Die Gartendusche

Oder: erste Berührung mit dem Morgen

Frühstück. An einem ganz gewöhnlichen Morgen sitzen wir um den runden Holztisch, den ich als kleines Mädchen nach den Mahlzeiten immer abzuschrubben pflegte, als wären jegliche Biersorten über ihm verschüttet worden. Die Sonne schimmert wie sonst auch durch die weiten Fensterscheiben, erhellt das Wohnzimmer. Der Garten ist fast vollständig von dem Schatten, den der Schuppen wirft, bedeckt. Pflanzen und Kräuter streifen unter der Sonne ihre dünne, nächtliche Feuchtigkeitsschicht ab.

Das helle, gelbliche Licht und der seichte Wind locken mich nach draußen. Ob der Wind behutsam genug ist, um Inlinerfahren zu gehen? Dann mache ich eine Schnupperprobe vor der Haustür. Im Gegensatz zur Gartenseite, ist hier schon alles im vollen Gange – Geschäftigkeit, dörflicher Berufsverkehr, Kinderstimmen und Schülerlotsen, Autos und Ampel und die Sirene eines Krankenwagens. Und trotz der Bewegung, die ich um mich herum wahrnehme, finde ich: Morgen riecht gut. Frisch. Unberührt. Unbeschrieben. Die Entscheidung ist gefallen.

Ein paar Minuten später rolle ich meine Standardrunde über den Asphalt. Zehn Kilometer bis zum Nachbardorf und wieder zurück. Gleite über den Radweg der Landstraße, genieße die Schnelligkeit, die Leichtigkeit auf meinen acht Rollen. Erst Gegenwind, dann Rückenwind. Eine halbe Stunde später rolle ich wieder durch die Haustür. Geschafft. Meine Haut ist abgekühlt vom Fahrtwind, mein Körper ist aufgewärmt. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich noch genug Zeit für eine Runde Dehnen habe. Ich winke Papa auf einen morgendlichen Kaffee raus in den Garten. Während ich mich dehne, lehnt er sich auf dem Stuhl zurück und schließt die Augen. Stillschweigend genießen wir. Langsam trocknet der Schweiß auf meiner Haut, meine Muskeln entspannen sich, auch von außen ist meine Haut jetzt Sonnenlicht-erwärmt. Nach der letzten Dehnübung hebe ich meinen Kopf.

Direkt vor meiner Nase steht die Gartendusche. „Würd‘ ich jetzt gern im Garten duschen!“, strahle ich Papa an. Der Gedanke an eine erfrischende, kühle Willkommensdusche lässt meine Augen aufleuchten. Papa selbst hatte die Dusche letzten Sommer tagtäglich benutzt „bis es nicht mehr ging“, um Strom zu sparen. Während ich den lapidaren Wunschgedanken unbekümmert und ohne weitere Umsetzungsvorstellung ausspreche, hat Papa in der nächsten Minute schon Gartenschlauch und Wasserzufuhr angeschaltet, und deutet einladend zum Regler der Dusche.

Mit Bikini springe ich erwartungslos unter die Gartendusche, kreische vor Frische, Sonnenlicht und erster Berührung mit dem Tag. Ich springe sogar eine kleine Pfütze in den Rasen, beschnuppre die Blumen und strecke mich gen Himmel. Papa lacht.

Welch wunderschönes Ritual, im Garten zu duschen. Garten und Tag willkommen zu heißen – mit einer Willkommensdusche! Ab jetzt wird nur noch im Garten geduscht, denke ich, während mein Arbeitswecker schon klingelt und ich gedanklich zur Bahn eile.

Reviens

Quand jsuis revenue
Chez toi, ton jardin
J’ai pas voulu
Rester dans cette rue
Étant fortement choquée
Planifiant déjà, comment déménager

Je me réveillerai
Chaque matin
Pour vivre ma journée
C’est assez joli
Dans le coin
En terrain connu

Tout se trouve encore à sa place
Comme si j’serais restée
Mais en réalité
Il fait très loin que mes pieds
Ont touché
Ce sol en bois

Je retrouve ce que
J’avais créé une fois passée
Comme joujou, stupidité
Enfantine et trop mignonne
Enfance visiblement
Toujours dans cette maison

Sans plan en détail
Sans envie d’en parler
Veux-je rester ?
Dans le silence
Entourage familier
Qui me donne confiance

Et maintenant tu m’écoute
Je te raconte
Alons, Y vas
Famille, c’est bon
Me sens à l’aise
Êtes bons, pour moi

On joue
On fête
On fait des blagues
Barbête, et toi ?
C’est plus comme…
Autrefois

