Langzeitreise

Von Packen, Abschied und einem gestärkten Immunsystem

Wieder im Zug. Und wieder auf Langzeitreise. Diesmal sitze ich in einem französischen Schnellzug. Nur sechs Stunden von Aachen bis an die französische Atlantikküste nach Bordeaux. Tatsächlich kommt alles, wie ich es mir seit der zehnten Klasse erträumt habe. Nach ein paar Umwegen, Auswegen und Überwegen bin ich nun bei meinem Traum angelangt – einem Studium in Frankreich am Meer. Und bei meiner üblichen Zugreflektion fällt mir auf: all die Abläufe der Langzeitreise sind mir seltsam vertraut – Packen, Stress, Abschied, Hektik, Chaos, Trauer, und weg! Verrückt, denke ich, wie parallel die Zeit läuft, zu meinem Aufbruch vor zwei Jahren nach Berlin. Schon das zweite Mal verliebe ich mich eine Woche vor meiner Abfahrt, schon das zweite Mal küsse ich, wohl wissend, dass der Kuss nicht nachhaltig ist, dass es keinen Zweiten geben wird. Auch diesmal trage ich viel Gepäck, das mich durch die nächste Zeit leiten und begleiten wird (damals ein bisschen komfortabler unterwegs, mit sogar einem Fernseher und einem Fahrrad im Kofferraum, jetzt mit zwei dicken Koffern durch die Pariser Metro). Und beide Male sind es Sehnsuchtsorte, die mich anziehen und zur Entscheidung bewogen haben, dort zu studieren. Ich liebe Berlin. Berlin ist meine Lieblingsgroßstadt, mein Freiheitstrubel. Und ich liebe das Meer. Bordeaux selbst kenne ich noch nicht, lediglich der Wein, eine alte Weinkiste, die beschriftet ist mit „Vins de Bordeaux“ und eine Münze, die in die Richtung der Stadt gezeigt hat, bilden meine Assoziationen. Und dann ist da eine Zahl: sechsundfünfzig. Sechsundfünfzig Autominuten bis ans Meer. Noch nie habe ich so nah am Meer gelebt! Diese Feststellung beeindruckt mich noch immer, hat eine unglaubliche Macht über mich, überspült mich mit Freude und Glück.

Auch vor zwei Jahren war der Abschied intensiv. Damals wurde ich mit dem Auto gebracht, wir haben zusammen Abend gegessen und gefrühstückt und schließlich Tschüss gesagt. Ich erinnere den Moment noch sehr genau, als meine Mutter die Autotür hinter sich schloss und sich das Auto in Bewegung setzte. Es holperte in langsamem Tempo über die gepflasterte Straße, als es außer Sichtweite war, sprang ich in die Luft, jubelte vor Freude und vor dem bevorstehenden Abenteuer. Nie zuvor hatte ich solch eine Freiheit empfunden. Die Stadt sollte in den nächsten Wochen und Monaten zum Sinnbild ebendieser Freiheit werden. Heute erzählt mir meine Mama, wie schwer ihr das Wegfahren damals gefallen sei, und auch dass sie jetzt anders vorbereitet sei. Es fühle sich diesmal weniger wie ein Abschied an, sondern mehr wie ein Kommen und Gehen – der Lauf der Dinge von einem Mädchen, das erwachsen wird. Als wir am Bahnhof in Aachen sind, kommt es dann aber doch ganz anders. Meine zwei Koffer zu verstauen dauert ein wenig, und dann strömen hinter mir immer mehr Menschen in den Zug. Ich sehe Mama und meine beste Freundin draußen stehen, warte geduldig bis der Menschenstrom aufhört und ich noch einmal aus dem Zug hüpfen kann, um sie zu umarmen. Dann ertönt das vertraute Hupen. Der Schaffner, der mir vorhin noch geholfen hatte, meine Koffer unterzubringen, steht jetzt mit einem Bein in der Tür und mit einem auf dem Bahnsteig, in der rechten Hand hält er eine rote Signaltafel. Alles geht so schnell. Plötzlich höre ich Mama von draußen beherrscht rufen: „Oh, es geht ja schon los.“ Ich bin fest entschlossen noch einmal raus zu springen, aber es scheint zu gefährlich, denn der Schaffner streckt mir eine Hand entgegen. Daraufhin mache ich mich lang, um wenigstens die Hände meiner Liebsten zu fassen. Es gelingt. Kurz. Dann ist die Tür zu. Draußen sehe ich meine Mama weinen und meine beste Freundin trösten. Ich lächle die beiden durch das kleine Glasfenster in der Tür an, aber sie scheinen mich nicht zu sehen. Mama ist auch vielmehr mit Weinen, als mit Sehen beschäftigt. Plötzlich kommt es mir ganz komisch vor, dass sie weint und ich lächle. Sie weint um ihre Liebe und ich lache um mein Glück. Aber diesmal ist es kein Glück wegen dem Gefühl der Freiheit, das mich übermannt. Diesmal ist es Glück darüber, dass sie da ist. Ich lege meine Hand auf die Scheibe und hoffe die beiden sehen jetzt endlich, dass ich noch immer dort stehe, wo ich eingestiegen bin. Sie versuchen beide, ihre Hände ebenfalls von außen an die Scheibe zu legen. Dann beginnt der Zug zu rollen und die beiden zu winken. Gut, dass Mama jetzt wenigstens nicht allein am Bahnsteig zurückbleibt, denke ich.

Was diesmal anders ist: ich fühle mich besser gerüstet, nach dem halben Jahr Zuhause. Selbstsicherer. Mein Immunsystem ist stärker. Meine Abwehrkräfte sind gewachsen. Ich flüchte nicht mehr, sondern gehe meinen Weg.

