Zug von dannen

Weißer Himmel, zugezogen

So siehst du aus,

der weder Sonne noch Regen spüren lässt.

Hinterm Bahnhofsgelände

Da rauschen die Züge

Von ganz weit her nach ganz weit weg

Und ein jeder einzelner

Bringt einen um den Atem

Dabei weiß doch jeder Fahrgast

dass Züge ziehen müssen,

des freien Reiseherzens Willen.

Âme derrière ta clavicule

Que l’âme se trouve pas derrière tes yeux
Mais derrière ta clavicule, as-tu raconté,
C’est-à-dire entre l’omoplate et le sternum
Qu’elle est pas verte comme tes yeux
Mais plutôt rouge, fondue avec le sang qui l’entoure
Elle, cette petite espèce qui nous assure qu’on existe
Pas que physiquement
Qu’il y a un « je » qui peut s’interroger, 
qui peut parler à lui-même
Une telle âme es tu
Une qui ne cesse pas à s’interroger
Sur son état, son bien-être, ses sentiments
Y-a-t-il une vérité ?
Y-a-t-il un dernier doute ?
Une âme qui brille comme le soleil
Qui crépite comme la pluie
Qui est engagée comme un p’tit soldat dans la rue
Garde-t-elle.
Elle te protège.

Von deiner unbeirrbaren Zuversicht

Was wärst du ohne deine stille Zuversicht? Ohne deine Augen, die sich zu allem Anderen wenden, vielmehr als zu dir selbst. Ich merk, wie deine Erzählungen langsamer werden. Worte finden ist schwer. Sich die Welt in Erinnerung zu rufen auch. Was Anderen ihr Charisma ist, ist dir deine Weichheit. Aus ihr spricht dein Leben. Deine Lebendigkeit. Das i meines Namens, das du bewundernd in die Länge ziehst. Stärke in deiner gemächlichen Ruhe. In deiner unbeirrbaren Zuversicht. Dass ich das schon schaffe. Ob du weißt, was du da sagst? Fühlen bestimmt. Dein Herz ist mit mir. Zumeist erwartungslos. Wie schön. Wie liebevoll. Ich werd dir Bücher widmen, ja eine ganze Bibliothek. Dass du für immer bei uns bleibst.

Tausendjähriger Hefeteig

Die Zeit, die vergeht ohne etwas von dir zu hören, kommt mir ewig vor. Ewig lange her. Wo hat man das schon, dass das Ticken eines Zeigers sich wundersam über mehrere Zeitzonen erstreckt? Dass die Zeit sich einmal dehnt, statt zu schmelzen; wie ein über Tausend Jahre gedeihender Hefeteig

Feuille rose

1

Sie lag im Bett und hielt die Augen geschlossen. Das Licht im Zimmer war aus. Durch das Panoramafenster seitlich von ihrem Bett schimmerten die Lichter der Laternen und bunten Reklamen der Innenstadt. Nicht so, dass es unangenehm war, nur, wenn sie sich aufrichtete und vor die transparente Wand setzte, lag das Lichtermeer vor ihr. Sie versuchte eine neue Form der Meditation, indem sie ihre verzwickten Gedanken auf ein Blatt schrieb, dieses an die Wand hing und die Augen schloss. Üblicherweise landete sie ganz woanders, als bei ihren Gedanken, glitt ab in Lichterreklamen und Abenddämmerung. Vielleicht waren die Worte, die sie zu Papier gebracht hatte, so diffus, so unnahbar, weil sie sich nicht greifen ließen. Weil ihr Herz sie nicht greifen konnte. „Was ist das, wichtig sein?“

Sie hatte über die Wertschätzung anderer schon mehrere Essays geschrieben, hatte Studien zu Wertschätzung im Wandel und die Werte der Leistungsgesellschaft durchgeführt und diese mit früheren Studien verglichen. Erst letztes Jahr hatte sie aus dem gesammelten Material einen wissenschaftlichen Beitrag in einer Festschrift veröffentlicht. Er hatte wenig Beachtung gefunden. Sie fand es ironisch, dass ihr Beitrag nicht diskutiert wurde, und sich stattdessen Lifestyle Magazine um diese Themen rissen. Wertschätzung, Achtsamkeit, Rückbesinnung. Das amateurhafte Geplänkel, die banalen, leeren Buchladensätze, mit denen die Seiten dieser Magazine gefüllt waren, machten sie wütend. In einer Welt, sie sich ernsthaft zu verändern hatte, wurden empirische Erkenntnisse nicht ernstgenommen. Stattdessen glotzten die Menschen stumpf in den Fernseher oder verblödeten vor dem Controller. Manchmal dachte sie wirklich, abgesehen von ihren an der Hand abzählbaren Kollegen und Kolleginnen, sei sie allein auf der Welt; sei allein sie diejenige, von der das kosmische Schicksal und vor allem jenes der Menschheit abhing. Dann nach der letzten Wahl war sie doch überrascht, dass der Landtag nicht in blau ertrunken war.

Sie öffnete die Augen und blinzte wieder in Richtung Lichtermeer. Dann auf das rosafarbene Blatt, das sie im leeren Kinderzimmer ihrer Tochter gefunden hatte. So einfach wie möglich hatte sie ihre Gedanken mit einem roten Filzstift zu Papier gebracht. Es war jedes Mal eine Qual, sich von all den wissenschaftlichen Konzepten zu lösen und sich auf das Wesentliche zu beschränken. Manchmal flitzte ihr die Frage durch den Kopf, wer sie war, ohne ihre Theorien, ihre Abhandlungen; also wer sie wirklich war. Dann lachte sie über die Sinnlosigkeit. Wenn es der Sinn des Lebens war, sich selbst einen Sinn zu geben, dann hatten Fragen, die sie zu Sinnlosigkeit führten in ihrem Kopf nichts zu suchen.

