Durch verschieden Zeit und Raum

Sonnenblume

steht  für: Kraft und Ausstrahlung

 

 

Kurz nach meiner Ankunft bekomme ich eine Hausführung. Durch eine kleine Diele geht es über eine Treppe ins Wohnzimmer. Dieses ist mit einem pastellfarbenen orangeton verkleidet, rechts steht ein Holztisch mit sechs Stühlen, am Ende des Tisches ist auf der rechten Seite eine Kochnische, Holzschränke, ein Herd, gelbliche Fliesen, die das Fett auffangen und grüne Fliesen auf dem Boden. An der Decke über der Kochnische ist auf einem Balken eingraviert: Mit Gottes Segen Neues bewegen, 2010, die Holzmöbel im Wohnzimmer sind hell und warm, ich finde sie sehen aus wie Bauernhofmöbel.

Dann geht es weiter in ein konferenzartiges Zimmer. Ein langer Tisch mit vielen Stühlen, auch auf der rechten Seite des Raumes stehen Bauernhofmöbel, darauf Computer, Drucker, Ablagefächer, in der Ecke hinten links steht ein Kaminofen.

Das folgende Zimmer nenne ich „Himmelzimmer“, denn es wird von himmelblau gefärbten Wänden beleuchtet; viele Möbel, die in ihrer Verschiedenheit nicht zusammenpassen, befinden sich im Himmelzimmer.

Nach links geht es durch eine Tür in das Herzstück des Pfarrhauses: das Arbeitszimmer des Stadtpfarrers, oder wie der Gärtner es nennt: das schöne Wohnzimmer. Von den alten Bauernhofmöbeln aus dem 20. Jahrhundert habe ich hier das Gefühl zwei Jahrhunderte tiefer in die Vergangenheit zu rutschen. Ein rot-grün gemusterter Teppich lädt dazu ein, das Zimmer zu betreten, das Holz der Möbel ist dunkler und älter, aber besser erhalten, womöglich weil weniger benutzt. Die Möbel, eigentlich alles in dem Zimmer, sieht aus, als würde es darauf warten in einem Museum exponiert und bestaunt zu werden. In einem Bücherregal stehen Bücher von Max Frisch, Wilhelm Busch, Luther…das Bewundernswerte an dem Zimmer: wie in einer Kirche wölbt sich die graue mit rotgrünen Mustern verzierte Decke nach innen, unter ihr frage ich mich, ob ich inmitten eines archäologischen Fundes stehe oder, ob die Decke speziell für das „schöne Wohnzimmer“ angefertigt wurde.

Als nächstes kommt ein kleines Zimmer mit einer in pastellgrün bestrichenen Wand und, wie ich finde, Malermöbeln – ein verbleichter Holzboden, ein paar Farbeimer, eine schwer zu bewegende Tür, die mich einlässt in das letzte Zimmer, in das sich der pastellfarbene Grünton und der verbleichte Holfußboden fortgezogen haben, außerdem mit gestreiftem Stoff geschmückte Stühle, Sitzkissen und Matratzen und eine Karte des Kreises Sibiu. Durch die nächste Tür gelange ich wieder ins Wohnzimmer.

Von Raum zu Raum laufe ich von einem ins Nächste Jahrhunderte, oder zumindest Jahrzehnten. Außerdem durchlaufe ich: verschiedene Berufe, Wandfarben, Sonnenlichtstadien. Spannend, wie charakteristisch die Räume sind, wie viel Persönlichkeit sie tragen. Und eines verleihen sie auf jeden Fall: Kraft und Ausstrahlung.

Meer – du machst mich vergessen

Ich stehe am Strand. Vor mir das Meer. Der seichte, ablandige Wind streicht mir durch die Haare. Mein Blick ist weit. Nur Meer bis zum Horizont. Die Wellen treffen in regelmäßigen Abständen auf den Strand. Ich zähle eine Wellenperiode von dreizehn Sekunden zwischen dem Brechen einer und der nächsten Welle. Dreizehn Sekunden, die ich habe, um die Brandung zu überwinden und ins Line Up – dem Platz hinter den Wellen – zu kommen.

Vor mir erscheint ein Monster. Viel größer als erwartet und viel schneller als gewohnt, schiebt es sich mir entgegen. Bei dem Gedanken, von dem Wassermonster überwälzt und an den Strand zurück gespült zu werden, schüttelt es mich.  Ich tauche meine Arme tiefer ein, ziehe sie schneller durchs Wasser. Japse nach Luft, verbiete mir aber jeden Gedanken daran, langsamer zu paddeln, mich der Kraft des Meeres auszuliefern. Die Wassermasse vor mir verändert sich. Der anfänglich sanfte Berg formt sich zu einer steilen Wand, einzig die Füße des Bergs sind flache Ausläufer. Ich denke an Harakiri, eine schwarze Skipiste in Österreich, vor der ich mich im letzten Winter gedrückt hatte, und auch: eine rituelle Selbsttötung in Japan. Nicht ganz so dramatisch, aber ähnlich angsteinflößend ist der Wasserberg vor mir. Ich ahne, wie schwierig es werden würde, die Welle trocken zu überwinden. Mental bereite ich mich darauf vor, tief Luft holen zu müssen. Mein Brett in der letzten Sekunde nach hinten abzustoßen. Tief unter Wasser zu tauchen, um mich vor den Finnen zu schützen. Ich sehe, wie alles, was im Fußbereich der Welle schwimmt, nach oben gesaugt wird. Die Wellenlippe neigt sich mir langsam entgegen.

