Feuille rose

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Sie lag im Bett und hielt die Augen geschlossen. Das Licht im Zimmer war aus. Durch das Panoramafenster seitlich von ihrem Bett schimmerten die Lichter der Laternen und bunten Reklamen der Innenstadt. Nicht so, dass es unangenehm war, nur, wenn sie sich aufrichtete und vor die transparente Wand setzte, lag das Lichtermeer vor ihr. Sie versuchte eine neue Form der Meditation, indem sie ihre verzwickten Gedanken auf ein Blatt schrieb, dieses an die Wand hing und die Augen schloss. Üblicherweise landete sie ganz woanders, als bei ihren Gedanken, glitt ab in Lichterreklamen und Abenddämmerung. Vielleicht waren die Worte, die sie zu Papier gebracht hatte, so diffus, so unnahbar, weil sie sich nicht greifen ließen. Weil ihr Herz sie nicht greifen konnte. „Was ist das, wichtig sein?“

Sie hatte über die Wertschätzung anderer schon mehrere Essays geschrieben, hatte Studien zu Wertschätzung im Wandel und die Werte der Leistungsgesellschaft durchgeführt und diese mit früheren Studien verglichen. Erst letztes Jahr hatte sie aus dem gesammelten Material einen wissenschaftlichen Beitrag in einer Festschrift veröffentlicht. Er hatte wenig Beachtung gefunden. Sie fand es ironisch, dass ihr Beitrag nicht diskutiert wurde, und sich stattdessen Lifestyle Magazine um diese Themen rissen. Wertschätzung, Achtsamkeit, Rückbesinnung. Das amateurhafte Geplänkel, die banalen, leeren Buchladensätze, mit denen die Seiten dieser Magazine gefüllt waren, machten sie wütend. In einer Welt, sie sich ernsthaft zu verändern hatte, wurden empirische Erkenntnisse nicht ernstgenommen. Stattdessen glotzten die Menschen stumpf in den Fernseher oder verblödeten vor dem Controller. Manchmal dachte sie wirklich, abgesehen von ihren an der Hand abzählbaren Kollegen und Kolleginnen, sei sie allein auf der Welt; sei allein sie diejenige, von der das kosmische Schicksal und vor allem jenes der Menschheit abhing. Dann nach der letzten Wahl war sie doch überrascht, dass der Landtag nicht in blau ertrunken war.

Sie öffnete die Augen und blinzte wieder in Richtung Lichtermeer. Dann auf das rosafarbene Blatt, das sie im leeren Kinderzimmer ihrer Tochter gefunden hatte. So einfach wie möglich hatte sie ihre Gedanken mit einem roten Filzstift zu Papier gebracht. Es war jedes Mal eine Qual, sich von all den wissenschaftlichen Konzepten zu lösen und sich auf das Wesentliche zu beschränken. Manchmal flitzte ihr die Frage durch den Kopf, wer sie war, ohne ihre Theorien, ihre Abhandlungen; also wer sie wirklich war. Dann lachte sie über die Sinnlosigkeit. Wenn es der Sinn des Lebens war, sich selbst einen Sinn zu geben, dann hatten Fragen, die sie zu Sinnlosigkeit führten in ihrem Kopf nichts zu suchen.

Schon seit einigen Tagen beschäftigte sie nun das rosafarbene Papierchen gegenüber der Panoramafront. Matteo hatte sie dorthin geführt, als sie ihm vorgeschwärmt hatte, wie überwältigt sie war, dass sich Professor Frank aus New York zurückgemeldet hatte. Ihm und seinen neurobiologischen Erkenntnissen hatten sie ihren letzten Essay gewidmet. Nein, eigentlich waren es weniger seine Abhandlungen, sondern vielmehr der Professor, der Mensch, dem sie den Essay widmete. Sie verband nichts miteinander, sie kannte ihn nicht einmal, bis auf die flüchtigen, unwesentlichen Begegnungen auf oberflächlichen Empfängen. Aber er, dieser Professor, den sie nicht kannte, und dennoch unheimlich bewunderte, hatte ihr einen Brief geschrieben, um sich für die Widmung und die gemeinsamen Gespräche zu bedanken, und, das meinte sie aus seinen warmen Zeilen herauszulesen, wenngleich sie sich unsicher war, es war mehr als ein bloßes förmliches Dankeschön, die Zeilen erzählten sogar ein bisschen wer sie war, obgleich sie nicht wagte, sich in dieser Hinsicht zu überschätzen und anmaßende, empirisch nicht belegbare Hypothesen anzustellen. Trotzdem, seine Worte waren herzzerreißend, sie hatte beinahe eine Träne vergossen, als sie den Brief plötzlich in der Hand hielt. An einem Sonntagmorgen. Noch bevor Matteo sie zum vormittäglichen Kaffee abholen gekommen war.

Matteo, vor einigen Tagen im Café, hatte ihr zugehört, weise genickt, als sie fertig war, ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben und gesagt: „Du brauchst nicht immer denken, dass du nicht wichtig bist.“ Sie war überrascht, für ein paar Sekunden sprachlos. Von ihrem jungen italienischen Liebhaber hatte sie nun wirklich keine so treffende Reaktion erwartet. Es rührte sie. Er rührte sie, indem er augenscheinlich sah, wie sie sich fühlte. Das passierte nicht oft und sie hielt es ihm nicht vor, dafür wusste er zu wenig über sie. Sie hatte tatsächlich kurz nach Luft schnappen müssen, Tränen waren glücklicherweise nicht gekommen, das wäre auch zu viel gewesen. Sie hatte seine ernsten Worte unter dem Heizpilz im Café stehengelassen und war ins Haus gegangen, um zu bezahlen. Sie ärgerte ihn gerne, indem sie sich seinen Rollenvorstellungen widersetzte. Für sie war es ein Spiel. Für ihn war es Ernst.

Und jetzt lag sie in ihrem Bett und dachte drüber nach. Nicht über ihn, nicht über seine Stimme, nur über seine Worte. Nur über die Worte, die sie dazu veranlasst hatten, sich in eine neue Meditation zu begeben. Sie betrachtete eingehend das rosafarbene Papierchen. „Was ist das, wichtig sein?“. Sie versuchte den Satz zu drehen und zu wenden, ihn auf sich zu beziehen. ‚Ich bin…‘ Aber ihr Herz war leer. Sie wünschte sich, dass es Stellung bezog. Wünschte sich still, dass es schreien würde, fluchen, zynisch lachen, zwinkern. Sie wünschte sich, dass es reagierte. Dass etwas geschah. Aber nichts. Nichts passierte. Ihr Herz war leer, als sie den Satz noch einmal las. Und noch einmal. Und die Leere, das verwirrte sie am meisten, war nicht einmal unauthentisch, wie das Ergebnis anderer Meditationen. Sie war einfach da.

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