Die Wehmut, mein ewiger Reisebegleiter

Ringelblume

 

Auch genannt: nie-wellk-Blume, denn sie erblüht immer neu

 

Es regnet im Strömen, als wollte mich der Regen verschwitzt anlächeln und seine Willkür demonstrieren. Der Himmel ist weiß, lässt keinen blauen Farbklecks durch. Durch den hohlen Dachstuhl ist das zarte Prasseln gut zu hören. Viele Menschen sind gegangen. Regen und Abschied machen mich ganz melancholisch. Ich fühle mich plötzlich einsam hinter den großen, dicken Wänden, suche Licht von draußen, werde nicht fündig, alles zugezogen und diesig. Bitte halt mich jemand fest, in meiner Melancholie, denke ich. Bitte halt mich jemand fest, in meiner Wehmut, die mich so oft in den letzten zwei Jahren ergriffen hat, wenn das Ende einer Reise und der Aufbruch zu einer Neuen bevorstand.

Ja, ich weiß, Wehmut ist ein gutes Zeichen. Ein Zeichen der Bestätigung, dass ich auf einem guten Weg bin. Wäre die Wehmut nicht da, wären auch die wundersamen Menschen nicht da, die wundersamen Begegnungen der letzten zwei Jahre. Menschen, deren Güte und Warmherzigkeit mich sprachlos machen, mich überwältigen. Begegnungen, an deren Anschluss ich mich frage: Womit habe ich, und habe ich überhaupt, diese Güte, diese Herzlichkeit verdient? Meine Wehmut ist also auch Demut, Ehrfurcht, unfassbares Glück. Und nun, dass dieses Glück was Gutes ist, sei wahr.

Die Menschen sind Gott, fand ich heraus. Ihnen kann ich folgen, sie zeigen mir meinen Weg, die Wehmut zeigt, wann loszulassen ist. Sie ist so stark, ganz überwältigend, stärker als jede Langeweile. Sie ist so voller Liebe und voller Trauer, dass ich weinen und lachen muss, zugleich, um sie zu ertragen, um die Menschen zu fassen, die schon wieder fort sind. Und wohl werde ich auch nicht schlau aus ihr – der Wehmut, deren Bezeichnung mich verwirrt zurücklässt. Ja, sie tut weh. Und Mut? Die brauche ich, um den Schmerz zu überwinden? Ist der Mut ein Rezept, eine Packungsbeilage der Wehmut zur Überwindung ebendieser? Und wenn ja, was sind dann die Nebenwirkungen der Mut, dem Antibiotika gegen die Wehmut? Vielleicht Vergessenwollen ohne festzuhalten? Weiterreisen ohne Gepäck? 

Erst einen Tag später beende ich diese Gedanken. Meine Wehmut hat sich beruhigt. Sonne, genauer die Abendsonne, ist zurück, scheint zwischen den Häuserwänden hindurch, ein paar Strahlen schaffen es auch mühevoll über die Dächer hinweg. Und ich weiß: so wie die Ringelblume, wird auch die Wehmut neu erblühen, wird mich nicht loslassen, denn sie gehört dazu. Ich lebe.

Unter Wein und auf Veranda

Lavendel

 

in der Ruhe liegt die Kraft

 

Lieblingsplatz Nr.1: auf Veranda

Eine aus sorgfältig ausgesuchten Pflastersteinen bestehende Veranda führt die Gäste des Gästehauses an die Frische Luft. Vor ihnen ebnet sich eine abfallende, wildwüchsige Wiese, ein kahlgeschnittener Baum und mehrere mit Laubtupfen geschmückte Bäume, weit entfernt der ökologische Garten, ein Bienenhaus und zu den Füßen des Gartens der Teich. Kürzlich verlegte quadratische Betonplättchen führen die Einheimischen zur Veranda des Gästehauses; jeweils rechts und links von der Tür befinden sich zwei kleine, hölzerne Klappstühle und ein Klapptischchen. Auf einem dieser Stühle sitze ich, mit einem imaginären Glas Wein und überschlagenen Beinen, lese, schreibe, genieße den Anblick der massigen, dunkelblau ruhenden Berge. Zur linken Seite steht eine nicht fertiggestellte oder nicht fertig abgerissene Mauer aus roten Ziegelsteinen, im Licht der Abendsonne scheinen sie zu glühen, kontrastieren sich mit dem blauen Himmel, an dessen Horizont die Berge emporsteigen. Weiße Hochhäuser des Stadtzentrums, weinrote Dächer und eine vielbefahrene Straße kreuzen den Blick auf die Berge.

