Von Traum. Und Brot. Und der Relevanz des Lokaljournalismus.

Teamsitzung. Noch zwei Tage, dann ist auch dieses Praktikum vorüber. Während ich mit Skepsis gegenüber dem Format des Radiosenders in das Praktikum gestartet bin, erfüllt es mich im Nachhinein mit Freude, um einige Erfahrungen reicher geworden zu sein. Und gerade jetzt in der Teamsitzung erfüllt es mich mit Faszination für die Wichtigkeit und die Möglichkeiten des Lokaljournalismus. Wie immer sitzen wir im Besprechungsraum eine Etage tiefer. Nach den üblichen Berichten von Morgenmoderator*in und Nachrichtensprecher*in und einem Überblick über die anstehenden Termine und Programmplanung, kommt das Herzstück der Teamsitzung – die Ideensammlung. „Any ideas?“, steht als Frage im Raum, und viel intensiver als sonst: wird gesammelt und gesammelt. Was die Eine vorschlägt, wird durch den Nächsten ergänzt, von der Dritten kritisiert, dem Vierten hinterfragt und der Fünften weitergedacht. Flüchtig gleitet mein Blick an die digitale Uhranzeige der an die Wand geworfenen Projektion. 11:15 Uhr, schon seit einer halben Stunde wird ausgetauscht, inspiriert, befruchtet mit Ideen! Und was mir so sehr gefällt: die Motivation des Lokaljournalismus, sich wie ein Äffchen an die großen, ungreifbaren überregionalen Themen dranzuhängen, um die Relevanz für die Kommune oder den Kreis hervorzuheben. Ich merke, dass genau das die Daseinsberechtigung des Lokaljournalismus ist. Die Aufgabe, abstrakten Themen eine Form, eine Kontur zu geben, sie wie ein Hund, an eine Leine zu binden, um die Verbindung zum Menschen herzustellen, um sie zurückzuführen auf die schnöde Alltagsebene der Bürgerinnen und Bürger, die genau dann eins nicht mehr ist – schnöde!

Dieses kleine Manifest erinnert mich an ein Gespräch mit einem Journalisten. Wir sprachen darüber, wie wenig Menschen noch Lokalzeitungen lesen, und in welch bedrohliche Lage der Lokaljournalismus dadurch geraten sei. Auflagen, die Tag für Tag schwinden. Personal, das Tag für Tag entlassen wird. Eine geringere Anzahl an Journalisten, die Tag für Tag für eine relativ größere Anzahl an Zeitungsseiten zuständig ist. Qualität, die Tag für Tag abnimmt. Ein Teufelskreis, aus dem, wie ich finde, nur eine Bewusstseinsveränderung der Menschen und höhere Investitionen in den Lokaljournalismus hinausführen können. Ich scherzte „Wir könnten ja ein Manifest für den Lokaljournalismus schreiben…“. Als Antwort bekam ich: „Kannst du machen, das würde nur niemand lesen!“. Ich lachte. Verzweifelt. Traurig. Machtlos. Unwissend darüber, wie es weitergehen kann.

