Straßenseite wechseln

Oder: von vertrauten Fassaden und barrocken Bauten

 

Ich laufe durch die Straßen Cluj Napocas. Bewundere die bunten Häuser, die die Altstadt verzieren. Das älteste von ihnen, das Geburtshaus des rumänischen Königs Matia Corvin, reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. In anderen Bauten kann ich das barocke Erbe der „Sachsen“ wiedererkennen. Der etwas neuere Teil der Altstadt wird von neo-klassischen, romantischen Häusern geschmückt. Ich lasse meinen Blick an den frischen Fassaden entlangwandern. `Menschen, die tagtäglich durch eine solche Altstadt spazieren, brauchen nicht mehr ins Kunstmuseum gehen´, denke ich, und bestaune die sich mir eröffnende Szenerie heute schon den vierten Tag. Das Passieren von Straßen, die mir am ersten Tag fremd waren, ist jetzt zur Gewohnheit geworden. Die bunten Fassaden sind mir vertraut. Die Neugierde und Faszination der ersten Schritte und Blicke durch die Gassen, sind der Erwartung von Schönheit und Lust nach Wiedersehen gewichen.

Unerwartet erreiche ich einen hinteren Teil der Altstadt, der mir bisher verborgen geblieben war. Vor mir schlängelt sich ein Teil der alten Stadtmauer entlang. Ich klettere die Steigung eines sich vor mir erstreckenden Hügels hinauf. Einer von mehreren das Tal umrundenden Hügeln und Bergen, durch die die Stadt unter anderem ihren Namen bekam. Cluj ist lateinisch und steht für Kreis bzw. eingekreistes Tal, Napoca steht für Feuchtigkeit und Wald. Nach ein paar Höhenmetern scheint die Stadtmauer in ein paar Häuserbuchten verlaufen zu sein.

Ich freue mich, dass die Gassen auf meinem Rückweg noch genauso fremd sind wie zuvor. Als ich wieder in den mir bekannteren Teil der Altstadt gelange, zieht sich das Gefühl des Neuen, Unentdeckten überraschenderweise fort. Denn: ich sehe zum ersten Mal die andere Straßenseite der Hauptstraße. Staune. Wooow, noch mehr wunderschöne bunte, prachtvolle Häuser mit alten, frisch bestrichenen Fassaden. Noch mehr Lichtspiel durch die Sonne, welche sich an der ein oder anderen Häuserecke ausruht oder spiegelt. Was ich bemerke: durch das Wechseln der Straßenseite, sehe ich jene Häuserwand, an der ich bisher entlang gestreift war von einer anderen Perspektive. Ja, während sie mir bis dato verborgen geblieben war, weil ich direkt neben ihr lief, mich in ihrer unmittelbaren Gegenwart befand, sehe ich sie jetzt in ihrer Gänze, in ihrer vollen Schönheit. Durch Abstand.  Durch Distanz.

Ich denke an meine monatelange andauernde, wirklich intensive Leidenschaft für die Materie der Psychologie zurück. Damals hatte ich Artikel und Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologische Modelle studiert, hatte Europarechtsvorlesungen für Vorlesungen der klinischen Psychotherapie sausen lassen, hatte sämtliche „Psycho-Bekanntschaften“ kontaktiert, um mich mit ihnen über den Studiengang, den späteren Beruf und vor allem über Beobachtungen und Modelle gebannt auszutauschen. Ich hatte einen wahnsinnigen Durst, mich in diesem Fach zu verwirklichen. Wie ein den Körper befallender Virus, hatte dieser Durst nach und nach mein (trockenes) Interesse am Jurastudium vertrieben. Hatte sich eingeschlichen in mein Gehirn, mein Herz, mein Handeln. Im Sommer war für mich klar, dass ich das eine Fach gegen das andere eintauschen würde!

