Ich trags in mir, das Glück

Ich will dir nicht zu nahetreten, aber du hast ein schönes Lachen, wollte sie sagen. Traute sich nicht, obwohl es eigentlich ihre Art war. Schonungslos ehrlich, indiskret, forsch. Aber bei dem Freund ihrer Freundin? Merkwürdig, dass sich das Kommentieren seines Lachens so intim anfühlte, so verboten. Vielleicht auch nicht. Vielleicht hätte sie genauso sein schönes Nachdenken, sein schönes Stirnrunzeln, sein schönes Abnicken kommentieren können. Wäre alles zu intim gewesen. Zu enthüllend.

Gelacht hätte er, hätte sie es kommentiert. Weich, burschenhaft, ein bisschen schelmisch. Hätte eine Fantasiewelt mit seinem kurzen, süßen Lachen betreten, das aus dem breiten Mund kippte. Eine Welt, die er in und auswendig kannte, in der er sich bewegte, mit liebender Güte, wie ein ahnungsloser Buddhist. Und jedes Mal, wenn er austrat, verriet sein Gesicht ‚Ich habs erfahren, in dieser Welt. Ich trags in mir, das Glück.‘

Sie hätte ihm erzählt, dass es nämlich das Lachen wäre, das die wahre Persönlichkeit zeigt. Ob das hysterisch ist, reif, zynisch, kindlich. Musst nur genau hinhören. Und sehen. Dann erfährst du, was manche erst sehen, wenn‘s schon zu spät ist, hätte sie gemeint, trocken. Wieder hätte er gelacht. Etwas unbehaglich, nicht so wie sonst. Aber trotzdem schön.

Freundschaft

Ein Junge wartete auf das Wiedersehen seines Freundes. Er rollte an Platanen vorbei, die wirre Schatten warfen, Sternenmuster. Links von den Platanen ein weitläufiges Parkgelände, saftige Wiesen und Sträucher, die langsam zu blühen anfingen. Frühlingstag.

Früher, bei lang ersehnten Wiedersehen, staute sich ihre Vorfreude zu einem fülligen, warmen Ballon, der zerplatzte, als sie sich plötzlich erblickten. Dann lachten sie los. Riefen sich beim Namen. Ein Ausruf mit Fragezeichen am Ende, das den Bogen spannte. Sie schenkten sich ein Lächeln, einige Sekunden, Erinnerungen flogen, gemeinsames Schlittschuhlaufen, Klettern, Eiswettessen.

Sein Freund erschien hinter der nächsten Platane. Mitleid lag in seinen Augen. Wo war das Lachen? Wo das anhaltende Lächeln?

Stattdessen Betroffenheit. Der Junge spürte, dass der Blick für ihn war, ein Geschenk. Ein hässliches Geschenk. Sein Freund verlor sich im Sternenmuster der Platanen auf dem Asphalt unter ihnen. Verstörte es ihn, den Jungen im Rollstuhl zu sehen? War er überfordert?

Das sei nur ein Rollstuhl. Und er sei ja trotzdem noch er, erzählte der Junge, um seinen Freund zu beruhigen. Kurz darauf musste er sich eingestehen, dass seine Aussage nicht stimmte. Dass der Rollstuhl ihn sehr wohl veränderte, dass er auf Suche war. Vielmehr als zuvor. Der Junge erzählte von der Zeit vor dem Krankenhaus, von neuen Freunden mit getunten Rollstühlen und Brettspielen, für die man bloß seine Nasenspitze brauchte. Die Augen seines Freundes veränderten sich nicht, blieben mitleidvoll. War alles schwer, was er erzählte? Alles düster? Er kramte doch bewusst nach heiteren Geschichten.

Das Treffen war kurz. Es überraschte den Jungen wenig. Er spürte, dass ihre Freundschaft weitergezogen war. Ohne die beiden mitzunehmen. Wusste, sie würden sich nicht wiedersehen.

Sturm vorüber?

Ein Junge schaute in die Sonne, Kopf nach vorne links geneigt, Nacken eines Katzenbuckels, Lider geschlossen, das rechte Bein übers Linke geschlagen, Jogginghose, dunkelblau, die seinen rechten drahtigen Oberschenkel eng umspannte, orangene Schnürsenkel, die in das grüne, frisch gemähte Gras fielen, in der rechten Hand ne leere Kaffeetasse, mit der er im Takt eines Liedes von Tracy Chapman an die Armlehne tippte; vor ihm der Garten, spießig geschnittene Pflanzen, am Ende des Gartens ein Kanal, der ihn von anderen Spießergärten trennte; offen lag er, keine Hecke dazwischen, die Sichtschutz hätte bieten können, sodass man durch die breite, säuberlich geputzte Fensterfront des Ferienhauses gegenüber einen weißen Spitzen-BH auf dem sandfarbenen Sofa sah. Fand der Sturm gerade statt, oder war er schon vorüber?

