Am Anfang war Ferne

„Die B 96 ist eine Bundesstraße in Deutschland. Sie führt von Zittau im östlichen Teil der Oberlausitz bis nach Sassnitz auf Rügen“, lese ich auf Wikipedia. B 96…seltsamerweise habe ich das Gefühl den Straßennamen in meinem bescheidenen Autobahn Leben schon einmal gehört zu haben…

Die Landschaft zwingt mich förmlich mir ihrer Schönheit gewahr zu werden, Lesezeit sei wann anders. Die bewegungslosen Täler lassen unsere 120 h/km an sich abprallen, wir rauschen durch sie hindurch in die Tiefen des Sauerlands, durch allerlei Grüntöne, sanftes Moosgrün, saftig, beißendes Knatschgrün, etwas dumpferes Dunkelgrün, einem Turquoiseton ähnliches Tannengrün. Wälder, Wiesen, Weite, in den ersten kleinen Städtchen schließlich bunte Scheunentore, schwarz-weiße Fachwerkhäuser, verzweigte Serpentinenstraßen, und alles kontrastiert sich miteinander. Meinen Blick zieht es in die Ferne, immer höher, die braunen Pfade entlang, eine Schotterstraße, die in eine andere, noch steilere mündet, zu einem Wegabzweig, an dem ich wieder die Wahl zwischen Ab- und Aufstieg habe. Aus dem Fenster, an der Kreuzung stehend, betrachtet, sieht die Ferne so anziehend aus, das Hier fühlt sich so langweilig, so plump an. ‚Lass uns dorthin fahren‘, denke ich, meinem Finger in die Täler, in die Ferne folgend. Nein, wir wollen zum Alten Forsthaus. Und außerdem fällt mir auf: das mit der Ferne ist doch wie mit den Träumen – einmal erklommen, fühlt sich die Ferne nicht mehr verwünscht, anziehend an, sondern erreicht, stolz, vielleicht geschafft und müde, vielleicht zufrieden. Einmal realisiert, einmal Realität, ist der Traum doch ebendies, und er selbst Geschichte. Dabei haben es Träume doch verdient, bewundert zu werden. Zum Beispiel jener, das Alte Forsthaus in eine Begegnungsstätte umzubauen. Seit der Traum auf einem Umweltseminar in Rumänien das erste Mal in meine Vorstellungskraft sprang sind zwei Jahre vergangen. Ein bisschen Geschwelge in zukünftigen Erinnerungen, ein paar Sternschnuppen, Früchte, Ideen, ein bisschen Traumschmuck. An Kinder, Freunde, Familienangehörige, Tischler, Musizierende, Kunstschaffende, Raumschaffende, Neugierige, Wandergesellen, Kulturweitler, Suchende und Fündiggewordene, die wir zusammen das Haus in weiter Ferne renovieren, denke ich. Daran, dass all die Grüntöne, nicht nur mir zugänglich sein sollen. Und dass am Anfang Ferne war.

Jetzt wird mir klar, woher die Bekanntschaft rührt: Meine Berlin Zeit ist geprägt von Fahrradrasereien auf der B96, meiner Lieblingsstraße, von Reinickendorf bis nach Kreuzberg/Neukölln. Und zurück über das Tempelhofer Feld, am Victoria Park entlang Richtung Innenstadt, Fahrt aufnehmend, über die Ampeln, den Baustellengeruch hinweg, mit so viel Geschwindigkeit durch das bunte, dreckige, schnelllebige Berlin, mit so viel Freiheit.

 

 

Über blassgelben Feldern
Schüchtern und scheu
Und ein taufrischer Morgen
Neblig und neu
Und die frühesten Vögel
Hauen den Morgenappell
An das rostige Hoftor
Bis es irgendwann umfällt
Und es dauert nicht lang
Bis die Gedanken verträumt sind
Hier an der B 96

Und die Welt steht still hier im Hinterwald
Und das Herz schlägt ruhig und alt
Und die Hoffnung hängt am Gartenzaun
Und kaum ein Mensch kommt je vorbei
Im Hinterwald
Wo mein Zuhause ist
Schön wieder hier zu sein


