{"id":126,"date":"2019-01-23T16:49:19","date_gmt":"2019-01-23T15:49:19","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/?p=126"},"modified":"2019-01-23T16:49:19","modified_gmt":"2019-01-23T15:49:19","slug":"russland-und-seine-baltischen-nachbarn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/2019\/01\/23\/russland-und-seine-baltischen-nachbarn\/","title":{"rendered":"Russland und seine baltischen Nachbarn"},"content":{"rendered":"<p><i>Die Uhr zeigt 6.24, in Helsinki fallen nasse Schneeklumpen vom Himmel, was mein Vorhaben, die zwei Stunden Wartezeit bis ich bei meinem Couchsurfer aufschlagen kann, mit etwas morgendlichem Sightseeing zu verk\u00fcrzen, nach ein paar Minuten bereits vereitelt hat. Also sitze ich hier und tue was ich die letzten zwei Wochen nicht machen konnte, aus Zeitmangel, aber vor allem aus Unlust.<\/i><!--more--><\/p>\n<p>Das ist genau alles, was ich am 8. Januar zu schreiben geschafft habe, seitdem habe ich herzlich wenig Gedanken an diesen Blog verschwendet, denn ich war <i>on the road. <\/i>Wortw\u00f6rtlich, per Bus, F\u00e4hre und Auto, ging es in den letzten zwei Wochen von Petersburg \u00fcber Helsinki, nach Tallinn, Riga und Klaipeda auf die Kurische Nehrung, um schlie\u00dflich \u00fcber Riga, Tartu und Narva wieder nach Russland zu reisen. Und dazwischen bin ich krank geworden und wollte nichts weiter als im Bett zu liegen und irgendwelchen Crap auf Netflix zu schauen, aber Medikamente haben schon geregelt. Das ist allgemein der beste Tipp, den ich jedem geben kann, schafft euch eine Reiseapotheke an. Ohne h\u00e4tte ich die letzten Tage der Reise nicht durchgehalten.<\/p>\n<p>Einen kleinen R\u00fcckblick gibt es jedoch trotzdem, denn Russlands westliche Nachbarstaaten haben eine ganz kuriose Faszination auf mich. Aus meiner \u201erussischen\u201c Perspektive nun also einige Eindr\u00fccke.<\/p>\n<p><b>Vier L\u00e4nder, eine Tatsache<\/b><\/p>\n<div id=\"attachment_128\" style=\"width: 287px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190109_135813.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-128\" class=\" wp-image-128\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190109_135813-576x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"277\" height=\"493\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190109_135813.jpg 576w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190109_135813-300x533.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190109_135813-1x1.jpg 1w\" sizes=\"(max-width: 277px) 100vw, 277px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-128\" class=\"wp-caption-text\"><strong>Ein Zeugnis russisch-finnischer Vergangenheit ist die gr\u00f6\u00dfte orthodoxe Kathedrale au\u00dferhalb Russlands.<\/strong><\/p><\/div>\n<p>Die gemeinsame Vergangenheit mit Russland scheint mir immer noch pr\u00e4senter, als man zun\u00e4chst glauben mag. W\u00e4hrend Finnland das europ\u00e4ische Land mit der l\u00e4ngsten Grenze zu Russland ist, gibt es keine litauisch-russische Grenze. Russisch ist zwar in allen vier L\u00e4ndern eine Minderheitensprache, in Finnland allerdings von nicht einmal einem Prozent der Bev\u00f6lkerung, w\u00e4hrend in Lettland und Estland etwa ein Drittel der Bev\u00f6lkerung Russen oder russischst\u00e4mmig sind. Zum Vergleich: In Deutschland machen <i>alle <\/i>Minderheiten etwa elf Prozent der Bev\u00f6lkerung aus.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich l\u00e4sst sich jetzt anf\u00fchren, dass in den baltischen Staaten die Gesamtbev\u00f6lkerung wesentlich kleiner ist, aber das \u00e4ndert ja nichts an den zahlenm\u00e4\u00dfigen Verh\u00e4ltnissen. Die jahrzehntelange Zugeh\u00f6rigkeit zuerst zum russischen Kaiserreich und dann zur Sowjetunion hat auch linguistische Spuren hinterlassen: Russisch als Zweitsprache und Lingua franca ist im t\u00e4glichen Umgang im Baltikum noch wichtiger als Englisch, das vor allem von den J\u00fcngeren sehr gut gesprochen wird, w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung ab 40 Jahren fitter im Russischen ist. Russisch kann neben Englisch h\u00e4ufig als Zweitsprache in der Schule gew\u00e4hlt werden. Die meisten Finnen dagegen sprechen ein einwandfreies Englisch, w\u00fcrden dich aber schief anschauen wenn du sie auf Russisch ansprichst.<\/p>\n<div id=\"attachment_130\" style=\"width: 262px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190111_134310.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-130\" class=\"wp-image-130\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190111_134310-576x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"252\" height=\"449\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190111_134310.jpg 576w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190111_134310-300x533.