Von der Frage nach dem Französisch in mir und einer Zelle kurz vor Überhitzung

Ich erinnere mich noch sehr genau, wie wir drei frankophile SchülerInnen in der achten Stunde im Klassenraum saßen, um uns auf das bevorstehende französisch Examen vorzubereiten. Und plötzlich stellte unsere Lehrerin uns eine Frage, ganz fernab vom Unterricht, mit der wir, glaube ich, alle nicht gerechnet hatten. Wobei sie dies gerne machte – Fragen stellen, mit denen wir nicht rechneten. 

« Pourquoi aimez-vous le français tellement ? » („Warum liebt ihr Französisch so sehr?“), wird sie damals ungefähr gefragt haben. Zugegebenermaßen habe ich die Frage nicht mehr genau im Kopf, ich erinnere mich dafür umso intensiver an unsere verdutzten Gesichter. Zumindest an jenes von mir und dem Jungen, der später für eine kurze Zeit mein Freund werden würde. Meine Freundin, die Tochter der Lehrerin, war solche Fragen vielleicht gewöhnt, reagierte gelassener, vor allem kommunikativer. Wir hingegen stockten, waren überfordert. Ein Kloß steckte mir im Hals, der verhinderte, dass Wörter, egal ob französische oder deutsche, in meinen Mundraum gelangten. Eine so klare, und im Vergleich zu den politischen und ökonomischen Fragen, die uns sonst gestellt wurden auch einfache, lebensnahe Frage, auf die wir keine Antwort fanden. Es war, als würde mich etwas schütteln, als wäre eine wichtige Zelle geplatzt. Eine Zelle, die vielleicht alltäglich wenig Bedeutung hatte, und durch diese plötzliche Aufmerksamkeit mächtig überfordert war. Wie eine Maschine, die auf Volldampft läuft und kurz vor Überhitzung steht. So ging es der Zelle. So viel tat sich in meinem Körper. Vielleicht nicht ganz so viel, aber ziemlich viel. Und so viel Spannung und Energie baute sich im Raum auf.

Ähnlich, von meiner Außenperspektive nicht ganz so dramatisch, lief der Schülerzeitungsworkshop neulich ab. Ich hatte den Schüler*innen angekündigt, dass wir uns mit Identität auseinandersetzen würden, dass wir herausfinden würden, wie unsere persönlichen Gedanken und Gefühle einen Weg in die Schülerzeitung finden würden. Wir starteten mit zwei Energizern. Die Gruppe war sehr entspannt, fast träge, ähnlich wird es damals in unserer Französisch Gemeinde auch gewesen war. Dann erklärte ich die Regeln des nächsten Spiels: Mehrheit oder Minderheit? Norm oder Randgruppe? Ich las Aussagen vor, zu denen sich die Schüler*innen positionieren mussten, wobei sie auch lügen durften. Es gab eine „Ja-Wand“ und eine „Nein-Wand“. „Ich rauche“, war beispielsweise eine Aussage. Danach erörterten wir, wie es sich anfühlte zur Mehrheit und zur Minderheit zu gehören, was sich besser anfühlte, was langweilig oder besonders war. Bei so viel Laufen kamen ein paar lachende Gesichter, ein bisschen Bewegung zum Vorschein. Dann stellte ich die letzte Aufgabe: 10 Definitionen von sich selbst in Stichwörtern notieren. Sehr viel Ruhe kehrte ein, das Lösen der Aufgabe brauchte deutlich mehr Zeit, und ein paar leise, verzweifelte Ausrufe waren zu hören, als ich vorgab: „Now strike out four of the definitions“ („Jetzt streicht vier der Definitionen heraus“). Die Vorgaben führte ich in kleinen Schritten fort bis schließlich nur noch eine Definition auf den Blättern der Schüler*innen übrig war. Ich erinnere mich noch gut, wie ich das Spiel beim kulturweitschen Vorbereitungsseminar mitgespielt hatte, daran wie sich ein paar Funken Wut und Hilflosigkeit aufbauten als wir von unserem Trainer die Aufforderung bekamen nun wieder vier von den mühsam gesammelten zehn Definitionen herauszustreichen. Es war als würden wir gezwungen uns zu verunvollständigen, als würde uns etwas genommen, oder vielmehr als wären wir gezwungen uns selbst etwas zu nehmen. Ich forderte meine Schülerzeitungsgruppe auf in einem Kreis zusammenzukommen, in dem wir die finalen Definitionen miteinander teilten und uns überlegten, wie diese in Prosa oder Zeitungsartikel verpackt werden können. Jeder einzelnen Zelle wurde ein Stück Aufmerksamkeit, Gehör geschenkt. Ruhe breitete sich aus. Die Trägheit war weg.