Was ich dennoch weiß: mein Traum ist es, Journalistin zu werden. Und wie auch immer sich der (Lokal-) Journalismus entwickelt, es ist der richtige Weg, an meinem Traum, mit dem Schreiben mein Brot zu verdienen, festzuhalten. Dass mich mein Traum begleitet, erlebte ich eindrucksvoll auf dem Besuch der Generalprobe eines Gospelchors in Stuttgart. Ich war so fasziniert von dem Chor, dem Gesang und dem Chorleiter, der mit seinem ganzen Herzen anwesend zu sein schien und den rund 600 Menschen starken Chor durch die Chorprobe führte. Als Zuschauerin durfte ich direkt hinter ihm sitzen. Nahm leider nicht sein mit Sicherheit voller Leidenschaft blühendes Gesicht wahr, dafür aber sein Hawaihemd und seine energischen, taktvollen Sprünge, die von den Handbewegungen eingeleitet wurden und den ganzen Körper in Anspannung und Rhythmus versetzten. Diese Energie schien er, wortwörtlich, leichtfüßig auf den Chor zu übertragen, der wiederum umso stärker aufblühte und um sein Leben sang! Zu gerne, dachte ich, würde ich diesen Chorleiter interviewen! Als ich nach Abschluss der Chorprobe von dem Menschenstrom hinausgeleitet wurde und es schaffte, mich für eine Spende an den Rand zu drängen, erzählte ich prompt derjenigen Frau, die das Spendenkörbchen in der Hand hielt, von meinem Interview-Wunsch. Ich leitete ihn ein, mit meinem Traum, Journalistin werden zu wollen. Es schien mir am plausibelsten, denn: warum sonst würde eine wildfremde Zuschauerin aus dem weit entfernten Niederrhein einen Stuttgarter Chorleiter interviewen wollen? Die Frau lächelte. Erzählte mir, sie sei auch Journalistin. Mitten im Kirchenausgangsgewusel kamen wir ins Gespräch. Mit dem Resultat: den Kontakt auszutauschen und der Möglichkeit einen Kommentar über die Chorprobe für die SWR Homepage zu schreiben. Wow! Ich war begeistert! Und das nur, weil ich aus dem Nähkästchen heraus meinen Traum geteilt hatte! ‚Als wäre es selbstverständlich, fremden Menschen als Begrüßung von seinen Träumen zu erzählen!‘, schmunzele ich im Nachhinein. Jedenfalls finde ich seitdem: mein Traum bestimmt meinen Weg. Er selbst gibt mir Anstöße und Inspiration und Menschen, die mich auf diesem Weg begleiten. Aber das, und vieles mehr, kann er nur, wenn ich ihn mit anderen Menschen teile, wenn ich ihn hinausschicke in die weite Welt…

Die Teamsitzung neigt sich tatsächlich langsam dem Ende zu. Themen, auf die ich mich am liebsten selbst stürzen würde, sind die Lage der SPD – wie steht der hiesige SPD Bundestagsabgeordnete zum Vorschlag des Fraktionsvorsitzes einer Doppelspitze? Gibt es Ideen zur Reformation der Partei seitens des SPD Ortsverbands? Und wie hat die Partei rückblickend bei den Europawahlen im Kreis abgeschnitten? Wo liegt sie bei aktuellen Umfrageergebnissen? Und auch: Rechtsextremismus im Kreis – wurden die Bundestagsabgeordneten von Krefeld oder dem Kreis Viersen schon einmal bedroht? Wie nehmen sie die verbale Umgangsart innerhalb der Bevölkerung und politischen Milieus wahr? Was können Bürgermeister tun, um sich zu schützen, und wie effektiv sind diese Möglichkeiten des polizeilichen und rechtlichen Schutzes? Fragen über Fragen…der Teil meines Gehirns, der fürs Fragen zuständig ist, will keine Pause einlegen! Mir fällt auf: Lokaljournalismus macht abstrakte Problematiken, die die Bürgerinnen und Bürger meinen nicht mehr beeinflussen zu können, greifbar. Er zeigt Betroffenheit und damit auch Möglichkeiten des Einflusses auf lokaler Ebene, Möglichkeiten des Engagements. Ein Hoch also auf den Lokaljournalismus, den vielleicht so viele meinen vergessen zu haben.

Teil 3: Von dem, was ich mir wünsche

 

„Nur wenn ich mich liebe, kann ich auch andere lieben.“

Dieser letzte Teil fällt mir deutlich leichter, er scheint mir so klar, so eindeutig. Von Carolyn Emcke las ich vor einiger Zeit etwas sehr Einleuchtendes. Pluralität bedrohe die Gesellschaft nicht. Sie schütze und stärke jeden Einzelnen, die Individualität eines jeden. Je pluraler eine Gesellschaft ist, desto weniger gefährdet ist das Individuum, gedemütigt, diffamiert, ausgegrenzt zu werden. Je pluraler eine Gesellschaft ist, desto mehr wird das Individuum ermutigt, sich zu entfalten, sich dazugehörig zu fühlen. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Pluralität nicht als Bedrohung wahrgenommen wird, sondern als Schutzraum. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Kinder ermutigt werden, sich mit ihrer Identität auseinanderzusetzen, unabhängig davon, ob sie der (vermeintlichen) Norm entsprechen oder nicht.

