For you to say good bye

Abschied von dem einen auf den anderen Tag funktionierte nicht. Den Abschied zu vollziehen war eine Sache, ihn zu spüren eine andere. Der Moment des Abschiednehmens selbst war banal. Beiläufig. Es passierte, weil es hatte kommen müssen, so erzählte man. Es war schlank; man könnte sogar meinen kurz angebunden. Notgedrungen. Nein, schon das wäre zu bedeutungsvoll. Es war, als spazierte jemand vorbei und hob die Hand. Überhaupt war es ein Vorbeigehen. Kein Hasten. Kein Schleichen. Ein einfaches Gehen. Es passierte so beiläufig, dass es eben schlichtweg vollzogen war. Nicht gespürt. Vielleicht sollte es auch so sein, vielleicht ließ sich der Abschied nur alleine spüren. Jetzt, im Alleinsein, spürte es sich jedenfalls viel stärker, viel bedeutsamer. Vielleicht zu bedeutsam. Sowie es schmerzte. Es war überwältigend. Denn es war schließlich ein Abschied. Ja, es war einer.

Erst im Alleinsein war es möglich, das Vorbeisein zu spüren. Damals, und heute. Jetzt erst war es möglich, wirklich Abschied zu nehmen. Mal sehnsuchtsvoll. Mal gönnerisch. Mal heiter. Mal hysterisch. Mal mit geschlossenen Augen. Mal mit offenem Visier. Mal lachend und weinend zugleich. Schrill klang das. Mal mit weichem Herz. Immer wieder neu.

Das Seil rieb sich am Poller. Das Schiff wollte sich lösen. Und wieder nicht. Suchte den Halt in der vertrauten Bucht. Abschiednehmen war das sich reibende Seil am Poller. Es tat weh, je fester das Seil um den Poller schürfte, je weiter es sich aus seiner Flechtung löste. Es tat unfassbar weh. Man sagte, Dankbarkeit würde den Schmerz lindern. So ein Blödsinn! Dankbar sein zur Schmerzlinderung. Man sagte, dankbar sei dann, wenn absichtslos. Aha.

Abschiednehmen war da. Jetzt. Und Gestern. Und Morgen. Abschiednehmen waren keine Schlüsselmomente, wie man sich versuchte einzureden. Abschiednehmen war Zeit. Die verstrich.  

Durch verschieden Zeit und Raum

Sonnenblume

steht  für: Kraft und Ausstrahlung

 

 

Kurz nach meiner Ankunft bekomme ich eine Hausführung. Durch eine kleine Diele geht es über eine Treppe ins Wohnzimmer. Dieses ist mit einem pastellfarbenen orangeton verkleidet, rechts steht ein Holztisch mit sechs Stühlen, am Ende des Tisches ist auf der rechten Seite eine Kochnische, Holzschränke, ein Herd, gelbliche Fliesen, die das Fett auffangen und grüne Fliesen auf dem Boden. An der Decke über der Kochnische ist auf einem Balken eingraviert: Mit Gottes Segen Neues bewegen, 2010, die Holzmöbel im Wohnzimmer sind hell und warm, ich finde sie sehen aus wie Bauernhofmöbel.

Dann geht es weiter in ein konferenzartiges Zimmer. Ein langer Tisch mit vielen Stühlen, auch auf der rechten Seite des Raumes stehen Bauernhofmöbel, darauf Computer, Drucker, Ablagefächer, in der Ecke hinten links steht ein Kaminofen.

Das folgende Zimmer nenne ich „Himmelzimmer“, denn es wird von himmelblau gefärbten Wänden beleuchtet; viele Möbel, die nicht zusammenpassen und aller unterm Himmel stehen, befinden sich im Himmelzimmer.

Nach links geht es durch eine Tür in das Herzstück des Pfarrhauses: das Arbeitszimmer des Stadtpfarrers, oder wie der Gärtner es nennt: das schöne Wohnzimmer. Von den alten Bauernhofmöbeln aus dem 20. Jahrhundert habe ich hier das Gefühl zwei Jahrhunderte tiefer in die Vergangenheit zu rutschen. Ein rot-grün gemusterter Teppich lädt dazu ein, das Zimmer zu betreten, das Holz der Möbel ist dunkler und älter, aber besser erhalten. Die Möbel, eigentlich alles in dem Zimmer, sieht aus, als würde es darauf warten in einem Museum exponiert und bestaunt zu werden. In einem Bücherregal stehen Bücher von Max Frisch, Wilhelm Busch, Luther…das Bewundernswerte an dem Zimmer: wie in einer Kirche wölbt sich die graue mit rotgrünen Mustern verzierte Decke nach innen, unter ihr frage ich mich, ob ich inmitten eines archäologischen Fundes stehe oder, ob die Decke speziell für das „schöne Wohnzimmer“ angefertigt wurde.

Als nächstes kommt ein kleineres Zimmer mit einer in pastellgrün bestrichenen Wand und, wie ich finde, Malermöbeln – ein verbleichter Holzboden, ein paar Farbeimer, eine schwer zu bewegende Tür, die mich einlässt in das letzte Zimmer, in das sich der pastellfarbene Grünton und der verbleichte Holfußboden fortziehen. Außerdem mit gestreiftem Stoff geschmückte Stühle, Sitzkissen und Matratzen, und eine Karte des Kreises Sibiu. Durch die nächste Tür gelange ich wieder ins Wohnzimmer.