Natürlich realisierte unsere Lehrerin das Spektakel, und natürlich würde sie uns auch nicht mit dem Dampf ent- bzw. allein lassen. Wir versuchten uns in den nächsten Minuten eine Antwort zu erarbeiten, sehr verstandesgeleitet, denn wie gesagt, die kleine Zelle war überfordert. Und dann versuchte sie uns etwas zu sagen. Sie sagte ungefähr, dass das, was uns verstummen lässt, was uns innerlich arbeiten lässt und mitreißt, dessen Schönheit uns umhaut, weil wir keine Antwort darauf wissen, dass wir diesen Spirit, diese Begeisterung lernen sollen, weiterzugeben. Sicher wird sie dies auf Französisch alles etwas vereinfachter gesagt haben, und sicher wird es auch viel schöner geklungen haben, denn es war ja Französisch! Und irgendwie war dann auch die Stunde vorbei. Wir verließen den Raum. Der Junge mit nassen Augen, ich sehr nah bei meiner Zelle, wo Mutter und Tochter waren weiß ich nicht mehr, dafür hatte ich in dem Moment auch kein Auge. Erst später würde ich die Bedeutung dieser „Lebenslehre“ erahnen können. Wenn ich danach suchen oder vielmehr anfangen würde darauf zu hören, was die kleine Zelle möchte, und mich von dem ganzen Krimskrams lösen würde, der die kleine Zelle umgibt. Wenn ich reflektieren würde, dass dies sicher eine der wichtigsten Lebensaufgaben sei

– der kleinen Zelle Gehör zu schenken.

Auf Fahrrädern durch die Hermannstädter Festung

Oder: Eu, Noi und unsere Umwelt

Der eisige Wind wehte durch unsere Haare. Einige von uns stülpten sich Mützen oder Stirnbänder über, um sich für die Fahrt von der Hermannstädter- zur Öko-Festung in Gusterita zu wappnen. Voller Geschwindigkeit schossen wir das Gefälle hinunter und unter der Lügen-Brücke, dem Tor des kleinen Rings, hervor. Ein paar Minuten später standen wir auch schon mit unseren Fahrrädern vor einem anderen Ring, jener Mauer, welche die evangelische Kirche in Gusterita umgibt.

„Wir teilen Rumänien als unser gemeinsames Zuhause“

Wir, das sind 30 Jugendliche aus ganz Rumänien, die sich bei dem Projekt „Interkultural“ engagierten. Wir kommen nicht nur aus unterschiedlichen Städten, sondern bringen auch andere ethnische und kulturelle Hintergründe mit. Wir gehören verschiedenen Minderheiten und Mehrheiten an, teilen Rumänien aber alle (momentan) als unser gemeinsames Zuhause. Im Rahmen diverser Kennenlern-/Identitätsspiele und Freizeitbeschäftigungen, ob auf der Mülltrennungsanlage, beim oben beschriebenen Fahrradfahren, bei den gemeinsamen Mahlzeiten oder bei einem abendlichen Bierchen, traten wir miteinander in den Dialog und lösten (unbewusst) so gut es ging die Fremdheit, welche teilweise aufgrund unserer unterschiedlichen Hintergründe existierte.

„t’s too late to be a pessimist!“

Worum es bei unserem Projekt aber eigentlich ging, und was uns in diesem Sinne sicher nicht unterschied, sondern, was wir teilten, was uns miteinander verband, war die Umwelt, bzw. die an uns gerichtete Botschaft: wir alle teilen und profitieren von der Umwelt, und jeder Einzelne von uns ist mit verantwortlich für die Gestaltung unserer Lebenswelt. Wenn wir auch in 20 Jahren noch von Mutter Erde profitieren wollen, müssen wir etwas verändern. Dann müssen wir uns engagieren, denn: „It’s too late to be a pessimist!“ (Es ist zu spät ein Pessimist zu sein!), wie der Film „Home“ verdeutlicht.

„Wir tauchten ein in die inspirierende Welt von Hundeschützer*innen, Bäumeplanzer*innen, Umweltpädagogen*innen, Pfarrer*innen und Ökogartenbetreiber*innen…!“

Der Film bot den Einstieg in die einwöchige Seminarwoche (vom 21.-27.10.2018), in der wir uns zunächst mit ökologischen Problemen, Herausforderungen und Lösungsansätzen auf globaler, dann auf regionaler und schließlich auf individueller Ebene beschäftigen würden. Auf globaler Ebene sammelten wir Informationen zu Themen wie Resilienz, Nachhaltigkeit, Effizienz, Pharmakultur und Klimawandel. Auch erprobten wir Simulationsspiele, wie „Keep Cool“, um einen Eindruck zu bekommen, wie schwierig es ist teils widersprüchliche globale Interessen im Hinblick auf eine gemeinsame Umweltpolitik zu vereinen. Regional ging es dann mit Besuchen einer Mülltrennungsanlage, einer ökologischen Farm, und verschiedenen Vorstellungen einzelner engagierter Persönlichkeiten weiter. Wir tauchten ein in die inspirierende Welt von Hundeschützer*innen, Bäumeplanzer*innen, Umweltpädagogen*innen, Pfarrer*innen und Ökogartenbetreiber*innen…!

