Ich geh Protest!

Zum hundertsten Mal öffne ich in dieser Nacht meine müden, schlaffen Lieder, blinzle kurz, schätze anhand des Lichts ab, wie viel Uhr es wohl sein mag und lasse sie wieder zu fallen. Ich schwitze. Die Decke liegt neben meinem Palettenbett – längst für überflüssig erklärt in der dritten Hitzewelle diesen Jahres. Meine Klamotten kleben, Tshirt, Unterhose haften eklig warm an meinem Körper. Und inmitten des Durchzugs, zwischen Fenster und Zimmertür, der auch in der Nacht nur aus einem lauwarmen Lüftchen besteht, fühlt sich mein Hals trocken und kratzig an. Ich schnappe mir die Bettdecke, um ihn zu wärmen. Schiebe sie wieder von mir, um dem Saunagefühl zu entkommen. Wälze mich. Ziehe die Decke wieder zu mir. Schiebe sie wieder von mir. Drehe mich auf die andere Seite. Als mein Wecker zum morgendlichen Schwimmen klingelt bin ich wach. Sechs Uhr Dreißig. Zeit, endlich einzuschlafen. Der blaue Himmel sagt vorsichtig ‚Guten Morgen‘, sieht meine schlechte Laune. Die stehende Hitze im Zimmer ignoriert mich. Ich bin wütend. Und müde. Diese neuerdings blöden schlaflosen Hitzenächte! Mein Beschluss für den heutigen Morgen: Ich protestiere!

Ich schlüpfe in meinen Badeanzug, greife nach der Zahnbürste, anschließend nach den Wertsachen, und spaziere im Badeoutfit über die Straße zu dem silbernen Volvo, in dem meine Mama schon auf mich wartet. Das dienstägliche Morgenschwimmen ist zu einer Gewohnheit geworden. Mama guckt mich verdutzt an. „Hätten es nicht ein paar mehr Klamotten sein können?“, sagt ihr Blick. Ich werfe ihr einen entschiedenen Blick zurück, der sagt: „die Hitze ist mir eine Rechtfertigung – sollen die Leute doch denken, was sie wollen!“. Drei französische Küsschen, dann fahren wir los.

Die Kassiererin lacht, als sie mich sieht. Sie verweist mit einer Geste zur Bademeisterkabine, durch die ich direkt ins Schwimmbad gelangen könnte. Viel gute Laune um die frühe Uhrzeit, denke ich. Im nächsten Moment stutzt sie. „Und was ziehst du nach dem Schwimmen an?“. Ich halte eine Hand über die Theke, Unterhose und BH baumeln herunter. Sie ist sichtlich verwirrt. Ein verständnisloser Blick zu mir. Dann ein ungläubiger Blick zu Mama. „Sind sie die Mutter?“

„Und das erlauben sie?“, fragt sie in einem noch ungläubigerem Ton.

Mama lacht, fragt rhetorisch, was sie tun solle. Ich grinse. Mein Hitzeprotest hat Aufsehen erregt! Dass die Kassiererin weder für die Hitze verantwortlich ist, noch in der Lage ist, das Wetter zu beeinflussen, ist mir egal.

Dann passiert viel Verwirrung. Die Kassiererin hat Mama aus dem Konzept gebracht. Mama versteht den Zahlvorgang nicht. Bemüht und wach erklärt die Kassiererin, dass eine der hingehaltenen Karten ein Kaffee Gutschein war. Mama läuft durchs Drehkreuz, vergisst ihren Schließfachschlüssel. „Den müssen sie schon mitnehmen“, die Kassiererin hält den Schlüssel über die Theke – eine Mischung aus Grinsen und sanftem Lächeln. Und bevor wir die Umkleiden erreichen, weist sie nett darauf hin: „Ach, und übrigens: zum kalten Becken geht’s nach links!“. Das Grinsen kann sie sich jetzt nicht mehr verkneifen. Wir lachen müde und berührt, und verschwinden in den Kabinen.

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