Hymne der europäischen Jugend

Hymne der europäischen Jugend

Ich sitze im Zug. Die Sonne scheint über die sattgrünen Felder. Ich staune, wie so oft, wenn ich mit dem Zug unterwegs bin. Von dem brutalistischen Stuttgart, dessen Sanftheit und Ästhetik ich noch versuche zu entdecken, kehre ich heim an den blauen Niederrhein. Hinter mir liegt eine intensive Woche Bewerbungsstress, zwei Gespräche, und schon glücklicherweise: eine Zusage. Mein nächster Abzweig ist gesichert! Ich blinzele der Sonne entgegen. Es fühlt sich an, als wäre ich mit Helium befüllt.

Nachdem ich jetzt sicher bin, dass und wie es mit mir weitergeht, denke ich an meine Freunde, oder besser: meine Mitreisenden, die sich wie ich auf derselben Reise befinden, nur andere Destinationen anvisieren. Illustration, Musikpädagogik, Ethnologie, interkulturelle Spanischstudien, internationale Beziehungen, Elektrotechnik in Schweden, Ernährungswissenschaften (und ein Umzug von Iasi, Rumänien nach München, Deutschland)….welch wunderschöne Träume, welch wunderschöner Sinn vor uns liegt!

Gestern erzählte mir eine Französin, dass in ihrem Heimatdorf in der französischen Provence 93 % der Wähler*innen den rechtspopulistischen Rassemblement National gewählt haben. Dass sie bei solchen Zahlen Angst bekomme um ihr Land. Wenn ich an mein bevorstehendes Frankreich Studium denke, denke ich auch an Europa. Denke „Wie viele junge Europäer*innen nutzen die offenen Grenzen, den freien Personenverkehr Europas, um sich zu entfalten, um ihren Platz in Europa, oder in der Welt zu finden! Welch Freiheit!“

Die Welt liegt uns zu Füßen, habe ich das Gefühl. Oder zu Europa. Und seinem Frieden. Der Gesang liegt im Himmel, fällt mir als nächstes ein, wenn ich an das Gospelkonzert von gestern Abend denke. Ein Ohrwurm schleicht sich in meinen Kopf und erhöht die Helium Konzentration in meinem Körper…

 

We are a chosen generation
Called forth to show His excellence
All I require for life; God has given me
And I know who I am

We are a chosen generation
Called forth to show His excellence

All I require for life; God has given me
And I know who I am

I know who God says I am; What He says I am
Where He says am at; I know who I am
I'm working in power, I'm working miracles
I live a life of favor, Cause I know who I am
Ohh oh oh, oh oh oh
I know who I am

I am holy, I am righteous oh…
I am so rich, I am beautiful
I'm working in power, I'm working miracles
I live a life of favor, Cause I know who I am
Take a look at me, I'm a wonder
It doesn't matter what you see now
Can you see His glory, ‘Cause I know who I am
Ohh oh oh, oh oh oh
I know who I am

 

“I know who I am” – Sinach

https://www.youtube.com/watch?v=frtZ4XfoXxM

Von überzeugtem Handeln, das Früchte trägt

Von überzeugtem Handeln, das Früchte trägt

 

Ich sitze wieder mal im Zug und fahre dieselbe Strecke, die ich ca. einen Monat zuvor zum ersten Mal wahrnahm. Ich versuche die Landschaft wiederzuerkennen, besondere Auffälligkeiten. Vor einem Monat sah es deutlich verschneiter aus. Damals nahm ich den Zug von Timisoara nach Iasi, d.h. einmal quer durch den Norden Rumäniens. 17 Stunden Fahrt. Heute, von Cluj aus ist es nur die Hälfte. Ich hatte mich vor einem Monat aus Umweltgründen bewusst für den Zug entschieden, statt mich in das nur unwesentlich teurere, aber schnellere und komfortablere Flugzeug zu setzen. Als ich die Fahrt dann mit einer Erkältung antrat, und ich spätestens nach der Hälfte der zurück gelegten Kilometer die 17 Stunden Zugfahrt wirklich zu spüren begann, sah meine Laune natürlich anders aus, als beim Kauf des Tickets. Damals war ich von meiner guten Tat für die Umwelt überzeugt, meinte, mir über die Nachteile der langen Fahrt bewusst zu sein und drückte euphorisch auf den „Kauf-Button“. Denn: Ich liebte Zugfahren, warum dann nicht auch mal etwas länger, um ein paar Emissionen einzusparen?

Ich war froh und fertig, als ich endlich in Iasi ausstieg. Papa, der bisweilen dazu gedrängt hatte, ich solle doch mit dem Flugzeug fliegen, nutzte die kurze Nachricht, wie fertig ich sei, um seine im Vorhinein ausgesprochene Empfehlung zu bestätigen. „Siehste, manchmal sollte man auch mal auf Menschen hören, die 40 Jahre mehr Lebenserfahrung haben!“, bekam ich als Antwort. Bisheriges Argument gegen meine gelegentlichen Versuche, umweltbewusster zu handeln, klang ungefähr so: „Ja, aber dann darfst du ja gar nichts mehr machen. Dann kannst du nur noch zuhause bleiben, Licht und Heizung ausgeschaltet lassen, und Nahrungsergänzungsmittel zu dir nehmen!“