Je t’aime de nouveau
Moi-même jattends plus
Je cesse de m’enlèver
L’amour dont j’ai besoin
À défaut, je prendrai soin
De ce sol en bois

Je reviens chez toi
Et pour la première fois
je veux rester
je reviens chez toi
Et c’est plus le cas
Que je réfléchis, comment échapper

Je ressens au milieu
De ta chaleur entière
Que jsuis plein de bonheur
Qu’il faut trouver
Donc, je lâche plus tes bras
Ils vont me sauver


inspiriert von "Stadtrandlichter" - Clueso
https://www.youtube.com/watch?v=FkfoDKm1uU0

Zwischen Niederrhein und Meeresdüne

Ich stehe am Fenster und schaue durch die Straßen meines kleinen Heimatdorfs. Ich sehe viel blau-grau, bläuliche Wolken, graue Dachziegeln, grauer Asphalt, weißblauer Himmel, graue Schornsteine. Was ich spüre, ist Wind. Wind liegt in der Luft. Er bläst sich auf, und fegt an Bäumen vorbei, über die vielen Felder meines Dorfs, sucht sich welche von den zahlreichen Ventilen, um zu entweichen. Ich versuche den Wind einzuordnen. War es immer so windig am Niederrhein? So windig wie am Meer, als würde ich gleich über die nächste Düne spazieren?

Witzigerweise habe ich mir dieses Bild als Kind öfters vorgestellt. Ich sehnte mich so sehr nach Meer, dass ich mir bei den täglichen Fahrradtouren zur Schule vorstellte, am Ende der Straße, die von meinem Zuhause wegführte läge eine Düne, und hinter dieser: das Meer. Leider blieb es nur ein Bild, was ich zeichnete. Vielleicht bringt der Klimawandel Veränderung. Vielleicht ist der starke Wind das erste Zeichen. Ich nehme mir vor, gleich durch die Straßen zu spazieren, und nachzuschauen…

Bis zur Grenze des holländischen Landes sind es 25 Autominuten. Bis zur nächsten Meeresdüne sind es zweieinhalb Stunden.

Ist es das, was ich vermisst habe in Iasi? Der sich aufblähende starke Wind, der die Luft meines Dorfes spürbar macht?  Ich bezweifle, dass der Wind so niederrheinisch ist. Womöglich fehlt mir die Erlaubnis über ein solches Urteil – nach 3 Monaten Exil.

Muss mich erstmal wieder einleben. Ein bisschen niederrheinische (und deutsche) Luft schnappen.

Licht- und Schneeverhältnisse

Oder: von einer magischen Ruhe auf dem Fensterbrett

Hier der Blick aus meinem Fenster, der mich besonders in den letzten Zügen der Weihnachtszeit sehr ruhig und glücklich gestimmt hat. Die Morgen und Abende waren magisch. Um dieser Magie am besten beiwohnen zu können, suchte ich mir ein Plätzchen in meinem Zimmer, eine Ruhe-Ecke. Rutschte ganz nah an den Morgen und den Abend heran, der mich an jenen Tagen in der Vorweihnachtszeit empfing. Es war die breite Fensterbank, und die etwas unterhalb des Fensters angeschlossene Heizung, auf die ich mich mit einer Tasse Tee zum Ausspannen brachte. So trennte mich nur noch eine dünne Glasscheibe von den Morgen und Abenden. Zu den Abenden war alles dunkel (mit einem leisen Laternenlichtstrahl) – und Schnee war da. Zu den Morgen war durch die aufgegangene Sonne alles hell (mit ein paar Schattenecken) – und Schnee war da.

Schnee war immer da, in seiner Festigkeit und Masse, es fühlte sich an, als ob er endlos sei, als ob er Häuser und Landschaft verstummen ließe.

Und diese Ruhe ist ein Genuss.

Auch die Menschen verstummen.

Häuser, Bäume, Zäune, Brunnen scheinen tiefer in den Boden zu sinken.

Die Zeit scheint stehen zu bleiben.

Nur Sonnen- und Laternenlicht bewegen sich.

Ansonsten Stille.

Diese Magie.

Traumhaft.

Berlin, Berlin…

Wenn ich an meine Berlin Zeit zurückdenke, denke ich gerade in Bezug auf die letzten Monate an Traurigkeit und Einsamkeit zurück. Und dann rutsche ich weiter in die Zeit zurück, denke an die Zeit vor Berlin, und denke an viel Wehmut, und Angst vor Umbruch, vor Neuanfang und Verlust (die ich mir damals nicht eingestehen wollte). Und in dieser Schleife wird mir klar, dass diese eher traurigen Erinnerungen und das traurige Lebensgefühl nicht nur durch äußere Umstände entstanden sein konnten. Die Berlin Zeit hatte schließlich auch ihre Schönheit, nur scheine ich diese in dem restlichen Chaos zu übersehen. Also versuche ich jetzt meinen Fokus zu verlagern, und ganz bewusst jene Berlin Erinnerungen heraus zu kramen, die von Glück, von Erfüllung geprägt sind.