Ich wünsche mir, dass Attribute, wie „schwul“ und „trans“ nicht mehr als Beleidung verwendet werden, weil es dafür keine inhaltliche Erklärung gibt.

Ich wünsche mir eine Fernsehindustrie, die Homosexualität nicht mehr hinterfragt. Sie als normal, als zugehörig behandelt, weil sie das ist.

Ich wünsche mir, dass Eltern ihren Kindern Ängste und Sorgen vor Abweichung nehmen, statt sie hervorzurufen. Dass sie ihre Liebe zu dem Kind nicht an Bedingungen knüpfen. Dass sie das können – lieben, ohne zu bedingen – weil sie selbst in einer Gesellschaft aufgewachsen sind, die ihnen das vorgelebt hat.

Ich wünsche mir, dass Kinder nicht wählen müssen – zwischen der Akzeptanz ihres Ich und der Liebe ihrer Eltern, weil: nur wenn ich mich liebe, kann ich auch andere lieben.

 

 

„You can be anybody that you want to be. You can love whomever you will. You can travel any country where your heart leads. And I know I will love you still […]”

– Everything Possible, The Flirtations

 

https://www.youtube.com/watch?v=6VA8DFFNQFA

Teil 2: Von dem, was mich anwidert

 

„Wie liebt eine Mutter, die ihr Kind nur lieben kann, wenn es hetero ist?“

In meiner Nachhilfestunde saßen mir die altbekannten Gesichter gegenüber. Das Zuckergesicht und der kleine Klugscheißer, wie ich sie insgeheim nannte. Ein Viertklässler und ein Sechstklässler. Spätestens nach einer Stunde fingen die zwei an zu quatschen und ließen sich fortan nur schwer von mir motivieren. Aus dem Gequatsche rief das Zuckergesicht plötzlich hervor: „Der [er zeigte auf den kleinen Klugscheißer] hat mich beleidigt! Der meint, mein T-Shirt sieht schwul aus!“. „Aber ‚schwul‘ ist doch keine Beleidigung!“, sagte ich. Langsam löste sich die Empörung aus dem Zuckergesicht. Das Gequatsche setzte wieder ein. Warum wachsen Viert- und Sechstklässler mit der Annahme auf, „schwul“ sei eine Beleidigung? Schwul sei etwas Negatives, etwas Peinliches, Beschämendes, etwas, dass es ermögliche, andere zu beschmunzeln oder gar sich über sie lustig zu machen?

Ich möchte nicht, dass Kinder in einer Gesellschaft aufwachsen, die ihnen vorlebt, die Merkmale „schwul“ oder „trans“ nur in negativen Kontexten benutzen zu können. Die ihnen eine gespaltene Gesellschaft vorlebt, aus Heterosexuellen, die die Normgruppe bilden, und Homo- und Transsexuellen Menschen, die die Randgruppe, das Anormale, das Abweichende bilden. Die ihnen die Legitimität vorlebt, die Attribute „schwul“ und „trans“ zur Belustigung, Ironisierung und Diffamierung der Randgruppe zu verwenden. Indem eben diese Verwendung nicht in Frage gestellt wird. Die ihnen dadurch ein System vorlebt, das sich aus den Ängsten und Sorgen der eigenen Abweichung und der eigenen Diffamierung, Ausgeschlossenheit nährt. Ein System, dessen Motor es ist, sich normgemäß zu verhalten, zu leben, zu lieben, Sex zu haben. Wie schrecklich!