Und dann, scheinbar von einem Tag auf den Nächsten, war sie weg. Jene Leidenschaft, die mich während meines Studiums weitaus mehr beschäftigt hatte, als der eigentliche Studienstoff. Meinem näheren Umfeld schien dies recht zu sein, der Beruf der Psychotherapeutin war bisher auf Skepsis gestoßen. Menschen, denen ich die Geschichte erzählte, besonders Freunde, die mich mit eben jener Leidenschaft in Erinnerung trugen, fragten nach dem Warum. Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Das ist einfach so verflogen. Weiß nicht, warum. Ist irgendwie unbewusst passiert.“ Eine Schranke war plötzlich da, die die Zugschienen in Richtung der Psychologie versperrte. Ich, als Lokführerin nahm diese Tatsache achselzuckend hin, schaltete den Rückwärtsgang ein, und wartete auf einen neuen Abzweig. `Okay, dann halt nicht´, dachte ich.

Mittlerweile sind sechs Monate verstrichen. Ich schaue zurück auf das Verfließen der damaligen Leidenschaft. Mit ein bisschen Abstand. Distanz. Spüre weit entfernte Angst, wenn ich an Psychologie denke. Angst, in Leid und Instabilität zu rutschen, durch das mich umgebende Leid, die mich umgebende Instabilität als Psychotherapeutin. Ich spüre Respekt vor dem Berufsbild, und sehe ein rot umrandetes Schild vor mir. Darauf steht geschrieben: Vorsicht, diesen Weg bitte nur bei Schwindelfreiheit betreten. Das bin ich nicht, schwindelfrei. Okay, dann eben einen anderen Weg, sage ich mir. Und wende meinen Blick von der früheren Straßenseite ab, um auf der jetzigen weiterzugehen.

Wartezeit

oder: jede Zeit hat ihren Sinn

Vor kurzem war es noch genau ein Monat bis zum Abreisedatum, dem 21.2. Jener Januartag, war eigentlich kein besonderer Tag. Ganz routiniert schaute ich morgens auf das Handy, um zu sehen, was wieder Neues in der Welt passiert war, und bemerkte: noch genau ein Monat bleibt mir. Wow! Ich spürte mal wieder, wie die Zeit rannte, wie sie schwand, an dem Ort, an dem ich mich gerade befand. Der Grund, warum ich bisher bei dem Gedanken, Rumänien bald verlassen zu müssen, keine Wehmut oder Trauer empfunden hatte, war der Blick auf eine sehr hoffnungsvolle, warme und verheißende Zeit, die folgen würde. Ein Blick in die Zukunft, den ich schon seit längerer Zeit wagte, und der jenen Abschied sehr erträglich machte, ihn gar nicht wie ein Abschied, sondern vielmehr wie ein Abschluss einer guten Zeit erscheinen ließ.

Jetzt trauere ich also nicht. Vielmehr warte ich.

Wie sich Wartezeit anfühlt hatte ich schon vor den Weihnachtsferien nachempfinden dürfen. Wartezeit hier im Internat ist nämlich ziemlich seltsam. Auch einsam und ein bisschen gruselig. Denn in der Woche vor den Ferien passiert sehr wenig. Oft fangen die Ferien inoffiziell schon am Mittwoch oder Donnerstag an. Dementsprechend reisen die Internat Kinder auch schon Mitte der Woche ab. Nach und nach leert sich das alte Gebäude. Heute, wie auch am Freitag vor den Weihnachtsferien, kann ich die noch ausharrenden Kinder an den Fingern abzählen. Statt warmen Essen, gibt es Snacks, die in kleinen Tütchen verpackt sind. Wir kommen nicht mehr zum Essen zusammen. Die Kantine bleibt leer. Jener Durchgang vor meinem Zimmer wird nicht mehr als Tanzpaket oder Gesangsstudio benutzt, auch er bleibt leer. Selbst von der ersten Etage höre ich keine Geräusche mehr herunterschallen, keine Pädagogin mehr schreien oder fluchen. Nur die Putzkräfte sind noch da, erledigen fleißig ihre Arbeit. Ab und zu erkenne ich von meinem Fenster einzelne Menschen, die über den Schulhof wandeln. Im Flur warten oft mehrere Kinder mit ihrem Gepäck in den Händen. Sie warten auf ihre Eltern oder Verwandten. Warten darauf, dass endlich auch sie nach Hause kommen dürfen. Ab und zu kommt ein Auto auf den Schulparkplatz gefahren. Dann laufen die Kinder an meinem Fenster vorbei und winken mir wild zu oder schicken mir einen Kussmund, wünschen „Vacanta placuta“. Ich winke und grüße zurück. Ein paar Sekunden später sind sie um die Ecke verschwunden. Noch mehr Stille. Noch mehr Internatsleere. Noch mehr warten.

