz und Mitmenschlichkeit oben drauf. Jedem Teilnehmer des Vorbereitungsseminars d\u00fcrfte hier das Herz aufgehen.<\/p>\n<p><strong>Lied der Woche:<\/strong> New York I love you, but your bringing me down &#8211; LCD Soundsystem. Hat die Stimmung auf den Punkt gebracht.<\/p>\n<p><strong>Randnotiz am Schluss: <\/strong>Solltet ihr in Russland krank werden und zuf\u00e4llig eine Vermieterin wie die meine haben, dann nehmt auf jeden Fall jede Tablette, die sie euch gibt, wickelt euch jeden Umschlag um den Hals, den sie euch reicht, gurgelt jede Tasse Essigwasser, die neben dem Waschbecken steht und trinkt brav die widerw\u00e4rtige L\u00f6sung, die in dem Glas auf dem Nachttisch auf euch wartet. Ohne werdet ihr wahrscheinlich draufgehen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Man ist oft mit sich selbst so sehr im Widerspruch als mit Andern.&#8220; &#8211; Francois de la Rochefaucauld Die letzten Wochen waren nicht ganz einfach.\u00a0Dienstag vor zwei Wochen\u00a0bin ich mit einem derartig entz\u00fcndeten Hals aufgewacht dass es sich angef\u00fchlt hat als h\u00e4tte mir jemand eine Handvoll Rasierklingen in den Hals gesteckt. 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