Es ist schade, dass umweltfreundliches Handeln oft als ein Verbot aufgefasst wird. Genauso ist es schade, dass die Grüne gerne als Mutter mit erhobenem Zeigefinger bezeichnet wird. Jene einzige Partei, die Umweltverschmutzung und Klimawandel als gegenwärtige Probleme wahrnimmt, und einen Lösungskatalog für derartige zukünftige Herausforderungen anbietet. „Verbote“, mit denen Menschen sich konfrontiert und in ihrer Freiheit verletzt sehen lauten dann: „Du darfst kein Fleisch mehr essen!“, „Du darfst keine Produkte mehr kaufen, die unter niederen Arbeitsbedingungen oder in weit entfernten Ländern hergestellt wurden, obwohl Du Lust darauf hast!“, „Selbiges gilt für Klamotten, auch hier darfst Du keine inhumanen Arbeitsbedingungen oder tierische Ressourcen enthaltende Produkte fördern, so sehr Du Dir diese Lederjacke auch wünschst!“, „Du darfst kein Flugzeug mehr betreten, überhaupt solltest Du aus Emissionsgründen so wenig reisen wie möglich!“, etc.

Ich verstehe, dass sich Menschen in ihrer Freiheit und ihrer Sehnsucht, bestimmte Lebensmittel zu essen, in ihrer Lust, besondere Kleidungsstücke zu tragen, bedrängt sehen. Es ist mit wichtig, all die moralischen Umweltgebote, als Angebote, statt als Verbote wahrzunehmen. D.h. dass ich mich bewusst für eine bestimmte umweltfreundliche Verhaltensweise entscheide, weil ich davon überzeugt bin, dass es die für mich richtige Verhaltensweise ist. Diese Überzeugung verdrängt wiederum das Verbotsempfinden. Diese Überzeugung führt zu Wohlwollen, Euphorie und Optimismus. Sie führt dazu, dass ich vermeintliche Einschränkungen nicht mehr als solche wahrnehme, sondern als Veränderungen meiner individuellen Handlungspolitik, als Reform- oder Verbesserungsvorschlag.

Meine Antwort auf das Bild des im kalten und dunklen Wohnzimmer sitzenden, sich von Kartoffeln ernährenden Ich, ist, dass ich nur auf jene Dinge verzichten muss, auf die ich selbst verzichten möchte. Im Gegenzug versuche ich dann aber den umweltschonendsten Weg zu wählen. Natürlich möchte ich nicht auf das Reisen verzichten. Ich bin jung, abenteuerlustig und will die Welt entdecken. Auf der anderen Seite kann ich 17 Stunden Zugfahrt auch mal auf mich nehmen. Ich liebe Fleisch und werde sicherlich nicht in absehbarer Zeit Vegetarierin. Dennoch versuche ich meinen Fleischkonsum auf bestimmte Tage unter der Woche zu reduzieren.

Innere Überzeugung, nicht Verbote sollten unser Handeln leiten. Ersteres ist auch viel nachhaltiger, denn ich arbeite für mich, nicht gegen den moralischen Zeigefinger Anderer. `Überzeugung trägt Früchte, Verbote lassen sie nur verwelken´, denke ich, und rolle meinem Ziel im halbverschneiten Rumänien entgegen.

Straßenseite wechseln

Oder: von vertrauten Fassaden und barrocken Bauten

 

Ich laufe durch die Straßen Cluj Napocas. Bewundere die bunten Häuser, die die Altstadt verzieren. Das älteste von ihnen, das Geburtshaus des rumänischen Königs Matia Corvin, reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. In anderen Bauten kann ich das barocke Erbe der „Sachsen“ wiedererkennen. Der etwas neuere Teil der Altstadt wird von neo-klassischen, romantischen Häusern geschmückt. Ich lasse meinen Blick an den frischen Fassaden entlangwandern. `Menschen, die tagtäglich durch eine solche Altstadt spazieren, brauchen nicht mehr ins Kunstmuseum gehen´, denke ich, und bestaune die sich mir eröffnende Szenerie heute schon den vierten Tag. Das Passieren von Straßen, die mir am ersten Tag fremd waren, ist jetzt zur Gewohnheit geworden. Die bunten Fassaden sind mir vertraut. Die Neugierde und Faszination der ersten Schritte und Blicke durch die Gassen, sind der Erwartung von Schönheit und Lust nach Wiedersehen gewichen.

Unerwartet erreiche ich einen hinteren Teil der Altstadt, der mir bisher verborgen geblieben war. Vor mir schlängelt sich ein Teil der alten Stadtmauer entlang. Ich klettere die Steigung eines sich vor mir erstreckenden Hügels hinauf. Einer von mehreren das Tal umrundenden Hügeln und Bergen, durch die die Stadt unter anderem ihren Namen bekam. Cluj ist lateinisch und steht für Kreis bzw. eingekreistes Tal, Napoca steht für Feuchtigkeit und Wald. Nach ein paar Höhenmetern scheint die Stadtmauer in ein paar Häuserbuchten verlaufen zu sein.

Ich freue mich, dass die Gassen auf meinem Rückweg noch genauso fremd sind wie zuvor. Als ich wieder in den mir bekannteren Teil der Altstadt gelange, zieht sich das Gefühl des Neuen, Unentdeckten überraschenderweise fort. Denn: ich sehe zum ersten Mal die andere Straßenseite der Hauptstraße. Staune. Wooow, noch mehr wunderschöne bunte, prachtvolle Häuser mit alten, frisch bestrichenen Fassaden. Noch mehr Lichtspiel durch die Sonne, welche sich an der ein oder anderen Häuserecke ausruht oder spiegelt. Was ich bemerke: durch das Wechseln der Straßenseite, sehe ich jene Häuserwand, an der ich bisher entlang gestreift war von einer anderen Perspektive. Ja, während sie mir bis dato verborgen geblieben war, weil ich direkt neben ihr lief, mich in ihrer unmittelbaren Gegenwart befand, sehe ich sie jetzt in ihrer Gänze, in ihrer vollen Schönheit. Durch Abstand.  Durch Distanz.