B 96, Silbermond


https://www.youtube.com/watch?v=T-y_0Hmgdec

Die Geschichte vom Schmugri

Entkräftet und hungrig stehe ich vor der Theke und gebe die übliche Bestellung auf – Bifteki mit Scheibenkartoffeln und Reis. Meine Stimme ist dünn, die Stimmbänder sind schon auf dem Weg ins Bett. Während ich vorhin noch, am sarkastischen Kellner vorbei, ins Lokal gewankt war, ist mein Körpergewicht nun plötzlich zum Stillstand gekommen. Meine Zehenspitzen fangen alles ab und einzig die Aussicht auf mein griechisches Leibgericht hält mich noch auf den Beinen. Trotz Corona hatte ich viele besetzte Tische passiert, Gelächter und ausgelassene Unterhaltungen waren durch das Restaurant gehallt. Auch im Thekenbereich war einiges im Gange. Kellner kamen und gingen. Das kleine Schiebefenster hinter der Theke, das Einsicht in die Küche bot, wurde wie die Metallscheibe eines Galgens im Minutentakt geöffnet und geschlossen. Und in all dem Getümmel, lies sich dann ein zärtliches, aber sehr bekanntes Stimmchen vernehmen. Die Mama Schmugri schnellte herum, als sie mich sah, mit meinen Augen, die in die Küche schielten. Sie lachte. Es war ein volles und tiefes Lachen, zutiefst vergnügt, wie nach einem langen wiedersehen, obwohl mein letzter Besuch doch erst zwei Wochen her war. Die Wärme, die von ihr ausging, zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht, sogar ohne einen Bissen Essen. Wieder einmal wurde mir klar, warum ich tausendmal lieber zum Schmugri als zu irgendeinem anderen Griechen ging, und auch gestand ich einmal mehr, dass der Schmugri seinem Namen alle Ehre erwies.

Seit Wochen jammere ich Mama mit meinem Wunsch, endlich wieder zum Schmugri essen zu gehen, die Ohren voll. Es liege nicht an ihrem Essen, selbst kochen sei toll und gelinge ihr sehr gut, beschwichtige ich immer wieder. Nein, es sei bloß der Schmugri, den ich so vermisste. Mama klatscht sich die Hand vor die Stirn. Was ich mit meinem blöden Schmugri wolle! Zusammen würden wir da jedenfalls nicht essen gehen. Daraufhin kommt mir eine brillante Idee – mein Geburtstagsessen dieses Jahr: Bifteki beim Schmugri! Mama verdreht die Augen. Na, wenn’s sonst nichts ist…ihr jetziges Abendessen serviert sie, wie die Mama Schmugri es tun würde und kommentiert dabei jede Geste, bis wir nicht mehr anders können, als Lachen. „Und dann watschle ich in meinen abgenutzten Klamotten zur dir an den Tisch. Mit meinen gelben Zähnen und meinen fettigen Haaren. Und dann beug ich mich so [sie drückt ihren Oberkörper übertrieben nah an mich heran] über dich, sodass meine Brüste schon fast in deinem Gesicht hängen. Und dann klatsch ich dir dein Fertigfleisch vor die Nase!“. Wir prusten los. „Du bist so blöd!“, wehre ich mich. Aber das hilft auch nicht mehr. Denn sie hat recht, Mama Schmugri ist die Hausherrin des Schmuddelgriechen. Vielleicht schmeckt das Fertigfleisch deswegen ja so lecker – weil es in einem herrlich unkonventionellen, schmuddeligen Restaurant geschieht! Wir stoßen an, auf den Schmugri, und darauf, dass nicht nur die Augen, sondern auch das Herz mit isst!

Gib mir Worte. Gib mir Leben. Gib mir Lebendigkeit.

Von weißem Wolkenhimmel und verpasstem Absprung

 

So sind diese Tage. Zugezogen, weißer Wolkenhimmel, Bauarbeiter, die vom Haus schräg gegenüber mit schrillen Gerüstgeräuschen durch mein Zimmerfenster schallen, meine Bettdecke, die um 11 Uhr fünfundvierzig noch viel zu warm ist, ein Geruch von Gras, von benebelter Nässe. „Zugedampft und eingedutscht“, würde Opa sagen. Ein Ausdruck, der sich ursprünglich auf eine misslungene Paella bezog. Unter der Bettdecke schiebe ich den Miesepeter, habe irgendwie den Absprung verpasst, warte jetzt auf meine tägliche Obsthof Verpflichtung. Was auch sonst tun – mit dieser Laune? Außerdem ruft mein Herz nach Abstand, wie es sicher vieler Leute Herzen in diesen Zeiten tun. In der Wartezeit nach Abstand suchend, teste ich, ob ich noch schreiben kann.