Jetzt, wie auch vor den Weihnachtsferien, ist die Wartezeit ein ganz seltsames Gefühl. Alles bewegt sich so langsam voran. Das einzige, was ich tue, ist warten. Natürlich könnte ich mich auch beschäftigen. Doch in der Wartezeit erscheint mir das Warten als die einzig sinnvolle Aktivität. Jede Zeit hat auch einen Sinn, philosophiere ich jetzt ganz tiefgründig, sitze am Fenster, und warte.

Von den Sieben-Hügeln nach Siebenbürgen

oder: neue Welt entdecken

Wir sitzen im Zug von Brasov nach Sibiu. Die Sonne scheint. Vorhergesagt war Regen. Richtig viel sogar. Wahrscheinlich werden die Wolken von den Bergen aufgehalten, sodass in den von Bergketten umrahmten Städten kein Regen ankommt. Bei mir sind kleine Sonnenfunken, keine Wolken, kein Regen, vielleicht noch leichter Nebel. Aber je mehr die Sonne durch das Fenster hereinscheint, desto mehr kommt auch bei mir die Sonne raus. Meine erste Zugfahrt durch Rumänien. Stille. Nur das Rollen des Zuges. Die Erhitzung der Gleise. Das Rauschen. Vorbei an Sträuchern, deren Bewegungen ich wegen der Geschwindigkeit nicht erkenne. Sicher zucken sie zusammen von dem Windstoß des Zuges. Felder. Die verwachsene Natur. Einzelne Sträucher hier und da. Chaotisch. Unstrukturiert. Schön. Ich sehe mich durch die Dry Savanna fahren. Erinnere mich bei diesem Stichwort, und auch bei den den Regen aufhaltenden Bergbarrieren an den Erdkunde Unterricht. Dry Savanna. Relief Rainfall. Die unterschiedlichen Grün- und Brauntöne der Sträucher holen mich wieder zurück in den Zug. Der Himmel ist diesmal weiß. Durch das Weiß scheint eine zitronenfarbene Sonne hindurch. Dieser weiße, blasse Zitronenton steht über den Bergen. Wo ich hinschaue in der Ferne nur Berge. Die Sonne ist schon im Winter. Die Bäume noch im Herbst. Es ist Ende Oktober.

Schwarz. Tunnel. So plötzlich. Schreibpause, ist das letzte Wort, das ich noch zu Papier bringe. Braune Blätter. Jedes Mal, wenn ich von meinem mit Knien und Buchunterlage gebastelten Schreibtisch wieder aufschaue haben die Blätter eine andere Farbe. Ich komme gar nicht hinterher sie zu beschreiben. Grün gelb. Orange. Jetzt Wald. Schräger Wald. Dunkel grün. Braun. Gelb. See. Sehr klein. Aufeinander gestapeltes Holz. Das würde Papa freuen. Dunkel Grün. Und jetzt plötzlich alle Farben in einer Waldlichtung, zu der es einen Abhang hinuntergeht.

Bremsen. Laut. Gekrächze. Wir stehen.