Lieblingsplatz Nr.2: unter Wein

Ich sitze, die Beine ausgestreckt und auf einem Stuhl abgelegt, an einem kleinen Holztisch. An einigen Stellen ist das dunkle Holz mit Acrylfarbe bedeckt, grüne Farbkleckser zieren den Tisch. Neben, über, vor, hinter, ja zu allen Seiten von mir: Wein. Als befände ich mich in einem kleinen Weinkäfig, die Käfigstangen – das Holzgerüst, das von grünen, großen Blättern der Weinpflanze bedeckt wird und von dem die Weintrauben herabhängen. Was ich an diesem Platz so liebe: alles um mich herum ist grün, wie die grünen Lungen, die sich um CO2 verseuchte Großstädte legen und diese mit Sauerstoff beleben. Es kommt mir vor, als würde ich das Grün riechen, und die Sauerstoffspende!

 

 

Verhaltenstherapie im Garten

Basilikum

 

Über ihn wird gesagt: er vertreibe negative Energien

 

Jetzt ist es raus. All die Tage habe ich versucht, es geheim zu halten, mich möglichst unauffällig zu bewegen, möglichst unauffällig zu gestikulieren oder gar einen atypischen Ausdruck zu mimen, das Thema im Gespräch möglichst zu umgehen, oder wenn dies nicht möglich war, mich mit einer leeren Floskel aus der Situation herauszuwinden. Die ganze Reihe von Täuschungsmanövern war mir keineswegs leichtgefallen, immer auf der Hut, mich vorsichtig durch den Garten tasten, meine Emotionen im Zaum halten – weder Hysterie, noch Angst zum Vorschein dringen lassen!

Aber jetzt ist es raus. Cristi, einer der Gärtner schlussfolgerte ein paar Tage nach meiner Ankunft: „also eigentlich ist der Garten wirklich nichts für dich…“. Er war dabei auszuloten, mit welchen Tieren er mich ärgern könnte, welche Insekten mich anekeln, vor welchen Gartenbewohnern ich mich fürchtete, vor wem ich bei Sicht oder gar Berührungskontakt angsterfüllt davonrannte, wessen Anblick mich hysterisch aufschreien ließ. Kurz zuvor hatte er gefragt: „Und Schnecken? Was ist mit denen?“. Ich schüttelte entschieden den Kopf, als läge die Antwort einer solch existenziellen Frage auf der Hand!

Verwandte, Freunde und Bekannte wissen es nur zu gut: eigentlich bin ich animophob, oder zumindest insektophob! Sicher haben sich Zuhause in die Fassade schon Risse gebohrt, die infolge meiner Schreie entstanden sind, wenn sich im Keller eine Spinne bemerkbar machte. Ziemlich ironisch also, dass ich drei Wochen in einem mit Abermillionen Insekten und freilaufenden Tieren belebten Biogarten verbringe. Wie es mir mittlerweile damit geht? Ameisen schnipse ich routiniert von meiner Haut, Käfer puste ich unbeteiligt dorthin, von wo aus sie gekommen sind, Nacktschnecken umgehe ich gekonnt, über Spinnen verliere ich eine lässige Bemerkung, Katzen lasse ich auf unbestimmte Zeit mit mir schmusen. Nach zwei Wochen Gartenarbeit kann ich also behaupten: die Therapie ist angeschlagen!

