Nackt und transparent

Wenn es sich so anfühlt, das Aufwachen nach einem chirurgischen Eingriff, der einst tatkräftig und kalkuliert versuchte, es zu richten oder gar zu errichten, sodann will ich mich auf die Stelle ins Krankenhaus begeben, mich unter die Klingen werfen, zuvor bis aufs Nötigste enthüllen, ja, vielleicht gerade drum, tragen sie dort bloß weiße, luftige Gewänder, in denen es sich, so glaube ich, ausgezeichnet atmen lässt, und vielleicht gerade drum, sind sie auf der Straße so schichtenweise bunt ummantelt, dass einem gar schwindelig werden kann; nach so einem wundersamen Aufenthalt in der Chirurgie, in der man es wässrig schwenkte, behutsam massierte und Yo-Yo-flugartig in die Höhe schnellen ließ, da verweile es für einige Sekunden, ja, es suhle sich in einem mit Lammfell bedeckten Schaukelstuhl, mit ruhig anhaltendem Puls, wie ein Ausstellungsstück, nackt und transparent, sowie man es sezierte, das geerdete Herz.

Tausendjähriger Hefeteig

Die Zeit, die vergeht ohne etwas von dir zu hören, kommt mir ewig vor. Ewig lange her. Wo hat man das schon, dass das Ticken eines Zeigers sich wundersam über mehrere Zeitzonen erstreckt? Dass die Zeit sich einmal dehnt, statt zu schmelzen; wie ein über Tausend Jahre gedeihender Hefeteig

Was ein Drama, Baby!

Ganz leibhaftig hab ich es vor Augen, das nach Tagen und Nächten ersehnte Gewitter. Und wie es prasselt und prasselt. Und fegt und fegt. Und, oh Hölle, wo bist du, du. Der Teufel? Land unter, das Dorf, die Felder. Dein Grauen. Über mich. Und wer nicht wagt, der nicht gewinnt. So du, Gewitter, brauch ich dich. Und es prasselt und prasselt und schüttet sich nieder.

Erst die plötzlich vor mir auftauchenden Bremslichter holen mich wieder zurück auf die Autobahn. Gehupe. Schweiß. Stau, steht bevor. Noch ist es ruhig, friedlich. Die Sonne erglüht über dem Armaturenbrett. Wind ist da. Meine 150 h/km kommen mir gähnend langsam vor. 60! Stau! blinkt ein automatisches Warnschild auf. Sonne, immer noch. Seelenruhig fließt der Verkehr immer weiter gen Osten, nichtsahnend von einer dunkelblauen Wand geschoben, derer ich mir im Rückspiegel gewahr werde. Oh, du saftig, korpulentes Gewitter, komm hole mich doch ein, lache ich lauter und lauter, übertöne die exotische Radiomusik, afrikanische Klänge. Trompeten, Oboe, ein wilder Haufen Blasinstrumente wirbelt Wind auf. Und dieser die gelben Blätter, die mir über den grauen Asphalt entgegen schießen. Frech und unschuldig das Ende des Sommers einläuten. Herbst? Geschwind. Auf Sommer wieder Wolken blühn. Und Himmel hellblau, vor mir, tiefdunkel hab ich dich in meinem Nacken. Musik, Musik, die ich nicht versteh. „Don’t know where we’re goin“, ist die einzige Zeile, die ich vermag zu entziffern. Ich wipe von einer Pobacke auf die andere. Was ein Drama, Baby! Wie im Theater.

Noch einmal höre ich den ghanaischen Song, sitze mit offenen Türen in der Terassentür und sehe mich satt, an dem Gewitter, das jetzt endlich zuschlägt. Sich dann beruhigt. Das Schauspiel genießt die Ruhe nach dem tosenden Applaus. Was will man mehr, denkt sich das Gewitter. Und zieht von dannen.

