Langzeitreise

Von Packen, Abschied und einem gestärkten Immunsystem

Wieder im Zug. Und wieder auf Langzeitreise. Diesmal sitze ich in einem französischen Schnellzug. Nur sechs Stunden von Aachen bis an die französische Atlantikküste nach Bordeaux. Tatsächlich kommt alles, wie ich es mir seit der zehnten Klasse erträumt habe. Nach ein paar Umwegen, Auswegen und Überwegen bin ich nun bei meinem Traum angelangt – einem Studium in Frankreich am Meer. Und bei meiner üblichen Zugreflektion fällt mir auf: all die Abläufe der Langzeitreise sind mir seltsam vertraut – Packen, Stress, Abschied, Hektik, Chaos, Trauer, und weg! Verrückt, denke ich, wie parallel die Zeit läuft, zu meinem Aufbruch vor zwei Jahren nach Berlin. Schon das zweite Mal verliebe ich mich eine Woche vor meiner Abfahrt, schon das zweite Mal küsse ich, wohl wissend, dass der Kuss nicht nachhaltig ist, dass es keinen Zweiten geben wird. Auch diesmal trage ich viel Gepäck, das mich durch die nächste Zeit leiten und begleiten wird (damals ein bisschen komfortabler unterwegs, mit sogar einem Fernseher und einem Fahrrad im Kofferraum, jetzt mit zwei dicken Koffern durch die Pariser Metro). Und beide Male sind es Sehnsuchtsorte, die mich anziehen und zur Entscheidung bewogen haben, dort zu studieren. Ich liebe Berlin. Berlin ist meine Lieblingsgroßstadt, mein Freiheitstrubel. Und ich liebe das Meer. Bordeaux selbst kenne ich noch nicht, lediglich der Wein, eine alte Weinkiste, die beschriftet ist mit „Vins de Bordeaux“ und eine Münze, die in die Richtung der Stadt gezeigt hat, bilden meine Assoziationen. Und dann ist da eine Zahl: sechsundfünfzig. Sechsundfünfzig Autominuten bis ans Meer. Noch nie habe ich so nah am Meer gelebt! Diese Feststellung beeindruckt mich noch immer, hat eine unglaubliche Macht über mich, überspült mich mit Freude und Glück.

Auch vor zwei Jahren war der Abschied intensiv. Damals wurde ich mit dem Auto gebracht, wir haben zusammen Abend gegessen und gefrühstückt und schließlich Tschüss gesagt. Ich erinnere den Moment noch sehr genau, als meine Mutter die Autotür hinter sich schloss und sich das Auto in Bewegung setzte. Es holperte in langsamem Tempo über die gepflasterte Straße, als es außer Sichtweite war, sprang ich in die Luft, jubelte vor Freude und vor dem bevorstehenden Abenteuer. Nie zuvor hatte ich solch eine Freiheit empfunden. Die Stadt sollte in den nächsten Wochen und Monaten zum Sinnbild ebendieser Freiheit werden. Heute erzählt mir meine Mama, wie schwer ihr das Wegfahren damals gefallen sei, und auch dass sie jetzt anders vorbereitet sei. Es fühle sich diesmal weniger wie ein Abschied an, sondern mehr wie ein Kommen und Gehen – der Lauf der Dinge von einem Mädchen, das erwachsen wird. Als wir am Bahnhof in Aachen sind, kommt es dann aber doch ganz anders. Meine zwei Koffer zu verstauen dauert ein wenig, und dann strömen hinter mir immer mehr Menschen in den Zug. Ich sehe Mama und meine beste Freundin draußen stehen, warte geduldig bis der Menschenstrom aufhört und ich noch einmal aus dem Zug hüpfen kann, um sie zu umarmen. Dann ertönt das vertraute Hupen. Der Schaffner, der mir vorhin noch geholfen hatte, meine Koffer unterzubringen, steht jetzt mit einem Bein in der Tür und mit einem auf dem Bahnsteig, in der rechten Hand hält er eine rote Signaltafel. Alles geht so schnell. Plötzlich höre ich Mama von draußen beherrscht rufen: „Oh, es geht ja schon los.“ Ich bin fest entschlossen noch einmal raus zu springen, aber es scheint zu gefährlich, denn der Schaffner streckt mir eine Hand entgegen. Daraufhin mache ich mich lang, um wenigstens die Hände meiner Liebsten zu fassen. Es gelingt. Kurz. Dann ist die Tür zu. Draußen sehe ich meine Mama weinen und meine beste Freundin trösten. Ich lächle die beiden durch das kleine Glasfenster in der Tür an, aber sie scheinen mich nicht zu sehen. Mama ist auch vielmehr mit Weinen, als mit Sehen beschäftigt. Plötzlich kommt es mir ganz komisch vor, dass sie weint und ich lächle. Sie weint um ihre Liebe und ich lache um mein Glück. Aber diesmal ist es kein Glück wegen dem Gefühl der Freiheit, das mich übermannt. Diesmal ist es Glück darüber, dass sie da ist. Ich lege meine Hand auf die Scheibe und hoffe die beiden sehen jetzt endlich, dass ich noch immer dort stehe, wo ich eingestiegen bin. Sie versuchen beide, ihre Hände ebenfalls von außen an die Scheibe zu legen. Dann beginnt der Zug zu rollen und die beiden zu winken. Gut, dass Mama jetzt wenigstens nicht allein am Bahnsteig zurückbleibt, denke ich.