Was mich ebenso anwidert, ist eine Fernsehkultur, die Homosexualität als „Tool“ verwendet, um die Quoten hochzutreiben. Es werden Unterhaltungsshows gezeigt, in denen sich offen über ‚das Schwule‘ und ‚Attribute des Schwulen‘, d.h. ein geschlechtsuntypischer Kleidungsstil, eine nasale Stimme, eine exotische Wortwahl […] lustig gemacht, in denen die Gesichter der Randgruppe gewohnheitsmäßig gedemütigt, ironisiert und ins Lächerliche gezogen werden. Eine solche Fernsehkultur widert mich an, denn: ein schwulenbelustigendes und -feindliches Fernsehprogramm ist für mich keine Unterhaltung! Ich möchte nicht, dass Homosexualität als Mittel zur Skandalisierung, zur reißerischen Berichterstattung verwendet wird. Nichts an Homosexualität ist reißerisch, nichts ist skandalös. Wenn ich eine solche Berichterstattung sehe, fühle ich mich 30, 40 Jahre zurückversetzt. Frage mich, ob die Gesellschaft dort stehen geblieben ist, wo per Gesetz Homosexualität legitimiert wurde. Dass es mit einem Gesetz nicht getan ist, ist selbstverständlich. Dass die Medien selbst heutzutage noch aus kommerziellen Zwecken gegen eine Normalisierung von Homosexualität arbeiten, ist ein Trauerspiel.

Was ich auch nicht möchte, ist, dass Eltern, Verwandte, Bekannte, Freunde eines Kindes diese ‚Abweichung‘ als Belastung wahrnehmen. Erst kürzlich erzählte mir eine Mutter, sie müsse sich (im Falle eines solchen Szenarios) erst einmal daran gewöhnen, dass ihr Sohn schwul wäre. Sie war so entschlossen mit ihrer Aussage, und ich so kraftlos, so erschüttert, dass ich nicht wusste, was ich entgegnen sollte. Auch hatte ich das Gefühl, ich würde sie mit keiner Argumentation erreichen können. Ich bin mir sicher, dass es unmöglich ist, einen solchen mütterlichen ‚Schock‘, eine Gewöhnungsphase an die ‚Andersartigkeit‘ des Kindes, vor dem Kind verbergen zu können. Ich fragte mich in dem Moment, was ihr Sohn denken und fühlen würde, hätte er mitbekommen, wie seine Mutter über das Thema Homosexualität dachte. Wäre er schwul, würde er sich nach einer solchen Aussage jemals seiner Mutter gegenüber öffnen können? Würde er seine Homosexualität jemals offen ausleben können? Würde er jemals er selbst sein können?

Ich möchte nicht, dass Eltern Homosexualität als Belastung wahrnehmen, als negative Abweichung, an die sich gewöhnt werden muss. Und viel weniger möchte ich, dass Kinder diese Wahrnehmung spüren müssen. Dass sie sich verstellen müssen, um weiterhin die Liebe und Aufmerksamkeit ihrer Eltern zu bekommen, die sie vorher bekamen. Dass sie sich selbst, ihre Identität, ihr „Ich“ leugnen müssen, um der Mutter eine Belastung, einen Gewöhnungsprozess zu ersparen. Wie geht es einem Kind, das sich selbst aufgeben muss, um die Liebe der Mutter zu bekommen? Wie liebt eine Mutter, die ihr Kind nur lieben kann, wenn es hetero ist?

