Straßenseite wechseln

Oder: von vertrauten Fassaden und barrocken Bauten

 

Ich laufe durch die Straßen Cluj Napocas. Bewundere die bunten Häuser, die die Altstadt verzieren. Das älteste von ihnen, das Geburtshaus des rumänischen Königs Matia Corvin, reicht bis ins 15. Jahrhundert zurück. In anderen Bauten kann ich das barocke Erbe der „Sachsen“ wiedererkennen. Der etwas neuere Teil der Altstadt wird von neo-klassischen, romantischen Häusern geschmückt. Ich lasse meinen Blick an den frischen Fassaden entlangwandern. `Menschen, die tagtäglich durch eine solche Altstadt spazieren, brauchen nicht mehr ins Kunstmuseum gehen´, denke ich, und bestaune die sich mir eröffnende Szenerie heute schon den vierten Tag. Das Passieren von Straßen, die mir am ersten Tag fremd waren, ist jetzt zur Gewohnheit geworden. Die bunten Fassaden sind mir vertraut. Die Neugierde und Faszination der ersten Schritte und Blicke durch die Gassen, sind der Erwartung von Schönheit und Lust nach Wiedersehen gewichen.

Unerwartet erreiche ich einen hinteren Teil der Altstadt, der mir bisher verborgen geblieben war. Vor mir schlängelt sich ein Teil der alten Stadtmauer entlang. Ich klettere die Steigung eines sich vor mir erstreckenden Hügels hinauf. Einer von mehreren das Tal umrundenden Hügeln und Bergen, durch die die Stadt unter anderem ihren Namen bekam. Cluj ist lateinisch und steht für Kreis bzw. eingekreistes Tal, Napoca steht für Feuchtigkeit und Wald. Nach ein paar Höhenmetern scheint die Stadtmauer in ein paar Häuserbuchten verlaufen zu sein.

Ich freue mich, dass die Gassen auf meinem Rückweg noch genauso fremd sind wie zuvor. Als ich wieder in den mir bekannteren Teil der Altstadt gelange, zieht sich das Gefühl des Neuen, Unentdeckten überraschenderweise fort. Denn: ich sehe zum ersten Mal die andere Straßenseite der Hauptstraße. Staune. Wooow, noch mehr wunderschöne bunte, prachtvolle Häuser mit alten, frisch bestrichenen Fassaden. Noch mehr Lichtspiel durch die Sonne, welche sich an der ein oder anderen Häuserecke ausruht oder spiegelt. Was ich bemerke: durch das Wechseln der Straßenseite, sehe ich jene Häuserwand, an der ich bisher entlang gestreift war von einer anderen Perspektive. Ja, während sie mir bis dato verborgen geblieben war, weil ich direkt neben ihr lief, mich in ihrer unmittelbaren Gegenwart befand, sehe ich sie jetzt in ihrer Gänze, in ihrer vollen Schönheit. Durch Abstand.  Durch Distanz.

Ich denke an meine monatelange andauernde, wirklich intensive Leidenschaft für die Materie der Psychologie zurück. Damals hatte ich Artikel und Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologische Modelle studiert, hatte Europarechtsvorlesungen für Vorlesungen der klinischen Psychotherapie sausen lassen, hatte sämtliche „Psycho-Bekanntschaften“ kontaktiert, um mich mit ihnen über den Studiengang, den späteren Beruf und vor allem über Beobachtungen und Modelle gebannt auszutauschen. Ich hatte einen wahnsinnigen Durst, mich in diesem Fach zu verwirklichen. Wie ein den Körper befallender Virus, hatte dieser Durst nach und nach mein (trockenes) Interesse am Jurastudium vertrieben. Hatte sich eingeschlichen in mein Gehirn, mein Herz, mein Handeln. Im Sommer war für mich klar, dass ich das eine Fach gegen das andere eintauschen würde!

Und dann, scheinbar von einem Tag auf den Nächsten, war sie weg. Jene Leidenschaft, die mich während meines Studiums weitaus mehr beschäftigt hatte, als der eigentliche Studienstoff. Meinem näheren Umfeld schien dies recht zu sein, der Beruf der Psychotherapeutin war bisher auf Skepsis gestoßen. Menschen, denen ich die Geschichte erzählte, besonders Freunde, die mich mit eben jener Leidenschaft in Erinnerung trugen, fragten nach dem Warum. Ich zuckte mit den Schultern. „Weiß nicht. Das ist einfach so verflogen. Weiß nicht, warum. Ist irgendwie unbewusst passiert.“ Eine Schranke war plötzlich da, die die Zugschienen in Richtung der Psychologie versperrte. Ich, als Lokführerin nahm diese Tatsache achselzuckend hin, schaltete den Rückwärtsgang ein, und wartete auf einen neuen Abzweig. `Okay, dann halt nicht´, dachte ich.

Mittlerweile sind sechs Monate verstrichen. Ich schaue zurück auf das Verfließen der damaligen Leidenschaft. Mit ein bisschen Abstand. Distanz. Spüre weit entfernte Angst, wenn ich an Psychologie denke. Angst, in Leid und Instabilität zu rutschen, durch das mich umgebende Leid, die mich umgebende Instabilität als Psychotherapeutin. Ich spüre Respekt vor dem Berufsbild, und sehe ein rot umrandetes Schild vor mir. Darauf steht geschrieben: Vorsicht, diesen Weg bitte nur bei Schwindelfreiheit betreten. Das bin ich nicht, schwindelfrei. Okay, dann eben einen anderen Weg, sage ich mir. Und wende meinen Blick von der früheren Straßenseite ab, um auf der jetzigen weiterzugehen.

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