Ich denke an meine monatelange andauernde, wirklich intensive Leidenschaft für die Materie der Psychologie zurück. Damals hatte ich Artikel und Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologische Modelle studiert, hatte Europarechtsvorlesungen für Vorlesungen der klinischen Psychotherapie sausen lassen, hatte sämtliche „Psycho-Bekanntschaften“ kontaktiert, um mich mit ihnen über den Studiengang, den späteren Beruf und vor allem über Beobachtungen und Modelle gebannt auszutauschen. Ich hatte einen wahnsinnigen Durst, mich in diesem Fach zu verwirklichen. Wie ein den Körper befallender Virus, hatte dieser Durst nach und nach mein (trockenes) Interesse am Jurastudium vertrieben. Hatte sich eingeschlichen in mein Gehirn, mein Herz, mein Handeln. Im Sommer war für mich klar, dass ich das eine Fach gegen das andere eintauschen würde!

Und dann, scheinbar von einem Tag auf den Nächsten, war sie weg. Jene Leidenschaft, die mich während meines Studiums weitaus mehr beschäftigt hatte, als der eigentliche Studienstoff. Meinem näheren Umfeld schien dies recht zu sein, der Beruf der Psychotherapeutin war bisher auf Skepsis gestoßen. Menschen, denen ich die Geschichte erzählte, besonders Freunde, die mich mit eben jener Leidenschaft in Erinnerung trugen, fragten nach dem Warum. Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Das ist einfach so verflogen. Weiß nicht, warum. Ist irgendwie unbewusst passiert.“ Eine Schranke war plötzlich da, die die Zugschienen in Richtung der Psychologie versperrte. Ich, als Lokführerin nahm diese Tatsache achselzuckend hin, schaltete den Rückwärtsgang ein, und wartete auf einen neuen Abzweig. `Okay, dann halt nicht´, dachte ich.

Mittlerweile sind sechs Monate verstrichen. Ich schaue zurück auf das Verfließen der damaligen Leidenschaft. Mit ein bisschen Abstand. Distanz. Spüre weit entfernte Angst, wenn ich an Psychologie denke. Angst, in Leid und Instabilität zu rutschen, durch das mich umgebende Leid, die mich umgebende Instabilität als Psychotherapeutin. Ich spüre Respekt vor dem Berufsbild, und sehe ein rot umrandetes Schild vor mir. Darauf steht geschrieben: Vorsicht, diesen Weg bitte nur bei Schwindelfreiheit betreten. Das bin ich nicht, schwindelfrei. Okay, dann eben einen anderen Weg, sage ich mir. Und wende meinen Blick von der früheren Straßenseite ab, um auf der jetzigen weiterzugehen.

Zugphilosophie

Oder : Timpul meu si vointa mea (meine Zeit und mein Wille)

 

“You don’t have time, you make yourself time.” („Du hast keine Zeit, du schaffst dir Zeit.”), sagte ein Freund zu mir vor nicht langer Zeit. Für mich ist dies eine so wichtige Philosophie, dennoch schuf ich mir erst jetzt die Zeit, um meine Gedanken zu sortieren und ein paar Zeilen darüber zu schreiben.

Oft sind Menschen so sehr in ihren Job, ihr Engagement, ihren Freundeskreis oder Alltag eingebunden, dass sie das Gefühl haben, sie würden von der Zeit regiert, und nicht: Sie selbst regierten die Zeit. Auch mir passiert es gelegentlich, dass ich auf meine zwei letzten Schuljahre oder meine Studienzeit zurückblicke und denke „Man, hatte ich wenig Zeit [für mich]!“. Und es stimmt, denn, ohne bestimmte Berufe oder Studiengänge abwerten zu wollen, liegt es in der Natur von einigen Berufen und Studiengängen, dass sie zeitintensiver sind, d.h. mehr Engagement erfordern. Als Selbstständige*r oder Arbeitgeber*in arbeite ich tendenziell mehr als Angestellte, „habe also weniger Zeit“. Als Erwerbstätige*r arbeite ich zumeist mehr als Kinder, Jugendliche oder Rentner*innen, „habe also weniger Zeit“. Als beispielsweise Mathematik- oder Medizinstudierende arbeite ich gewöhnlicherweise mehr als Studierende anderer Studiengänge (weil die Durchfallquote höher ist, die Konkurrenz größer, der Lernstoff umfangreicher, die spätere berufliche Verantwortung höher ist…), „Ich habe also weniger Zeit.“. Eltern, die sich um ihre Kinder kümmern müssen, arbeiten in dem Sinne mehr als Singles, „haben also weniger Zeit“.

Dennoch finde ich die Formulierung „Zeit haben“ missverständlich, denn Zeit habe ich auch beim Nachgehen meines Berufes, lediglich investiere ich sie dort in meinen Beruf. Es ist aber nicht der Beruf, der mir die Zeit raubt, sondern ich bin es, die die Zeit in den Beruf investiert, statt sie in das Treffen von Freunden, das Lesen eines Buchs, das Schreiben eines Blogeintrags, das Ausüben meiner Leidenschaften, etc. zu investieren. „Zeit haben“ wird somit gleichgesetzt mit „Zeit für Entspannung“, „Zeit für Abschalten“, „Zeit für Selbstverwirklichung“. Dass ich meine Zeit in den Beruf investiere, hat seine Gründe. Ich muss Geld verdienen, ich liebe meinen Beruf, ich trage viel Verantwortung, ich möchte mich einbringen und helfen. Trotzdem bin ich diejenige, die entscheidet, dass ich jetzt gerade meinem Beruf nachgehen möchte, oder jetzt gerade einen Blogeintrag schreiben möchte, usw.