„das ist nicht romantisch […], das ist einfach nur Luxus pur“

Ich fange mal an mit den schönsten (ich kann diesem Wort gar nicht so viel Betonung verleihen, wie es in dem Zusammenhang eigentlich verdient) Wintermorgen, die ich erleben durfte. Meine Mama war es, die uns in einem sogenannten „Ostpacket“ einen Handfilter für den morgendlichen Kaffee zusendete. Sie war der Meinung den Nestle Kaffee könne man nicht trinken. Also lernten wir, back to the roots, wie man Filterkaffee machte. Mit meinem morgendlichen Kaffee setzte ich mich auf unsere unbequemen Küchenstühle, und zündete ein paar Teelichter an. Die Scheiben der Balkontüren waren vom Wasserdampf beschlagen. Draußen war es noch dunkel. Viertel nach Sieben. Eine Viertelstunde Ruhe hatte ich noch. Irgendwann kam Vali verschlafen aus seinem Zimmer. Meistens hatte ich ihn am Vorabend überreden können, mit mir für eine Viertelstunde den Morgen zu zelebrieren. Danach könne er sich ja wieder schlafen legen. Vali setzte sich mir gegenüber auf einen weiteren unbequemen Stuhl und machte seine Gutenmorgenmusik an. Wir lauschten dem Kerzenlicht und der Dunkelheit, die durch unsere Balkontür schien, und tranken unseren Filterkaffe. Wenn ich meiner Mama von diesen Morgen erzählte, kicherte sie und sagte: „Oh, das hört sich aber romantisch an!“, „Nein, das ist nicht romantisch“, antwortete ich. „Das ist einfach nur Luxus pur“.

„Wir rasten meine zukünftige Berliner Lieblingsstraße entlang: die B96!“

An Valis Geburtstag wollten wir kreuz und quer mit dem Fahrrad durch Berlin fahren – ohne Plan und ohne Ziel. Alle 10 Minuten wechselten wir uns damit ab, wer den Ton angeben durfte. Zuerst ging es an den Ufern des Landwehrkanals entlang. Spätestens ab dem Zeitpunkt, wo ich die Führung übernahm, hatten wir die Orientierung gänzlich verloren. Was vor uns am Straßenende lag, haute uns aber ohnehin aus dem Sattel. Was wir sahen, schien so unwirklich, dass wir uns die nächsten zwei Minuten gegenseitigen interviewten, ob das denn seien konnte, ob unsere Sinneswahrnehmung der Realität entsprach. Vielleicht, dachten wir, tat uns die sich anschleichende Sommerhitze nicht gut, die zu späterem Zeitpunkt noch Sahara Temperaturen entfalten würde. Hundert Meter vor Straßenende gab es nun keinen Ausweg mehr in einen Science-Fiction Film – vor uns lag ein Wasserfall, mitten in Berlin. Wir jubelten und warfen unsere Arme in die Luft. Unfassbar! Fünf Minuten später kämpften wir uns mit den Fahrrädern den ansteigenden Park hinauf, ketteten die Fahrräder oben an den Zaun der Aussichtsplattform, und sprangen dann noch die Treppen zum Denkmal empor. Vor uns lagen alte Fabrikdächer. Ungläubig drehten wir uns langsam im Kreis, machten eine hundertachzig Grad Wende, und sahen dann zumindest, was wir hinter uns gelassen hatten – die Protzbauten inklusive des Fernsehturms von Berlin Mitte. Wir jubelten wieder, als wir feststellten, dass wir noch auf Berliner Boden waren. Dann ging es weiter, mehr oder weniger mit Plan, zum Tempelhofer Feld, durch die Bezirke Tempelhof, Schöneberg und nach Charlottenburg durch den Kurfürstendamm. Wir rasten an unzähligen Baustellen, dem Berliner Verkehrslärm -und Luft, Ampeln und im Stau stehenden und hupenden Autofahrern vorbei, vor allem aber: rasten wir meine zukünftige Berliner Lieblingsstraße entlang: die B96! Sie führte am Tempelhofer Feld und Viktoriapark vorbei, und zeichnete sich durch ein starkes Gefälle aus. Ich breitete meine Arme aus, und flog die Straße herunter. Freiheit!