 

https://www.youtube.com/watch?v=MO3vNO6yhlM

Teil 4

Ich zweifle, gibt es Authentizität? Ist Tageslicht ein Fake? Wenn Liebe punktuell ist, ist der Graph steigend oder fallend? Bin ich ein Kompromiss? Wie viel Klamotten trag ich noch? Bin ich Sommerkind im Winter wer? Ist der Bewegungsmelder müde? Könnt ihr stehen bleiben. Warte, ich geb dir einen Kuss

Teil 3

Ich wünsch mir einen Bruder. Bist du Herz oder Kopf? Weg von hier. Flucht ist geil. Lass mich dein Matchboxauto sein. Dein Maschinengewehr. Warum fällt Wut vom Himmel? Warum kriecht Trauer aus der Erde? Wenn Bienen nicht mehr frei sind, wie viele Blumen sterben dann? Bin ich verloren. Ist das Rätsel unlösbar? Halt, Gott, ich will deinen Rat doch hören

Teil 2

Ich zeig dir, wo ich hin will. Gesellschaft, bist du mit mir? Ist Luxus zählbar, und wenn ja, wie viel Minuspunkte gibt es? Wenn ich arm wär‘, wär‘ mein Blick dann tiefer? Gibt es Mücken auch im Winter, und Wohlstandsbäuche in Afrika? Warum ist Süden unter uns? Bin ich weiß, weil du’s nicht bist? Sind Sterne wirklich gelb? Wenn du gelb bist, bin ich lila

Teil 1

Ich frag mich, macht Regen eigentlich wund? Lässt Weinen los? Können Fliesen warm sein? Ist mein Fokus Willkür? Bin ich allein? Wer gehört zu mir? Ist Papa dick? Und Mama doof? Sucht mich jemand, und wenn ja, bis wann? Auf welches Telefon? Wenn das hier vorbei ist, reden wir dann? Schreibst du mir ein Regenlied? Ich werd‘ dazu tanzen

Neue Welt entdecken

Sonne scheint. Vorhergesagt war Regen. Richtig viel sogar. Wahrscheinlich werden die Wolken von den Bergen aufgehalten. Im Zug schwelt die dicke Luft. Rauschen. Heiße Gleise. Vorbei an Sträuchern, verschwommenes Blickfeld. Geschwindigkeit. Äste schrecken zurück. Dem Zug sein Windstoß? Felder. Verwilderte Natur. Unstrukturiert. Schön. Wie Dry Savanna? Relief Rainfall? Weißer, blasser Zitronenton steht über den Bergen. Wo ich hinschaue, Berge. Sonne ist im Winter. Bäume sind im Herbst. Es ist Ende Oktober. Schwarz. Tunnel. Plötzlich. Schreibpause. Braune Blätter. Grün gelb. Orange. Jetzt, Wald. Schräger Wald. Dunkelgrün. Braun. Gelb. See. Sehr klein. Aufeinander gestapeltes Holz. Das würde Papa freuen. Wieder Dunkelgrün. Ein anderes. Alle Farben in einer Waldlichtung, zu der es einen Abhang hinuntergeht.

Bremsen. Laut. Gekrächze. Stillstand.

Ein Mann mit schmalem Gesicht, dunklem Teint, schwarze Haare mit grauen Strähnen. Gläserne Augen. Er redet langsam und bedacht. Erzählt von seinen sieben Kindern in Sibiu, und seiner Arbeit in München. Dass er sie jeden Monat besuchen kommt. Erzählte von gesundheitlichen Problemen. Seine gläsernen Augen strahlen. Glück. Traurigkeit. Vermissen. Und Kraft. Schwer, sich abzuwenden. Der Zug kommt ins Rollen.

Rechts ein kleines mit Stacheldraht eingezäuntes Gehege. Zwei Ziegen grasen vor sich hin. Links in der Ferne stehen verstreut kleine Häusergruppen. Eine Frau auf der Sitzbank gegenüber ist damit beschäftigt, Julika abzuzeichnen. Julika liest. Die Frau zeichnet. Julika fühlt sich beobachtet. Einzelne, sekundenlange Blicke, die die Frau braucht, um sich Julikas Silhouette einzuprägen. Wie Zitate in der Grundschule.

Jetzt rechts komische weiße Stoppeln. Eine große, weite Herde? Kein Schäfer. Jetzt geschorene Felder. Ein kleiner, frisch renovierter Fußballplatz. Glänzende weiße Linien. Am Rand links drei gelbe Plastikstühle, rechts drei weiße Plastikstühle. Niedlich. Alles neue Welt.