Für mich ist es wichtig, zu realisieren, dass wir alle denselben Umfang der Ressource „Zeit“ haben, wir haben alle dieselbe Lebenszeit (abgesehen von einer unterschiedlichen Lebenserwartung je nach Lebensweise, biologischen Voraussetzungen und Fleck, auf dem wir leben – das ist aber für diese Zeilen irrelevant). Was uns voneinander unterscheidet, ist, wie wir diese Ressource einsetzen. Natürlich war ich es, die sich in der Oberstufe dafür entschieden hat, sehr viel Zeit in die Schule zu investieren (die Gründe sind mir heute schleierhaft 😉). Natürlich war auch ich es, die sich dafür entschieden hat, Jura zu studieren, wohlwissend (nach all den furchtsamen Kommentaren und hochachtungsvollen Blicken), dass es ein zeitintensiver Studiengang ist.

Es ist für mich so essentiell, davon auszugehen, dass ich mir Zeit für Dinge schaffe, dass ich der/die Regisseur*in meiner Zeit bin, weil dieser Ansatz das Fundament dafür ist, einen freien Willen zu haben. Und wozu lebe ich, wenn ich mein Leben nicht frei gestalten kann? Was bringt es mir, mich selbst zu entmachten, indem ich meinen „Zeitmangel“ als Rechtfertigung für das Unterlassen von Dingen verwende, die mir wirklich wichtig sind? Was bringt es mir, mich selbst zu einer Marionette meiner Zeit zu machen? Wie viel freier und selbstbestimmter könnte ich sein, wenn ich die Regisseurin meiner Zeit wäre? Wenn ich meine Zeit als Chance und nicht als Belastung wahrnähme?

Durch das, was vor dir steht

Oder: die Geschichte von dem Titel meines Blogs

 

Vor gut einem dreiviertel Jahr befand ich mich in Berlin, und machte mir Gedanken über die wichtige Frage: wie sollte ich meinen Kulturweit Blog nennen?  Die Antwort fand ich außergewöhnlicher Weise recht schnell. Mir summte ein simpler Nebensatz durch den Kopf, den Michael Patric Kelly einmal von sich gegeben hatte: Er glaube, dass Gott sehr real sei, sehr realistisch […], und nicht immer durch außergewöhnliche, übernatürliche Wege zu einem spreche, sondern durch das, was vor einem stehe. Ich spielte die Sequenz noch einmal ab, um mir die Worte genau durch den Kopf gehen zu lassen. Ja, mit dieser Aussage konnte ich mich (mit meinem bis dato atheistischen, aber auch unreflektierten „Gottes- und Glaubensverständnis“) gut identifizieren. Automatisch begann ich nach Erfahrungen zu suchen, die die Aussage bestätigen oder widerlegen würden. Gott, der sich in dem Menschen befindet, der vor dir steht…

Natürlich hatte der Gedankengang etwas Paradoxes, scheinbar Unpassendes an sich: der allwissende, allmächtige Gott sollte sich in einem einfachen, unvollkommenen Geschöpf befinden? Ein Geschöpf, das weder allwissend, noch allmächtig war?

Doch geht es für mich bei der Aussage Kellys nicht um jene überweltlichen Attribute, die dem Menschen, der vor dir steht durch einen derartigen Vergleich zugeschrieben würden. Nein, es geht um ganz einfache, alltägliche, aber auch wichtige und besondere Attribute, die jene Menschen [in denen sich Gott befindet] repräsentieren. Es geht, um Liebe, um Nähe, um Vertrauen, und Wertschätzung, Dankbarkeit, Fürsorge, Mitgefühl. Wenn ich an Menschen denke, die vor mir standen [von denen ich sagen würde, ich habe durch ihre Liebe die Anwesenheit Gottes gespürt], denke ich an warmherzige Umarmungen, an liebevolle Berührungen, an Aufmerksamkeit und Zuspruch. Ich denke an unerwartete Emails und Briefe, an unerwartete Dankbarkeit und Glückwünsche. Ich denke an all diese Menschen, und an all die schönen, verbindenden Momente, die ich nicht vergessen werde. Ich denke daran, dass in diesen Menschen Gott steckt, denn vollkommener hätten die Momente mit ihnen nicht sein können. Durch sie erlebe ich ganz konkret, was Gott uns von seiner Liebe gibt. Ich brauche nur die Augen öffnen, und das [oder denjenigen Menschen] genießen, der vor mir steht.

„Durch das, was vor die steht“ beschreibt schließlich auch den Weg, der vor mir steht. Dieser Weg hängt wohl eng mit den Menschen, die vor mir stehen, zusammen. Denn sie zeigen mir, dass ich mich auf dem richtigen Weg befinde. Befände ich mich auf dem Falschen, wäre ich diesen Menschen wohl nicht begegnet. Aus diesen Menschen ziehe ich Kraft und Sicherheit für das [Unbekannte], was kommt.

Was zählt, ist nicht, dass ich diese Menschen wieder verlassen muss, sondern, dass ich ihnen begegnet bin, und dass dieser gemeinsame Moment jetzt zu mir gehört. Auch, wenn dies natürlich in der Situation des Verlassens jener Menschen schwer zu begreifen ist. Aber die Trauer gehört schließlich [wie die Wartezeit] auch dazu!