Teil 1: Von dem, was ich sehe

 

„Viele, viele Menschen, denen es wichtiger ist, nicht als homophob zu erscheinen, als nicht homophob zu sein.“

Vor ein paar Monaten unterhielt ich mich mit einem Menschen. Er erzählte mir, dass er es satt habe, in Deutschland zu leben. Dass er es satt habe, tagtäglich beim Küssen seines Freundes angegafft zu werden, bei jeder Wohnungssuche den Namen einer Freundin angeben zu müssen, um für ein Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden (sein eigener klinge zu ausländisch), permanent diskriminierenden Sprüchen, die nur spaßig gemeint seien, ausgesetzt zu sein. Ich zuckte die Augenbrauen. Redete er wirklich von Deutschland? Und wenn ja, hatten wir wirklich unsere Jugend in dem gleichen Deutschland verbracht? Natürlich schockierten mich seine Erzählungen. Und doch kamen sie mir völlig fremd vor. Dann erzählte er von seinem Plan, in zwei Jahren in die Philippinen zu emigrieren. Er habe lange genug versucht, Bewusstsein für Homophobie und Ausländerfeindlichkeit zu erregen, unermüdlich zu argumentieren und sich den zweifelnden, skeptischen, negierenden Sichtweisen seiner Gesprächspartner zu stellen, er habe die Situation lange genug ertragen und für ein besseres, toleranteres Deutschland gekämpft. Jetzt sei es an den Aderen [mit anderen meinte er wohl die bio-deutsche, weiße, hetero Norm], sich zu bewegen, aufzustehen gegen Ungleichheit, für eine plurale Gesellschaft. Puuh, dachte ich. Mir saß ganz schön viel Ermüdung, Kraftlosigkeit, aber auch Entschlossenheit gegenüber. Wie konnte es sein, dass ich all das in 19 Jahren Aufwachsen nicht gesehen hatte, nicht wahrgenommen hatte? Menschen, die ausreisen, weil sie es in dem Land nicht mehr aushalten, das sich seine freiheitlich demokratische Grundordnung und den Schutz von Minderheiten ganz oben auf die politische Agenda schreibt? Ein Land, das versucht, Aus diesem Land wollte der Mensch ausreisen, weil er sich nicht toleriert fühlte???

Ich versuchte fortan, meine Augen zu weiten und das mir gezeichnete Bild wahrzunehmen. Mich selbst beobachtete ich am meisten. Ich sehe mich zum Beispiel im Lehrerzimmer meiner alten Schule stehen. Ich hatte Lust, nach langer Abwesenheit mal wieder vorbei zu schauen. Ich begrüße viele Lehrerinnen. Das Hauptgesprächsthema: mein neuer Kurzhaarschnitt. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kommen, aber plötzlich höre ich eine Lehrerin etwas von „Trans […]“ zu einer anderen sagen, und kurz darauf: meinen Namen. Verwirrt schaue ich die Beiden an, reiße intuitiv meine Augen auf, als hätte ich das dringende Bedürfnis, mich von dem ersteren Wort distanzieren zu wollen, die gefallene Assoziationsleine durch meine Mimik, große, erschrockene Augen, durchzuschneiden. Meinen Blick wahrnehmend oder nicht, erklärte mir die eine dann nüchtern, dass es um ironische Videos zu Transsexualität ging. „Aso“, nickte ich, ebenfalls nüchtern.

Jetzt frage ich mich: Warum der Blick zuvor? Warum hatte ich das intuitive Bedürfnis, mich mimisch von dem „Trans-Thema“ distanzieren zu müssen? Warum nahm ich „Trans“ als etwas Bedrohliches, Negatives, Peinliches, ja Unnormales war? Was verursachte meine Abneigung, oder eigentlich: meine Sorge, selbst der Gefahr von Demütigung und Diffamierung ausgesetzt zu sein, würde ich mich in der nächsten Sekunde nicht von dem Gesprochenen distanzieren? Und das, obwohl ich keine Ahnung hatte, worum es eigentlich ging, sondern lediglich die Silbe „Trans“ aufgeschnappt hatte.