Puuh. Ich habe Zeit herunterzuschreiben. Meine Stichworte in Sätze zu verpacken. Ich denke zurück an den Mann, der unsere Zugfahrt eingeleitet hatte. Wir saßen nicht lange, da kamen zwei Rumänen, und machten uns darauf aufmerksam, dass wir scheinbar auf den falschen Plätzen säßen. Ich zeigte ihm unsere Tickets. Als sich die beiden zunächst nicht zufriedengaben, eilte ein Mann herbei. Er hatte ein schmales, kleines Gesicht, einen dunklen Teint, schwarze Haare mit grauen Strähnen und gläserne, kindliche Augen. Er reihte ein paar Fetzen deutsch aneinander, versuchte uns zu erklären, dass wir tatsächlich im falschen Wagon waren. Die Fetzen deutsch, unsere Gesten und Fetzen Englisch, und das Rumänisch der anderen beiden Beteiligten löste ein leises Gemurmel im Wagon aus. Wir fingen die Aufmerksamkeit der anderen Mitreisenden ein. Ungewollt. Die Situation löste sich auf als sich eine ältere Frau unsere Tickets ansah und in fließendem Deutsch moderierte. Ich war baff. Ich sei jetzt in Siebenbürgen, kommentierte Julika als Erklärung. Ich nickte langsam. Und während sich das Gemurmel im Abteil wieder beruhigte, und die Menschen ihre Aufmerksamkeit wieder von uns abwandten, begann der Mann mit dem dünnen Gesicht und den gläsernen Augen zu reden. Er redete langsam und bedacht. Erzählte von seinen sieben Kindern in Sibiu, und seiner Arbeit in München. Dass er sie jeden Monat besuchen käme. Erzählte weiter von gesundheitlichen Problemen, die wir nicht richtig verstanden. Seine gläsernen Augen strahlten uns an. Glück breitete sich aus. Trauer auch, als er über Krankheit und Vermissen sprach. Doch so traurig seine Sätze auch waren, am Ende kam wieder das Glück in seine gläsernen Augen zurück. Seine Augen hatten eine solche Kraft. Es fiel mir schwer, mich irgendwann abzuwenden, und endlich einen Blick aus dem Fenster zu wagen, als der Zug langsam ins Rollen kam.

Es geht wieder weiter. Rechts von uns taucht plötzlich ein kleines mit Stacheldraht eingezäuntes Gehege auf. Zwei Ziegen grasen vor sich hin. Ich beuge mich vor, um aus dem Fenster auf der anderen Seite zu gucken. Links in der Ferne stehen verstreut kleine Häusergruppen. Beim Vorbeugen erkenne ich, dass die Frau auf der linken Sitzbank damit beschäftigt ist, Julika abzuzeichnen. Julika sitzt neben mir und liest. Die Frau zeichnet. Ich schreibe. Auch Julika fühlt sich beobachtet. Einzelne, sekundenlange Blicke, die die Frau braucht, um sich Julikas Silhouette einzuprägen. Ich erinnere mich an die Abschreib-Übungen in der Grundschulzeit, bei denen wir aufstehen und zu einem Stuhl nach vorne laufen mussten, um uns die Seite eines Buches einzuprägen. Die Lehrerin zählte dann die Anzahl der Abschreib-Gänge, oder gab dies zumindest vor. Ich wende meinen Blick von der Frau ab, die sich inzwischen von mir beobachtet fühlt. Künstler sollten nicht gestört werden. Auch Julika dachte vermutlich so, und las trotz der Blicke, die ihr Gesicht regelmäßig streiften, einfach weiter. Es ist so schön, wie sich Menschen ergänzen, denke ich. Wie eine Kreativität in die nächste wandert. Wie sie sich abzeichnen, beschreiben, erinnern, gedenken. Wie sie in und miteinander wirken.

Jetzt sind rechts Schafe. Eine große, weite Herde. Kein Schäfer. Ich wunder mich, warum sich auf der strohigen Weide so komische Stoppeln befinden, bis ich erkenne, dass die Stoppeln Schafe sind. Jetzt geschorene Felder. Dann ein kleiner, frisch renovierter Fußballplatz, der einsam neben den Schienen steht. Das Weiß der Linien glänzt. Am Rand befinden sich für die Heim- und Auswärtsmannschaft jeweils eine Bank aus stadionähnlichen Plastikstühlen. Abwechselnd gelb und weiß. So niedlich. Alles geht so schnell. Es passiert sehr viel. Wenn ich auf meiner Lieblingszugstrecke von Köln nach Berlin aus dem Fenster schaute, kam mir alles sehr langsam vor. Monoton. Deswegen liebte ich das Zugfahren. Hier ist es spannender. Wahrscheinlich, weil die Welt noch so neu ist. So viele Premieren. So viel neue Welt entdecken.