„Ich genoss jedes grüne Licht, das bedeutete, dass ich freie Freiheitsfahrt hatte, dass meine nach hinten wegwehenden Haare nicht zum Erliegen kommen mussten […]“

Zwischendurch machten wir Halt in einem Restaurant, und fuhren dann durch das nächtliche Berlin nach Hause. Noch nie zuvor hatte ich die Stadt so befreiend wahrgenommen wie auf dieser ersten Gurkentour. Ich genoss jedes grüne Licht, das bedeutete, dass ich freie Freiheitsfahrt hatte, dass meine nach hinten wegwehenden Haaren nicht zum Erliegen kommen mussten, dass ich weiterhin Slalom um die abends auf dem Kudamm stolzierenden Menschen fahren konnte. Ich genoss auch jedes rote Licht, das meinen Oberschenkelmuskeln ein wenig Entspannung bescherte, das mich kurz atmen ließ, und mich wieder neben meinen Rivalen positionieren ließ. Spätestens als wir am Tiergarten vorbeikamen fing das provokante Vorbeifahren an. Der jeweils Hintere von uns trat noch einmal kräftig in die Pedalen, und fuhr dann mit erhobenem Kopf, spitzem Kinn und einem „Queen-Winken“ am Anderen vorbei. Wir lachten, und jubelten wie so oft an diesem Tag.

„Irgendwann prustete Lizzi nur noch zu meinem WG-Bruder rüber: Ich glaube du steckst richtig in der Scheiße“

Wenn Lizzi kam, und zum Abendessen blieb, gab es zwei Gerichte, die wir kochten – Pfannkuchen oder Waffeln. Diese mit Auberginenmousse, Champignons und Zwiebeln belegten Küchlein tendierten oft dazu, Mitternachtspfannkuchen zu werden, so wie ich sie mir von Oma immer gewünscht hatte. Wenn wir an die Pfannkuchen Abende zurückdenken, lachen wir uns oft jetzt noch duselig und dämlich! An einem Abend, als wir zu dritt am Küchentisch saßen, wollte Vali von einem meiner Faux Pas erzählen. Ich wusste worauf er hinaus wollte, für mich war die Grenze des Witzes aber überschritten, also sagte ich, er solle bitte nicht erzählen, was ihm auf der Zunge liege. Lizzi guckte uns verwirrt an. Vali guckte mich ebenfalls verwirrt an, denn er hatte nicht erwartet, dass mich das Gerede über den Faux Pas derartig emotional traf. Dann schauten sie sich gegenseitig an und teilten ihre Verwirrung. Ich musste lachen, weil ich bemerkte, dass sie aus gänzlich verschiedenen Gründen verwirrt waren und auch ganz unterschiedlich viel wussten. Sie lachten auch, und als ich schließlich wieder ernst wurde, wussten sie gar nichts mehr. Irgendwann prustete Lizzi nur noch zu meinem WG-Bruder rüber: „Ich glaube du steckst richtig in der Scheiße“. Ich war noch nie verletzt, und hab dabei so wahnsinnig viel gelacht.

„Wir waren uns einig, dass man Berlin nicht verstehen könne, ohne auf dem Mauerpark gewesen zu sein.“

Sonntags gingen wir oft in den Mauerpark. Kurz nach der Immatrikulation führte Lizzi mich im frühen Oktober das erste Mal dorthin. Berlin war noch sehr warm. Wir genossen das Flanieren oder mehr Durchgeschobenwerden über die große Grün-, zu Matschzeiten auch Braunfläche, auf der Sonntags ein Flohmarkt und das berühmte Mauerparkkaraoke stattfanden. Wir waren uns einig, dass man Berlin nicht verstehen könne, ohne auf dem Mauerpark gewesen zu sein. Der Mauerpark war Berlin! Es waren mitunter die Straßenmusiker am Mauerpark, die die Stadt so lebendig machten. Bei Betreten des Flohmarkts, ließen wir uns von der Masse treiben, auch diese hatte ihren eigenen Rhythmus. An der einen oder anderen Stelle fingen wir dann an, zu handeln, uns gegenseitig zu unterstützen. Manche Händler setzten den ersten Preis gerne unrealistisch hoch, meinten sie hätten die Jacke in Paris für 80 € eingekauft, wir mussten lachen, die Händler blinzelten auch oft, wussten nicht, ob sie ihr ohnehin schon aufgeflogenes Schauspiel noch weiterführen sollten oder nicht. Irgendwann kauften wir uns dann an einem der multikulturellen Fastfood Stände etwas zu essen, und setzten uns auf die Tribüne des Fußballstadions, die neben der Grünfläche gelegen war. Hier fand das Mauerpark Karaoke statt! Je später wir kamen, desto betrunkener waren die Menschen, und desto schlechter dementsprechend der Gesang. Wir waren dann oft enttäuscht, und setzten uns das Limit noch bis zum nächsten guten Sänger*in zu warten, oft dauerte, und dauerte dies. Einer der schönsten Mauerparkgesänge war zweifellos jener A Cappella Gesang an dem warmen Oktobertag, wieder einmal wussten wir, dass wir in dieser Stadt richtig gelandet waren.