 

 

 

Wenn Gras nach Regen riecht

Salbei

 

Bringt: Gesundheit und freie Atemwege

 

Endlich der lang ersehnte Regen! Seit meiner Ankunft hatte ich mich nach einem Geruch gesehnt – nach dem Geruch von Gras, das nach Regen riecht. Und seit meiner Ankunft hatte ich viele Gerüche zu Nase bekommen, unter anderem jener einer lauwarmen Wüstenluft, jener einer stechenden oder mich aus dem Bett ziehenden Sonne, jener einer stehenden Hitze, nur Eines nicht: Regenluft!

Als er endlich da war, der lang ersehnte Regen, rannte ich hinaus ins Freie, fing den dicken, prasselnden Sommerregen ein, tanzte und sprang durch alle Ecken des Gartens, sog die Regenluft auf, roch an den nassen Gräsern und Pflanzen, deren Düfte jetzt viel intensiver in der Luft lagen, sah zu, wie die Tropfen auf den kleinen Teich plumpsten.

Mir fiel auf: zum Glück werden die Pflanzen, Gemüse- und Früchtesorten tagtäglich durch ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem mit Wasser versorgt, sodass sie (im Gegensatz zu mir) nicht unter der Abwesenheit des Regens leiden müssen. Trotzdem stellte ich mir vor ich befände mich, passend zum Wüstenwind, in einer afrikanischen Wüste, wo der Regen so lebensnotwendig für alles Wachstum ist. Und so sehr, wie ich mich jetzt über den Regen freute, würden sich sicher auch die Pflanzen, Bäume, alles Wachstum dort freuen, wenn es nach einer langen Trockenzeit endlich wieder regnete. Wenn das Gras endlich wieder nach Regen riecht!

 

Hier eine kleine Regen-Überbleibsel Collage

 

Durch verschieden Zeit und Raum

Sonnenblume

steht  für: Kraft und Ausstrahlung

 

 

Kurz nach meiner Ankunft bekomme ich eine Hausführung. Durch eine kleine Diele geht es über eine Treppe ins Wohnzimmer. Dieses ist mit einem pastellfarbenen orangeton verkleidet, rechts steht ein Holztisch mit sechs Stühlen, am Ende des Tisches ist auf der rechten Seite eine Kochnische, Holzschränke, ein Herd, gelbliche Fliesen, die das Fett auffangen und grüne Fliesen auf dem Boden. An der Decke über der Kochnische ist auf einem Balken eingraviert: Mit Gottes Segen Neues bewegen, 2010, die Holzmöbel im Wohnzimmer sind hell und warm, ich finde sie sehen aus wie Bauernhofmöbel.

Dann geht es weiter in ein konferenzartiges Zimmer. Ein langer Tisch mit vielen Stühlen, auch auf der rechten Seite des Raumes stehen Bauernhofmöbel, darauf Computer, Drucker, Ablagefächer, in der Ecke hinten links steht ein Kaminofen.

Das folgende Zimmer nenne ich „Himmelzimmer“, denn es wird von himmelblau gefärbten Wänden beleuchtet; viele Möbel, die in ihrer Verschiedenheit nicht zusammenpassen, befinden sich im Himmelzimmer.

Nach links geht es durch eine Tür in das Herzstück des Pfarrhauses: das Arbeitszimmer des Stadtpfarrers, oder wie der Gärtner es nennt: das schöne Wohnzimmer. Von den alten Bauernhofmöbeln aus dem 20. Jahrhundert habe ich hier das Gefühl zwei Jahrhunderte tiefer in die Vergangenheit zu rutschen. Ein rot-grün gemusterter Teppich lädt dazu ein, das Zimmer zu betreten, das Holz der Möbel ist dunkler und älter, aber besser erhalten, womöglich weil weniger benutzt. Die Möbel, eigentlich alles in dem Zimmer, sieht aus, als würde es darauf warten in einem Museum exponiert und bestaunt zu werden. In einem Bücherregal stehen Bücher von Max Frisch, Wilhelm Busch, Luther…das Bewundernswerte an dem Zimmer: wie in einer Kirche wölbt sich die graue mit rotgrünen Mustern verzierte Decke nach innen, unter ihr frage ich mich, ob ich inmitten eines archäologischen Fundes stehe oder, ob die Decke speziell für das „schöne Wohnzimmer“ angefertigt wurde.

