{"id":33,"date":"2018-11-27T21:20:50","date_gmt":"2018-11-27T20:20:50","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/?p=33"},"modified":"2018-11-27T21:21:59","modified_gmt":"2018-11-27T20:21:59","slug":"how-to-vermeid-a-rueckenbruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/2018\/11\/27\/how-to-vermeid-a-rueckenbruch\/","title":{"rendered":"How to vermeid a R\u00fcckenbruch"},"content":{"rendered":"<h1>Oder: Am Minimalismus ist nicht alles schlecht<\/h1>\n<blockquote><p>Less is more. &#8211; Mies van der Rohe<\/p><\/blockquote>\n<p>Manchmal braucht es mehr als nur einen Schlag ins Gesicht, um zu begreifen, dass das was man gerade macht, eigentlich v\u00f6lliger Bullshit ist und dir \u00fcberhaupt nicht gut tun wird. Du denkst dir trotzdem &#8222;Ach was, wird schon passen&#8220; und machst weiter und dann irgendwann, <em>irgendwann <\/em> wird dir klar, &#8222;\u00c4hmmm&#8230;nein. Ok, schon gut. Ich habs begriffen.&#8220;<!--more--><\/p>\n<p>Das klingt jetzt so, als w\u00fcrde ich \u00fcber ein paar wirklich lebenswichtige, dramatische Entscheidungen und Situationen reden, aber eigentlich meine ich damit nur eine schlechte Angewohnheit von mir, die ich schon habe solange ich mich erinnern kann: Zu viel packen, wenn es ums packen geht. Oder anders formuliert, mich meinem eigenen Besitz hoffnungslos zu ergeben. Und was mit einem Koffer zu viel begann, hat inzwischen zu einer kleinen Revolution in meiner Denkweise gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Ich war schon das Kind, das in seinen ersten gro\u00dfen Urlaub mit drei Stofftaschen voller Kuscheltiere fahren wollte, zus\u00e4tzlich zu dem Kinderkoffer voller Spiele und B\u00fccher. Und den Klamotten nat\u00fcrlich. Sp\u00e4ter hat sich die Priorit\u00e4t dann v\u00f6llig auf letztere beide verlagert. Jap, was meine Klamotten angeht bin ich wirklich sehr eitel und f\u00fcr einen Urlaub zu packen kann in einer mittelschwere Krise m\u00fcnden. Das ist allerdings kein Vergleich zu der Verzweiflung, die die Wahl einer geeigneten Lekt\u00fcre auszul\u00f6sen imstande ist. Sechs ganze Monate in dem Land, von dessen Schriftstellern und Poeten ich mehr B\u00fccher besitze als von irgendeinem anderen und da soll mir das Aussuchen der B\u00fccher leicht fallen?<\/p>\n<p>Es war also schon von Anfang an abzusehen, das die Sache viel zu schwer wird und egal, wie viel ich aus dem Koffer genommen habe, am Ende ist die H\u00e4lfte davon doch wieder drin gelandet. \u201eDas wird schon gehen, zahl ich eben die paar Euro \u00dcbergep\u00e4ck\u201c, habe ich gedacht \u2013 in der herrlichen Naivit\u00e4t des Unwissenden, der noch nie mit \u00dcbergep\u00e4ck geflogen ist.<\/p>\n<p>https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=w4BHMgfilaA<\/p>\n<p><em>Ein kleines Tutorial-Video f\u00fcr alle, die am Vorabend des Seminars mit \u00e4hnlichen Problemen zu k\u00e4mpfen hatten wie ich und sich das n\u00e4chste Mal ein bisschen besser vorbereitet wissen wollen. Nicht, dass sich ein anderthalbw\u00f6chiger Urlaub mit einem Aufenthalt von sechs Monaten vergleichen l\u00e4sst, aber einige Tipps finde ich doch sehr praktisch.\u00a0<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Die Ende vom Lied war folgendes: Auf dem Vorbereitungsseminar hat mich das erste Mal jemand vorsichtig darauf aufmerksam gemacht, dass \u00dcbergep\u00e4ck so richtig sch\u00f6n teuer werden kann. Ich habe also jetzt (!) etwas Recherche betrieben und voller Schreck festgestellt, dass ich \u00fcber hundert Euro zahlen durfte, selbst wenn es nur ein Kilo zuviel auf der Waage gewesen w\u00e4ren. Und es war weit mehr als ein Kilo.