Scherz am Rande

Ein Junge und ein alter Mann saßen sich an einem Tisch im Café gegenüber. Die Nachmittagssonne lag auf den Schultern des Mannes, im Gesicht des Jungen. Der Mann erzählte, der Junge hörte zu. Zwischendurch pausierten sie. Tranken. Lecker schmeckte die süße Schorle, die der Junge bestellt hatte.

Der Kellner kam, und bat die beiden, ihre Daten zu hinterlassen. Es waren diese Zeiten, in denen man sich überall in Listen eintragen musste. Als Treuebeweis. Dem alten Mann ging’s auf den Sack.

„Die denken wieder, wir sind Vater und Sohn!“, stänkerte er, denn der Kellner hatte ihnen nur eine Liste gebracht. Der Junge lachte. Der alte Mann gluckste. Und wenn’s so wär? dachte der Junge, und lächelte den alten Mann an. Wie wäre ich dann? Wie wärst du dann?

Mindestens ein Instrument würd ich spielen, und Noten rückwärts lesen können, Freunde hätt ich, und ulkig wär ich, und ziemlich peinlich würd ich dich finden. Prahlen würd ich mit meinem Wissen. Und gähnen, wenn’s ne Premiere gäb.

So spekulierte er fort, bis der alte Mann den letzten Schluck seines Kaffees austrank und, so der Lauf der Dinge, aufstand. Er erzählte dem Jungen beherzt, was er noch zu tun hatte. Der Junge nickte.

„Kann ich das abräumen?“, fragte der Kellner. Der alte Mann bejahte. Und ehe der Kellner ein Wort von der Rechnung sprach, fügte der alte Mann hinzu: „mein Sohn zahlt!“

Der Scherz war wärmend. Der Junge schmiegte sich ins Lächeln des alten Mannes. Er hätte ihm gerne einen Scherz zurückgegeben. Vielleicht auch was Provozierendes. Was Pubertäres, wie es Söhne tun. Der Mann schien zufrieden mit dem Lächeln und ging. Der Junge war auch zufrieden.

Dann, als er schließlich alleine war, aufgewühlt, wütend auf den alten Mann, was dieser sich erlaubte. Wie er ihn nannte! Aus heiterem Himmel.

Er beruhigte sich, machte es sich auf dem sanften Scherz bequem, und genoss die Sonne. Er war berührt, als wär‘s kein Scherz gewesen.

Ossobuco

Ein Sohn rief seinen Vater an, weil er seine Stimme hören wollte. Der Vater nahm den Hörer ab.

„Hallo?“

Dem Sohn gefiel die Gewissheit, zu jeder Minute, jeder Stunde, eine Begrüßung des Vaters zu hören.

„Hallo, Papa!“, euphorisch überschlug er sich und machte es sich mit dem Hörer am Ohr gemütlich.

Bald kamen sie auf die Krankheit des Vaters zu sprechen. Leider. Denn egal, was der Sohn sagte, der Vater vermochte irgendeine Assoziation zu seiner Krankheit herzustellen. Sprach er einmal von seiner Krankheit, dann drehte er minutenlange Kreise, wütete, tobte, litt. Der Sohn schaltete ab, sank in seine eigene Welt. Rauschen. Nebel. Dafür hatte er ihn nicht angerufen. Sein Selbstmitleid, seine Angst, sein Zorn. Er verlor seinen Vater und umgekehrt. 

Dann, irgendwann, fragte der Vater: „weist du denn schon, was du dir heute Abend kochst?“

Der Sohn schüttelte den Kopf. Schwieg. Paprika mit Gehacktem? Pfannekuchen? Nudeln?

Der Vater wartete nicht lange, begann von seinen Essensplänen zu erzählen. Lebendigkeit kehrte ein. Detailliert beschrieb er dem Sohn, wie er das Ossobuco zubereiten wollte, was er garen, wie lange er es köcheln und womit er würzen wollte. Der Sohn interessierte sich, denn er wusste, dass der Vater gut kochen konnte und dass ihm gutes Essen viel bedeutete. Er stellte Fragen und versuchte zu verstehen, welche Arbeitsschritte es einzuhalten galt. In diesen Momenten spürte er seinen Vater. Lächelte am anderen Ende der Leitung und trocknete seine Tränen.