Gib mir Worte. Gib mir Leben. Gib mir Lebendigkeit.

Nach unserem Zuhause

Du erzählst mir, du seist an Silvester in Berlin, und fragst mich, ob ich da auch in Town wäre. Verlockend, denke ich mir, du und Berlin. Ich könnte nicht sagen, wen ich mehr liebe, wer mich mehr an den jeweils anderen erinnert. Gibt es ein Berlin ohne dich? Gibt es dich ohne Berlin? Ich muss mir das Papier nochmal zu Hand nehmen, deine Schnörkelschrift, deine unverwechselbar hochgestochene, unaufdringliche Sprache, um dich mir in Erinnerung zu rufen. „Du […] von Zweifeln über die große Zukunft geplagt […] ich dagegen ebenfalls aufgeregt […], glücklich, weil ich das Gefühl hatte, dass nach langem Zögern mein Plan endlich aufgegangen war.“, schreibst du. Ich sehe dich neben mir, wie wir auf Fahrrädern durch die Münchener Sommernacht schlittern, damals liegt Berlin schon mehrere Monate hinter uns. Du versuchst mich davon zu überzeugen, dass München doch viel mehr ist, als die saubere, hygienische, schicke Spießerstadt, die als Berlinkontrast schon immer in meinem Kopf existiert hat. In den Münchener Nachthimmel rufe ich meine Zukunft, als hätte auch diese schon immer existiert.

Ich sehne mich nach dem Dielenboden. Nach dem penetranten Rauchgeruch im Treppenhaus. Nach  Lichtermeer, das die Gleise beleuchtet und Berlinreisende schon vor Ankunft im Hauptbahnhof empfängt. Nach versteckten, hinter dunklen Gassen liegenden Jazzkellern. Nach Winter, beißender Berlinerkälte. Nach unserem Zuhause

Die Gartendusche

Oder: erste Berührung mit dem Morgen

Frühstück. An einem ganz gewöhnlichen Morgen sitzen wir um den runden Holztisch, den ich als kleines Mädchen nach den Mahlzeiten immer abzuschrubben pflegte, als wären jegliche Biersorten über ihm verschüttet worden. Die Sonne schimmert wie sonst auch durch die weiten Fensterscheiben, erhellt das Wohnzimmer. Der Garten ist fast vollständig von dem Schatten, den der Schuppen wirft, bedeckt. Pflanzen und Kräuter streifen unter der Sonne ihre dünne, nächtliche Feuchtigkeitsschicht ab.

Das helle, gelbliche Licht und der seichte Wind locken mich nach draußen. Ob der Wind behutsam genug ist, um Inlinerfahren zu gehen? Dann mache ich eine Schnupperprobe vor der Haustür. Im Gegensatz zur Gartenseite, ist hier schon alles im vollen Gange – Geschäftigkeit, dörflicher Berufsverkehr, Kinderstimmen und Schülerlotsen, Autos und Ampel und die Sirene eines Krankenwagens. Und trotz der Bewegung, die ich um mich herum wahrnehme, finde ich: Morgen riecht gut. Frisch. Unberührt. Unbeschrieben. Die Entscheidung ist gefallen.

Ein paar Minuten später rolle ich meine Standardrunde über den Asphalt. Zehn Kilometer bis zum Nachbardorf und wieder zurück. Gleite über den Radweg der Landstraße, genieße die Schnelligkeit, die Leichtigkeit auf meinen acht Rollen. Erst Gegenwind, dann Rückenwind. Eine halbe Stunde später rolle ich wieder durch die Haustür. Geschafft. Meine Haut ist abgekühlt vom Fahrtwind, mein Körper ist aufgewärmt. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich noch genug Zeit für eine Runde Dehnen habe. Ich winke Papa auf einen morgendlichen Kaffee raus in den Garten. Während ich mich dehne, lehnt er sich auf dem Stuhl zurück und schließt die Augen. Stillschweigend genießen wir. Langsam trocknet der Schweiß auf meiner Haut, meine Muskeln entspannen sich, auch von außen ist meine Haut jetzt Sonnenlicht-erwärmt. Nach der letzten Dehnübung hebe ich meinen Kopf.