<\/p>\n<p>Viel Rumtelefoniere, viel Durchgestelle sp\u00e4ter wurde mir dann gesagt, dass ein weiteres Gep\u00e4ckst\u00fcck dagegen \u201enur\u201c f\u00fcnfzig Euro kosten w\u00fcrde. Also war meine Mission in den letzten Tagen des Vorbereitungsseminars klar: Einen Koffer auftreiben, egal wie.<\/p>\n<p>Was folgte war ein Riesendrama, in das ich irgendwie jeden mitreingezogen habe, den ich auf dem Seminar kannte, bis sich eine meiner Zimmergenossinnen, die in Berlin wohnt, erbarmt hat ihre Eltern zu fragen ob sie einen Koffer borgen k\u00f6nnen, was sie gro\u00dfz\u00fcgigerweise auch gemacht haben.<\/p>\n<p>Also musste ich am letzten Seminartag ein bisschen fr\u00fcher abreisen. Das Abenteuer begann mit einer vergleichsweise entspannten Busfahrt durch die brandenburgischen W\u00e4lder bis nach Eberswalde, von wo aus es mit dem Regio an den Berliner Hauptbahnhof ging. Dort hab ich meinen Koffer buchst\u00e4blich ins Schlie\u00dffach getreten, weil er so vollgestopft war dass er immer wieder h\u00e4ngen geblieben ist, bin den zweiten Koffer abholen gegangen und nachdem ich mich ungef\u00e4hr zehnmal von Herzen bedankt habe, bin ich zum Hauptbahnhof zur\u00fcckgetuckert und habe angefangen umzupacken.<\/p>\n<div id=\"attachment_98\" style=\"width: 310px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/11\/voller-koffer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-98\" class=\"size-medium wp-image-98\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/11\/voller-koffer-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/11\/voller-koffer-300x200.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/11\/voller-koffer-1x1.jpg 1w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2018\/11\/voller-koffer.jpg 424w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-98\" class=\"wp-caption-text\"><strong>So ungef\u00e4hr das Koffer Nr. 1 aus &#8211; abgesehen davon, dass er ungef\u00e4hr dreimal so gro\u00df ist.<\/strong><\/p><\/div>\n<p>Das war ein augen\u00f6ffnender Moment. Erst in dem Augenblick, als ich mein sorgf\u00e4ltiges Packsystem zerst\u00f6rt habe, ist mir klar geworden, wie viel ich da eigentlich genau reingestopft habe. Aus allen Ecken und Enden sind noch Sachen herausgefallen und mit vor Verlegenheit brennendem Nacken, weil mich nat\u00fcrlich jeder in dieser Schlie\u00dffachecke angestarrt hat, habe ich mich \u00fcber meine Koffer gebeugt und weiter gemacht. Als ich mich dann mit zwei Riesenkoffern die Rolltreppe zum Direktzug nach Sch\u00f6nefeld hochgequ\u00e4lt hatte, stand mein Entschluss fest. Das n\u00e4chste Mal, wenn ich l\u00e4ngere Zeit ins Ausland gehe, wird einfach schonmal per Containerfracht mein gesamtes Hab und Gut vorausgeschickt. Das wird die Dinge dann wesentlich einfacher machen.<\/p>\n<p>Sobald das gesamte Gep\u00e4ck am Schalter aufgegeben war, ist mir jedenfalls ein riesiger Stein vom Herzen gefallen. In St. Petersburg w\u00fcrde ich wenigstens nicht mehr allein sein, Svetlana w\u00fcrde mich ja abholen und zu zweit schleppt es sich besser. Trotzdem hat es noch viel \u00c4chzen und Gehieve gebraucht, bis die beiden Unget\u00fcme endlich in meinem Zimmer standen.<\/p>\n<p>Nach diesem ganzen Theater hab ich mich also hingesetzt und bin zwei Minuten in mich gegangen. Sarah, hast du jetzt wirklich so viel Zeug gebraucht? Es gibt doch auch Leute, die mit viel weniger auskommen.