Sie verabschiedeten sich. Der Sohn begann zu kochen. Und es schmeckte. Besser als das Essen.

Musik im Haus

Ein Junge lag in seinem Bett und versuchte einzuschlafen. Das Flurlicht leuchtete durch die angelehnte Zimmertür. Er spürte es auf seinen Liedern. Nicht so, dass es ihn störte. Es wärmte. Um einzuschlafen, zählte er Schäfchen, dachte an ein schwarzes Loch, das rotierte, fuhr über die Hügel der Raufasertapete. Half alles nicht.

Plötzlich ertönte Musik im Treppenhaus. Wo kam sie her? Träumte er? Er schlug die Augen auf. Das vertraute Licht im Spalt. Kraftvolle Musik direkt unter ihm. Kein Traum. War das Disko? Eine Disko im eigenen Haus?

Er stand auf und tapste die Treppe runter. Mit jeder Stufe kam er dem Bass näher. Kalt waren die Flurfliesen unter seinen nackten Füßen. Die Musik kam zweifelsfrei aus dem Wohnzimmer. Laut. Kraftvoll. Rhythmisch. Viele Begriffe, mit denen er nichts anzufangen wusste. Er zögerte. Wer hatte die Musik angemacht? War jemand außer ihm und seinen Eltern im Haus? Er fasste seinen Mut und griff an die Klinke.

Alles war dunkel. Im Kaminofen brannte Feuer. Es leuchtete orange, gelb und rot. Der Bass war voll zu hören. Eine Schallplatte drehte ihre Runden. She’s an easy lover, She’ll get a hold on you believe it, She’s like no other, Before you know it you’ll be on your knees. Sein Vater stand in der Mitte des Wohnzimmers. Die Beine angewinkelt, die Finger gespreizt, den Kopf im Nacken. Er sang aus vollem Herzen. Was der Junge sah, verstörte ihn. Sein Vater bemerkte ihn und tanzte weiter. Der Junge trat ein und setzte sich vor den Kaminofen. So musste Disko sein.

Am Olgaeck

Er rollte an. Heut Morgen schon zum zwölften Mal, passierte er die russische Kirche. Die Sonne, ganz unüblich in diesen Tagen, knallte auf das Armaturenbrett. Ihm war warm ums Herz. Er kniff die Augen zusammen, lächelte, halb in Trance, während er an Trauben voller Fußgänger vorbeirauschte. An der nächsten Haltestelle stieg ein Mädchen in den Bus. Ein Ticket. Sie nahm das Rückgeld und setzte sich schräg hinter seine rechte Schulter, sodass er sie im Rückspiegel sehen konnte. Sie kamen ans Olgaeck, wo viele Menschen ein und ausstiegen. Er drückte einen Knopf, um die Türen zu öffnen. Sah, wie Passagiere rauchten, drängelten, schimpften.

„Wie machen sie das eigentlich?“, fragte es hinter seiner Rechten. Er fuhr herum.

     „Ich drücke den Knopf“, fragte er zurück.

„Glücklich sein“

     „Achso.“ Er wandte sich ab, wusste keine Antwort. 

Sie stand auf. Der Tumult vor den Türen hatte sich gelegt. Bis zur nächsten Fahrt, wollte er sagen. Sie ließ los, sprang aus dem Bus. Er rollte an.

tanzum, freisam

Wenn du wüsstest, was es mir gibt, zu tanzen.

Jene Freiheit auf der Welt, mit der ich etwas anzufangen weiß.

Die meine.

Die ich in vollen Zügen auskosten, in Gänze zu bewegen liebe.

Zwar mag ich mich schämen unter mancherlei Blicken.

Aber bin ich einmal bei mir, ist die Scham einmal fort, ist die Freiheit einmal da,

so tanz ich und tanz,

vermag ganze Gedankenstränge zu vergessen.

Denn es lässt sich nicht in Worten tanzen.

Nur auf sie hören. Und zuweilen auf ihnen atmen.

Zug von dannen

Weißer Himmel, zugezogen

So siehst du aus,

der weder Sonne noch Regen spüren lässt.

Hinterm Bahnhofsgelände

Da rauschen die Züge

Von ganz weit her nach ganz weit weg

Und ein jeder einzelner

Bringt einen um den Atem

Dabei weiß doch jeder Fahrgast

dass Züge ziehen müssen,

des freien Reiseherzens Willen.