Von Fahrtrichtung und Fernbeziehung

Neben mir in der Tram küssen sich zwei Menschen. Um nicht den Eindruck des Spannens zu erwecken, konzentriere ich meinen Blick auf das, was in der anderen Richtung, in Fahrtrichtung passiert. Das Umlenken des Blickes geschieht betont langsam, beiläufig, als hätte ich es ohnehin vorgehabt, um auch den Eindruck des Geniertseins zu vermeiden.

In Gedanken bin ich noch bei dem Pärchen. Wie schön, der Kuss. Und wie schön, wegschauende Zuschauerin der Szenerie zu sein. Ich denke an ein Gespräch mit einer Freundin über die Freuden und Leiden ihrer Fernbeziehung. Sie kommentierte: „das ist wohl das Los der FIFA“. Ja, im Einjahres-Rhythmus den Ort wechseln zu müssen, macht eine Fernbeziehung fast unvermeidbar. Egal, wo wir einen Menschen kennenlernen, nach einem Jahr werden wir sie oder ihn wieder verlassen. Abschied und Neuanfang werden zur Gewohnheit, Nähe und Ferne zur Trivialität. Es sei denn, es ist jemand innerhalb der FIFA. Das ist unsere einzige Konstante – unsere Nahbeziehung, unser Jetzt. Alles andere, Zuhause, Bordeaux, Stuttgart, Himmel, Meer ist Ferne, unterliegt dem Abschied.

Mal schaun, was mir das FIFA-Los bringt…