Himmelblau

Freya schwärmte von dem schönen, blauen rumänischen Himmel und erzählte mir von den Himmel-Fotos, die sie schoss. Hier ihr Gastbeitrag.

Ich erinnere mich an eine Situation mit meinem früheren Mitbewohner Valli in unserer Berliner Altbauwohnung. Wir saßen in der Küche und blödelten wie so oft herum. Ich sorgte für Stille. Wartete kurz ab, bis ich auch wirklich seine volle Aufmerksamkeit hatte. Wartete. Und sagte langsam mit einer theatralischen Armbewegung „Der Himmel ist blau.“ Wir waren erleuchtet.

Ich erinnere mich auch an das Bewerbungsgespräch beim PAD in Bonn. Mir wurde die Frage gestellt, welche deutsche Musik ich den Schüler*innen im Ausland zeigen würde, wenn sie mich danach fragten. Ich zählte wahllos deutsche Lieder auf. Und dann fiel mir das Lied „Himmelblau“ von den Ärzten ein. Ich sang eine Zeile

„[…] der Himmel ist blau, und der Rest deines Lebens steht vor dir […]“

Sie lachten.

 

https://www.youtube.com/watch?v=v_KfKRkPWF8

Schreibwetter, oder: endlich meine ersten Eindrücke

11 Grad und Nebel. Windig scheint es auch zu sein. Die Blätter der Bäume vor meinem Zimmerfenster wehen verrückt durch den Wind. Auch zu Beginn dieser Woche dachte ich schon, der Herbst wolle sich beeilen, um für den Winter Platz zu machen. Morgens lief ich, die sonst eigentlich immer zu kalt angezogen geht, mit Winterjacke über den Schulhof. Cristiana, meine erste, sehr herzliche rumänische Bekanntschaft (zu der ich euch demnächst sicher mehr erzähle), fragte ich, ob man in Rumänien im Winter mit zwei Winterjacken herumläuft, wo ich doch jetzt schon, Ende September, mit Einer gut bedient bin. Sie lachte, bestätigte meine Vermutung. Natürlich liefen die Rumänen im Winter mit zwei Daunenjacken herum. Es dauerte einige Sekunden bis es bei mir dämmerte und ich ihre Ironie bemerkte. Dann lachten wir beide. In meinem Lachen steckte allerdings auch etwas Sorge um die Winterkälte. Cristiana erzählte von ihrem kältesten Winter mit -30 Grad. Wie stellte ich mir einen solchen Winter vor? -30 Grad wären tatsächlich außerhalb dessen, was ich bisher in meiner Kleinstadt am Niederrhein erlebt hatte. Hier herrschten mäßige Temperaturen und nachhaltig, weiß, glänzender Schnee war schon lange nicht mehr zu sehen gewesen. Tatsächlich hatte ich wenig positive Assoziationen zu der klirrenden Kälte, die mir die Sorge nehmen, und ein Stück Vorfreude bescheren konnten. Woran ich dachte, war Romantik. “Is the winter romantic here in Iasi? “, fragte ich Cristiana. “You want to know, whether the winter is romantic?”, sie lachte. “Yeah, I was like…there must be something positive about this cold, freezing winter…”, antwortete ich. Wir lachten wieder. Vielleicht ist das das Positive – keine klirrende Kälte, sondern eine lachende Kälte eben. Meine Frage blieb unbeantwortet. Vielleicht sind es auch eher die Menschen, die Romantik erzeugen, und weniger die Umstände, Ort, Zeit und Wetter. Ich muss mir also romantische Menschen suchen! Und Cristianas Erzählung vom -30 Grad Winter ist zeitlich sicher auch sehr weit entfernt, hoffentlich bis vor die Zeit des Klimawandels!

