Pischki, Puschkin, Peterhof

Es ist jetzt schon über einen Monat her, dass ich im Bus nach Berlin saß und nicht fassen konnte, dass nach den zehn Tagen am Werbellinsee tatsächlich schon Russland auf mich wartet. Es wird also Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. St. Petersburg, das Venedig des Nordens, die Stadt der Zaren und der großen Dichter – wie hat es die aus einem 800-Seelen-Dorf stammende Kartoffel Sarah denn so aufgenommen?

Die Antwort lautet schlicht und ergreifend, herzlicher, als ich es mir erträumt hatte. Ausnahmslos jede Person, der ich bisher begegnet bin, hat sich beinahe überschlagen, um mir behilflich zu sein und das Leben angenehm zu machen. Ich kann ihnen nicht immer so entgegenkommen, wie ich es mir wünsche, fehlender Russischkenntnisse sei Dank, aber ich hatte nicht eine Sekunde das Gefühl, dass das mir übel genommen wurde. Wer nicht seine Deutsch- oder manchmal die letzten bröckeligen Reste Englisch herauskramt, ist sich auch nicht zu schade sich mit Gesten verständlich zu machen. Das spricht meiner Meinung nach sehr für ihre Offenheit und Hilfsbereitschaft.

Ein Anblick zum Dahinschmelzen.

Bevor ich das alles aber erfahren durfte, hieß es Koffer (mal wieder) packen, Abreisetag. Im Flieger bin ich dann eingenickt und könnte immer noch schwören dass das nur zwanzig Minuten waren. Hat sich herausgestellt, dass es doch zwei Stunden gewesen sein müssen, denn es war die Stimme des Kapitäns, die mich geweckt hat. Ja hups. Also werfe ich einen Blick aus dem Fenster – und dieses Bild werde ich nie vergessen. Vor uns lag das Lichtermeer von St. Petersburg, so weit man nur schauen konnte, Straßenlaternen und Leuchtreklame, Wohnungslichter die in diesem Moment genauso gut ein riesiges „Willkommen“ hätten formen können. Plötzlich wollte ich nur noch, dass dieses Flugzeug endlich landet!
Aaaaaber da gab es ja noch die Kontrolle am Flughafen und sobald mir das eingefallen ist, hat sich mein Magen spontan in einen Eisklumpen verfestigt. Wie der eine oder andere weiß, hatte ich einige Scherereien, bis ich endlich mal mein Visum bekommen habe und als ich da mit meinem Reisepass in der Hand stand, haben sich vor meinen Augen die Horrorszenarien gejagt und mir war richtig, richtig schlecht, während der mürrische Beamte hinter der Scheibe den Pass und dann mich gemustert hat.
PS: Jetzt mal ganz im Ernst, gibt es irgendwo auf der Welt einen ominösen, geheimen Ort, an dem sämtliche Sicherheitsleute an Flughäfen darauf trainiert werden, dir das Gefühl zu geben, dass du gerade zwei Elfenbeinstoßzähne, eine Millionen Schwarzgeld und drei Kilo Koks schmuggelst? Oder bin ich die einzige die sich kriminell fühlt, wenn das Sicherheitstor aufheult, weil du in deinem verbrecherischen Wahn tatsächlich einen Gürtel trägst?
Aber natürlich ging alles gut. Am Flughafen wurde ich von der Vizerektorin unserer Schule, Svetlana, abgeholt und nachdem wir mein Gepäck in ihren Lada gehievt hatten, ging es ab in die Stadt. Und ich konnte mich an den überdimensionalen, protzigen Bauten schon bei Nacht nicht sattsehen. Noch immer macht mich die schiere Dimension von allem hier sprachlos und die ersten beiden Wochen war ich ein bisschen überfordert. Letztlich setzt der Gewöhnungseffekt ein, aber trotzdem ist mir das sehr bewusst. Du bekommst das Kind aus dem Dorf, aber nie das Dorf aus dem Kind.

Wenn ich ein Zar wäre, wäre das das Gästehaus.