„Was werde ich ab Montag tun…?“

Und das führte uns schließlich zu der letzten Etappe: dem Ich. Was werde ich ab Montag tun, um einen positiven Einfluss auf die Umwelt zu haben? Was werde ich ab Montag tun, um meinen ökologischen Fußabdruck zu reduzieren? Die Antworten fielen unterschiedlich aus. Es ging um die Reduzierung des Müllkonsums, um den Kauf von second-hand Klamotten, um eine Verringerung des Wasser- und Energiekonsums, um weniger Autofahren, stattdessen mehr Fahrradfahren!

Neun Stunden später öffneten wir die Tore der Öko-Festung, und schwangen uns auf die Sattel, ließen den eisigen Wind wieder durch unsere Haare streifen, und trudelten zurück in die Hermannstädter Festung. Wie erholsam und vor allem gesund Fahrradfahren doch ist, besonders wenn der Weg zu einer solch schönen, alten Festung führt!

Deutsche Kartoffel

Wie lerne ich die Schüler*innen bloß kennen, ohne dauernd diese öde Vorstellungsrunde einzuleiten? Diese Frage beschäftigte mich, nachdem ich in den letzten zwei Wochen etliche Vorstellungsrunden einleiten durfte. Vorstellungsrunde heißt die Schüler*innen lächelnd und fragend anschauen, um sie zu ermutigen, etwas über sich zu erzählen, Fragen zu stellen, wenn der Beginn des „Etwas über sich Erzählens“ übermäßig Zeit in Anspruch nehmen  würde, sich wiederum den zaghaften, zögerlichen Fragen der Schüler*innen zu stellen (ich glaube so gut, wie in den Vorstellungsrunden habe ich mich selber noch nicht kennengelernt!), mit 20-30 Namen beglückt zu werden, diese mithilfe von anderen Informationen über die Kids in einen Kontext zu packen, und leider aber am Ende der Stunde doch genauso schlau (!) aus dem Klassenzimmer heraus zu spazieren, wie vorher…dabei ist Namen merken doch so wichtig…! Ich merke oft, wie sich die Distanz schnell verringert, und das Vertrauen zunimmt, nur weil ich den Gegenüber, der für mich kurz zuvor noch namenlos war, mit seinem Namen ansprechen kann. Ich jedenfalls fühle mich dann gesehen, individualisiert. Mir wurde zugehört, und man hat mich abgespeichert. Eine Form von Anerkennung und Respekt eben. Und leider lässt mich mein Gedächtnis doch zu oft im Stich…

Das war das eine, was mir durch den Kopf ging. Wie schaffte ich es, die Namen der Schüler*innen zu behalten und gleichzeitig auf die mittlerweile ausgelaugte und monotone Methode der „Vorstellungsrunde“ zu verzichten? Wie schaffte ich es, die Vorstellung etwas interessanter und spannender zu gestalten? Wie schaffte ich es, das Vertrauen der Schüler*innen zu gewinnen und bei ihnen das Gefühl des Gesehenwerdens zu erwecken?

Witzig, dass mir ausgerechnet mein Patenkind der Berliner Studienzeit den Anstoß für eine Lösung gab. Der Kleine war damals acht Jahre alt, mittlerweile ist er neun, und wir trafen uns einmal pro Woche, um Berlin unsicher zu machen. Wie die meisten Kinder, ärgerte auch er die Menschen gerne mit lieben Worten. Ein liebes Wort, welches ich in einer seiner Geschichten einmal zu hören bekam, war „deutsche Kartoffel“. So würde er seine deutschen Klassenkameraden nennen. Er lachte, als er mir die Geschichte erzählte. Kicherte. Und ich, die zu oft nicht wusste, wie auf solche lieben Worte zu reagieren war, erklärte ihm etwas empört „Mensch, so etwas kannste doch nicht sagen…deine Klassenkameraden sind dann traurig, wenn du die so nennst. Das verletzt die.“ Der Kleine kicherte weiter, wie Kinder dann eben kichern, wenn sie einmal am Kichern sind. Naja, jedenfalls ließ ich mich durch die große Shoppingmall in Iasi treiben, und dachte prompt an die liebevolle Bezeichnung meines Patenkindes für seine Klassenkameraden. Und dachte dann an die Vorstellungsrunde. Und Schwups, war die Idee der deutschen Kartoffel Runde geboren!

Als ich den Mädels heute in der Jugend debattiert AG meine (gefakte) deutsche Kartoffel präsentierte, wurde mächtig gelacht. Es machte ja auch so viel mehr Spaß, sich gegenseitig Fragen zu stellen und dabei eine Kartoffel durch den Raum zu werfen! Und die Fragen schienen immer spannender zu werden, ich musste sie gar nicht mehr durch aufmunternde, lächelnde Blicke stimulieren. Es war eben, als hätte die deutsche Kartoffel eine magische Sprachverleihungskraft, die dazu noch die Lachmuskeln anstrengte! Ab jetzt wird nur noch mit der Kartoffel gearbeitet!