Von Raum zu Raum laufe ich von einem ins Nächste Jahrhundert, oder zumindest Jahrzehnt. Außerdem durchlaufe ich: verschiedene Berufe, Wandfarben, Sonnenlichtstadien. Spannend, wie charakteristisch die Räume sind, wie viel Persönlichkeit sie tragen. Und eines verleihen sie auf jeden Fall: Kraft und Ausstrahlung.

Zugphilosophie

Oder : Timpul meu si vointa mea (meine Zeit und mein Wille)

 

“You don’t have time, you make yourself time.” („Du hast keine Zeit, du schaffst dir Zeit.”), sagte ein Freund zu mir vor nicht langer Zeit. Für mich ist dies eine so wichtige Philosophie, dennoch schuf ich mir erst jetzt die Zeit, um meine Gedanken zu sortieren und ein paar Zeilen darüber zu schreiben.

Oft sind Menschen so sehr in ihren Job, ihr Engagement, ihren Freundeskreis oder Alltag eingebunden, dass sie das Gefühl haben, sie würden von der Zeit regiert, und nicht: Sie selbst regierten die Zeit. Auch mir passiert es gelegentlich, dass ich auf meine zwei letzten Schuljahre oder meine Studienzeit zurückblicke und denke „Man, hatte ich wenig Zeit [für mich]!“. Und es stimmt, denn, ohne bestimmte Berufe oder Studiengänge abwerten zu wollen, liegt es in der Natur von einigen Berufen und Studiengängen, dass sie zeitintensiver sind, d.h. mehr Engagement erfordern. Als Selbstständige*r oder Arbeitgeber*in arbeite ich tendenziell mehr als Angestellte, „habe also weniger Zeit“. Als Erwerbstätige*r arbeite ich zumeist mehr als Kinder, Jugendliche oder Rentner*innen, „habe also weniger Zeit“. Als beispielsweise Mathematik- oder Medizinstudierende arbeite ich gewöhnlicherweise mehr als Studierende anderer Studiengänge (weil die Durchfallquote höher ist, die Konkurrenz größer, der Lernstoff umfangreicher, die spätere berufliche Verantwortung höher ist…), „Ich habe also weniger Zeit.“. Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern müssen, arbeiten in dem Sinne mehr als Singles, „haben also weniger Zeit“.

Dennoch finde ich die Formulierung „Zeit haben“ missverständlich, denn Zeit habe ich auch beim Nachgehen meines Berufes, lediglich investiere ich sie dort in meinen Beruf. Es ist aber nicht der Beruf, der mir die Zeit raubt, sondern ich bin es, die die Zeit in den Beruf investiert, statt sie in das Treffen von Freunden, das Lesen eines Buchs, das Schreiben eines Blogeintrags, das Ausüben meiner Leidenschaften, etc. zu investieren. „Zeit haben“ wird somit gleichgesetzt mit „Zeit für Entspannung“, „Zeit für Abschalten“, „Zeit für Selbstverwirklichung“. Dass ich meine Zeit in den Beruf investiere, hat seine Gründe. Ich muss Geld verdienen, ich liebe meinen Beruf, ich trage viel Verantwortung, ich möchte mich einbringen und helfen. Trotzdem bin ich diejenige, die entscheidet, dass ich jetzt gerade meinem Beruf nachgehen möchte, oder jetzt gerade einen Blogeintrag schreiben möchte, usw.

Für mich ist es wichtig, zu realisieren, dass wir alle denselben Umfang der Ressource „Zeit“ haben, wir haben alle dieselbe Lebenszeit (abgesehen von einer unterschiedlichen Lebenserwartung je nach Lebensweise, biologischen Voraussetzungen und Fleck, auf dem wir leben – das ist aber für diese Zeilen irrelevant). Was uns voneinander unterscheidet, ist, wie wir diese Ressource einsetzen. Natürlich war ich es, die sich in der Oberstufe dafür entschieden hat, sehr viel Zeit in die Schule zu investieren (die Gründe sind mir heute schleierhaft ?). Natürlich war auch ich es, die sich dafür entschieden hat, Jura zu studieren, wohlwissend (nach all den furchtsamen Kommentaren und hochachtungsvollen Blicken), dass es ein zeitintensiver Studiengang ist.

Es ist für mich so essentiell, davon auszugehen, dass ich mir Zeit für Dinge schaffe, dass ich der/die Regisseur*in meiner Zeit bin, weil dieser Ansatz das Fundament dafür ist, einen freien Willen zu haben. Und wozu lebe ich, wenn ich mein Leben nicht frei gestalten kann? Was bringt es mir, mich selbst zu entmachten, indem ich meinen „Zeitmangel“ als Rechtfertigung für das Unterlassen von Dingen verwende, die mir wirklich wichtig sind? Was bringt es mir, mich selbst zu einer Marionette meiner Zeit zu machen? Wie viel freier und selbstbestimmter könnte ich sein, wenn ich die Regisseurin meiner Zeit wäre? Wenn ich meine Zeit als Chance und nicht als Belastung wahrnähme?