Leutnant in deiner Armee

„Komm in meine Armee, dann bist du mein Leutnant“, sagt sie. Nachts, wenn sie schon im Bett liegt, und ich mit geputzten Zähnen im Zimmer erscheine. Sie wirft die Decke auf und lädt ein, mit ihrem linken Arm. Ich krieche zu ihr, schmiege mich an ihren warmen Körper. Spüre ihr Herz, ihre Brust, ihren Bauch. Vergrabe mich in ihrem Gesicht. Es liegt leicht über mir, mit Augen, deren Lieder sich kurz aufklappen. Sie lächeln zu mir herunter. Der lange Mund folgt. Dann schließen sich die Lieder wieder. Alles gut. Alles beisammen. Hinter dem gelben Laternenlicht, das durch die Ritzen im Rollladen schimmert, liege ich in ihrer Armee. Bin ihr Leutnant. Schaue auf das gelbe Sternenmuster an der Wand.

Sie zuckt, wenn ich mich bewege. Greift nach meiner Hand. Ihr Körper reagiert auf meinen. Spürt mich neben sich.

Wir lachen einander zu. Sehen einander.

Irgendwann drifte ich ab. Sie ist eingeschlafen. Das Bett ist zu klein. Schön, dass es dich gibt. Wunderschön.

Von deiner unbeirrbaren Zuversicht

Was wärst du ohne deine stille Zuversicht? Ohne deine Augen, die sich zu allem Anderen wenden, vielmehr als zu dir selbst. Ich merk, wie deine Erzählungen langsamer werden. Worte finden ist schwer. Sich die Welt in Erinnerung zu rufen auch. Was Anderen ihr Charisma ist, ist dir deine Weichheit. Aus ihr spricht dein Leben. Deine Lebendigkeit. Das i meines Namens, das du bewundernd in die Länge ziehst. Stärke in deiner gemächlichen Ruhe. In deiner unbeirrbaren Zuversicht. Dass ich das schon schaffe. Ob du weißt, was du da sagst? Fühlen bestimmt. Dein Herz ist mit mir. Zumeist erwartungslos. Wie schön. Wie liebevoll. Ich werd dir Bücher widmen, ja eine ganze Bibliothek. Dass du für immer bei uns bleibst.

El memoria

Erinnerst du dich noch? An deinen Blick? Du hast ihn ja nicht gesehen. Wenngleich bei dir wohl ungewiss ist, was du siehst. Wer weiß, wo dir überall Spiegel stehen. Bestimmt vielerorts. Jedenfalls hast du so betont bedächtig, so lauthals nachdenklich geschaut, dass es ja doch kein Nachdenken sein konnte, was in dir stattfand. Vielleicht verriet dich bloß dein Mundwinkel, dein intensiv zuhörender Blick. Er war herrlich, dein Blick. Ich sah Opa in dir. Wie verwunschen. Und dann riefst du mich von weit weg. Und ich antwortete. Welche Farben hörten deine Ohren? Sie hallten nach, deine Frage, meine Antwort. Und als ich schließlich kam, da begrüßtest du mich, obwohl der Tag doch schon seit vielen, vielen Stunden angebrochen war. Du sagtest etwas Verspieltes, Musikalisches. Und ich antwortete. In genau demselben Duktus.  Ich hab’s erst überhört, das abermals nachschwingende Echo, die Süße. Du hast sofort gelacht. Ich dann auch, konnte gar nicht mehr zu Ende atmen, prustete die Luft heraus. Vorbei. Flüchtig. Niedlich und sanft. Erinnerst du dich noch?

