22/07/2018 – 32 Grad

Dienstag, 12 Uhr Mittags, strahlend blauer Himmel und der Park am Stadtkanal in dem ich gerade sitze ist dennoch wie leer gefegt. Der Grund ist nicht, dass wieder einmal einer der unzähligen Nationalfeiertage stattfindet, von denen es in Lettland so viele zu geben scheint, dass einem oft nicht einmal die Eingeborenen sagen können, warum gerade schon wieder überall die rot-weißen Flaggen hängen. Nein, es ist eine sängende Hitze, die die Menschen im Haus hält und zur Siesta à la Südeuropa zwingt. Seit drei Tagen sind hier nun über 30 Grad. Jeder, der die Chance dazu hat, entflieht der, in den Straßen der Stadt angestauten Hitze und nimmt den nächsten Zug raus an einen der vielen Strände, wo einen die kühle Meeresbriese und die immer noch wunderbar eiskalte Ostsee retten. Obwohl bereits Sonderzüge in Richtung Jurmala (dem beliebtesten Strand 20 Minuten von Riga) fahren, musste ich gestern bösen Blicken standhalten, als ich mit meinem Fahrrad dem überfüllten Zug noch etwas mehr zumutete.

Eine der wichtigsten Lehren, die ich persönlich von den Balten übernehmen möchte ist die Wertschätzung der kleinen Dinge, Momente und Freuden. Anders als in Südamerika oder Südostasien scheint die Natur hier zunächst weniger zu bieten zu haben, ja böse gesagt sogar langweilig zu sein – Wälder, Bäume, mal ein Fluss oder See und noch mehr Wälder. Doch diese unaufgeregte Landschaft erlaubt es einem, sich die Zeit zu nehmen, um auch kleine Details wie z.B. diese Grashalme am Strand wahrzunehmen und zu bewundern, die bei genauererBetrachtung nicht viel weniger spektakulär sind als der Grand Canyon.

scheinen bei diesem Wetter die gleiche Idee gehabt zu haben, sodass ich nach fünf Monaten zum ersten Mal lettische Menschenfülle erleben darf. Wobei nicht ganz zum ersten Mal, denn vor zwei Wochen, am 08.Juli fand das Finale des alle fünf Jahre stattfindenden Sängerfest im „Mezaparks“ statt. Dieser ca. 40 Radminuten vom Zentrum gelegene Park ist bei Rigaern normalerweise aufgrund seiner Weitläufigkeit beliebtester Skate-, Longboard-, und Radfahrort – an dem entsprechenden Sonntagabend war er jedoch so voll, dass man schon Schwierigkeiten hatte zu Fuß voranzukommen. Auch wenn man bereits vorher viel über die Bedeutung dieses Festivals hört, welches zum immateriellen Kulturerbe der UNESCO gehört, so war ich dennoch von den Dimensionen überrascht. Gleichzeitig beginnt man jedoch schon am Eingang des Parks, der noch einen guten Kilometer vom Stadion, in dem das Konzert stattfindet entfernt ist, zu begreifen, was all diese Menschen hierher getrieben hat.
Melodien die zart und kraftvoll, nah und fern zugleich klingen, finden ihren Weg durch die Bäume – dieses Jahr von rund 17.000 Stimmen gesungen. Chöre und Musiker aus Lettland, Deutschland und der der ganzen Welt erzeugen gemeinsam diese wundervollen Klänge, die Jung und Alt in den Mezaparks zieht.
Und noch ein weiteres Großevents durfte ich in den letzten Monaten hier miterleben. Die Feier des Mitsommerfestes, in Lettland Jani,nach Johannes dem Täufer benannt. Dieses Fest ist hier wichtiger als Weihnachten und Ostern und wird sehr traditionell, meistens im engen Kreis auf dem Land begangen. Dass das Mitsommenwochenende dieses Jahr genau auf die ersten und bislang einzigen Schlechtwettertage des Sommers fiel hält einen wahren Letten natürlich nicht vom Feiern ab. Ganz im Gegenteil – wie mir ein Brotverkäufer auf dem Markt erklärte wäre „Jani nicht Jani, ohne dicke Winterjacken und einen Liter Black Balsam (lokaler Schnaps) gegen die Kälte“.
Ich selbst entschied mich dennoch gegen die 19 Grad und Regen und blieb in der Stadt, wo für die nicht ganz so hart gesottenen Frostbeulen unter uns alternativ ein Straßenfest an den Ufern der Daugava stattfand, welches einem deutschen Stadtfest auf der einen Seite sehr ähnlich, gleichzeitig jedoch auch sehr anders war. Trotz riesigen Konzertbühnen, Buden, großen Lagerfeuern, Tanz, Musik und Alkohol beinhaltete die Atmosphäre eine unterschwellige Melancholie. Denn den längsten Tag des Jahres zu feiern, bedeutet gleichzeitig auch, dass es von nun an wieder auf den Winter zugeht. Neben Spaß und Tradition ist Jani deshalb auch eine Art weihevolles Abschiednehmen von Licht und Sommer. Denn sechs Monate später, zur Wintersommerwende liegen zwischen Sonnenauf- und Sonnenuntergang rund 10 Stunden weniger Licht als am 21. Juni. Im letzten Jahr war der kürzeste Tag genau sechs Stunden und 44 Minuten land, der längste hingegen 17 Stunden und 53 Minuten. Nicht nur historisch, politisch und ökonomisch wurde und wird Lettland ständig auf die Probe gestellt. Nein, als wäre all dies nicht schon genug setzten die Naturgewalten meteorologisch noch einen oben drauf. Aber wie man sagt man doch so schön: „What doesn’t kills you makes you stronger“ oder in Lettisch „Ko nav nogalina jūs padara jūs spēcīgāku“

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