\u00a0 Wie entspannt das sein muss! Warum kann ich das nicht? Ich will das auch k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Also habe ich angefangen mir Artikel zum Thema Minimalismus durchzulesen, Videos anzuschauen und ehe ich mich versehen habe, war ich am Haken. Es klingt auch einfach zu verlockend: Gen\u00fcgsamkeit, sich nicht mit unn\u00f6tigem Ballast herumschlagen und nicht zuletzt hatte ich das klinisch reine, wei\u00dfe Zimmer einer Instagrammerin vor Augen, das wie ein perfekter kleines Schneekugel-Vakuum aussieht. Ohne den Schnee nat\u00fcrlich.<\/p>\n<blockquote><p>Wenn jeder Einzelne darauf verzichtet, Besitz anzuh\u00e4ufen, dann werden alle genug haben. &#8211; Franz von Assisi<\/p><\/blockquote>\n<p>Was mich aber <em>tats\u00e4chlich<\/em> ernsthaft zum Nachdenken gebracht hat &#8211; denn ehrlicherweise war alles davor nur ein zustimmendes Nicken und anschlie\u00dfend schnelles Vergessen &#8211; waren die babuschki an den Metrostationen. Rentnerinnen und manchmal auch Renter, die dort reihenweise vor den Eing\u00e4ngen stehen und ihr Gem\u00fcse, Obst, Blumen verkaufen, manchmal selbstgestrickte Socken, manchmal alten Plunder, um ihre mageren Rentenauszahlungen aufzubessern. Der Gedanke, dass die \u00fcber meine Luxusprobleme wohl nur den Kopf sch\u00fctteln w\u00fcrden, hat mich inne halten lassen. Es sind n\u00e4mlich nichts weiter als das, first world problems. Auch wenn ich manchmal am Ende des Monats kein Geld mehr zur Verf\u00fcgung gehabt habe, im Grunde habe ich noch nie ein ernsthaftes materielles Problem auch nur von Weitem gesehen. Stattdessen besitze ich so viel, dass ich mir f\u00fcr viel Geld einen zweiten Koffer am Flughafen dazubuchen muss. Und in Sankt Petersburg laufe ich tagt\u00e4glich an Frauen und M\u00e4nnern vorbei, die bei Wind und Wetter ausharren, um am Ende des Tages ein paar Rubel mit nach Hause zu nehmen.<\/p>\n<p>Ich finde es traurig, dass mir das noch nie derart bewusst geworden ist. In Deutschland sehe ich oft genug Menschen, die in den M\u00fclleimern nach Pfandflaschen suchen und ein \u00e4hnlicher Gedanke ist mir dort nie auch nur ansatzweise gekommen. Liegt es an der ungewohnten Umgebung? An dem Bewusstsein, in einem anderen Land zu sein? Ist es viel simpler &#8211; liegt es an der st\u00e4ndigen Konfrontation damit? Oder ist es gemeiner &#8211; sehe ich unbewusste, verborgene Klischees \u00fcber das arme Riesenreich Russland best\u00e4tigt?<\/p>\n<p>Freunde, wenn ich das selbst nur w\u00fcsste. Aber wie sagt meine Oma immer?<\/p>\n<blockquote><p>Solange es dir bewusst ist, kannst du es auch \u00e4ndern.<\/p><\/blockquote>\n<p>Nicht, dass ich von jetzt auf nachher den Heiligen Gral des Minimalismus gefunden habe &#8211; oder das jemals passieren wird. Ich habe immer noch damit zu k\u00e4mpfen, nicht alles zu kaufen, was mir gef\u00e4llt und erst heute habe ich die Entdeckung des Jahres gemacht &#8211; der Koffer f\u00fcr Berlin ist auch schon wieder zu schwer. Potzblitz, wer h\u00e4tte das gedacht?<\/p>\n<p>Aber ich\u00a0<em>lerne.\u00a0<\/em>Zwar an einer Front, von der ich es zuvor nicht gedacht h\u00e4tte, denn ich hatte es bisher nicht wirklich mit gem\u00e4\u00dfigtem Konsumverhalten, aber vielleicht mache ich mir hier bei kulturweit einfach den Hawthorne-Effekt zunutze, eine psychologische Eigenheit von uns Menschen, das sich Verhalten tats\u00e4chlich \u00e4ndert wenn man sich beobachtet f\u00fchlt. Gewisserma\u00dfen habe ich mich mit diesem Palaver hier also auf die Trib\u00fcne gestellt. Seien Sie herzlichst eingeladen zu verfolgen, wie lange ich es schaffe, nicht wieder die &#8222;Schei\u00df drauf&#8220; Haltung anzunehmen.<\/p>\n<p>Ziehen wir letztlich eine Bilanz, zweieinhalb Monate sp\u00e4ter: Hatte ich wirklich nur das N\u00f6tigste dabei, wie zuvor von mir selbst so felsenfest eingeredet?