Nach unserem Zuhause

Du erzählst mir, du seist an Silvester in Berlin, und fragst mich, ob ich da auch in Town wäre. Verlockend, denke ich mir, du und Berlin. Ich könnte nicht sagen, wen ich mehr liebe, wer mich mehr an den jeweils anderen erinnert. Gibt es ein Berlin ohne dich? Gibt es dich ohne Berlin? Ich muss mir das Papier nochmal zu Hand nehmen, deine Schnörkelschrift, deine unverwechselbar hochgestochene, unaufdringliche Sprache, um dich mir in Erinnerung zu rufen. „Du […] von Zweifeln über die große Zukunft geplagt […] ich dagegen ebenfalls aufgeregt […], glücklich, weil ich das Gefühl hatte, dass nach langem Zögern mein Plan endlich aufgegangen war.“, schreibst du. Ich sehe dich neben mir, wie wir auf Fahrrädern durch die Münchener Sommernacht schlittern, damals liegt Berlin schon mehrere Monate hinter uns. Du versuchst mich davon zu überzeugen, dass München doch viel mehr ist, als die saubere, hygienische, schicke Spießerstadt, die als Berlinkontrast schon immer in meinem Kopf existiert hat. In den Münchener Nachthimmel rufe ich meine Zukunft, als hätte auch diese schon immer existiert.

Ich sehne mich nach dem Dielenboden. Nach dem penetranten Rauchgeruch im Treppenhaus. Nach  Lichtermeer, das die Gleise beleuchtet und Berlinreisende schon vor Ankunft im Hauptbahnhof empfängt. Nach versteckten, hinter dunklen Gassen liegenden Jazzkellern. Nach Winter, beißender Berlinerkälte. Nach unserem Zuhause

Memory child

The ocean is wide, endless. What arrives as a wave at the beach, is only some little hill, some peak outside at the open sea. Far out, the water molecules are still on their way to collect themselves, to find pairs, triples, to form groups and bound each other until they are countless, as is the energy they are carrying. The sun is falling. In that particular moment it’s hiding behind some clouds, the rest of the morning fog, some rainy dust. Below the yellowish sun, the ocean’s blue is even more beautiful. I’m sitting at a tongue of land that is extending into the Atlantic Ocean. It’s a Portuguese piece of land, their holy coastline. A small surfer’s village.

Five years have passed. I had passed hours and hours at the beach without taking a foot out of the water. I wrote down “My hair is out of order, my eyes are red, my skin is hispanic. And I won’t stop until my entire body starts hurting.” I recognized the surf teacher from five years ago. He used to provoke me by throwing me in the water. I pretended to be angry, but of course the only thing he could see, was some little girl’s smile. It takes a while until I remember his name. I was laying on a bench reading a book, when I dared to ask, whether we’d go surfing together. One leg was stretched, one bent, so that Alvaro would easily recognize the fat black and blue mark on the inner side of my leg. “What did you do, Pauline?”, he’d ask in a caring manner, but also with a voice of great humor. I explained that the fins had caught me. He would slowly shake his head and tell me that a surfboard had the purpose of laying down, not of fighting with the fins. He’d look at me with his warm and provocative eyes, he’d wait for my laughter. I loved his humor, I loved the warmth in his face. Surprisingly, the answer on my hesitant question was an offer. The offer to join the afternoon’s surf class. I just casually shrugged my shoulders and told told him that I’d think about it. At the spot, he asked me for some wax. I shook my head no. “Oh come on, Pauline, you are a surfer!”, he provoked me again. In order to tease back, I stripped some wax from my board, until my little finger was white. “Here you got some”, I offered him my littler finger. “Funny girl”, he just remarked. 

We paddled out together and he assigned me which wave to take. I didn’t catch any. But heard some ironic shout behind me. Next time, I paddled with commitment. experienced a whipeout. Probably the strongest ever experienced. I grasped for air, looked how much time I had until the next wave would overrun me. And there he was – surfing a wave of his choice. The wave had partly already broken next to him, he paused and then introduced a strong, powerful bottom turn. It was fascinating to see this strength, the tension and smoothness in his movements, the harmony with the wave. A second later I had to dive to not be entirely caught by the force of mother nature.