Brief an dich

 

 

Meine Liebe,

es ist lange her, dass wir uns gesehen haben, dass wir uns mit nassen Augen umarmt, bis in die Nacht hinein auf der Hängematte nebeneinander gelegen haben, und überrumpelt aufgesprungen sind, als das automatische Rollo der Terassentür, ohne Vorankündigung, seinen Weg in Richtung Boden antrat. So oft bin ich auf Reisen, außer Lande oder einfach außer Haus. Es ist meine Entscheidung zu gehen, zu reisen, die Welt zu entdecken. Dass du auf meinen Reisen nicht dabei bist, tut mir weh. So war die Reise mit dir doch die größte und schönste im letzten halben Jahr. Und ich komme wieder, und werde wieder gehen. So will ich es, so soll es sein. Schon jetzt vermisse ich dich, bevor ich dich in meine Arme geschlossen habe, und dich wieder losgelassen habe. Schon jetzt sind meine Augen nass, wo unsere Umarmung noch drei Tage und 1647 Kilometer entfernt liegt.

Ich weiß, es ist schwer, nur einen Tag bin ich daheim, und dann wieder fort. Ein Abendessen, ein Lächeln, eine Berührung unserer Wege. Entweder du oder das Meer. Von dort ruft meine Leidenschaft. Ich höre das Rauschen der Brandung, den Wind, wie er die Wellen aufbauscht, ich höre die Melodie des Meeres, die nach mir ruft, eine pfeifende Flöte, ein Summen in meinem Herzen. Ich habe es mir nicht leicht gemacht, unsere Zeit ist gezählt, jedenfalls empfinde ich es so. Ein Urlaub, ein Zwischenstopp, ein Abschiedswinken und hinterhergeschickte Küsse. Verzeih mir, ich muss gehen. Jetzt ist die Zeit. All die Gründe, es nicht zu tun, wiegen nicht schwerer als ein Sandkorn. Wie viel du wiegst, ist unbeschreiblich. Ja, du bist das Meer, bilde ich mir ein? Also gehe ich zu dir? Diese Reise nimmt mir keine Freiheit, nimmt mir keine Gesundheit, fügt Anderen keinen Schaden zu, dessen versicherte ich mich kürzlich. Ich versicherte mich auch dessen, dass du kein Grund bist, es nicht zu tun. Denn du bist ja bei mir, egal wo ich bin, so weh und schwer die Wahrheit dieser Worte klingt. Und sollte ich dich vermissen, und im Meer um dich weinen, dass unsere Zeit sei geschwind, sei geschwind, dann sind wenigstens die Tränen nicht verschwendet. Denn die gibt es nicht wie Sand am Meer. Lass mich dich vermissen, aber vermiss du mich nicht. Ich musste es tun, ich konnte nicht anders, als der Melodie nachzulaufen, den Rufen zu folgen, dem Rauschen, das ich schon zwei Jahre lang nicht mehr gehört habe. Ich wäre blind, es nicht zu tun, blind vor Liebe, vor Sorge und Angst. Ich liebe dich. Sei mit mir.

 

Bis alsbald. Und jetzt. Mit mir.

 

 

https://www.youtube.com/watch?v=dzqNSAbE7Fo

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