Ich schäme mich für meinen Blick. Für meine Unreife. Und darüber, dass es dieser Reflektion bedarf, um zu realisieren, dass gerade solche Blicke, Gedanken, Gefühle die bestehende Machtstruktur zwischen der Heteronorm und der Homo-, Trans, Queer-Randgruppe aufrechterhalten, stärken. Ich schäme mich auch dafür, dass ich erst jetzt, wo sich mein Blick geweitet hat, das sehe, womit der Mensch, mit dem ich vor einigen Monaten sprach, sein Leben lang zu kämpfen hatte. Ich schäme mich für das, was ich sehe. Ich sehe viele, viele Menschen, denen es wichtiger ist, nicht als homophob zu erscheinen, als nicht homophob zu sein.

On the traces of my country’s identity

On the traces of my country’s identity

„Silence, please “, is what I said when I was standing in front of the curious faces of 8th class students. I did it in a different way than normally. I knew I had to give everything or nothing, otherwise I would get lost in the pubescent crowd. In fact, I don’t know what exactly was different this time, but I could read from the reaction of the students, that there must have been something different, as from one second to another the class was entirely silent. Some students were surprisingly lifting their heads, others looking a bit confused, but everyone was indeed silent, listening to what I was going to say.

I have the feeling that I am biologically disadvantaged. I’m small and my voice is tiny. So, neither my physique, nor my voice create the impression of authority and leadership. I never was a leader, and probably I’ll never be. I’m rather being led by others, or I am trying to resist and criticize the leadership. From time to time though, I tried to grove myself into that new position – the place in front of a class.

And this was where I stood now. However, enjoying the second of silence, what happened next was as well unexpected: a Nazi salute. One boy in the last row decisively stretched his arm in the air. He looked me in the eyes. A smile widened his face. Rapidly he pulled the arm downwards. I was unable to say anything, neither to behave in a certain way. Yes, I was somehow shocked. Gladly, the boy sat in the last row, so that his action did not distract the class or take my authority away. The impact of the Nazi salute was not a social one (related to the classes’ reaction), but a personal one. It touched me, as it would probably not have touched any Romanian. The reason was my historical background, the background of my people – the background of the German people.

I feel that I, as a German, wish to emancipate myself from the past. This doesn’t mean that I want to forget, nor to make people forget what happened, but it means that I want to relocate, to redefine my German identity. I want to redefine patriotism and pride, because I believe that to a certain extent patriotism is precious for the development of one’s identity as well as for the development of a nation’s identity. I don’t want to reduce myself to my people’s past, as I don’t like to be reduced to it by others. When I am not able to promote my country’s beauty, which it has indeed, I realise that I lack some pride, because I’m partly reducing my German identity to the past. When I’m not able to appreciate my country’s language, my country’s mentalities, it’s because I associate a huge part of the “cultural pot” with relentlessness, with discipline, with little humour, with harshness, so I’m reducing this culture pot to my country’s past. When people make a Nazi salute to be funny, even if I know that it’s not meant seriously, I feel reduced to the past. I feel reduced to all these stereotypes the past has generated. I feel reminded of all this indescribable pain my country has caused.

The German past serves other countries as a weapon. A psychological weapon to cease every dispute, to minimize every German voice, to degrade every German reputation, to stigmatise every German opinion. Just recently the Romanian president of German origin, Klaus Iohannis, has been shown with a Hitler beard. Some months before that, the German chancellor has been titled as “Mrs Hitler” in the Turkish newspaper “Yeni Akit”. Some months before that, right wing (extremist) supporters, among them the German right-wing party “Afd” have accused German politicians of acting as Hitler. Only three examples of what turbulent, disrespectful and psychologically destructive comments have run through international media.

And of course, these comments, these descriptions shape the German politics, the German society, the German individual. Political actions that are from my point of view clearly influenced by medial depiction, and thus by the German past, are for example Germany’s humanitarian “welcome policy” when facing the refugee crisis. Or the little investment in military resources in general until these days (I recently read a report about the downfall of the German army – the “Bundeswehr”). Or me as a volunteer, being sponsored by the German tax payer. Why? ( – a question I ask myself lots of times: why does the German state invest millions of euros in young people going abroad? But this is another issue to which I’d like to dedicate a separate article). In either case, it has got something to do with Germany’s international image, with her reputation, with her position in world politics, and hence, with an emancipation of the past.