 

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/koelner-treff/video-michael-patrick-kelly-saenger-100.html

Rythme différent

J’ai cru qu’on serait bien
Qu’on serait confié
J’ai cru qu’on partageait
Non seulement le vin et le p’tit bon pain 

Mais il prend pas beaucoup de temps
Jusqu’au point que je remarque
Que j’suis plus au courant
Que tout est tellement étrange

Alors, vous êtes loin
Loin derrière les montagnes
Où la musique vous est familier
Les mélodies que vous partagez

Et votre culture générale
Votre connaissance des notes
Votre clé pour cette salle
Je peux pas suivre ce rythme musicale 

Je m’assure, c’est pas de jalousie
C’est pas d’envie qui me fait parler
C’est justement un manque d’attention,
D’estime et d’appréciation

Alors, il arrive que je me demande
Pourquoi suis-je ici ?
En quoi sert ma présence ?
Je peux rien vous reprocher 

Eh bon, c’est bien
J’suis différente
Une autre pièce d’un puzzle
D’une beauté autrement éclatante

Et oui, mon ouverture
Elle connaît bien des frontières
Vous les avez touchés
Ici j’suis entêtée 

Puisque, je peux pas suivre votre rythme
Votre rythme musical
Qui n’est pas le mien
Ni au présent, ni sur le prochain festival 

Comme si vous parlerez une langue différente
Une langue secrète
Qui me rend folle de silence
Qui me rend bête par ses mots étranges

Que je peux pas suivre votre rythme
Parce que j’suis différente
Voilà, vous verrez
Mes notes sont beaucoup plus lentes

Tauwetter

Oder: von der Freiheit zu gehen

 

Ich sitze hinter meinem Fenster und beobachte, was auf der anderen Seite vor sich geht. Nacht. Null Uhr vierunddreißig. Der Schulhof ist in der Dunkelheit gut zu sehen, wird von zwei sich zuzwinkernden Laternen bestrahlt. Das Zwinkern wird vom grau-lila schimmernden Himmel abgemildert. Die Blätter auf dem Boden glänzen. Alles steht. Ich liebe diese Ruhe, dieses scheinbar ewige Standbild. Als würden die Gebäude, welche wochentags für so kurze Intervalle so viele Kinder schlucken und sie gegen Nachmittag für den Rest des Tages wieder ausspucken, nachts zu Obst- und Gemüse eines Standbilds verfallen. Kein Licht mehr, kein Tumult mehr, keine Wärmezufuhr mehr, kein Bodengeschrubbe mehr. Nur noch Standbild. Und der Schnee taut. Jener, der sich vor zwei Wochen im Wege eines schweren Schneesturms angesammelt hatte. Es ist Tauwetter. Ich lausche der Stille, dem Standbild.

Vor gut zwei Tagen diagnostizierte ich nun endgültig, dass ich anfällig für Freiheitsentzug bin. Obwohl es hier doch noch so (Jura-Studiums-) verhältnismäßig wenig zu tun gibt, schaffte ich es, mir einen Arbeitshaken zu suchen, an dem ich mich und meine Kleider aufhängen konnte – auf unbestimmte Zeit. Ich entdeckte, wie viel Potenzial darin steckte, rumänisch zu lernen, wie viel Raum, den es zu füllen galt, wie viel Leiterstufen, die noch empor zu klettern waren. Ich verfiel in ein altes Muster – jenes, der Arbeitssteuerung, die von nun an bestimmte. Ich war am Beginn, mich in eine Routine, in die Hamsterrad Routine einzuarbeiten. Was diesmal anders war: ein Infusionsschlauch versorgte mich mit Reflektionswasser. So spürte ich selbst, wie ich mir meine eigene Freiheit entzog. Diesmal sah ich zu, wie ich das Schloss meiner Zelle verriegelte und den Schlüssel aus dem Fenster warf. Ich sah, wie ich aus Zwang, Strebsamkeit, meinem Ehrgeiz oder dem selbstausgesprochenen Verbot heraus, Freude empfinden zu dürfen, in dem Hamsterrad gefangen blieb. Ich schrieb:

„Ich spüre, dass ich süchtig bin. Ich spüre meine Sucht. Sie ist immer noch da. Alles was sie benötigt, ist ein kleiner Raum, in dem sie sich niederlassen kann. Ein kleines Potenzial, das sie entdeckt. Ein Potenzial, an dem sie sich festbeißen kann, mit den Worten: nutze es! Verschwende es nicht! Reize aus, was es auszureizen gibt! Schaffe einen Ort der Perfektion! Und höre nicht auf, ehe du fertig bist!“

Mir wurde klar, dass, sollte ich ein neues Studium anfangen, dann musste ich einen Weg finden, meine Freiheit zu bewahren. Vor zwei Monaten hatte ich mit einer Pfarrerin gesprochen, die mir von ihrem Sonntag erzählte – für sie ein Tag der Ruhe und des Rückzugs. Mir gefiel der Gedanke, und doch merkte ich auch, dass für mein Freiheitsentzug kein Marshall Plan her musste – der Plan bestand einfach darin, mir die Freiheit zu nehmen. Und dann hörte ich heute Abend ein Interview mit der Schauspielerin Laura Tonke, die genau das beschrieb – das Sich in eine Routine einfuchsen, und mit der Zeit das Gefühl für den eigenen Willen, für die eigene Lust zu verlieren. Dass sie das eine Jahr Nichtstun gebraucht hatte, um wieder frei zu sein, um wieder zu spüren, ob sie das tat, was sie wollte, oder: um wieder zu spüren, was sie wollte. Das war es, was mir durch den Freiheitsentzug oft verloren ging – mein Gefühl, mein Gespür dafür, was ich wollte, worauf ich Lust hatte.