„In unserem Blickfeld würde dann hinten rechts eine Masse von Plattenbauten liegen, vorne mittig ein paar Kirchen, ein paar Hochhäuser, ein bisschen Berlin, vermutlich der Wedding.“

Nicht unweit vom Mauerpark standen zwei Flaktürme am Humboldthain. Um sie zu erreichen, ging es durch einen sehr waldigen und hoch gelegenen Park. Wie ich später erfuhr, wurde hier kurz nach dem zweiten Weltkrieg ein Bunker gesprengt, auf dessen Trümmerhaufen nun der Park lag. Wir kletterten die Holztreppen hinauf, bis wir die erste und schließlich die zweite Aussichtsplattform erreichten. Beide waren von einem zwei Meter hohen Zaun umzäunt, durch dessen Schlitze wir Berlin sehen konnten. In unserem Blickfeld würde dann hinten rechts eine Masse von Plattenbauten liegen, vorne mittig ein paar Kirchen, ein paar Hochhäuser, ein bisschen Berlin, vermutlich der Wedding.  

„Jedes zweite Wochenende gingen Lizzi und ich auf Jazzbarsuche. Wir suchten die Bar Berlins, an der uns alles gefallen würde“

Jedes zweite Wochenende gingen Lizzi und ich auf Jazzbarsuche. Wir suchten die Bar Berlins, an der uns alles gefallen würde, die einfach passte, so wie wir uns sie vorgestellt hatten. Manchmal redeten wir über unsere Bar, wie sie aussah, welcher Typ von Kellner uns bedienen würde, welche Musik dort lief. Natürlich tanzten die Menschen auch in unserer Bar. Irgendwann würde beim ersten Tonerklingen eines Cellisten, oder Saxophonnisten – mein Lieblingsjazzinstrument – der erste Körper im Publikum mitschwingen, die Arme würden ausgebreitet und die Augen geschlossen. Und plötzlich würde die ganze Bar tanzen. Die Menschen könnten gar nicht mehr anders als tanzen. Die Musik würde durch ihre Körper fließen, sie wären getrieben von den Klängen der Liveinstrumente.

Es war großartig so sehr in die Nacht hinein zu leben. Ich fragte mich, was den Reiz des Nachtlebens erzeugte. Manch gruseliges U-Bahn Gesicht um die frühe Stunde? Als wir uns am Ende eines solchen Abends in der U9 verabschiedeten, baten wir uns jedes Mal: „Und schreib mir, wenn du angekommen bist!“ In der nächsten Sekunde würde ich Lizzi die Rolltreppe hochfahren sehen, und ich selbst inmitten einer vollen U-Bahn im dunklen Tunnel verschwinden. Wir erstellten schließlich ein Bar-Ranking, aber die Bar, würde wohl für immer in unserer Vorstellung verbleiben.

„Es war meine Belohnung, bei der ich begann wieder Leben in meine an der Oberfläche eingefrorenen Beine zu lassen“

Ein Genuss war auch an dem ein Kilometer entfernten Schäfersee joggen zu gehen. Den Großteil unserer Joggingrunden erahnten wir, im Stockdunkeln zwischen Laternenschein, See und Sonnenaufgang. Das schönste war das Dehnen am Ende der Qual. Es war meine Belohnung, bei der ich begann wieder Leben in meine an der Oberfläche eingefrorenen Beine zu lassen. Wir hatten einen Lieblingsdehnplatz: eine kleine Aussichtsplattform, von der aus wir den besten Blick auf den leeren erwachenden See hatten. Es war wunderbar so frisch und natürlich in den frostigen Wintertag zu starten!