I believe that in the end, even nation wise, it all comes down to appreciation. Of course, there is patriotism and national pride, but as the pride exists for the own nation, it can also be resented for other nations. I am proud of Europe’s diversity, I am proud of the worldwide individuality. I appreciate many single cultures, especially my beloved French culture! Certainly, countries themselves are searching for appreciation, for national acknowledgement, for particularity – probably a difficult task for the German people.

So, on the traces of my country’s identity, on the effort to emancipate myself from the past, I ask myself what I actually appreciate about the German culture, the German mentality, my German identity. Every country has strengths and weaknesses. While I had difficulties in the beginning of the voluntary service talking about Germany’s strengths, the weaknesses I experienced abroad taught me to appreciate different cultural aspects that I had taken for granted until now. Today, I see the controversial democracy in Germany that is alive. People are arguing, discussing, demonstrating, and using any peaceful means to fight for their opinions. I see debates about discrimination and environmental policies. I see an education that is liberated from religious and political fanaticisms. I see values, socially still not being fixed enough, that make me feel home and willing to fight for. I see a country on its way to emancipation, that doesn’t need the past anymore to be humanitarian. And I feel more appreciation than before, when realising that all this is globally seen not usual.

Von Zeigefinger-Kultur und Zickenkrieg

Das Problem vieler Politiker ist, dass sie, statt Lösungsansätze für aktuelle Probleme auszuarbeiten, strategische Parteipolitik betreiben. Dies tritt besonders in politischen Talkshows zum Vorschein. Hier umgehen sie Fragen, die ihnen gestellt werden, indem sie die Schwächen des Anderen aufzählen. Gleichzeitig versuchen sie dann paradoxerweise die Argumentationsstrategie des Anderen zu enthüllen und darauf hinzuweisen, dass dieser, der Andere, lediglich von seinen Fehlern/internen Probleme ablenkt, und mit dem Zeigefinger auf die Anderen zeigt. Als Vorbereitung auf eine Talkshow gilt, die Schwächen, die Faux-pas, die internen Kämpfchen des Gegners zu recherchieren und als Konter verwenden zu können, anstatt sich mit der Thematik, mit den wirklichen gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen. Leider wird dieses Verhalten oft von dem Moderator/in der Talkshow unterstützt, indem diese[r] Fragen stellt, die auf parteipolitische Machtkämpfe abstellen, bzw. einen solchen vorprogrammieren. Was wir erleben ist ein politisches Klima, das sich immer mehr jenem in den USA besonders zu, aber auch außerhalb von Wahlkampfzeiten annähert. Es geht nicht mehr um die Inhalte, die Problemstellungen, es geht nicht mehr um die Spaltung der Gesellschaft, um den rechten, auch rechtsextremen Mob, der sich mit Teilen der AFD vermengt, um Rentenarmut, um das Bildungssystem, den Mangel von Pflegekräften, […] wirklich wichtige Probleme, die angepackt werden müssen, sondern um politische Namen und Gesichter, deren Rang und Position, um Parteien, deren Geschlossenheit oder Widersprüchlichkeit. Während der Rücktritt eines Politikers/in, die Distanzierung oder Zurücknahme einer Aussage rauf und runter diskutiert wird, gerät die Sache zunehmend stark in den Hintergrund. Auch ich bemerke, dass ich inzwischen besser über die einzelnen politischen Gesichter informiert bin, als über die Themen, für die sie, jene Gesichter, einst ins Amt gewählt wurden.

