Die Gartendusche

Oder: erste Berührung mit dem Morgen

Frühstück. An einem ganz gewöhnlichen Morgen sitzen wir um den runden Holztisch, den ich als kleines Mädchen nach den Mahlzeiten immer abzuschrubben pflegte, als wären jegliche Biersorten über ihm verschüttet worden. Die Sonne schimmert wie sonst auch durch die weiten Fensterscheiben, erhellt das Wohnzimmer. Der Garten ist fast vollständig von dem Schatten, den der Schuppen wirft, bedeckt. Pflanzen und Kräuter streifen unter der Sonne ihre dünne, nächtliche Feuchtigkeitsschicht ab.

Das helle, gelbliche Licht und der seichte Wind locken mich nach draußen. Ob der Wind behutsam genug ist, um Inlinerfahren zu gehen? Dann mache ich eine Schnupperprobe vor der Haustür. Im Gegensatz zur Gartenseite, ist hier schon alles im vollen Gange – Geschäftigkeit, dörflicher Berufsverkehr, Kinderstimmen und Schülerlotsen, Autos und Ampel und die Sirene eines Krankenwagens. Und trotz der Bewegung, die ich um mich herum wahrnehme, finde ich: Morgen riecht gut. Frisch. Unberührt. Unbeschrieben. Die Entscheidung ist gefallen.

Ein paar Minuten später rolle ich meine Standardrunde über den Asphalt. Zehn Kilometer bis zum Nachbardorf und wieder zurück. Gleite über den Radweg der Landstraße, genieße die Schnelligkeit, die Leichtigkeit auf meinen acht Rollen. Erst Gegenwind, dann Rückenwind. Eine halbe Stunde später rolle ich wieder durch die Haustür. Geschafft. Meine Haut ist abgekühlt vom Fahrtwind, mein Körper ist aufgewärmt. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass ich noch genug Zeit für eine Runde Dehnen habe. Ich winke Papa auf einen morgendlichen Kaffee raus in den Garten. Während ich mich dehne, lehnt er sich auf dem Stuhl zurück und schließt die Augen. Stillschweigend genießen wir. Langsam trocknet der Schweiß auf meiner Haut, meine Muskeln entspannen sich, auch von außen ist meine Haut jetzt Sonnenlicht-erwärmt. Nach der letzten Dehnübung hebe ich meinen Kopf.

Direkt vor meiner Nase steht die Gartendusche. „Würd‘ ich jetzt gern im Garten duschen!“, strahle ich Papa an. Der Gedanke an eine erfrischende, kühle Willkommensdusche lässt meine Augen aufleuchten. Papa selbst hatte die Dusche letzten Sommer tagtäglich benutzt „bis es nicht mehr ging“, um Strom zu sparen. Während ich den lapidaren Wunschgedanken unbekümmert und ohne weitere Umsetzungsvorstellung ausspreche, hat Papa in der nächsten Minute schon Gartenschlauch und Wasserzufuhr angeschaltet, und deutet einladend zum Regler der Dusche.

Mit Bikini springe ich erwartungslos unter die Gartendusche, kreische vor Frische, Sonnenlicht und erster Berührung mit dem Tag. Ich springe sogar eine kleine Pfütze in den Rasen, beschnuppre die Blumen und strecke mich gen Himmel. Papa lacht.

Welch wunderschönes Ritual, im Garten zu duschen. Garten und Tag willkommen zu heißen – mit einer Willkommensdusche! Ab jetzt wird nur noch im Garten geduscht, denke ich, während mein Arbeitswecker schon klingelt und ich gedanklich zur Bahn eile.

Meer – du machst mich vergessen

Ich stehe am Strand. Vor mir das Meer. Der seichte, ablandige Wind streicht mir durch die Haare. Mein Blick ist weit. Nur Meer bis zum Horizont. Die Wellen treffen in regelmäßigen Abständen auf den Strand. Ich zähle eine Wellenperiode von dreizehn Sekunden zwischen dem Brechen einer und der nächsten Welle. Dreizehn Sekunden, die ich habe, um die Brandung zu überwinden und ins Line Up – dem Platz hinter den Wellen – zu kommen.

Vor mir erscheint ein Monster. Viel größer als erwartet und viel schneller als gewohnt, schiebt es sich mir entgegen. Bei dem Gedanken, von dem Wassermonster überwälzt und an den Strand zurück gespült zu werden, schüttelt es mich.  Ich tauche meine Arme tiefer ein, ziehe sie schneller durchs Wasser. Japse nach Luft, verbiete mir aber jeden Gedanken daran, langsamer zu paddeln, mich der Kraft des Meeres auszuliefern. Die Wassermasse vor mir verändert sich. Der anfänglich sanfte Berg formt sich zu einer steilen Wand, einzig die Füße des Bergs sind flache Ausläufer. Ich denke an Harakiri, eine schwarze Skipiste in Österreich, vor der ich mich im letzten Winter gedrückt hatte, und auch: eine rituelle Selbsttötung in Japan. Nicht ganz so dramatisch, aber ähnlich angsteinflößend ist der Wasserberg vor mir. Ich ahne, wie schwierig es werden würde, die Welle trocken zu überwinden. Mental bereite ich mich darauf vor, tief Luft holen zu müssen. Mein Brett in der letzten Sekunde nach hinten abzustoßen. Tief unter Wasser zu tauchen, um mich vor den Finnen zu schützen. Ich sehe, wie alles, was im Fußbereich der Welle schwimmt, nach oben gesaugt wird. Die Wellenlippe neigt sich mir langsam entgegen.

