Zugphilosophie

Oder : Timpul meu si vointa mea (meine Zeit und mein Wille)

 

“You don’t have time, you make yourself time.” („Du hast keine Zeit, du schaffst dir Zeit.”), sagte ein Freund zu mir vor nicht langer Zeit. Für mich ist dies eine so wichtige Philosophie, dennoch schuf ich mir erst jetzt die Zeit, um meine Gedanken zu sortieren und ein paar Zeilen darüber zu schreiben.

Oft sind Menschen so sehr in ihren Job, ihr Engagement, ihren Freundeskreis oder Alltag eingebunden, dass sie das Gefühl haben, sie würden von der Zeit regiert, und nicht: Sie selbst regierten die Zeit. Auch mir passiert es gelegentlich, dass ich auf meine zwei letzten Schuljahre oder meine Studienzeit zurückblicke und denke „Man, hatte ich wenig Zeit [für mich]!“. Und es stimmt, denn, ohne bestimmte Berufe oder Studiengänge abwerten zu wollen, liegt es in der Natur von einigen Berufen und Studiengängen, dass sie zeitintensiver sind, d.h. mehr Engagement erfordern. Als Selbstständige*r oder Arbeitgeber*in arbeite ich tendenziell mehr als Angestellte, „habe also weniger Zeit“. Als Erwerbstätige*r arbeite ich zumeist mehr als Kinder, Jugendliche oder Rentner*innen, „habe also weniger Zeit“. Als beispielsweise Mathematik- oder Medizinstudierende arbeite ich gewöhnlicherweise mehr als Studierende anderer Studiengänge (weil die Durchfallquote höher ist, die Konkurrenz größer, der Lernstoff umfangreicher, die spätere berufliche Verantwortung höher ist…), „Ich habe also weniger Zeit.“. Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern müssen, arbeiten in dem Sinne mehr als Singles, „haben also weniger Zeit“.

Dennoch finde ich die Formulierung „Zeit haben“ missverständlich, denn Zeit habe ich auch beim Nachgehen meines Berufes, lediglich investiere ich sie dort in meinen Beruf. Es ist aber nicht der Beruf, der mir die Zeit raubt, sondern ich bin es, die die Zeit in den Beruf investiert, statt sie in das Treffen von Freunden, das Lesen eines Buchs, das Schreiben eines Blogeintrags, das Ausüben meiner Leidenschaften, etc. zu investieren. „Zeit haben“ wird somit gleichgesetzt mit „Zeit für Entspannung“, „Zeit für Abschalten“, „Zeit für Selbstverwirklichung“. Dass ich meine Zeit in den Beruf investiere, hat seine Gründe. Ich muss Geld verdienen, ich liebe meinen Beruf, ich trage viel Verantwortung, ich möchte mich einbringen und helfen. Trotzdem bin ich diejenige, die entscheidet, dass ich jetzt gerade meinem Beruf nachgehen möchte, oder jetzt gerade einen Blogeintrag schreiben möchte, usw.

Für mich ist es wichtig, zu realisieren, dass wir alle denselben Umfang der Ressource „Zeit“ haben, wir haben alle dieselbe Lebenszeit (abgesehen von einer unterschiedlichen Lebenserwartung je nach Lebensweise, biologischen Voraussetzungen und Fleck, auf dem wir leben – das ist aber für diese Zeilen irrelevant). Was uns voneinander unterscheidet, ist, wie wir diese Ressource einsetzen. Natürlich war ich es, die sich in der Oberstufe dafür entschieden hat, sehr viel Zeit in die Schule zu investieren (die Gründe sind mir heute schleierhaft 😉). Natürlich war auch ich es, die sich dafür entschieden hat, Jura zu studieren, wohlwissend (nach all den furchtsamen Kommentaren und hochachtungsvollen Blicken), dass es ein zeitintensiver Studiengang ist.

Es ist für mich so essentiell, davon auszugehen, dass ich mir Zeit für Dinge schaffe, dass ich der/die Regisseur*in meiner Zeit bin, weil dieser Ansatz das Fundament dafür ist, einen freien Willen zu haben. Und wozu lebe ich, wenn ich mein Leben nicht frei gestalten kann? Was bringt es mir, mich selbst zu entmachten, indem ich meinen „Zeitmangel“ als Rechtfertigung für das Unterlassen von Dingen verwende, die mir wirklich wichtig sind? Was bringt es mir, mich selbst zu einer Marionette meiner Zeit zu machen? Wie viel freier und selbstbestimmter könnte ich sein, wenn ich die Regisseurin meiner Zeit wäre? Wenn ich meine Zeit als Chance und nicht als Belastung wahrnähme?