„Die Sauerei fing an, als Vali mir einen Luftballon schenkte, der die Form eines Kackhaufens hatte […]“

Ich merke, dass ich ein bisschen in der Zeit springe. Während die Freiheitsfahrradtour Ende Frühjahr stattfand, kam die Idee einen Adventskalender zu gestalten im Vorjahr Ende November auf. Ich bekam die ungeraden, Vali die geraden Tage. Und natürlich wäre es viel zu langweilig gewesen dem Anderen durch nützliche und wohl überlegte Geschenke eine Freude zu machen. Stattdessen begaben wir uns auf die Suche nach (wohl überlegten) Spaßgeschenken. Die Sauerei fing an, als Vali mir einen Luftballon schenkte, der die Form eines Kackhaufens hatte, so wie man sie auf WhatsApp als Smiley versenden konnte. Genervt nahm ich mein erstes Türchen dankend entgegen. Was darauf folgte waren unter anderem eine Rolle Klopapier, eine Playmobiltoilette, ein Kloputzgutschein, ein Playmobilstuhl (weil Vali einmal erzählt hatte, dass das Wort „Stuhl“ für ihn durch seine Arbeit im Krankenhaus eine völlig neue Bedeutung bekommen hatte) und schließlich, als wir es gar nicht mehr aushielten: ein Schild mit dem Titel „Intervention“. Seit Beginn der Spaßgeschenke fanden nämlich immer mehr Interventionen statt, so sollte das ausdrückliche Schild den Rückgriff auf Interventionen ein bisschen regulieren. Das mit Abstand süßestes Adventstürchen war eine Tafel Schokolade, wobei der Umriss eines jeden Stückchens mit einem weißen Zettel beklebt war, auf dem draufstand, mit wem ich das Stückchen teilen sollte, bzw. aus welchem Grund ich es essen sollte. Natürlich nutzte Vali dies auch um mich zu ärgern, denn ich hatte vorher angekündigt, wegen Verzicht auf ungesunde Ernährung, keine Schokoladen-Geschenke zu wollen. Und jetzt, beim Schreiben, fällt mir auf, dass ich ein Adventstürchen noch gar nicht eingelöst habe – ich hatte Vali einen Frühstücksgutschein mit einem großen Wurstangebot geschenkt (denn er war in der Adventszeit gerade in seiner vegetarischen Phase, die Lust zu Ärgern beruhte also auf Gegenseitigkeit!).

Ich frage mich, wann ich ihn wohl wiedersehen werde, und wie es ihm geht…im söderrischen Bayern.

Ich muss viel lachen, wenn ich an die Berlin Zeit denke, und mir wird sehr warm ums Herz, denn ich merke, dass diese Erinnerungen Schätze sind. Nein, ich bin diese Erinnerungen, und das beste: sie sind kostenlos, ich muss mir einfach nur zuhören!

Ich spüre, wie sich jetzt fast Wehmut entwickelt bei all dem Glück, was ich jetzt wieder spüre. Und dann denke ich an eine Charity Veranstaltung, auf der ich letztes Wochenende in Iasi war, denke an ein Plackat, welches verkauft wurde, auf dem draufstand „the best is yet to come“. Ja, the best is yet to come!

 

Schönste Zeit – Bosse

https://www.youtube.com/watch?v=RTlzQEA-4oc

Home

I was shown some wet eyes,
some little tears I was passed
to the back Until no one was left
To hug for good bye was I
waved to the trains
Arrival will be
Late was your
Hug made me
Loved was I
was called by my name
When I arrived in the night
I was greeted with much
laughter I was
remained silent with a
smile was talked to quite
a lot was helped with some
leaves and stones was listened to
Whatever story I was sharing
I was missed and asked
For I was speculated
Wherever place I could be
I was hugged very
Tight in the day
I was made a
Home In the time
I was absent
And I was let
through the door
When I was present
Again, In Romania

Tu me manques

Tu m’a manquée vraiment
Tu me manques encore
Cette instant j’aimerais te prendre dans mes bras
Je t’ai dit que je n’ai pas mal de pays
Mais mal de toi
J’ai pleuré la tristesse
M’a entourée
Puis mes larmes
M’ont libérées
J’ai réfléchi ce que je préfère
Soit un mot d’échange
et le risque d’escalation
Soit le silence
Et l’absence
Puis j’ai osé parler à toi
Cette instant
J’étais près de toi
J’ai retenu mon souffle
Je pouvais plus respirer
Ca aurait été trop fort
Trop bruyant
Alors, j’ai décrocher
Pour respirer
Justement
Respirer
Comme c’était joli
Mon haleine
Comme c’est joli
de respirer
Il n’y a pas de perfection
Cette imperfection
Je la vois maintenant
Ce n’est plus de défaut
Je t’aime

https://www.youtube.com/watch?v=GSYnOeO5rdk

Erkenntnis Nr.1

(…schon vor dem Auslandsaufenthalt, obwohl der doch die ganzen bereichernden Erkenntnisse bringen soll…)

Lange habe ich drüber nachgedacht, was, wo, wer Heimat ist. Während ich in den pubertären, rebellischen Jahren meiner Jugend selbst die Existenz einer möglichen Heimat leugnete, blind und provokant mir und anderen gegenüber, fühle ich heute Heimat, ich spüre, dass es so etwas geben muss, ohne einordnen zu können, mit was dieses Etwas zu tun hat.