So, jetzt aber zu den ersten Eindrücken. Nach fast zwei Wochen Einleben leider etwas verspätet. Ich habe sogar Schwierigkeiten, mich daran zu erinnern, was denn meine wirklich ersten Eindrücke waren. Diese sind nämlich im Grunde schon fast wieder weggewischt von einem deckenden Wohlgefühl, was sich am ersten Wochenende eingeschlichen und dann ausgebreitet hat. Ich erinnere mich, wie ich am Ankunftstag, gleich nachdem ich mein Zimmer im Internat eingerichtet hatte, auf Entdeckungstour gehen wollte. Es sollte nur ein kleiner Spaziergang werden, bei dem ich mich, mit Rücksicht auf meinen schlechten Orientierungssinn, nicht all zu weit von dem Internat entfernen wollte. Der Schulcampus hat drei Eingangstore. Ich wählte das Rechte, vor dem sich auf der gegenüberliegenden Seite ein Museum befand. Das würde ich aber erst in einem kurzen „Hände-Füße-Gespräch“ mit dem Museumswächter herausfinden. Ein älterer, bäuchiger, weißhaariger Mann in schwarzer Uniform, der beobachtete, wie ich in den Museumsgarten hineinspähte. Er sprach mich an. Ich verstand kein Wort. Nicht einmal Floskeln, wie ‚Dankeschön‘, ‚Guten Tag‘ und ‚Auf Wiedersehen‘ hatte ich mir vor der Abreise angeschaut. Ein Schweigen mit angehobenen Mundwinkeln und bedauernden Blicken entstand, wie ich es in Zukunft noch so oft erleben würde. Die Floskeln bekam ich dann von dem Mann beigebracht. Fotos von seinen Söhnen bekam ich auch gezeigt, ich verstand, dass einer in den USA, der andere in Deutschland lebte. Es würde nicht das erste Mal sein, dass mir Menschen, die mir einen Moment zuvor noch fremd waren, versuchen, rumänisch beizubringen, und mir im Laufe der „Konversation“ Fotos von ihrer Familie zeigen. Meistens von Festen und Hochzeiten, Kindern und Enkelkindern. Ich spürte oft ihren Stolz, und das Glück, das sie durch ihre kleine oder große Familie in sich trugen. Ich spürte auch ihre Herzlichkeit und Gastfreundschaft (eigentlich ein zu deutsches Wort für ihren Umgang mit mir), die Offenheit und Wärme. Dass so etwas in diesem Maße für mich ungewöhnlich bis neu war, ist glaube ich unschwer vorstellbar. Auch die Deutschland-Vergleiche würde ich in Zukunft oft ziehen, hoffentlich neutral und nüchtern.

Dann spazierte ich die Straßen bis in das Stadtzentrum herunter, in die ich mich direkt vom ersten Augenblick an verliebt hatte. Sie erinnerten mich an die Stufenfahrt in die Toskana. Straßen, auf denen wir im Hochsommer so wunderbar schnell herunter und dann schwitzend, keuchend wieder herauf gejoggt waren. Ich liebe diese Höhenunterschiede in der Stadt der sieben Hügel. Es ist als würde ich den Höcker eines Kamels hinunter rutschen, als hätte ich von oben auf dem Höcker noch einen tollen, weiten Ausblick über die ganze Kamelhorde hinweg, sodass ich auch den letzten Kamelhöcker erkennen kann, und unten im Höckertal angekommen, ist eben nur noch jenes sichtbar, das Tal, das lebhafte, abends so sehr schön beleuchtete Stadtzentrum. Es ist ein Genuss auf der Straße zu laufen, und am Horizont, am scheinbaren Ende der Straße, Hügel, Berge und Wälder zu sehen! Und dann faszinieren mich die schon beschriebenen Stromleitungen. Zusammen mit Abendsonnenlicht machen sie das Blickfeld gleich noch viel wärmer!