Direkt vor meiner Nase steht die Gartendusche. „Würd‘ ich jetzt gern im Garten duschen!“, strahle ich Papa an. Der Gedanke an eine erfrischende, kühle Willkommensdusche lässt meine Augen aufleuchten. Papa selbst hatte die Dusche letzten Sommer tagtäglich benutzt „bis es nicht mehr ging“, um Strom zu sparen. Während ich den lapidaren Wunschgedanken unbekümmert und ohne weitere Umsetzungsvorstellung ausspreche, hat Papa in der nächsten Minute schon Gartenschlauch und Wasserzufuhr angeschaltet, und deutet einladend zum Regler der Dusche.

Mit Bikini springe ich erwartungslos unter die Gartendusche, kreische vor Frische, Sonnenlicht und erster Berührung mit dem Tag. Ich springe sogar eine kleine Pfütze in den Rasen, beschnuppre die Blumen und strecke mich gen Himmel. Papa lacht.

Welch wunderschönes Ritual, im Garten zu duschen. Garten und Tag willkommen zu heißen – mit einer Willkommensdusche! Ab jetzt wird nur noch im Garten geduscht, denke ich, während mein Arbeitswecker schon klingelt und ich gedanklich zur Bahn eile.

Zwischen Niederrhein und Meeresdüne

Ich stehe am Fenster und schaue durch die Straßen meines kleinen Heimatdorfs. Ich sehe viel blau-grau, bläuliche Wolken, graue Dachziegeln, grauer Asphalt, weißblauer Himmel, graue Schornsteine. Was ich spüre, ist Wind. Wind liegt in der Luft. Er bläst sich auf, und fegt an Bäumen vorbei, über die vielen Felder meines Dorfs, sucht sich welche von den zahlreichen Ventilen, um zu entweichen. Ich versuche den Wind einzuordnen. War es immer so windig am Niederrhein? So windig wie am Meer, als würde ich gleich über die nächste Düne spazieren?

Witzigerweise habe ich mir dieses Bild als Kind öfters vorgestellt. Ich sehnte mich so sehr nach Meer, dass ich mir bei den täglichen Fahrradtouren zur Schule vorstellte, am Ende der Straße, die von meinem Zuhause wegführte läge eine Düne, und hinter dieser: das Meer. Leider blieb es nur ein Bild, was ich zeichnete. Vielleicht bringt der Klimawandel Veränderung. Vielleicht ist der starke Wind das erste Zeichen. Ich nehme mir vor, gleich durch die Straßen zu spazieren, und nachzuschauen…

Bis zur Grenze des holländischen Landes sind es 25 Autominuten. Bis zur nächsten Meeresdüne sind es zweieinhalb Stunden.

Ist es das, was ich vermisst habe in Iasi? Der sich aufblähende starke Wind, der die Luft meines Dorfes spürbar macht?  Ich bezweifle, dass der Wind so niederrheinisch ist. Womöglich fehlt mir die Erlaubnis über ein solches Urteil – nach 3 Monaten Exil.

Muss mich erstmal wieder einleben. Ein bisschen niederrheinische (und deutsche) Luft schnappen.

Licht- und Schneeverhältnisse

Oder: von einer magischen Ruhe auf dem Fensterbrett

Hier der Blick aus meinem Fenster, der mich besonders in den letzten Zügen der Weihnachtszeit sehr ruhig und glücklich gestimmt hat. Die Morgen und Abende waren magisch. Um dieser Magie am besten beiwohnen zu können, suchte ich mir ein Plätzchen in meinem Zimmer, eine Ruhe-Ecke. Rutschte ganz nah an den Morgen und den Abend heran, der mich an jenen Tagen in der Vorweihnachtszeit empfing. Es war die breite Fensterbank, und die etwas unterhalb des Fensters angeschlossene Heizung, auf die ich mich mit einer Tasse Tee zum Ausspannen brachte. So trennte mich nur noch eine dünne Glasscheibe von den Morgen und Abenden. Zu den Abenden war alles dunkel (mit einem leisen Laternenlichtstrahl) – und Schnee war da. Zu den Morgen war durch die aufgegangene Sonne alles hell (mit ein paar Schattenecken) – und Schnee war da.

Schnee war immer da, in seiner Festigkeit und Masse, es fühlte sich an, als ob er endlos sei, als ob er Häuser und Landschaft verstummen ließe.

Und diese Ruhe ist ein Genuss.

Auch die Menschen verstummen.