Als nächstes kommt ein kleines Zimmer mit einer in pastellgrün bestrichenen Wand und, wie ich finde, Malermöbeln – ein verbleichter Holzboden, ein paar Farbeimer, eine schwer zu bewegende Tür, die mich einlässt in das letzte Zimmer, in das sich der pastellfarbene Grünton und der verbleichte Holfußboden fortgezogen haben, außerdem mit gestreiftem Stoff geschmückte Stühle, Sitzkissen und Matratzen und eine Karte des Kreises Sibiu. Durch die nächste Tür gelange ich wieder ins Wohnzimmer.

Von Raum zu Raum laufe ich von einem ins Nächste Jahrhunderte, oder zumindest Jahrzehnten. Außerdem durchlaufe ich: verschiedene Berufe, Wandfarben, Sonnenlichtstadien. Spannend, wie charakteristisch die Räume sind, wie viel Persönlichkeit sie tragen. Und eines verleihen sie auf jeden Fall: Kraft und Ausstrahlung.

Kirchenburg Geschichten

Für drei Wochen bin ich nun seit vergangenem Mittwoch an der grünen Kirchenburg in Hammersdorf, Rumänien. Den Weg zur Kirchenburg habe ich über mehrere Ecken und Fäden gefunden, ein Freiwilligendienst in Rumänien im Vorjahr, ein Umweltseminar, eine Pfarrerin…und schwups war die Idee geboren, für ein paar Wochen an der grünen Kirchenburg zu gärtnern. Wie es mit dem Gärtnern gelingt, wie mir die Kirchenburg gefällt, und was mir hier zu Sinnen kommt, werde ich in regelmäßigen Abständen an dieser Stelle erzählen. Meine Einträge sind nach Kräutern benannt, die ich im hiesigen Garten entdeckt habe. Die sollen ja nicht nur Heilkräfte haben, die Kräuter…

Viel Spaß beim Lesen – und vielleicht bis bald mal in Hammersdorf!

 

 

 

 

Rosmarin – Wind wie am Meer

Kommt von: ros marinus, und das heißt: Tau des Meeres

 

Der Wind rauscht durch Blätter und Gräser, warm wie in der Wüste und kraftvoll wie am Meer setzt er sich über die Mauern der Kirchenburg hinweg, dreht sich um sich selbst, um die Häuser, um die Kirche, und braust alles auf, was wehen kann. Ich wundere mich. Bin ich am Meer? Auf einer Düne am Strand? Dort zaubert mich der vertraute Wind gedanklich hin.

Die dicken Wände des Pfarrhauses braust er natürlich nicht auf, die bleiben regungslos, wuchtig vor dem Garten stehen. Während es draußen gefühlt 30 Grad warm ist, halten die Wände das Haus kühl. Ich staune über die gute Isolierung, die diese alten, weisen Wände schaffen.

Wenn ich morgens um kurz vor Sechs aufwache, zieht mich das Sonnenlicht aus dem Bett. Verschlafen begebe ich mich in den Garten, an meinen Platz zu den Kräutern, die ich von Unkraut befreien soll. Nacktschnecken sind noch da, Mücken fliegen ihre letzten Routen ab, Bienen, Hummeln und allerlei Insekten schlafen noch, die Katzen trotten müde vor sich hin und miauen nach Futter.

Die Sonne dreht. Wenn sie kopfüber steht, suche ich Schutz hinter den dicken Wänden. Später streicht mir der warme Meereswind durch die Haare, bringt etwas Frische in die brachliegende Wärme. Erschöpft falle ich abends ins Bett, geschützt von Wind und Wänden und Kirchenburg.