Unten an der Hauptstraße angekommen, viel es mir schwer diese zu überqueren. Es gab Zebrastreifen. Es gab auch Ampeln. Doch hatte ich den Eindruck, dass diese mehr eine Empfehlung, als eine Richtlinie, Vorschrift waren. Genau dasselbe Verfahren auch mit den Anschnallgurten im Auto. Das hatte uns schon ein lautes Gelächter beschert, als ich mit dem Taxi von dem Flughafen abgeholt wurde. Jedenfalls lernte ich schnell, dass man nicht wie in Deutschland, am Zebrastreifen darauf warten konnte bis ein Auto anhielt, denn da konnte man lange warten. Man musste einfach gehen. Es fühlte sich an als würde ich mein Leben auf die Straße schmeißen. Zumindest bisher haben die Autofahrer aber Rücksicht auf das auf die Straße geschmissene Leben genommen! Und mit der Zeit verstand ich dann auch, warum Cristiana immer so schnell über die Straße lief, obwohl der Countdown der Ampel noch bei 30 Sekunden war. Es waren eben keine 30 Sekunden Zeit, um die Straße zu überqueren, sondern 30 Sekunden, um das Leben auf die Straße zu schmeißen. Da war es besser weit zu schmeißen und es schnell wieder einzusammeln!

Dass ich die Situation derartig extrem schildere, hängt mit meinen Empfindungen zusammen, als ich das erste Mal die Straße überquert habe (Stichwort: erster Eindruck!). Erste Eindrücke haben allerdings auch oft die Eigenschaft an sich, etwas übertrieben und hysterisch zu sein. Denn alles ist neu und fremd, und was ist schon spannender, als Unterschiede herauszustellen? Beim Überlesen dieses Eintrags fallen mir die abenteuerlustigen Formulierungen ins Auge. Damals (in der ersten Woche) waren sie meine emotionale Realität. Heute gehe ich deutlich gelassener über die Straßen, es ist einfach zur Normalität geworden, meine emotionale Realität ist jetzt also eine deutlich Andere!

Meine momentane Realität ist immer noch: nebeliges Regenwetter. Dennoch schiebe ich mich mal die nassen Straßen herunter. Zeit, um von meinem Höcker ins Tal zu kommen, und etwas zu essen!

After four days of desert walk, finally finding an oasis

oder: Fieberwahn

I tell you the story in the way Irina would tell you the story. That’s why, it will be in English, as this language was mainly used during our conversation. However, Irina had once learned German during her studies in South Africa. The dream was to work in Heidelberg later. Obviously that dream did not come true, meaning for her to search for fortune in her home country. What is left from her German now, is „Willkommen“ and „Guten Abend“, pieces of the language which she used to reassure me at some point in our conversation. Reassure me by responding me in my mother tongue. Of course, I was surprised, then I laughed, enjoying the familiar words. It was as if all the sweat I had collected during my desert walk, disappeared, was washed away. Now, what is this desert story about? I tell you Irina’s version, which is certainly a bit exaggerated, ironic and metaphoric, but much funnier!