Ich sank tiefer in den Stuhl, schlürfte meinen heißen Tee. Lauschte dem Tauwetter. Hielt inne.

 

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/koelner-treff/video-koelner-treff—mit-vanessa-mai-und-roeland-wiesnekker-100.html

Ein Bild von kurzen Haaren und alten Weinkisten

Manchmal zeichne ich Bilder. Ich zeichne ganz intuitiv was mir in den Sinn kommt. Ich zeichne, niemand anders. Diese Bilder helfen mir, klarer darüber zu werden, was ich wirklich will. Als ich im Sommer ein Bild von einem in der Zukunft wieder aufgenommenen Jurastudium zeichnen wollte, hätte ich kotzen können vor Hässlichkeit des Bildes. Da wurde mir einiges klar.

Diese Bilder sind leider nur rein immateriell, da ich in Wahrheit überhaupt nicht zeichnen kann, jedenfalls nicht auf Papier. Also zeichne ich in Synapsen, und was dabei entsteht, ist oft sehr schön (oder eben auch mal hässlich), aber meistens ist es sehr klar und eindeutig. Gestern ist wieder ein Bild entstanden, welches mich mit Stolz und Sicherheit erfüllt. Denn jedes Bild gibt mir Halt und Stabilität, und vor allem: mehr Vertrauen zu mir selbst. Und erfüllt-sein von Vertrauen ist ein ziemlich schönes Gefühl, welches ich gerne teile. Hier also mein Bild – von kurzen Haaren und alten Weinkisten:

 

Sie sollen vier Zentimeter kurz sein. Ich werde sie mir in Berlin schneiden lassen, nach dem Nachbereitungsseminar. Wahrscheinlich kommt eine Freundin mit zum Friseur. Dann können wir zu zweit geschockt sein. Ich weiß noch nicht wo. Vielleicht irgendwo im Wedding. Vielleicht irgendwo im Prenzlauer Berg. Und dann gehe ich zum Mauerpark. Dort gibt es so schöne, stylische Stirnbänder, die ich schon seit Beginn meiner Berliner Studienzeit bewundere. Das muss toll aussehen. Die kurzen Haare mit dem Band um mein Gesichtchen. Warum fragen mich die Menschen nicht nach meiner nächsten Frisur, statt nach meinen Studienplänen? Kurze Haare werden meine Zukunft. So schön!

Und von Berlin aus werde ich dann, samt meiner kurzen Haare und dem Stirnband, nach Hause fahren. Und Papa beim Holzhacken helfen. Und alte Weinkisten bemalen. Und das Haus putzen.

 

Bis mir ein Licht aufgeht. Oder ich nicht mehr danach suche?

Warum das Nein zu Jura kein Ende, sondern ein Anfang ist

„Und warum?“, ist die Frage, die mir gewöhnlicherweise gestellt wird, wenn ich zufrieden und entspannt, fast schon stolz und lächelnd, von meinem Studienabbruch erzähle. Jedes Mal fällt die Antwort erstaunlicherweise anders aus. Langsam kehrt auch eine gewisse Trägheit und Lustlosigkeit ein, mich noch und noch und noch einmal auf dieses Gespräch einzulassen, um den Leuten meine Zufriedenheit verständlich zu machen. Denn das ist sie für viele anscheinend nicht – verständlich. Wie sollte das auch zusammenpassen? Abbruch, Veränderung, Cut heißt Unzufriedenheit. Ansonsten hätte es ja keinen Anlass zum Abbruch gegeben. Studienabbruch heißt oft monatelanges, wenn nicht sogar jahrelanges Dulden einer Lebenssituation, die als stabil galt, und deswegen dem Cut, der Instabilität und der vorübergehenden Orientierungslosigkeit vorzuziehen war. Abbruch heißt Revision des Lebensentwurfes, heißt, sich Fragen zu stellen. Abbruch heißt vielleicht auch Flucht vor dem was Ist, hin zu Klarheit. Vor allem heißt Abbruch sich seinen Sorgen und Ängsten zu stellen, überhaupt wahrzunehmen, dass es diese gibt, ihnen Gehör und Raum zu verschaffen, sich mit ihnen zu beschäftigen und dann Schlüsse zu ziehen. In diese Orientierungslosigkeit wollte ich mich lange nicht hineinwerfen bzw. wollte ich sie nicht als solche wahrnehmen. Stattdessen habe ich mich dann von einem System ins andere geflüchtet, wohlwissend, dass ich nichts von Jura will, und das Jura auch nichts von mir will. Wenn ich an die Zeit des „Systemwechsels“ (vom Schulsystem zum Studiensystem) zurückdenke, taucht ein kurzer Emailverkehr zwischen meiner Französisch Lehrerin und mir in meiner Erinnerung auf. Es ging um ein französisches Motivationsschreiben, welches ich für die Bewerbung eines deutsch-französischen Studiengangs verfassen musste (so fühlte es sich tatsächlich an). Und während ich an jenem Schreiben saß, das ich ihr später zur Korrektur zusenden würde, dachte ich darüber nach, was ich schreiben sollte. Ich war wirklich ratlos. Perplex. Wo es doch sonst immer so aus mir heraussprudelte, wenn ich Menschen von meiner Motivation, meinem Interesse an einer Leidenschaft erzählte. Hier sprudelte nur Ratlosigkeit. Da war einfach nichts in mir. Meine Hand ließ sich nicht leiten, sie musste vielmehr Druck auf die scheiß Tasten ausüben, sodass am Bildschirm vor mir ein wahrlich zusammengedachter, vielleicht auch geflickter Text erschien, der irgendwie wiederspiegeln sollte wer ich bin. Ein Text, der viel mit Europa, und deutsch-französischer Freundschaft, und viel Liebe zu Frankreich (aber vielleicht wenig Liebe zu Jura?) zu tun hatte. Und was ich noch so gut erinnere, ist der Moment der Selbstironie, in dem ich die Mail an meine Französisch Lehrerin schrieb, mich schon einmal im Voraus bedankte, und ihr mitteilen wollte, wie sehr ich doch nicht wusste, wie ich dieses blöde Motivationsschreiben füllen sollte, wie sehr mein Herz es nicht wusste. Manchmal gibt es Momente, in denen sich das Herz klar äußert. Das war wohl einer. In der Email beließ ich es dann trotzdem bei dem Dankeschön. Und zog nach Berlin.