In der nächsten Sekunde peitscht sie in mein Gesicht, die Welle fließt unter mir hindurch. Ich krache auf den Rücken der Welle und gleite über den massigen Körper hinweg. Atme aus. Die Gischt der gebrochenen Welle spritzt durch den ablandigen Wind nach hinten weg. Salzregen ergießt sich über mir. Kurz und kräftig. Als wolle mir die Welle zeigen, wer hier draußen das Sagen hat. Ein letztes Zeichen geben, einen Warnhinweis, ein Schnaufen, das von dem gefallenen Monster ausgeht. Ich jubele, schreie vor Freude, vor Meereskraft. Ich liebe das Meer. Ich liebe die Kraft, die es in sich birgt.

‚Geh ans Meer‘, sage ich mir fortan, um meiner Angst mit Vertrauen zu begegnen. Das Meer ist mir ein Riegel, den ich vor das Schloss schiebe, wenn sich die Tür zur Angstspirale öffnet. Das Meer lässt mich Angst und Sorgen vergessen. Schenkt mir Ruhe und Jubel. Schenkt mir ein Bild, ein Meeresbild für die Zukunft.

Vom Meer aus schaue ich jetzt zum Strand. Perspektivwechsel. Ich blicke zurück, wundere mich, wie unüberwindbar die Monsterwelle schien.  Beobachte Welle für Welle, die anfangen am Peak, dem höchsten Punkt der Welle, zu brechen. Welle für Welle, deren Farbe sich von Ozeanblau in Rasierschaumweiß verwandelt. Schaumkronen, die am Strand ankommen, als Überbleibsel jener Energie, die sich weit draußen im Ozean aufgebaut hat, wo sich Milliarden Wassermoleküle zusammengeschlossen und von ihrem Freund, ‚dem Wind‘, in Bewegung gesetzt wurden, um dann tausende Meilen über den Ozean zu wandern. Ich erkenne in der Ferne, dass sich die nächste Monsterwelle dem Strand nähert. Frage mich verwundert, wie es sein kann, dass Angst und Vertrauen im Meer so eng miteinander verbunden sind.

Hymne der europäischen Jugend

Hymne der europäischen Jugend

Ich sitze im Zug. Die Sonne scheint über die sattgrünen Felder. Ich staune, wie so oft, wenn ich mit dem Zug unterwegs bin. Von dem brutalistischen Stuttgart, dessen Sanftheit und Ästhetik ich noch versuche zu entdecken, kehre ich heim an den blauen Niederrhein. Hinter mir liegt eine intensive Woche Bewerbungsstress, zwei Gespräche, und schon glücklicherweise: eine Zusage. Mein nächster Abzweig ist gesichert! Ich blinzele der Sonne entgegen. Es fühlt sich an, als wäre ich mit Helium befüllt.

Nachdem ich jetzt sicher bin, dass und wie es mit mir weitergeht, denke ich an meine Freunde, oder besser: meine Mitreisenden, die sich wie ich auf derselben Reise befinden, nur andere Destinationen anvisieren. Illustration, Musikpädagogik, Ethnologie, interkulturelle Spanischstudien, internationale Beziehungen, Elektrotechnik in Schweden, Ernährungswissenschaften (und ein Umzug von Iasi, Rumänien nach München, Deutschland)….welch wunderschöne Träume, welch wunderschöner Sinn vor uns liegt!

Gestern erzählte mir eine Französin, dass in ihrem Heimatdorf in der französischen Provence 93 % der Wähler*innen den rechtspopulistischen Rassemblement National gewählt haben. Dass sie bei solchen Zahlen Angst bekomme um ihr Land. Wenn ich an mein bevorstehendes Frankreich Studium denke, denke ich auch an Europa. Denke „Wie viele junge Europäer*innen nutzen die offenen Grenzen, den freien Personenverkehr Europas, um sich zu entfalten, um ihren Platz in Europa, oder in der Welt zu finden! Welch Freiheit!“

Die Welt liegt uns zu Füßen, habe ich das Gefühl. Oder zu Europa. Und seinem Frieden. Der Gesang liegt im Himmel, fällt mir als nächstes ein, wenn ich an das Gospelkonzert von gestern Abend denke. Ein Ohrwurm schleicht sich in meinen Kopf und erhöht die Helium Konzentration in meinem Körper…

 

We are a chosen generation
Called forth to show His excellence
All I require for life; God has given me
And I know who I am

We are a chosen generation
Called forth to show His excellence

All I require for life; God has given me
And I know who I am

I know who God says I am; What He says I am
Where He says am at; I know who I am
I'm working in power, I'm working miracles
I live a life of favor, Cause I know who I am
Ohh oh oh, oh oh oh
I know who I am

I am holy, I am righteous oh…
I am so rich, I am beautiful
I'm working in power, I'm working miracles
I live a life of favor, Cause I know who I am
Take a look at me, I'm a wonder
It doesn't matter what you see now
Can you see His glory, ‘Cause I know who I am
Ohh oh oh, oh oh oh
I know who I am

 

“I know who I am” – Sinach

https://www.youtube.com/watch?v=frtZ4XfoXxM