Ossobuco

Ein Sohn rief seinen Vater an, weil er seine Stimme hören wollte. Der Vater nahm den Hörer ab.

„Hallo?“

Dem Sohn gefiel die Gewissheit, zu jeder Minute, jeder Stunde, eine Begrüßung des Vaters zu hören.

„Hallo, Papa!“, euphorisch überschlug er sich und machte es sich mit dem Hörer am Ohr gemütlich.

Bald kamen sie auf die Krankheit des Vaters zu sprechen. Leider. Denn egal, was der Sohn sagte, der Vater vermochte irgendeine Assoziation zu seiner Krankheit herzustellen. Sprach er einmal von seiner Krankheit, dann drehte er minutenlange Kreise, wütete, tobte, litt. Der Sohn schaltete ab, sank in seine eigene Welt. Rauschen. Nebel. Dafür hatte er ihn nicht angerufen. Sein Selbstmitleid, seine Angst, sein Zorn. Er verlor seinen Vater und umgekehrt. 

Dann, irgendwann, fragte der Vater: „weist du denn schon, was du dir heute Abend kochst?“

Der Sohn schüttelte den Kopf. Schwieg. Paprika mit Gehacktem? Pfannekuchen? Nudeln?

Der Vater wartete nicht lange, begann von seinen Essensplänen zu erzählen. Lebendigkeit kehrte ein. Detailliert beschrieb er dem Sohn, wie er das Ossobuco zubereiten wollte, was er garen, wie lange er es köcheln und womit er würzen wollte. Der Sohn interessierte sich, denn er wusste, dass der Vater gut kochen konnte und dass ihm gutes Essen viel bedeutete. Er stellte Fragen und versuchte zu verstehen, welche Arbeitsschritte es einzuhalten galt. In diesen Momenten spürte er seinen Vater. Lächelte am anderen Ende der Leitung und trocknete seine Tränen.

Sie verabschiedeten sich. Der Sohn begann zu kochen. Und es schmeckte. Besser als das Essen.

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