In der nächsten Sekunde peitscht sie in mein Gesicht, die Welle fließt unter mir hindurch. Ich krache auf den Rücken der Welle und gleite über den massigen Körper hinweg. Atme aus. Die Gischt der gebrochenen Welle spritzt durch den ablandigen Wind nach hinten weg. Salzregen ergießt sich über mir. Kurz und kräftig. Als wolle mir die Welle zeigen, wer hier draußen das Sagen hat. Ein letztes Zeichen geben, einen Warnhinweis, ein Schnaufen, das von dem gefallenen Monster ausgeht. Ich jubele, schreie vor Freude, vor Meereskraft. Ich liebe das Meer. Ich liebe die Kraft, die es in sich birgt.

‚Geh ans Meer‘, sage ich mir fortan, um meiner Angst mit Vertrauen zu begegnen. Das Meer ist mir ein Riegel, den ich vor das Schloss schiebe, wenn sich die Tür zur Angstspirale öffnet. Das Meer lässt mich Angst und Sorgen vergessen. Schenkt mir Ruhe und Jubel. Schenkt mir ein Bild, ein Meeresbild für die Zukunft.

Vom Meer aus schaue ich jetzt zum Strand. Perspektivwechsel. Ich blicke zurück, wundere mich, wie unüberwindbar die Monsterwelle schien.  Beobachte Welle für Welle, die anfangen am Peak, dem höchsten Punkt der Welle, zu brechen. Welle für Welle, deren Farbe sich von Ozeanblau in Rasierschaumweiß verwandelt. Schaumkronen, die am Strand ankommen, als Überbleibsel jener Energie, die sich weit draußen im Ozean aufgebaut hat, wo sich Milliarden Wassermoleküle zusammengeschlossen und von ihrem Freund, ‚dem Wind‘, in Bewegung gesetzt wurden, um dann tausende Meilen über den Ozean zu wandern. Ich erkenne in der Ferne, dass sich die nächste Monsterwelle dem Strand nähert. Frage mich verwundert, wie es sein kann, dass Angst und Vertrauen im Meer so eng miteinander verbunden sind.

Durch das, was vor dir steht

Oder: die Geschichte von dem Titel meines Blogs

 

Vor gut einem dreiviertel Jahr befand ich mich in Berlin, und machte mir Gedanken über die wichtige Frage: wie sollte ich meinen Kulturweit Blog nennen?  Die Antwort fand ich außergewöhnlicher Weise recht schnell. Mir summte ein simpler Nebensatz durch den Kopf, den Michael Patric Kelly einmal von sich gegeben hatte: Er glaube, dass Gott sehr real sei, sehr realistisch […], und nicht immer durch außergewöhnliche, übernatürliche Wege zu einem spreche, sondern durch das, was vor einem stehe. Ich spielte die Sequenz noch einmal ab, um mir die Worte genau durch den Kopf gehen zu lassen. Ja, mit dieser Aussage konnte ich mich (mit meinem bis dato atheistischen, aber auch unreflektierten „Gottes- und Glaubensverständnis“) gut identifizieren. Automatisch begann ich nach Erfahrungen zu suchen, die die Aussage bestätigen oder widerlegen würden. Gott, der sich in dem Menschen befindet, der vor dir steht…

Natürlich hatte der Gedankengang etwas Paradoxes, scheinbar Unpassendes an sich: der allwissende, allmächtige Gott sollte sich in einem einfachen, unvollkommenen Geschöpf befinden? Ein Geschöpf, das weder allwissend, noch allmächtig war?

Doch geht es für mich bei der Aussage Kellys nicht um jene überweltlichen Attribute, die dem Menschen, der vor dir steht durch einen derartigen Vergleich zugeschrieben würden. Nein, es geht um ganz einfache, alltägliche, aber auch wichtige und besondere Attribute, die jene Menschen [in denen sich Gott befindet] repräsentieren. Es geht, um Liebe, um Nähe, um Vertrauen, und Wertschätzung, Dankbarkeit, Fürsorge, Mitgefühl. Wenn ich an Menschen denke, die vor mir standen [von denen ich sagen würde, ich habe durch ihre Liebe die Anwesenheit Gottes gespürt], denke ich an warmherzige Umarmungen, an liebevolle Berührungen, an Aufmerksamkeit und Zuspruch. Ich denke an unerwartete Emails und Briefe, an unerwartete Dankbarkeit und Glückwünsche. Ich denke an all diese Menschen, und an all die schönen, verbindenden Momente, die ich nicht vergessen werde. Ich denke daran, dass in diesen Menschen Gott steckt, denn vollkommener hätten die Momente mit ihnen nicht sein können. Durch sie erlebe ich ganz konkret, was Gott uns von seiner Liebe gibt. Ich brauche nur die Augen öffnen, und das [oder denjenigen Menschen] genießen, der vor mir steht.

„Durch das, was vor die steht“ beschreibt schließlich auch den Weg, der vor mir steht. Dieser Weg hängt wohl eng mit den Menschen, die vor mir stehen, zusammen. Denn sie zeigen mir, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Befände ich mich auf dem Falschen, wäre ich diesen Menschen wohl nicht begegnet. Aus diesen Menschen ziehe ich Kraft und Sicherheit für das [Unbekannte], was kommt.

Was zählt, ist nicht, dass ich diese Menschen wieder verlassen muss, sondern, dass ich ihnen begegnet bin, und dass dieser gemeinsame Moment jetzt zu mir gehört. Auch, wenn dies natürlich in der Situation des Verlassens jener Menschen schwer zu begreifen ist. Aber die Trauer gehört schließlich [wie die Wartezeit] auch dazu!

 

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/koelner-treff/video-michael-patrick-kelly-saenger-100.html