Eigentlich hatte ich gehofft, noch einen Tag Eingewöhnungszeit zu bekommen, aber nix da. Dienstags ging es gleich in die Schule 352, meinen jetzigen Arbeitsplatz. Es handelt sich hierbei um eine staatliche Schule mit erweitertem Deutschunterricht. Die Schüler lernen Deutsch schon ab der zweiten Klasse und haben die Möglichkeit, die DSD I und später die DSD II Prüfung abzulegen. Auf meinen Arbeitsalltag möchte ich in einem anderen Beitrag nochmal genauer eingehen, denn wir fühlen uns dort absolut wohl und geborgen und ich will das nicht eben in einem Absatz abfrühstücken.
Wenn ich die ganze Zeit wir schreibe, dann meine ich meine Mitbewohnerin Kira und mich. Sie arbeitet ebenfalls als Freiwillige an der 352, allerdings privat und ich könnte mir keine bessere Mitbewohnerin wünschen. Wir hängen ziemlich viel zusammen rum, sitzen aber nicht 24/7 aufeinander und bis jetzt habe ich noch nicht die Freude daran verloren, gemeinsam die Stadt zu erkunden und vor allem, uns durch das Nahrungsangebot zu futtern. Denn wenn es jemanden gibt, auf den die Definition #foodlover, beziehungsweise das viel coolere #foodenthusiast zutrifft, dann ist es sie. Im vergangenen Monat hatte ich noch nicht wirklich das Bedürfnis, mich hier großartig zu sozialisieren, ich musste mich erst an alles gewöhnen, aber bald fange ich meinen Sprachkurs an, wo man hoffentlich ein paar nette Leute trifft und es gibt ja noch Couchsurfing, was die andere Freiwillige in St. Petersburg, Antonia, mir empfohlen hat.

Unser Lieblingshobby heißt Essen.

Es fällt mir schon schwer genug zusammenzubekommen, was wir in den letzten Wochen gesehen, besucht und erlebt haben, denn es waren so unendlich viele Eindrücke von allen möglichen Seiten und obwohl ich Tagebuch schreibe und versuche, mir alles immer wieder zu vergegenwärtigen, es klappt doch nicht so ganz. Deshalb habe ich mir eine ausführliche Must-See-Liste geschrieben und um gleich mal zu demonstrieren das ich IT-Genie weiß wie man eine zusätzliche Seite auf dem Blog erstellt, habe ich sie natürlich veröffentlicht. Es sieht nach viel aus, aber  gemessen an St. Petersburgs Überangebot an Kultur und Sehenswürdigkeiten ist es das nicht. Jeden Freitag stehe ich vor der Entscheidung, wo es dieses Wochenende hingehen soll. Wer mich ein bisschen besser kennt wird sich diese Liste anschauen und verwundert die Augen reiben. Wie, nur ein Museum besucht? Sarah was los? Aber ich kann begründen. Erstens wird es hier noch früh genug arschkalt werden und dann bin ich nicht ganz so scharf darauf noch die Denkmäler und öffentlichen Plätze abzuklappern. Dafür war in den letzten Wochen genügend Zeit, wir hatten ein unglaubliches Glück mit dem Wetter oder wie Kira es formuliert hat, einen goldenen September.
Inzwischen wird es kälter und ich komme in Museumsstimmung. Und in Schreiblaune. Beinahe einen Monat war Flaute, aber St. Petersburg fängt allmählich an mich zu inspirieren. Nicht ganz unwesentlich ist dabei, das wir quasi im Literatenviertel leben. Um die Ecke hat jahrelang Anna Achmatowa gelebt, das Joseph-Brodsky-Museum ist zwei Straßen weiter, Turgenjew, Dostojewski und Tolstoi sind hier anno dazumal herumspaziert. Ganz abgesehen das Puschkin hier wirklich allgegenwärtig ist. Das lässt mich die Ärmel hochkrempeln und das einzige, das zum Schreiberlingsglück noch fehlt ist das passende Schreibcafé.
PS: Gesetzt der Fall, die Schreib- und Leseabenteuer in St. Petersburg wollen von euch verfolgt werden, schaut einfach ab und zu auf https://palaberalumera.wordpress.com/  vorbei.
 

