Durch das, was vor dir steht

Der Bergzögling, den es ans Meer verschlug

Ahwuu, awuuuuuh…heult es auf, das kleine Lebewesen, von dem mein Onkel behauptet, es würde so gerne mit mir spielen, weil ich dieselbe Größe hätte. Meinen Onkel schaue ich in diesen Momenten schief an, und baue mich demonstrativ kräftig, breitschultrig auf, um seine Stichelei zu widerlegen. Das kleine Lebewesen heißt Max.

Max ist ein Berna-Sennen Hund. Seine Vorfahren lebten in den Schweizer Alpen und hatten die Aufgabe, die Milchkannen in Bollerwägen von den Bergen hinunter in die Dörfer zu transportieren und wieder hinaufzuziehen. Als Erinnerung an sie trägt Max ein Halsband mit einer Schweizer Flagge. Bloß, würde er zwischen dem Heimatort seiner Vorfahren und dem Meer wählen können, das er seit einigen Tagen mit uns genießt, dann scheint eindeutig wohin seine Entscheidung fällt. So wie ich, liebt auch Max das Meer. Vielleicht haben wir uns deswegen so schnell angefreundet. Heute Morgen führte ich ihn ein letztes Mal an unseren Sehnsuchtsort. Seine Gedanken liefen entsprechend seiner Nase die Kliffen hinunter in Richtung Wasser. Ich setzte mich auf einen Felsen, löste die Leine von seinem Halsband und ließ ihn hinunterspringen, immerzu gen Meer, gen Wellen, die auf Kieselsteinen brachen, aber den Sprössling nicht daran hinderten seinen Körper bis zum Hals im Salzwasser unterzutauchen.

Morgens, wenn ich der Sonne von der Luke unseres kleinen Schlafsalons aus entgegen blinzle, meine Glieder recke, Leben in meinen Körper und durch die Dachluke Sauerstoff ins Wohnmobil lasse, dann jault das kleine dreijährige Lebewesen auf. Es hat entdeckt, dass jemand wach ist, möchte endlich raus aus dem stickigen Gefährt, das so wenig Gerüche bietet, möchte Hunde beschnuppern, die Welt sehen und riechen lernen. Und sobald sich eine wache Seele regt, verleiht er diesem Wunsch Gehör.

Ich krieche nach vorne und beuge meinen Kopf über die Bettkante, um zu sehen, was das kleine Lebewesen treibt. Es dauert nicht lange bis er meinen Lockenkopf von der Decke hängen sieht. Sofort tapst er zu mir. Das zunächst sanfte Juchzen, mit dem er mich zu begrüßen schien, wird nun energischer, lauter, insistierender. Er will doch mehr, als nur mich sehen, er will doch raus. Als er merkt, dass ich sein Schauspiel amüsiert beobachte, mich aber noch nicht dazu hinreißen lasse, aus dem Bett zu kriechen, macht er prompt seine „Figur“ wie ich es nenne. Leibhaftig führt er mir vor, was im Yoga als herabschauender Hund bezeichnet wird – er schiebt seinen Popo nach hinten oben, zieht seine Pfoten nach vorne und streckt seinen Rücken in die Länge. Dann dauert es nicht mehr lange, er springt auf, versucht mit seinen Pfoten die Bettkante zu erreichen, wedelt nervös mit seinem Schwanz, bewegt sich pausenlos, ungeduldig, wild auf den überschaubaren acht Quadratmetern hin und her. Ein paar Mal juchzt und jault er noch, bis er schließlich mit dem ersten Bellen zu verstehen gibt, dass das Schauspiel nun beendet ist, dass er es nun ernst meint. Spätestens dann stöhnt mein Onkel auf. Die Nachtruhe ist beendet. Ich krieche aus meinem Betttuch, sage Max mehrmals er solle sich beruhigen, leine ihn an und entlasse ihn in die Welt. In die salzige Meeresluft.