Die Lebensjahre, in denen ich Heimat, Zuhause oder Fremdheit spüren konnte, ließen mich unterschiedliche Haltungen empfinden, die ich jedoch immer nur einbeinig vertrat, richtig überzeugt war ich wohl bisher noch nie. Nachdem ich von dem Standpunkt des absoluten Leugnens einer Heimat, eines Zuhauses, abgerückt war, versuchte ich mich in der Identifikation mit dem Spruch „Heimat ist dort, wo das Herz ist“ oder „Heimat ist dort, wo die Personen sind, die dich lieben und die du liebst“. Wo doch so viele Menschen derartige Sprüche unaufhörlich wiederholten, musste schließlich ein kleines Stück Wahrheit in ihnen verborgen sein. Ich spürte in dieser neuen von Erkenntnissen geleiteten Zeit, dass durchaus ein Bedürfnis bestand, Etwas als Heimat zu definieren, da ich ja auch ankommen wollte, Stabilität brauchte. Doch konnte dieses Etwas nicht jene Umgebung sein, in der ich mich von einem Heimatsgedanken zuvor entfremdet hatte. Dieser Schritt wäre zu groß und gewagt gewesen. Er hätte auch nicht meinem Lebensgefühl entsprochen. Denn als ich nach Berlin zog, war das frühere Zuhause aus Prinzip kein Zuhause mehr. Es war die „Seidenstraße“. Auch wenn ich mit meiner Mutter über den nächsten anstehenden Besuch reden würde, würde ich klar abgrenzen „Wenn ich zu Euch komme“, nicht „Wenn ich nach Hause komme“, ich kam ja auch „zu Besuch“. Berlin sollte meine neue Heimat werden. Fraglich war nur, wie ich dies in Einklang bringen würde mit dem Motto über die Heimat, dort, wo die Personen waren bei denen mein Herz lag. Denn lieben, im engeren Sinne, tat ich niemanden wirklich in Berlin. Was ich liebte, war die Stadt, die grünen Alleen, die Freiheit, das Unkonventionelle, das Gefühl eine Nachtwanderung zu machen oder auf Pfadfinder Tour zu sein. Einen personellen Bezugspunkt, der mein Heimatsgefühl auslöste, gab es damals aber nicht wirklich. Dennoch suchte ich in meinem neuen Mitbewohner, der später mein Berliner Bruder wurde, wie mein Herz diesen Spitznamen still vor sich hin summen würde, einen Bezugspunkt für die personelle Heimat. Ob er das wirklich war, meine Heimat, oder ob ich einfach nur einen Grund, einen Titel, einen Namen, ein Gesicht brauchte, um mich mit der obigen Erkenntnis zu identifizieren und, damit im Einklang, Berlin als meine neue Heimat, meinen neuen Weg, erklären zu können, sei dahin gestellt. Es war wohl doch eher die Sehnsucht nach Neuanfang, der Wunsch, mein neues Berliner Leben mit einer eindeutigen Philosophie klar definieren zu können. Durch Valli konnte ich die Heimats-Philosophie und die Distanz zum früheren Zuhause wunderbar vereinen.

Irgendwann merkte ich natürlich, dass die Bedeutung, die ich Valentin zumaß unverhältnismäßig war, auch wenn er sicher ein wichtiger Mensch für mich geworden war. Trotzdem humpelte meine Argumentation. Meine Unzufriedenheit ließ mich auf den Abschied der Bisherigen und auf die Suche nach einer Neuen begeben. Ohnehin passten die „alten Gedanken“ für mich nicht zusammen. Heimat war so viel mehr und so viel weniger als die Personen, bei denen mein Herz lag. Aber wenn ich sie nicht bei den Personen, die ich liebte, finden konnte, und wollte, wo dann? Mit dieser quälenden Frage würde ich fortan in den Zügen der deutschen Bahn, auf Toiletten, im Vorlesungssaal, oder auf meiner Pilates Matte sitzen, um auf Letzterem Platz die muskulären Schmerzen zu verdrängen, und mich auf die Lauer zu legen. Eine Spur aufzunehmen.