Der absolute Abgott der russischen Literatur. Aber es interessiert ihn nicht so wirklich.

Die drei bisherigen Highlights will ich euch aber nicht vorenthalten. Zunächst, Pischki. Ich bin verliebt, schockverliebt und unrettbar verfallen. Kira hat es zu ihrer Mission gemacht die stadtbesten Pischki zu finden und ich kann nicht anders als sie dabei nach Kräften zu unterstützen. Dann Peterhof. Wer nach St. Petersburg kommt sollte sich selbst den Gefallen tun, auf das Geld einen Dreck geben und unbedingt Peterhof sehen. Mich wundert nicht, dass es zu den Wundern Russlands gezählt wird. Die gesamte Anlage von Park, Schloss, Fontänen und Kaskaden und immer wieder der Blick auf den Finnischen Meerbusen tragen in sich eine derartige Perfektion, das man sich nur verwundert die Augen reiben kann. Und wieder einmal staunt, was menschliche Kunstfertigkeit, Entschlossenheit und der ein oder andere Leibeigene zu erschaffen imstande sind.
Am Montag schließlich haben wir ein deutsch-russisches Konzert besucht. Zwei Schulchöre haben zunächst jeweils eigene Volkslieder gesungen, ehe sie gemeinsam gesungen haben und es ging ans Herz. Und als die Zeilen von „Wenn ich ein Vöglein wär…“, ein Lieblingslied meines Opas, erklangen, da stach mich das erste Mal so richtig das Heimweh.
Meine absoluten Highlights in diesem Monat: Die Entdeckung eines neuen Lieblingsgerichtes, eines spektakulären Ortes und das Musik noch mehr verbindet, als ich bisher dachte.
Im Moment herrscht hier totale Vorfreude auf das Wochenende, denn Co-kulturweitlerin Clara-Sophie wird hier ihren Geburtstag feiern und ich habe mich heute Abend mit ihr und Antonia getroffen und es total genossen, sie endlich wieder zu sehen. Morgen wird Tom aus Twer eintrudeln und dann ist die Geburtstagsgesellschaft komplett. Wenn dieser Artikel online geht, wird wahrscheinlich schon Samstag sein, also in diesem Sinne: Herzlichen Glückwunsch Clara-Sophie! Auf ein weiteres Lebensjahr und weitere fünf Monate in Russland!
Manchmal habe ich die Befürchtung das diesem so endlos scheinenden und reich gefüllten Monat nur noch schneller und schneller verfliegende Wochen folgen können. In meinem Kopf gibt es dutzende Pläne die sich abwechseln und dass sie sich nicht alle umsetzen lassen werden, daran will ich überhaupt nicht denken. Dann lieber planen, Listen schreiben, organisieren und die nächsten fünf Monate vor Augen haben.

Was wird demnächst noch folgen?

 

– Ein Artikel zur ganzen Koffergeschichte. Hätte ich mehr humoristisches Talent würde ich ein Roadmovie mit Caroline Kebekus in der Hauptrolle daraus machen.
– Eine Liebeserklärung an meine Schule, einfach, weil sie toll ist.
– Da ich in meinem Leben noch nie einen über Kochen, Backen und Essen im Allgemeinen besser informierten Menschen (#foodenthusiast #makehashtagsgreatagain) als Kira getroffen habe sind wird gerade schwer am überlegen eine ganze eigene Seite mit Artikeln zum Thema Essen in St. Petersburg zu erstellen. Ihr merkt also, im Moment keine Zeit für Schulprojekte, der Blog hier ist Projekt genug.

Eine Sache allerdings habe ich mir tatächlich ganz fest und hundertprozentig vorgenommen: Keine unendlich langen Blogposts mehr! In diesem Sinne, До свидaния!

2 thoughts on “Pischki, Puschkin, Peterhof

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