Häuser, Bäume, Zäune, Brunnen scheinen tiefer in den Boden zu sinken.

Die Zeit scheint stehen zu bleiben.

Nur Sonnen- und Laternenlicht bewegen sich.

Ansonsten Stille.

Diese Magie.

Traumhaft.

Berlin, Berlin…

Wenn ich an meine Berlin Zeit zurückdenke, denke ich gerade in Bezug auf die letzten Monate an Traurigkeit und Einsamkeit zurück. Und dann rutsche ich weiter in die Zeit zurück, denke an die Zeit vor Berlin, und denke an viel Wehmut, und Angst vor Umbruch, vor Neuanfang und Verlust (die ich mir damals nicht eingestehen wollte). Und in dieser Schleife wird mir klar, dass diese eher traurigen Erinnerungen und das traurige Lebensgefühl nicht nur durch äußere Umstände entstanden sein konnten. Die Berlin Zeit hatte schließlich auch ihre Schönheit, nur scheine ich diese in dem restlichen Chaos zu übersehen. Also versuche ich jetzt meinen Fokus zu verlagern, und ganz bewusst jene Berlin Erinnerungen heraus zu kramen, die von Glück, von Erfüllung geprägt sind.

„das ist nicht romantisch […], das ist einfach nur Luxus pur“

Ich fange mal an mit den schönsten (ich kann diesem Wort gar nicht so viel Betonung verleihen, wie es in dem Zusammenhang eigentlich verdient) Wintermorgen, die ich erleben durfte. Meine Mama war es, die uns in einem sogenannten „Ostpacket“ einen Handfilter für den morgendlichen Kaffee zusendete. Sie war der Meinung den Nestle Kaffee könne man nicht trinken. Also lernten wir, back to the roots, wie man Filterkaffee machte. Mit meinem morgendlichen Kaffee setzte ich mich auf unsere unbequemen Küchenstühle, und zündete ein paar Teelichter an. Die Scheiben der Balkontüren waren vom Wasserdampf beschlagen. Draußen war es noch dunkel. Viertel nach Sieben. Eine Viertelstunde Ruhe hatte ich noch. Irgendwann kam Vali verschlafen aus seinem Zimmer. Meistens hatte ich ihn am Vorabend überreden können, mit mir für eine Viertelstunde den Morgen zu zelebrieren. Danach könne er sich ja wieder schlafen legen. Vali setzte sich mir gegenüber auf einen weiteren unbequemen Stuhl und machte seine Gutenmorgenmusik an. Wir lauschten dem Kerzenlicht und der Dunkelheit, die durch unsere Balkontür schien, und tranken unseren Filterkaffe. Wenn ich meiner Mama von diesen Morgen erzählte, kicherte sie und sagte: „Oh, das hört sich aber romantisch an!“, „Nein, das ist nicht romantisch“, antwortete ich. „Das ist einfach nur Luxus pur“.

„Wir rasten meine zukünftige Berliner Lieblingsstraße entlang: die B96!“

An Valis Geburtstag wollten wir kreuz und quer mit dem Fahrrad durch Berlin fahren – ohne Plan und ohne Ziel. Alle 10 Minuten wechselten wir uns damit ab, wer den Ton angeben durfte. Zuerst ging es an den Ufern des Landwehrkanals entlang. Spätestens ab dem Zeitpunkt, wo ich die Führung übernahm, hatten wir die Orientierung gänzlich verloren. Was vor uns am Straßenende lag, haute uns aber ohnehin aus dem Sattel. Was wir sahen, schien so unwirklich, dass wir uns die nächsten zwei Minuten gegenseitigen interviewten, ob das denn seien konnte, ob unsere Sinneswahrnehmung der Realität entsprach. Vielleicht, dachten wir, tat uns die sich anschleichende Sommerhitze nicht gut, die zu späterem Zeitpunkt noch Sahara Temperaturen entfalten würde. Hundert Meter vor Straßenende gab es nun keinen Ausweg mehr in einen Science-Fiction Film – vor uns lag ein Wasserfall, mitten in Berlin. Wir jubelten und warfen unsere Arme in die Luft. Unfassbar! Fünf Minuten später kämpften wir uns mit den Fahrrädern den ansteigenden Park hinauf, ketteten die Fahrräder oben an den Zaun der Aussichtsplattform, und sprangen dann noch die Treppen zum Denkmal empor. Vor uns lagen alte Fabrikdächer. Ungläubig drehten wir uns langsam im Kreis, machten eine hundertachzig Grad Wende, und sahen dann zumindest, was wir hinter uns gelassen hatten – die Protzbauten inklusive des Fernsehturms von Berlin Mitte. Wir jubelten wieder, als wir feststellten, dass wir noch auf Berliner Boden waren. Dann ging es weiter, mehr oder weniger mit Plan, zum Tempelhofer Feld, durch die Bezirke Tempelhof, Schöneberg und nach Charlottenburg durch den Kurfürstendamm. Wir rasten an unzähligen Baustellen, dem Berliner Verkehrslärm -und Luft, Ampeln und im Stau stehenden und hupenden Autofahrern vorbei, vor allem aber: rasten wir meine zukünftige Berliner Lieblingsstraße entlang: die B96! Sie führte am Tempelhofer Feld und Viktoriapark vorbei, und zeichnete sich durch ein starkes Gefälle aus. Ich breitete meine Arme aus, und flog die Straße herunter. Freiheit!

