{"id":1677,"date":"2021-02-08T18:29:15","date_gmt":"2021-02-08T17:29:15","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/rijeka\/?p=1677"},"modified":"2021-02-08T18:33:47","modified_gmt":"2021-02-08T17:33:47","slug":"tag-119-sklavenschiff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/rijeka\/2021\/02\/08\/tag-119-sklavenschiff\/","title":{"rendered":"Tag 119 &#8211; Sklavenschiff"},"content":{"rendered":"<p>Ich gebe zu, heute habe ich nicht gearbeitet. Zumindest nicht im eigentlichen Sinne. Aber immerhin, ich habe meinen Kopf arbeiten lassen und mir das <a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/album\/6LLl2tvQel0dJiTLQpTAUE\">H\u00f6rbuch &#8222;Exit Racism&#8220; von Tupoka Ogette auf Spotify<\/a> angeh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Empfohlen wurde uns das Buch von Gianni Javanovic &#8211; ihr erinnert euch, unser <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/rijeka\/2021\/01\/28\/tag-108-lotse\/\">&#8222;Lotse&#8220; beim Thema Sinti und Roma<\/a>.* Und obwohl ich schon einige gute und nachdenkliche B\u00fccher \u00fcber Rassismus gelesen habe (zuletzt z.B. &#8222;Was wei\u00dfe Menschen nicht \u00fcber Rassismus h\u00f6ren wollen&#8220; von Alice Hasters), dieses finde ich besonders ausf\u00fchrlich, reflektiert und anregend**:<\/p>\n<p>Die zentrale Erkenntnis von &#8222;Exit Racism&#8220; ist, dass Rassismus in erster Linie kein individuelles Problem darstellt, sondern ein institutionelles, strukturelles. So hilft es auch nicht, dass der Begriff &#8222;Rassismus&#8220; heutzutage durchgehend und stark negativ konnotiert ist. Stattdessen wird genau dadurch jegliche Kritik als grober, pers\u00f6nlicher Angriff aufgefasst, und nicht die Person, die sie betrifft, sondern die, die sie \u00e4u\u00dfert, ins Unrecht ger\u00fcckt.<\/p>\n<p>Nein, es ist zu einfach, Rassismus auf einzelne Menschen oder Gruppen zu beschr\u00e4nken. Wir alle sind Teil des Problems, unsere ganze Welt(anschauung) ist rassistisch. Und das seit sage und schreibe \u00fcber 300 Jahren! Rassismus ist nichts, dass einfach so aus einem Loch gesprungen kam; Rassismus ist historisch gewachsen:<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich l\u00e4sst sich bereits in der christlichen Religion der Gedanke des Herren und Knechts finden. Erstmals im gro\u00dfen Stil angewandt, wird er dann im Sklavenhandel &#8211; ein unmenschliches Gesch\u00e4ft. So unmenschlich, dass auch der Mensch es vor sich selbst rechtfertigen musste. Also wurde ein mentales Konstrukt aufgestellt: Die wei\u00dfe Bev\u00f6lkerung machte sich selbst zu Norm, ja zum Ideal, und so zum scheinbar rechtm\u00e4\u00dfigen Herrscher \u00fcber jeden und alles andere. Eine Identit\u00e4t durch Abgrenzung (auch &#8222;othering&#8220; genannt), die in der Folge pseudowissenschaftlich untermauert wurde. Selbst die Aufkl\u00e4rung, die Sternstunde des humanit\u00e4ren Gedankenguts in Europa, \u00e4nderte nichts daran. Im Gegenteil: Auch bei Kant und Hegel sind zwar alle Menschen grunds\u00e4tzlich gleich, aber einige doch gleicher und andere sogar kaum noch Mensch.<\/p>\n<p>Kein Wunder also, dass auch die deutsche Geschichte eng mit dem Rassismus verwoben ist. Denn, was kaum einer wei\u00df: Deutschland war einst das viertgr\u00f6\u00dfte Kolonialreich der Welt (gemessen an seiner Fl\u00e4che, das f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte gemessen an der Bev\u00f6lkerung). Und doch ist auch das keine Geschichte, derer man sich r\u00fchmen k\u00f6nnte &#8211; sagen wir so: Konzentrationslager haben in Deutschland eine lange Tradition&#8230;<\/p>\n<p>All dem zum Trotz werden die tiefen Wurzeln des Rassismus im Geschichtsunterricht und unserem t\u00e4glichen Leben kaum erw\u00e4hnt: Sei es die Anerkennung des V\u00f6lkermords an den Herero und Nama, der Umgang mit Beutekunst aus Zeiten des deutschen Kolonialreichs (das Humboldt-Forum l\u00e4sst gr\u00fc\u00dfen), oder die kritische Einordnung von Kant und Hegel &#8211; der Diskurs \u00fcber Rassismus und insbesondere das Eingest\u00e4ndnis historischer Verantwortung bleiben bis heute ein hei\u00dfes Eisen.<\/p>\n<p>Und dabei ist genau das der Schl\u00fcssel: Nur wenn wir uns klarmachen, dass auch wir (ein wenn auch unvermeidbarer) Teil des Systems sind, k\u00f6nnen wir Rassismus begegnen. Der Anfang kann dabei ganz klein sein. Zum Beispiel, indem wir Mikroaggressionen im Alltag &#8211; also all das, was vom &#8222;normalen&#8220; Verhalten abweicht &#8211; wahrnehmen, ansprechen und in Zukunft vermeiden. Denn ganz egal, ob bewusst oder unbewusst und ganz egal, wie etwas eigentlich gemeint ist: Die Wirkung definiert, was rassistisch ist und was nicht.<\/p>\n<p>Es liegt daher auch nicht an uns, zu beurteilen und uns angegriffen oder gekr\u00e4nkt zu f\u00fchlen. Wir sind nicht &#8222;schuld&#8220; daran, dass die Welt ist wie sie ist &#8211;\u00a0 weder als Einzelne*r, noch als Deutsche*r. Aber (und da darf man gerne an den <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=kRrP-bZvD2s\">\u00c4rzte-Song<\/a> denken): Es w\u00e4re unsere Schuld, wenn sie so bleibt. Um das jedoch zu verhindern, sollten wir beginnen zuzuh\u00f6ren und endlich von der Geschichte zu lernen. Rassismus ist kein Tabu-Thema (auch nicht in Deutschland), sondern vielmehr eine Herausforderung an uns, G\u00e4ngiges zu hinterfragen und \u00dcberf\u00e4lliges in Angriff zu nehmen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>*\u00dcbrigens auch ein Thema, das in den letzten Tagen wieder Wellen geschlagen hat (siehe <a href=\"https:\/\/youtu.be\/k_FOiTYlOk0\">Talkshow &#8222;Die letzte Instanz&#8220;)<\/a>.<\/p>\n<p>**Ausf\u00fchrlich auch in dem Sinne, dass online eine Reihe an weiterf\u00fchrenden Materialen zu finden sind: <a href=\"https:\/\/www.exitracism.de\/materialien.html\">https:\/\/www.exitracism.de\/materialien.html<\/a> &#8211; check it out!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich gebe zu, heute habe ich nicht gearbeitet. Zumindest nicht im eigentlichen Sinne. Aber immerhin, ich habe meinen Kopf arbeiten lassen und mir das H\u00f6rbuch &#8222;Exit Racism&#8220; von Tupoka Ogette auf Spotify angeh\u00f6rt. 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