Was diesmal anders ist: ich fühle mich besser gerüstet, nach dem halben Jahr Zuhause. Selbstsicherer. Mein Immunsystem ist stärker. Meine Abwehrkräfte sind gewachsen. Ich flüchte nicht mehr, sondern gehe meinen Weg.

Nachruf

Oder: ein bisschen Zeit zusammen, ein bisschen Abschied

 

Wir sitzen ein letztes Mal zusammen, nehmen in einem Café gemeinsam unser letztes Morgenmahl ein. Der Großteil ist noch sehr verschlafen von der gestrigen Nacht. Ich sitze unter roten Köpfen und zufallenden Liedern. Einige haben Hoffnung, dass der Kaffee hilft. Vergeblich, wie sie ein paar Minuten später bemerken. Zu müde. Trotzdem schön, dass wir es noch einmal alle geschafft haben. Mit der Zeit mischen sich ein paar lustige Geschichten in unseren Kreis, ein bisschen Planungsgeist, ein paar sarkastische Kommentare.

Einen Tag zuvor schrieb ich: „Ich spüre wieder den Kulturweit-Spirit. Wir sind wieder da. Alle zusammen. An einem Ort. In unserem Grüppchen. Leider nicht ganz vollständig (Carina mit C, Biermax und der coole Linus fehlen). Trotzdem fühlt es sich gut an. Ein paar letzte Atemzüge zusammen. Ein paar letzte Schritte nebeneinander her. Unser Treffen in Cluj scheint ein bisschen weniger Werwolf-lastig zu sein. Stattdessen beschnuppern wir die prachtvollen Häuser der Altstadt, lassen uns von der Wärme einiger Cafés einhüllen, und die salzhaltige Luft in der Saline Turdas durch unsere Atemwege strömen. Ich bin froh, als ich endlich wieder spüre, dass wir alle zusammen sind. Ich höre es auch. An dem Mamamia-Gesang der Mädels, an dem gemeinsamen Lachen und den ironisch-tiefgründigen Reflektionen. Über Methoden des Ruhigstellens von Schüler*innen. Über die Emotionalität der rumänischen Sprache. Über das, was ist. Und das, was kommt. Was ist, ist keine Abschiedsstimmung. Statt Trauergedanken, wird gerade besprochen, wo es heute Nacht hingeht. Tanzen oder feiern oder Bar? Oder Tanzen und feiern? Oder nur Bar? Unentschlossenheit. Noch kein Konsens. Das gehört dazu in so einer Gruppe. Ich freue mich über meine Bereitschaft, zurückzustecken für die Gruppe. Aufs Wandern, Werwolf, oder was auch immer zu verzichten. Damit wir zusammen sind. Das Verzichten fällt viel leichter für ein bisschen Zeit zusammen. Für ein bisschen Abschied.“

Ehe ich mich versehe, stolpere ich schon aus dem im imperialistischen Stil eingerichteten Café hinaus. Die Sonne strahlt mir ins Gesicht. Der Abschied fühlt sich leicht an. Ich bin froh, genügend Zeit mit der Truppe verbracht zu haben. Genügend Abschied. Sinnbildlich schwebe ich über die Türschwelle hinweg und lasse die Tür hinter mir zu fallen. Bevor mein Fuß aufsetzt, nehme ich das geschäftige Treiben der Menschen wahr, höre die Predigt und die Kirchengesänge aus der orthodoxen Kirche. Freiheit, als mein Fuß den Boden berührt. Ein Windzug weht um mein Gesicht. Ich schließe die Augen, und denke an die Meeresbrise und die Strandpromenade von Biarritz, von der steinige, wuchtige Treppen zu den Wellen hinunterführen. Renne durch den heißen Sand dem Meer entgegen, schmeiße mich auf mein Surfboard. Und öffne die Augen. Rufe nach Freiheit, nach neuer Zeit.

 

Inspiriert von dem Lied „Hello Goodbye“ von den Beatles

https://www.youtube.com/watch?v=H_CCBLt_9rM