„Ich genoss jedes grüne Licht, das bedeutete, dass ich freie Freiheitsfahrt hatte, dass meine nach hinten wegwehenden Haare nicht zum Erliegen kommen mussten […]“

Zwischendurch machten wir Halt in einem Restaurant, und fuhren dann durch das nächtliche Berlin nach Hause. Noch nie zuvor hatte ich die Stadt so befreiend wahrgenommen wie auf dieser ersten Gurkentour. Ich genoss jedes grüne Licht, das bedeutete, dass ich freie Freiheitsfahrt hatte, dass meine nach hinten wegwehenden Haaren nicht zum Erliegen kommen mussten, dass ich weiterhin Slalom um die abends auf dem Kudamm stolzierenden Menschen fahren konnte. Ich genoss auch jedes rote Licht, das meinen Oberschenkelmuskeln ein wenig Entspannung bescherte, das mich kurz atmen ließ, und mich wieder neben meinen Rivalen positionieren ließ. Spätestens als wir am Tiergarten vorbeikamen fing das provokante Vorbeifahren an. Der jeweils Hintere von uns trat noch einmal kräftig in die Pedalen, und fuhr dann mit erhobenem Kopf, spitzem Kinn und einem „Queen-Winken“ am Anderen vorbei. Wir lachten, und jubelten wie so oft an diesem Tag.

„Irgendwann prustete Lizzi nur noch zu meinem WG-Bruder rüber: Ich glaube du steckst richtig in der Scheiße“

Wenn Lizzi kam, und zum Abendessen blieb, gab es zwei Gerichte, die wir kochten – Pfannkuchen oder Waffeln. Diese mit Auberginenmousse, Champignons und Zwiebeln belegten Küchlein tendierten oft dazu, Mitternachtspfannkuchen zu werden, so wie ich sie mir von Oma immer gewünscht hatte. Wenn wir an die Pfannkuchen Abende zurückdenken, lachen wir uns oft jetzt noch duselig und dämlich! An einem Abend, als wir zu dritt am Küchentisch saßen, wollte Vali von einem meiner Faux Pas erzählen. Ich wusste worauf er hinaus wollte, für mich war die Grenze des Witzes aber überschritten, also sagte ich, er solle bitte nicht erzählen, was ihm auf der Zunge liege. Lizzi guckte uns verwirrt an. Vali guckte mich ebenfalls verwirrt an, denn er hatte nicht erwartet, dass mich das Gerede über den Faux Pas derartig emotional traf. Dann schauten sie sich gegenseitig an und teilten ihre Verwirrung. Ich musste lachen, weil ich bemerkte, dass sie aus gänzlich verschiedenen Gründen verwirrt waren und auch ganz unterschiedlich viel wussten. Sie lachten auch, und als ich schließlich wieder ernst wurde, wussten sie gar nichts mehr. Irgendwann prustete Lizzi nur noch zu meinem WG-Bruder rüber: „Ich glaube du steckst richtig in der Scheiße“. Ich war noch nie verletzt, und hab dabei so wahnsinnig viel gelacht.