Abbruch ist auch so schwer, weil er die Aufgabe einer vermeintlich stabilen Lebenssituation bedeutet, in der ehemals Entscheidungsklarheit, ein gewisser Grad an Selbstfindung und Selbstverwirklichung, ein vertrautes soziales Umfeld, ein Zuhause, eine Eingliederung in ein System, (wenn auch als Matrikelnummer), eben Stabilität, herrschte. Das „Nein“ oder „Stopp“ ist mir so leicht gefallen, weil ich Jura die ganze Zeit nur als Übergangslösung (unbewusst) empfunden habe. Vielleicht habe ich mich also nie wirklich als Teil des neuen Systems empfunden. Während die ersten drei Wochen der Horror waren, war das restliche erste Semester gut erträglich, hat sogar Spaß gemacht und mich interessiert. Und trotzdem wusste ich die ganze Zeit, wenn auch unbewusst, dass es ein Ort ist, an dem ich nicht bleiben möchte. Im zweiten Semester kam dann mehr und mehr das Verlangen Psychologie studieren zu wollen. Das war im Übrigen eine gute Erklärung mit Jura aufzuhören, denn so musste ich mich nicht mit dem beschäftigen, was mir an Jura nicht passt, sondern nur mit dem, was mir an Psychologie passt. So habe ich meine damaligen Gedanken auch klar anderen gegenüber formuliert, habe gesagt „ich höre ja nicht mit Jura auf, weil mich Jura nicht interessiert, sondern einfach, weil mich Psychologie mehr interessiert. Dann fuhr ich irgendwann nach den Klausuren mit dem Fahrrad und Valli an meiner Seite nachts durch München, und sagte vor mich hin „Ich glaub ich hör auf mit Jura“. Und damit war eigentlich alles gesagt. Und je öfter ich diesen Satz aussprach, desto besser ging’s mir, desto sicherer und richtiger fühlte er sich an. Raum für Ehrlichkeit. Sicherheit in der Unsicherheit. Zufriedenheit.

Was soll ich nun antworten auf die Frage? Mein Grund ist ein alles oder nichts Grund. Er ist sehr abstrakt und lässt sich nur schwer mit Worten ausdrücken. Der Grund bin ich. Der Grund ist mein Herz. „Weil das bin ich nicht“, war die erst letztens formulierte Antwort an eine Freundin, diese gefiel mir tatsächlich ganz gut. Jura ist meine Umgehungsstraße. Sie umgeht ein tiefes Schlagloch. Das Schlagloch ist mit rot-gelben Absperrband gesichert. Da will auch niemand, besonders ich nicht, einen Blick hineinwerfen. Dafür ist es viel zu angsteinflößend. Und dunkel. Wer weiß, ob ich da je wieder rauskommen würde. Dabei ist es doch so wichtig auch mal in die tiefen, dunklen Löcher reinzuschauen, nur so verlieren sie nämlich an Tiefe und Dunkelheit. So wichtig, ehrlich zu sich zu sein. Jura ist nicht nur meine Umgehungsstraße, sondern (für mich) auch eine Einbahnstraße. Bei diesem Gedanken frag ich mich, wie viele Juristen wohl auch in die Einbahnstraße reingefahren sind und es niemals bemerkt haben. Jene Jura-Einbahnstraße ist wegen ihrer vielen Möglichkeiten und guten Zukunftsaussichten einfach sehr verlockend. Da erinnere ich mich an eine Einführungsveranstaltung in der Ersti-Woche, in der ich hörte, dass fast jeder Dritte sein Studium abbricht. Ich war echt schockiert über die Statistik, vor allem aber verstand ich die Zahl nicht. Waren die deutschen Studenten wirklich so faul? Hatten sie derartig wenig Durchhaltevermögen und Leistungsbereitschaft? Verständnislosigkeit machte sich in mir für jene Köpfe, die diese Zahl füllten, breit. Witzig ist im Nachhinein, wie fremd mir das Studienabbrecherdasein schien, wie sehr ich mich nicht dazu zählte, wo ich doch innerlich schon genau wusste, dass ich auch mit Jura aufhören würde.

Meine Umgehung fühlt sich wichtig und richtig an. Als wenn ich sie habe fahren müssen, um auf der eigentlichen, auf der Ich-Straße, weiterzufahren. Als wenn ich sie habe fahren müssen, um mir der Bedeutung von Ehrlichkeit zu meinem Selbst bewusst zu werden. Und deshalb ist sie auch kein Ende, mit Absperrband, sondern der Anfang. Hin, zu einem ehrlichen, klaren Weg.