<\/p>\n<p>\u00dcberraschung, nat\u00fcrlich nicht. Klar hab ich zu viel mitgenommen, aber an anderen Stellen als vermutet. Die B\u00fccher habe ich alle nicht umsonst mit hierher geschleift, tats\u00e4chlich habe ich die meisten schon durchgelesen und bin froh, mir in Berlin Nachschub besorgen zu k\u00f6nnen. Ich werde mich in Zukunft auch definitiv dar\u00fcber informieren, ob Kosmetik- und Hygieneartikel in meinem Gastland teurer oder preiswerter sind. Ich h\u00e4tte sehr viel Platz, Gewicht und auch Geld gespart, wenn ich vorher gewusst h\u00e4tte dass ich in Russland unterm Strich g\u00fcnstiger wegkomme, wenn ich das alles hier einkaufe.<\/p>\n<p>\u00dcberraschenderweise habe ich viel zu viel Schreibzeug mitgeschleift, zu viel Bl\u00f6cke, Notizb\u00fccher, Ordner. Seit ich hier bin arbeite ich ohnehin nur an einer Geschichte und ich habe jetzt den Schritt gewagt und alles andere auf den \u201eNach Hause\u201c-Stapel gelegt, genauso wie die Klamotten, f\u00fcr die es inzwischen einfach zu kalt ist.<\/p>\n<p>Insofern erweist sich der erzwungene Visums-Trip nach Berlin doch als Segen: Es lassen sich herrlich Gep\u00e4ckkilos loswerden. Meine Schwester wird nach Berlin mitkommen und ich habe sie schon gewarnt, viel Platz im Koffer zu lassen. Ausgelesene B\u00fccher, Klamotten, die ich hier bisher kaum getragen habe und jede Menge Kleinkram wird darin landen und damit mache ich mir die R\u00fcckreise schon mal bedeutend leichter \u2013 in jeder Hinsicht.<\/p>\n<blockquote><p>\u201cI make myself rich by making my wants few.\u201d Henry David Thoreau<\/p>\n<p>PS: Ich bin \u00fcbrigens immer noch nicht sicher ob ich diesem Zitat zustimmen will.<\/p><\/blockquote>\n<p>Ist das minimalistisch gelebt? Nein, es ist einfach nur eine Strategie\u00e4nderung, Schadensbegrenzung, gewisserma\u00dfen, nochmal \u00fcberlebt mein Kreuz so eine Tortur nicht. Und ich kenne mich zu gut um nicht zu wissen, das aus mir wohl nie ein Minimalist werden wird. Ich werde nicht nach Hause kommen und erst einmal radikal die Schr\u00e4nke ausr\u00e4umen, aber ich werde auch nicht mit tausenderlei Krimskrams nach Hause kommen. Tats\u00e4chlich gebe ich bisher nicht jedem schwachsinnigen Kaufimpuls auf der Stelle nach, sondern \u00fcberlege, ob ich das sch\u00f6ne Ding da in der Auslage jetzt wirklich brauche. Und Wunder \u2013 meistens brauche ich es nicht. Seit ich mich zumindest mit Minimalismus auseinander gesetzt habe, bin ich auch auf das Thema Fast Fashion und Nachhaltigkeit gesto\u00dfen, etwas das mir in seiner ganzen erschreckend gro\u00dfen Problematik erst jetzt allm\u00e4hlich klar wird. St. Petersburg bietet in seiner ganzen Secondhand- und Vintagevielfalt tolle M\u00f6glichkeiten, am eigenen Kaufverhalten schrittweise etwas zu \u00e4ndern. Gut f\u00fcr meinen Geldbeutel, f\u00fcr den Koffer und mein Gewissen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>PS: Nur weil ich jetzt allerdings auf dem Trip bin, hei\u00dft das ja noch lange nicht dass da andere sich eine Scheibe von abschneiden m\u00fcssen. Kauft was ihr wollt und so viel ihr wollt, solange es euch gl\u00fccklich macht, es sei euch von Herzen geg\u00f6nnt!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Oder: Am Minimalismus ist nicht alles schlecht Less is more. &#8211; Mies van der Rohe Manchmal braucht es mehr als nur einen Schlag ins Gesicht, um zu begreifen, dass das was man gerade macht, eigentlich v\u00f6lliger Bullshit ist und dir \u00fcberhaupt nicht gut tun wird. 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