„Wir waren uns einig, dass man Berlin nicht verstehen könne, ohne auf dem Mauerpark gewesen zu sein.“

Sonntags gingen wir oft in den Mauerpark. Kurz nach der Immatrikulation führte Lizzi mich im frühen Oktober das erste Mal dorthin. Berlin war noch sehr warm. Wir genossen das Flanieren oder mehr Durchgeschobenwerden über die große Grün-, zu Matschzeiten auch Braunfläche, auf der Sonntags ein Flohmarkt und das berühmte Mauerparkkaraoke stattfanden. Wir waren uns einig, dass man Berlin nicht verstehen könne, ohne auf dem Mauerpark gewesen zu sein. Der Mauerpark war Berlin! Es waren mitunter die Straßenmusiker am Mauerpark, die die Stadt so lebendig machten. Bei Betreten des Flohmarkts, ließen wir uns von der Masse treiben, auch diese hatte ihren eigenen Rhythmus. An der einen oder anderen Stelle fingen wir dann an, zu handeln, uns gegenseitig zu unterstützen. Manche Händler setzten den ersten Preis gerne unrealistisch hoch, meinten sie hätten die Jacke in Paris für 80 € eingekauft, wir mussten lachen, die Händler blinzelten auch oft, wussten nicht, ob sie ihr ohnehin schon aufgeflogenes Schauspiel noch weiterführen sollten oder nicht. Irgendwann kauften wir uns dann an einem der multikulturellen Fastfood Stände etwas zu essen, und setzten uns auf die Tribüne des Fußballstadions, die neben der Grünfläche gelegen war. Hier fand das Mauerpark Karaoke statt! Je später wir kamen, desto betrunkener waren die Menschen, und desto schlechter dementsprechend der Gesang. Wir waren dann oft enttäuscht, und setzten uns das Limit noch bis zum nächsten guten Sänger*in zu warten, oft dauerte, und dauerte dies. Einer der schönsten Mauerparkgesänge war zweifellos jener A Cappella Gesang an dem warmen Oktobertag, wieder einmal wussten wir, dass wir in dieser Stadt richtig gelandet waren.

„In unserem Blickfeld würde dann hinten rechts eine Masse von Plattenbauten liegen, vorne mittig ein paar Kirchen, ein paar Hochhäuser, ein bisschen Berlin, vermutlich der Wedding.“

Nicht unweit vom Mauerpark standen zwei Flaktürme am Humboldthain. Um sie zu erreichen, ging es durch einen sehr waldigen und hoch gelegenen Park. Wie ich später erfuhr, wurde hier kurz nach dem zweiten Weltkrieg ein Bunker gesprengt, auf dessen Trümmerhaufen nun der Park lag. Wir kletterten die Holztreppen hinauf, bis wir die erste und schließlich die zweite Aussichtsplattform erreichten. Beide waren von einem zwei Meter hohen Zaun umzäunt, durch dessen Schlitze wir Berlin sehen konnten. In unserem Blickfeld würde dann hinten rechts eine Masse von Plattenbauten liegen, vorne mittig ein paar Kirchen, ein paar Hochhäuser, ein bisschen Berlin, vermutlich der Wedding.  

„Jedes zweite Wochenende gingen Lizzi und ich auf Jazzbarsuche. Wir suchten die Bar Berlins, an der uns alles gefallen würde“

Jedes zweite Wochenende gingen Lizzi und ich auf Jazzbarsuche. Wir suchten die Bar Berlins, an der uns alles gefallen würde, die einfach passte, so wie wir uns sie vorgestellt hatten. Manchmal redeten wir über unsere Bar, wie sie aussah, welcher Typ von Kellner uns bedienen würde, welche Musik dort lief. Natürlich tanzten die Menschen auch in unserer Bar. Irgendwann würde beim ersten Tonerklingen eines Cellisten, oder Saxophonnisten – mein Lieblingsjazzinstrument – der erste Körper im Publikum mitschwingen, die Arme würden ausgebreitet und die Augen geschlossen. Und plötzlich würde die ganze Bar tanzen. Die Menschen könnten gar nicht mehr anders als tanzen. Die Musik würde durch ihre Körper fließen, sie wären getrieben von den Klängen der Liveinstrumente.

Es war großartig so sehr in die Nacht hinein zu leben. Ich fragte mich, was den Reiz des Nachtlebens erzeugte. Manch gruseliges U-Bahn Gesicht um die frühe Stunde? Als wir uns am Ende eines solchen Abends in der U9 verabschiedeten, baten wir uns jedes Mal: „Und schreib mir, wenn du angekommen bist!“ In der nächsten Sekunde würde ich Lizzi die Rolltreppe hochfahren sehen, und ich selbst inmitten einer vollen U-Bahn im dunklen Tunnel verschwinden. Wir erstellten schließlich ein Bar-Ranking, aber die Bar, würde wohl für immer in unserer Vorstellung verbleiben.