Dass die Bevölkerung dann enttäuscht ist, sich mit den sie umzingelnden Problemen allein gelassen, ja, von den Politiker/innen im Stich gelassen und in ihrem Vertrauen missbraucht fühlt, ist kein Wunder. Traurig ist auch, dass sich dieser parteipolitische Zickenkrieg in das Auftreten der jungen Politiker/innen einpflanzt, bzw. diese keine konträre Position beziehen, sondern sich von dem verführerischen Spiel mitreißen lassen. Dem Spiel, Wahlkampf auf Kosten Anderer zu führen, Wählerstimmen durch das Fehler-Aufzeigen Anderer gewinnen zu wollen. Jenes Spiel führt offensichtlich auch zu einer gewissen Blindheit. Einer Blindheit dafür, dass eine solche Strategie bei den Wähler/innen erfolglos ist, und stattdessen (rechts-)populistische Parteien erstarken lässt. Es scheint einer Alkoholsucht zu ähneln, durch das Trinken (bzw. Mitspielen) können die eigentlichen Probleme ignoriert werden. Die Sucht (hier: das Spiel, die Schuldzuschreibungen) ist somit ein Vorhang, eine Kaschierung der eigentlichen Fragen, der eigenen Inaktivität. So lernen schon die Parteichefs/Parteichefinnen der jungen Parteien (Jusos, junge Union, junge Liberalen, etc.), wie sie sich zu verhalten haben, um an die Spitze zu kommen. Und die älteren aktuellen Minister/innen nutzen nicht ihre Erfahrung, um den Anschuldigungen mit Gelassenheit und Sachlichkeit entgegenzutreten, diese vielleicht sogar selbstkritisch und reflektiert zu behandeln. Nein, sie spielen mit und unterstützen die vom medialen Sensationsgeist geprägte politische Zeigefinger-Kultur. Gesagt sei auch, dass diese Strategie von allen Parteien verwendet wird, egal ob Opposition oder Regierungspartei, d.h. egal ob, von Natur der Sache her „kritisierende Partei“, oder „befürwortende Partei“.

Politiker/innen müssen begreifen, dass sie die Menschen durch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit verlieren. Jeder einzelne politische Geist kann durch ein themen-fokussierteres Auftreten das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen! Wichtig ist, dass überhaupt ein Bewusstsein für das eigene politische Spiel entsteht. Wichtig ist, dass gehandelt wird, und zwar schnell! Weg von den Gesichtern, Namen, Anschuldigungen und Rücktrittsforderungen, hin zu Themen, Lösungsstrategien und Kooperation!

Dass dieser Beitrag ein wenig ernster und im Verhältnis zur Lebenserfahrung einer 19-Jährigen etwas „zeigefingerhaft“ formuliert ist, liegt daran, dass ich kurz zuvor eine Polit Talkshow gesehen habe. Seltsamerweise hat mich die Sendung gleichzeitig ermüdet und gereizt, ja, geärgert. Meine Eindrücke bzw. im Speziellen meine Ärgernis will ich gerne teilen. Ich denke, dass gerade in den heutigen Zeiten das Teilen von Eindrücken und auch Empfindungen, wie Ärgernis oder Ermüdung, etc. sehr wichtig ist. Jedweder Versuch in den Diskurs zu treten erhält offene, freiheitliche Denk- und Verhaltensstrukturen, somit also einen der Grundpfeiler der Demokratie. Das Beitragsbild zeigt ein an eine Hauswand gekleistertes Plakat (sog. Paste Up). Auf diesem ist ein Witz über die Inaktivität der politischen Parteien Rumäniens gekritzelt, die, laut des Street Art Künstlers, die Bevölkerung im Stich lassen. Die rumänische Bevölkerung hat momentan mit antidemokratischen Bewegungen stark zu kämpfen. Ich wiederum möchte dennoch nicht nach Rumänien, sondern in mein eigenes Land schauen. Möchte auf Deutschland zeigen. Auf uns. Auf mich. Sehe, dass dort, besonders wenn ich wieder Zuhause bin, genügend Bedürfnis für Benennung (dessen, was passiert) und aktiver Gestaltung der Gesellschaft besteht.

https://www.ardmediathek.de/tv/Anne-Will/Streit-um-Maa%C3%9Fen-in-welcher-Verfassung/Das-Erste/Video?bcastId=328454&documentId=56096326