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190111_134310-1x1.jpg 1w\" sizes=\"(max-width: 252px) 100vw, 252px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-130\" class=\"wp-caption-text\"><strong>Auch das ist eine Tatsache: Eine Gedenktafel f\u00fcr Boris Jelzin in Tallinn. <\/strong><\/p><\/div>\n<p>\u2026<b>aber&#8230;<\/b><\/p>\n<p>Der Umgang mit der jeweilig russischen Vergangenheit in jedem Land ist ein v\u00f6llig anderer. W\u00e4hrend ich den Eindruck hatte, das wird in Finnland verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig entspannt gesehen und man ist eher pragmatisch eingestellt, ist die Sache im Baltikum schwieriger. Russland hat sich, um es mal nett auszudr\u00fccken, einigen Schei\u00df in diesen drei L\u00e4ndern geleistet (stalinistische Deportationen, bewaffnete Auseinandersetzungen, Unterdr\u00fcckung jedweden Nationalgef\u00fchls) und vieles davon ist noch nicht allzu lange her, Stichwort <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Vilniusser_Blutsonntag\"><strong>Vilniusser Blutsonntag<\/strong><\/a>. Dass da nichts vergessen wurde, kann man verstehen und insofern macht die baltische Orientierung gen Europa Sinn, die sich unter anderem im NATO- und EU-Beitritt 2004 gezeigt hat. Und doch, der Umgang der estnischen und lettischen Politik mit den Russen im Land kann man, mit viel Freundlichkeit, <i>kontrovers <\/i>nennen. Dass sie nicht w\u00e4hlen d\u00fcrfen \u2013 geschenkt. Allerdings ist es dir als russischst\u00e4mmiger Bewohner Lett-\/Estlands auch nicht erlaubt, Beamter, Polizist oder Offizier zu werden und bei der Rente wirst du auch benachteiligt. Ach ja und Schengen kannst du dir gleich abschminken, Reisen ins und Arbeiten im EU-Ausland wird dir n\u00e4mlich von der eigenen Regierung sch\u00f6n schwer gemacht. <i>Nichtb\u00fcrger <\/i>werden seit 1991 ehemalige Sowjetb\u00fcrger und ihre Nachkommen genannt, offiziell ein Provisorium, de facto allerdings eine festgeschriebene Tatsache. Das Ganze wird schon seit Jahren von der EU angekreidet, aber ge\u00e4ndert hat sich bis jetzt nicht viel, trotz gut gemeinter Vorst\u00f6\u00dfe und trotz teilweise breiter Unterst\u00fctzung in der Bev\u00f6lkerung. Es gibt immer noch viel Misstrauen, immer noch viel Ressentiments, aber es gibt auch viele Stimmen, die das hinter sich lassen wollen. Vergangenheit ist Vergangenheit, oder?<\/p>\n<div id=\"attachment_132\" style=\"width: 293px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190113_152459.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-132\" class=\" wp-image-132\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190113_152459-576x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"283\" height=\"503\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190113_152459.jpg 576w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190113_152459-300x533.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190113_152459-1x1.jpg 1w\" sizes=\"(max-width: 283px) 100vw, 283px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-132\" class=\"wp-caption-text\"><strong>Ein Blick aus den Fenstern der lettischen Nationalbibliothek in Riga.<\/strong><\/p><\/div>\n<p><b>Nein.<\/b><\/p>\n<p>Deshalb bin ich ja so geschichtsgierig, du kannst <i>nichts <\/i>jemals wirklich zu verstehen versuchen, wenn du dich nicht zumindest ein bisschen mit der Vergangenheit auseinandersetzt. Das ist langatmig, nervenaufreibend, frustrierend, aber eben auch unheimlich spannend. Und gerade deshalb ist es so schwierig, die Problematik nachzuvollziehen. Geschichte ist nicht schwarz-wei\u00df, so sch\u00f6n das manchmal auch w\u00e4re und L\u00f6sungen sind dementsprechend nie einfach. Alles was ich wei\u00df ist, dass im Wahrnehmen und Akzeptieren von Unterschieden mehr Heil als Schaden liegt und dass es dann auch eine M\u00f6glichkeit gibt, auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen. Und die Erkenntnis ist jetzt nicht so bahnbrechend und brandneu, dass sie nicht auch mal ein paar Politikern kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<div id=\"attachment_138\" style=\"width: 458px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190119_145741.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-138\" class=\" wp-image-138\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190119_145741-1024x576.jpg\" alt=\"\" width=\"448\" height=\"251\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190119_145741.jpg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190119_145741-300x169.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190119_145741-768x432.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/sarahgoeseast\/files\/2019\/01\/20190119_145741-2x1.jpg 2w\" sizes=\"(max-width: 448px) 100vw, 448px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-138\" class=\"wp-caption-text\"><strong>Das gefrorene Meer haben die baltischen Staaten mit Russland gemeinsam.<\/strong><\/p><\/div>\n<p><b>Des Weiteren: <\/b><\/p>\n<p>Somit also willkommen im Neuen Jahr und im letzten Monat meines Russland-Aufenthaltes. Geschichtlich wird es wohl auch weitergehen, am 27. Januar j\u00e4hrt sich das Ende der Leningrader Blockade zum 75. Mal und ich bin schon flei\u00dfig am recherchieren, um einen Beitrag zu verfassen. Wir wurden n\u00e4mlich vom Deutsch-russischen Beziehungswerk eingeladen, an verschiedenen Veranstaltungen teilzunehmen und ich nehme das dankbar an.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem: Im Moment frage ich mich, ob ich diese Art von Bloggen auf meinem pers\u00f6nlichen Blog weiterbetreiben soll. Es macht mir eine Menge Spa\u00df, auf verschiedene Aspekte eines Auslandsaufenthaltes einzugehen und auch mein Lieblingsthema \u2013 ihr werdet es nie erraten, Geschichte \u2013 etwas ausf\u00fchrlicher zu behandeln. Und mit St. Petersburg endet das Abenteuer ja noch lange nicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Uhr zeigt 6.24, in Helsinki fallen nasse Schneeklumpen vom Himmel, was mein Vorhaben, die zwei Stunden Wartezeit bis ich bei meinem Couchsurfer aufschlagen kann, mit etwas morgendlichem Sightseeing zu verk\u00fcrzen, nach ein paar Minuten bereits vereitelt hat. 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