Schon seit einigen Tagen beschäftigte sie nun das rosafarbene Papierchen gegenüber der Panoramafront. Matteo hatte sie dorthin geführt, als sie ihm vorgeschwärmt hatte, wie überwältigt sie war, dass sich Professor Frank aus New York zurückgemeldet hatte. Ihm und seinen neurobiologischen Erkenntnissen hatten sie ihren letzten Essay gewidmet. Nein, eigentlich waren es weniger seine Abhandlungen, sondern vielmehr der Professor, der Mensch, dem sie den Essay widmete. Sie verband nichts miteinander, sie kannte ihn nicht einmal, bis auf die flüchtigen, unwesentlichen Begegnungen auf oberflächlichen Empfängen. Aber er, dieser Professor, den sie nicht kannte, und dennoch unheimlich bewunderte, hatte ihr einen Brief geschrieben, um sich für die Widmung und die gemeinsamen Gespräche zu bedanken, und, das meinte sie aus seinen warmen Zeilen herauszulesen, wenngleich sie sich unsicher war, es war mehr als ein bloßes förmliches Dankeschön, die Zeilen erzählten sogar ein bisschen wer sie war, obgleich sie nicht wagte, sich in dieser Hinsicht zu überschätzen und anmaßende, empirisch nicht belegbare Hypothesen anzustellen. Trotzdem, seine Worte waren herzzerreißend, sie hatte beinahe eine Träne vergossen, als sie den Brief plötzlich in der Hand hielt. An einem Sonntagmorgen. Noch bevor Matteo sie zum vormittäglichen Kaffee abholen gekommen war.

Matteo, vor einigen Tagen im Café, hatte ihr zugehört, weise genickt, als sie fertig war, ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben und gesagt: „Du brauchst nicht immer denken, dass du nicht wichtig bist.“ Sie war überrascht, für ein paar Sekunden sprachlos. Von ihrem jungen italienischen Liebhaber hatte sie nun wirklich keine so treffende Reaktion erwartet. Es rührte sie. Er rührte sie, indem er augenscheinlich sah, wie sie sich fühlte. Das passierte nicht oft und sie hielt es ihm nicht vor, dafür wusste er zu wenig über sie. Sie hatte tatsächlich kurz nach Luft schnappen müssen, Tränen waren glücklicherweise nicht gekommen, das wäre auch zu viel gewesen. Sie hatte seine ernsten Worte unter dem Heizpilz im Café stehengelassen und war ins Haus gegangen, um zu bezahlen. Sie ärgerte ihn gerne, indem sie sich seinen Rollenvorstellungen widersetzte. Für sie war es ein Spiel. Für ihn war es Ernst.

Und jetzt lag sie in ihrem Bett und dachte drüber nach. Nicht über ihn, nicht über seine Stimme, nur über seine Worte. Nur über die Worte, die sie dazu veranlasst hatten, sich in eine neue Meditation zu begeben. Sie betrachtete eingehend das rosafarbene Papierchen. „Was ist das, wichtig sein?“. Sie versuchte den Satz zu drehen und zu wenden, ihn auf sich zu beziehen. ‚Ich bin…‘ Aber ihr Herz war leer. Sie wünschte sich, dass es Stellung bezog. Wünschte sich still, dass es schreien würde, fluchen, zynisch lachen, zwinkern. Sie wünschte sich, dass es reagierte. Dass etwas geschah. Aber nichts. Nichts passierte. Ihr Herz war leer, als sie den Satz noch einmal las. Und noch einmal. Und die Leere, das verwirrte sie am meisten, war nicht einmal unauthentisch, wie das Ergebnis anderer Meditationen. Sie war einfach da.

Gib mir Worte. Gib mir Leben. Gib mir Lebendigkeit.

Von weißem Wolkenhimmel und verpasstem Absprung

 

So sind diese Tage. Zugezogen, weißer Wolkenhimmel, Bauarbeiter, die vom Haus schräg gegenüber mit schrillen Gerüstgeräuschen durch mein Zimmerfenster schallen, meine Bettdecke, die um 11 Uhr fünfundvierzig noch viel zu warm ist, ein Geruch von Gras, von benebelter Nässe. „Zugedampft und eingedutscht“, würde Opa sagen. Ein Ausdruck, der sich ursprünglich auf eine misslungene Paella bezog. Unter der Bettdecke schiebe ich den Miesepeter, habe irgendwie den Absprung verpasst, warte jetzt auf meine tägliche Obsthof Verpflichtung. Was auch sonst tun – mit dieser Laune? Außerdem ruft mein Herz nach Abstand, wie es sicher vieler Leute Herzen in diesen Zeiten tun. In der Wartezeit nach Abstand suchend, teste ich, ob ich noch schreiben kann.

Gib mir Worte. Gib mir Leben. Gib mir Lebendigkeit.

Teil 4

Ich zweifle, gibt es Authentizität? Ist Tageslicht ein Fake? Wenn Liebe punktuell ist, ist der Graph steigend oder fallend. Ist Ambivalenz meine Rechtfertigung. Bin ich ein Kompromiss. Wie viel Klamotten trag ich noch. Bin ich Sommerkind im Winter wer. Ist der Bewegungsmelder müde. Könnt ihr stehen bleiben. Warte, ich geb dir einen Kuss