Schwieriger Schauspieler

Es ist Premierenabend. Der Theatersaal ist ausgebucht. Ich sitze in einer der letzten Reihen und schaue steil abwärts auf die Bühne. Mein Vorhaben ist, die Regisseurin ausfindig zu machen und auf dich anzusprechen. Ich kenne sie nicht persönlich. Ich weiß nur, in den 90ern inszenierte sie am Residenztheater in München; dort kreuzten sich eure Lebenswege.

Ein paar Wochen zuvor sehe ich mir Fotos an. Ihr Anblick erinnert an ein kokettes Erdmännchen, ihr Gesicht sieht außerordentlich herzlich aus. Ich lese mich fasziniert ein. Wer ist diese Frau, die schon mit 23 Jahren Theaterklassiker der Literaturgeschichte auf die Bühne brachte? Die schon so früh wusste, was sie wollte. Auf meine Frage, wie du sie fandest, sagtest du Gut. Als sei dieses Gut alles, was es zu ihr zu sagen gäbe, abschließend und wahrheitsgemäß.

Applaus tritt ein. Die Zuschauer erheben sich. Im Anschluss findet ein Premieren-Soirée mit Podiumsdiskussion statt. Eine Frau, dem Publikum zugewandt, mit kurzen lockigen Haaren, erzählt von ihren Überlegungen zur Inszenierung. (Im Traum scheine ich all die Informationen zu ihrem Aussehen und ihrer Karriere nur diffus, unbewusst zu besitzen; laut meiner Kurzrecherche hat deine Münchener Regisseurin lange, leicht gewellte Haare). Trotzdem, ich bin mir sicher, die Frau, die die Aufmerksamkeit Aller innehat, ist es, die ich suche. Außer ihr, der Rednerin und mutmaßlichen Regisseurin, kommt niemand als Sie in Frage. Sie erzählt von der Wichtigkeit eines stimmenden Timings und gibt die Bühne frei. „Ab drittem Auftritt?“, fragt die sie. Frage heißt Konsens. Frage heißt Auf die Plätze, fertig, los! Eine ausgewählte Szene mit Schnittstellen. Personen treten auf, treten ab, man unterbricht sich, läuft, setzt an, läuft, hört zu, bleibt stehen, unterbricht. Die Bewegungsabläufe und Sätze gehen nahtlos ineinander über, ein fließendes Spiel, einstudiert mit der Akribie und Geschmeidigkeit eines Balletttänzers, dessen Knochen und Gelenke einer eingeschriebenen Routine folgen, übergegangen in Fleisch und Blut. Kurz darauf tosender Applaus. Ich bin begeistert. Dann nehme ich wahr, dass Sie sich eine Baseballcap aufsetzt, wie es Hollywoodstars tun, die nicht erkannt werden wollen. Sie nimmt einen Jungen, vermutlich ihr Sohn, denke ich, an die Hand und verschwindet in Richtung Ausgang des Theatersaals, zwischen ihr und mir die tosende Menschenmasse, berauscht von der abklingenden Energie der Darbietung. Ich setze mich in Bewegung, drängle mich zwischen den Menschen hindurch, bis ich ebenfalls den Ausgang des Theatersaals erreiche. Die Regisseurin mit Sohn an der Hand entschwindet durch die Dunkelheit; der Theaterplatz ist menschenleer. Ich darf sie nicht aus den Augen verlieren, denke ich aufgeregt. Aus irgendeinem Grund kann ich mich nur langsam fortbewegen, etwas bremst mich, eine Gehbehinderung, ein Schmerz; sie und ihr Sohn hingegen entfernen sich schnell. Ich rufe: „Warten Sie! Ich habe eine Frage!“. Ich komme mir vor wie ein Groupie, oder eine sensationsgeile Bild-Journalistin. Natürlich bin ich das nicht. Ich will vorbeugen, dass auch sie diesen Eindruck bekommt. Wie mache ich mich kenntlich, frage ich mich, als Nicht-Groupie und Nicht-sensationsgeile Bild-Journalistin? Wie befreie ich mich von diesen abschreckenden Schein-Etiketten? Wie bringe ich sie dazu, mir zuzuhören? Sie dreht sich um und kommt auf mich zu. Ihr Sohn protestiert, er wolle nach Hause. Ich empfinde hektische Aufregung, peinliches Berührtsein, und einen meine Gehbehinderung durchwandernden Hoffnungsschimmer. Da darf jetzt nichts schief gehen, womöglich habe ich nur diese eine Gelegenheit, feuere ich mich an. Sie erreicht mich, aber geht an mir vorbei. Ich mache kehrt, und humpele ihr nun wieder hinterher, diesmal in Richtung Theater. „Ich bin die Enkelin von … Sie haben mit ihm in den 90ern am Residenztheater inszeniert. Erinnern sie sich an ihn?“. Ich sage das alles wie aus einem Guss. Wahrscheinlich ähnele ich einer Dame, die einem etwas am Telefon verkaufen und ein genervtes Auflegen um jeden Preis verhindern möchte.

Jetzt steht das Geschehen.

„Ja“, sagt sie und lächelt flüchtig. „Er war ein schwieriger Schauspieler. Hat leise gesprochen“, stellt sie fest. Ihre Feststellung und überhaupt ihr Auftreten zeugen von analytischer Schärfe und hoher Sachkompetenz. Es besteht kein Zweifel, Opa. Du warst ein schwieriger Schauspieler. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass nicht alles gesagt ist, dass Erklärungsbedarf besteht. Ich bin mir sicher, sie wird dieses Vakuum im Verlauf des Abends füllen. Noch bin ich unzufrieden, meine Neugierde ist nicht gesättigt. Diese Gewissheit, Weiteres über dich zu erfahren, was den ganzen Sachverhalt aufklären wird, diese unbändige Frage, wie du warst, als Schauspieler, treibt mich an ihrer Seite zurück ins Theater.

Nächste Szene. Wir sitzen um einen Esstisch, Szenerie ist jetzt das Wohnzimmer meiner Mutter, die Regisseurin mir gegenüber, am Kopfende hat sich ein Journalist der Neuen Züricher Zeitung zu uns gesellt, ein Auslandskorrespondent aus Singapur. Ein Tohuwabohu an Symbolen. Die Wände des Wohnzimmers sind transparente Glasschreiben, die den Blick in die schwarze Nacht freigeben. Das Wohnzimmer steht auf einer Anhöhe; durch ein Tal weiter unten fließt ein breites Flussbett, Schlieren und Wellenhäufchen münden in eine sanfte, meditative Strombewegung. Am Flussrand stehen vier Schauspieler, deren Gesichter goldfarben geschminkt sind. Es sind die vier, die sich in der Szene zuvor bekriegt hatten. Sie fallen ins Wasser und treiben als goldfarbene Leichname stromabwärts, Gesichter als Goldkleckse Richtung Nachthimmel. Ich frage mich, ob sie tot oder lebendig sind. Das ist ein Theaterritual, dämmert es mir. Die müssen das machen. Na klar leben sie noch! Mit diesem Gefühl des Mir-dämmerns blinzele ich in mein dunkles Schlafzimmer.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.