In the late afternoon, and early evening, when the sun slowly falls and wanders along the light walls of the houses faced to the West, Irene was standing on the schoolyard talking to another teacher. It seemed to be a serious conversation. Thus, it took a while until both were able to recognize the girl stumbling towards them. Except her skin colour, and her hippie clothes, the women would have probably expected her to be a gypsy. So, the figure they saw seemed as if she had walked four days through the desert, without anyone to meet, to talk to or share what there was to share. Literally like a lonely soul searching for water. Yes, water. That was how her face looked like. Dry and „overrayed“ from the sun. And that was also what the girl asked for, when she finally reached the two women. The latter were surely confused. Someone asking for water in an environment where water is no luxury good, where water can be indeed granted to the population. At least any water, the quality is a different question. The situation was weird, and the women did not seem to understand. Though, for the girl they had been already the third pair of people to ask, and the first pair of people being able to understand the girl’s language. To clarify, the tribal language that is spoken by the people in the desert is a rare one. Finding herself in this strange, lonely and helpless situation, the girl was at the end of her tether. Being not understood by anyone. Being looked at as she was a foreigner, what she was indeed. Her body was nearly dehydrated, because she had renounced searching for water during her four days walk through the desert. She had been too shy to ask for help. She had been in hope that everything would turn out fine. Her legs were wiggling, not being able anymore to hold the rest of the body. Her head was probably at the temperature of a comet rushing down to mother earth, while the girl’s head was probably rather rushing down to the schoolyard or the women’s feet. She saved herself from falling by strolling to a nearby bank. The women, still very confused, and probably a bit overstrained with the situation, came closer. In their faces: a lack of understanding. The girl was close to give up. Give up her desire to drink some water, give up the necessity of staying awake, give up this one sunny day, to wake up another rather rainy day. The mimic of the two women signalled even more loneliness to the girl. She would not find anyone to help her. Helping her by buying that damn water. She realized that she should have cared for the water issue earlier in the day, when she had a bit more strength. One of the women commented that the girl could care for the water by herself, the shop was not too far away. Three tears rolled off the girl’s eyes, she could not do anything. The heat caused the salty tears to burn on the skin. “Why are you crying?”, asked one of the women, who later became to be known as Irina. “Because you are lonely or because you feel bad?” The girl wiped the tears away. Because she felt bad, was her answer. The other woman was clearly in a rush, so seeing that this situation could be handled somehow, she exchanged some sentences with Irina in a language the girl could not understand and then started off with her car. Irina would then ask further questions to understand the girl’s situation, among them the age of the girl. When that one question came, the girl new what the answer would be. Indeed, “but with that age you are old enough to care for yourself”, was the predicted remark. The girl wished that she was. Old enough. Responsible enough. To not let herself be dehydrated during that four days desert walk. So, you went away from home, concluded the woman. The girl nodded. “And what did your parents say?”, was the next question. The woman herself realized that for the first minutes the conversation had turned to tackle quite intimate topics. Thus, she answered the question herself. “They must have said: In this country you want to go? Where there is such a bad living standard? That far away? They must have asked many questions…”, the woman said under her breath, and started to smile. The girl smiled as well. Both knew the answer now, nothing had to be vocalized anymore. “And why did you come this way?”, she wanted to know. But before the girl could answer, she was taken the answer away by another question. “Or did you flee?”, the woman continued. The girl continued smiling. Silently. And calmly. Then the two finally agreed upon that Irina would buy 5 Litres of water, and that they would meet in the house adjoining the schoolyard. That the girl should take off her jacket to cool down meanwhile, was another hint she was given. It did not take a long time until Irina returned. Thirstily the girl drank two litres in one. She was handed some medicaments, and some advises on when to take the pills. Enjoying someone’s company, she asked Irina what her profession was. “I am a psychologist”, Irina answered. “I have a practice not far from here.” The woman felt the girl’s excitement. How it was to be a psychologist in this country, she was asked. “Easy”, Irene said. The girl was confused. Weren’t there so many kinds of psychological problems that could occur and make people’s life more difficult? Especially in countries like this one, weren’t the people here even more prone to a depression and other mental illnesses because of their relatively worse living standard? Their worse physical situation, didn’t it have any effects on people’s mental health? “I think that people have the same problems everywhere all over world, don’t you think?”, Irina interrupted the girl’s thoughts. Hmm…, yes, but to a different extent, no?, the girl thought. “Well, there is indeed one special phenomenon here. When the Iron Curtain was opened in the 90s, many people went overseas to earn more money in better paid jobs. Often the children stayed at home, they were supplied by the money earned by their moms and dads far away from their home country. And when the parents decided to return home, being convinced that they had earned enough money, the children were grown up. Grown up and sad, cause what they needed was not money, but love.”

Some minutes later Irina said, ‘Good Bye’, and left her phone number there “in case of another dehydration”, she smiled ironically. After taking the pills my fever slowly diminished. I fell asleep, still with this mixture of a warm and cold body temperature. Sweating and freezing at the same time. But I smiled deeply. Because this was certainly a very exciting psychologist I got to know in one of the most weird and ironic situations. Or, rather it was an oasis I had found in one of the most weird and ironic situations. This is how Irina would probably tell you the story.