Ich dachte an meine Oma, und an Opa, an den Möhrensaft, den es jeden Morgen zum Frühstück gab, den ich in den ersten Sekunden des Frühstücks sogar vor dem Nutella Brot verschlang, weil er so gesund schmeckte. Ich dachte auch an die Kuhglocken, die jeden Morgen um 6 Uhr läuteten, an den frischen Dorf-Duft aus Gülle, Wald, Kuh, Esel, Sommerkälte, dreckigen Asphaltstraßen, und noch nicht abgegrasten Weiden der durch das Fenster hineinwehte. Ich dachte an Papa, der sich jeden Morgen schon einige Stunden bevor ich wach wurde, zu Oma setzte, die in der Früh den Frühstückstisch deckte, und im Flüsterton bestimmte Dorfnachrichten austauschte und aus Oma herausquetschte. Die beiden saßen dann in der Küche oder im Wohnzimmer auf den Kartoffelsitzsäcken vor dem Fernseher. Der morgendliche Dorfklatsch war sehr exklusiv, und trotzdem wandelte ich erst gegen 7, halb 8 ins Wohnzimmer, geleitet vom feurigen Licht des Edelsteins, der auf einem Regal im Flur stand.

Ich dachte an die Segelurlaube in Friesland, einer niederländischen Provinz. An die kleinen Yachthäfen, in denen das Boot mehr stand, als das es gesegelt wurde, natürlich weil der Wind zu schwach war! Ich dachte an die Hafentoilette, dessen Türen mir jedes Mal auf’s Neue, wenn ich Nachts pinkeln musste, einen Schreck versetzten, indem sie sich einfach nicht wieder aufschließen ließen. Oder an die Eisdiele, bei der ich regelmäßig Käsekuchen Eis gegessen hatte. Oder an den Strand nicht unweit entfernt von der Eisdiele, bei dem ich, als wasserverrücktes Kind, mich stundenlang hatte vom sandigen Grund abstoßen, die Arme ausbreiten und nach hinten weg ins Wasser schmeißen können.

Ich dachte auch an das Sauerland, das niemand kannte, wenn ich meinen Mitschüler*innen in der Grundschule davon erzählte. Es hörte sich ja auch etwas unsympathisch an, und zugegebenermaßen wusste nicht mal ich in diesem Alter, wo es sich befand. Ich wusste nur, dass es Sauerland hieß und wir gerne dorthin fuhren. Um das Haus herum, in dem wir übernachteten, waren Hecken mit weißen Perlen gezogen, bis heute weiß ich nicht, wie diese Perlen heißen, ich pflückte sie gerne, zusammen mit den Nachbarskindern, wir warfen uns damit ab oder sprangen auf sie drauf, und kicherten, wenn wir das Knackgeräusch hörten.

Was all diese Gedanken und Gefühle verbindet ist Gewohnheit, Tradition und Vertrauen. Obwohl mein Gedächtnis zu diesen Zeiten noch teils wenig ausgereift sein konnte, um derartige Details zu speichern, steckten Erinnerungen wie der Möhrensaft, das Kuhglockenläuten oder das Perlenzerquetschen tief in mir. Ich vermisste all diese Dinge und sehnte mich danach, nach ihnen zu greifen, meine Kindheit zurückzuholen oder zumindest wieder zu beleben. Aus der Tradition heraus, einmal alle 4 Monate ins Sauerland zu fahren, wuchs das Vertrauen in Stabilität, in etwas, was blieb, und mich regelmäßig glücklich machte. Vertrauen in einen Ort kann ich auch ohne menschliche Bezugspersonen empfinden, es reicht auch Gülle und Wanderschweis. Im Gegenzug kann Vertrauen aber auch eng mit nahestehenden Menschen zusammenhängen, Menschen, mit denen ich schon viel geteilt habe, die einfach da sind, egal ob sie zu mir passen oder nicht, ob die mir gefallen oder nicht, deren Existenz nicht hinterfragt wird, einfach weil sie dazugehören.

Das ist Heimat. Heimat ist zu wissen, wo ich bin, bevor ich angekommen bin. Heimat ist ein Wohlfühlgefühl, obwohl ich noch nicht gefühlt hab, in den Ort hinein gespürt hab. Heimat ist, weil es immer so war, und weil es richtig so war, wie es war. Heimat ist das Vertrauen in Etwas, weil kein Platz für Sorge ist. Heimat ist Tradition, die ich vermisse, wenn sie unterbrochen ist.

Jetzt bin ich auf dem Weg nach Berlin zum kulturweitschen Vorbereitungsseminar. In zwei Wochen geht’s los. Auf ins Ausland! Auf nach Rumänien! Auf in eine neue Heimat?