Von Surfentzug und der Schönheit, mit sich selbst zu sein

Verschlafen und ein bisschen getrieben von der To-Do Liste, die es gilt mit Häkchen zu versehen, rolle ich mich aus dem Bett. Eine lange, aber nicht übertrieben lange Nacht, die Erfahrung, das erste Mal aus einem Club rausgeschmissen worden zu sein, ein ansonsten etwas zielloses Kneipenhopping liegen hinter mir. Drei Stunden, um einen Vortrag vorzubereiten liegen vor mir. Es ist tatsächlich mehr der Stress, die Sorge, nicht fertig zu werden, meine Verpflichtungen nicht zu erfüllen, die mich aus dem Bett treiben, als Lust auf einen neuen Tag. Aber (und das wiegt den Rest wieder auf): Was auch auf mich wartet, ist das Meer! Ein bisschen Wellensehen, ein bisschen Wellenreiten, ein bisschen Zeit für die Seele. Meine Vorfreude tanzt voller Sehnsucht und Kaltwasser-Erwartung…

Bis mittags um zwölf. Mein Surfkumpel schrieb: „wir denken die ganze Zeit nach, sind echt hin und hergerissen, ob wir das heute machen sollen […]“ Ich las weiter, doch die übliche tiefgreifende Enttäuschung stellte sich auch in der letzten Zeile nicht ein. Wahrscheinlich hielt meine Müdigkeit mich von einer allzu großen Gefühlsregung ab. Alle guten Dinge sind drei, fällt mir ein. Zwei Angebote meiner Bekannten, Surfen zu gehen, hatte ich in den letzten Wochen abschlagen müssen (Stress, Zeitmangel, krank…). Aber wer hätte gedacht, dass das dritte Mal Surfentzug auf solch einem abstrusen Grund beruht?

Ich schreite durch die Winterkälte, an Unigebäuden, menschenleeren Campus und Tramstationen und einem überschwemmten Radweg vorbei. Nach langer Zeit habe ich das Gefühl, meine Umgebung wieder wahrzunehmen, die Kälte zu spüren, mich nicht über sie zu beschweren, die wenigen Menschen und das, was sie beschäftigt wahrzunehmen, die von einem Fußballplatz her schallenden Schreie zu hören, das Auftreten meiner Füße zu spüren, meine Lebendigkeit zu spüren, und mir bewusst zu werden, über das Geschenk an mich selbst: die Entscheidung, spazieren zu gehen, Zeit mit mir selbst zu verbringen, nur für mich.

Auf meinem Spaziergang schmunzle ich: Kokain ist es, das mir einen dritten Surfentzug beschert. Vor einer Woche hatte ich es in den Nachrichten gelesen – rund eine Tonne Kokain sei an der französischen Atlantikküste vor Bordeaux angeschwemmt worden, betroffen sei unter anderem der Surferstrand Lacanau. Damals hatte ich gelacht. Dass ich über mein eigenes Schicksal lachte, hatte ich nicht geahnt. Die Strände sind also gesperrt, zu hoch sei die Gefahr an einer Überdosis zu sterben. Ich frage mich, ob es möglich ist durch Surfen high zu werden.

Und, ich frage mich: Wie habe ich die Schönheit eines Spaziergangs vergessen können? Ich nehme mir vor, öfter spazieren zu gehen – unabhängig von Surfentzug und Kokainstränden – öfter mit mir selbst zu sein.