„Es war meine Belohnung, bei der ich begann wieder Leben in meine an der Oberfläche eingefrorenen Beine zu lassen“

Ein Genuss war auch an dem ein Kilometer entfernten Schäfersee joggen zu gehen. Den Großteil unserer Joggingrunden erahnten wir, im Stockdunkeln zwischen Laternenschein, See und Sonnenaufgang. Das schönste war das Dehnen am Ende der Qual. Es war meine Belohnung, bei der ich begann wieder Leben in meine an der Oberfläche eingefrorenen Beine zu lassen. Wir hatten einen Lieblingsdehnplatz: eine kleine Aussichtsplattform, von der aus wir den besten Blick auf den leeren erwachenden See hatten. Es war wunderbar so frisch und natürlich in den frostigen Wintertag zu starten!

„Die Sauerei fing an, als Vali mir einen Luftballon schenkte, der die Form eines Kackhaufens hatte […]“

Ich merke, dass ich ein bisschen in der Zeit springe. Während die Freiheitsfahrradtour Ende Frühjahr stattfand, kam die Idee einen Adventskalender zu gestalten im Vorjahr Ende November auf. Ich bekam die ungeraden, Vali die geraden Tage. Und natürlich wäre es viel zu langweilig gewesen dem Anderen durch nützliche und wohl überlegte Geschenke eine Freude zu machen. Stattdessen begaben wir uns auf die Suche nach (wohl überlegten) Spaßgeschenken. Die Sauerei fing an, als Vali mir einen Luftballon schenkte, der die Form eines Kackhaufens hatte, so wie man sie auf WhatsApp als Smiley versenden konnte. Genervt nahm ich mein erstes Türchen dankend entgegen. Was darauf folgte waren unter anderem eine Rolle Klopapier, eine Playmobiltoilette, ein Kloputzgutschein, ein Playmobilstuhl (weil Vali einmal erzählt hatte, dass das Wort „Stuhl“ für ihn durch seine Arbeit im Krankenhaus eine völlig neue Bedeutung bekommen hatte) und schließlich, als wir es gar nicht mehr aushielten: ein Schild mit dem Titel „Intervention“. Seit Beginn der Spaßgeschenke fanden nämlich immer mehr Interventionen statt, so sollte das ausdrückliche Schild den Rückgriff auf Interventionen ein bisschen regulieren. Das mit Abstand süßestes Adventstürchen war eine Tafel Schokolade, wobei der Umriss eines jeden Stückchens mit einem weißen Zettel beklebt war, auf dem draufstand, mit wem ich das Stückchen teilen sollte, bzw. aus welchem Grund ich es essen sollte. Natürlich nutzte Vali dies auch um mich zu ärgern, denn ich hatte vorher angekündigt, wegen Verzicht auf ungesunde Ernährung, keine Schokoladen-Geschenke zu wollen. Und jetzt, beim Schreiben, fällt mir auf, dass ich ein Adventstürchen noch gar nicht eingelöst habe – ich hatte Vali einen Frühstücksgutschein mit einem großen Wurstangebot geschenkt (denn er war in der Adventszeit gerade in seiner vegetarischen Phase, die Lust zu Ärgern beruhte also auf Gegenseitigkeit!).

Ich frage mich, wann ich ihn wohl wiedersehen werde, und wie es ihm geht…im söderrischen Bayern.

Ich muss viel lachen, wenn ich an die Berlin Zeit denke, und mir wird sehr warm ums Herz, denn ich merke, dass diese Erinnerungen Schätze sind. Nein, ich bin diese Erinnerungen, und das beste: sie sind kostenlos, ich muss mir einfach nur zuhören!

Ich spüre, wie sich jetzt fast Wehmut entwickelt bei all dem Glück, was ich jetzt wieder spüre. Und dann denke ich an eine Charity Veranstaltung, auf der ich letztes Wochenende in Iasi war, denke an ein Plackat, welches verkauft wurde, auf dem draufstand „the best is yet to come“. Ja, the best is yet to come!

 

Schönste Zeit – Bosse

https://www.youtube.com/watch?v=RTlzQEA-4oc