Zwischen Niederrhein und Meeresdüne

Ich stehe am Fenster und schaue durch die Straßen meines kleinen Heimatdorfs. Ich sehe viel blau-grau, bläuliche Wolken, graue Dachziegeln, grauer Asphalt, weißblauer Himmel, graue Schornsteine. Was ich spüre, ist Wind. Wind liegt in der Luft. Er bläst sich auf, und fegt an Bäumen vorbei, über die vielen Felder meines Dorfs, sucht sich welche von den zahlreichen Ventilen, um zu entweichen. Ich versuche den Wind einzuordnen. War es immer so windig am Niederrhein? So windig wie am Meer, als würde ich gleich über die nächste Düne spazieren?

Witzigerweise habe ich mir dieses Bild als Kind öfters vorgestellt. Ich sehnte mich so sehr nach Meer, dass ich mir bei den täglichen Fahrradtouren zur Schule vorstellte, am Ende der Straße, die von meinem Zuhause wegführte läge eine Düne, und hinter dieser: das Meer. Leider blieb es nur ein Bild, was ich zeichnete. Vielleicht bringt der Klimawandel Veränderung. Vielleicht ist der starke Wind das erste Zeichen. Ich nehme mir vor, gleich durch die Straßen zu spazieren, und nachzuschauen…

Bis zur Grenze des holländischen Landes sind es 25 Autominuten. Bis zur nächsten Meeresdüne sind es zweieinhalb Stunden.

Ist es das, was ich vermisst habe in Iasi? Der sich aufblähende starke Wind, der die Luft meines Dorfes spürbar macht?  Ich bezweifle, dass der Wind so niederrheinisch ist. Womöglich fehlt mir die Erlaubnis über ein solches Urteil – nach 3 Monaten Exil.

Muss mich erstmal wieder einleben. Ein bisschen niederrheinische (und deutsche) Luft schnappen.

Licht- und Schneeverhältnisse

Oder: von einer magischen Ruhe auf dem Fensterbrett

Hier der Blick aus meinem Fenster, der mich besonders in den letzten Zügen der Weihnachtszeit sehr ruhig und glücklich gestimmt hat. Die Morgen und Abende waren magisch. Um dieser Magie am besten beiwohnen zu können, suchte ich mir ein Plätzchen in meinem Zimmer, eine Ruhe-Ecke. Rutschte ganz nah an den Morgen und den Abend heran, der mich an jenen Tagen in der Vorweihnachtszeit empfing. Es war die breite Fensterbank, und die etwas unterhalb des Fensters angeschlossene Heizung, auf die ich mich mit einer Tasse Tee zum Ausspannen brachte. So trennte mich nur noch eine dünne Glasscheibe von den Morgen und Abenden. Zu den Abenden war alles dunkel (mit einem leisen Laternenlichtstrahl) – und Schnee war da. Zu den Morgen war durch die aufgegangene Sonne alles hell (mit ein paar Schattenecken) – und Schnee war da.

Schnee war immer da, in seiner Festigkeit und Masse, es fühlte sich an, als ob er endlos sei, als ob er Häuser und Landschaft verstummen ließe.

Und diese Ruhe ist ein Genuss.

Auch die Menschen verstummen.

Häuser, Bäume, Zäune, Brunnen scheinen tiefer in den Boden zu sinken.

Die Zeit scheint stehen zu bleiben.

Nur Sonnen- und Laternenlicht bewegen sich.

Ansonsten Stille.

Diese Magie.

Traumhaft.

Berlin, Berlin…

Wenn ich an meine Berlin Zeit zurückdenke, denke ich gerade in Bezug auf die letzten Monate an Traurigkeit und Einsamkeit zurück. Und dann rutsche ich weiter in die Zeit zurück, denke an die Zeit vor Berlin, und denke an viel Wehmut, und Angst vor Umbruch, vor Neuanfang und Verlust (die ich mir damals nicht eingestehen wollte). Und in dieser Schleife wird mir klar, dass diese eher traurigen Erinnerungen und das traurige Lebensgefühl nicht nur durch äußere Umstände entstanden sein konnten. Die Berlin Zeit hatte schließlich auch ihre Schönheit, nur scheine ich diese in dem restlichen Chaos zu übersehen. Also versuche ich jetzt meinen Fokus zu verlagern, und ganz bewusst jene Berlin Erinnerungen heraus zu kramen, die von Glück, von Erfüllung geprägt sind.

„das ist nicht romantisch […], das ist einfach nur Luxus pur“

Ich fange mal an mit den schönsten (ich kann diesem Wort gar nicht so viel Betonung verleihen, wie es in dem Zusammenhang eigentlich verdient) Wintermorgen, die ich erleben durfte. Meine Mama war es, die uns in einem sogenannten „Ostpacket“ einen Handfilter für den morgendlichen Kaffee zusendete. Sie war der Meinung den Nestle Kaffee könne man nicht trinken. Also lernten wir, back to the roots, wie man Filterkaffee machte. Mit meinem morgendlichen Kaffee setzte ich mich auf unsere unbequemen Küchenstühle, und zündete ein paar Teelichter an. Die Scheiben der Balkontüren waren vom Wasserdampf beschlagen. Draußen war es noch dunkel. Viertel nach Sieben. Eine Viertelstunde Ruhe hatte ich noch. Irgendwann kam Vali verschlafen aus seinem Zimmer. Meistens hatte ich ihn am Vorabend überreden können, mit mir für eine Viertelstunde den Morgen zu zelebrieren. Danach könne er sich ja wieder schlafen legen. Vali setzte sich mir gegenüber auf einen weiteren unbequemen Stuhl und machte seine Gutenmorgenmusik an. Wir lauschten dem Kerzenlicht und der Dunkelheit, die durch unsere Balkontür schien, und tranken unseren Filterkaffe. Wenn ich meiner Mama von diesen Morgen erzählte, kicherte sie und sagte: „Oh, das hört sich aber romantisch an!“, „Nein, das ist nicht romantisch“, antwortete ich. „Das ist einfach nur Luxus pur“.

„Wir rasten meine zukünftige Berliner Lieblingsstraße entlang: die B96!“

An Valis Geburtstag wollten wir kreuz und quer mit dem Fahrrad durch Berlin fahren – ohne Plan und ohne Ziel. Alle 10 Minuten wechselten wir uns damit ab, wer den Ton angeben durfte. Zuerst ging es an den Ufern des Landwehrkanals entlang. Spätestens ab dem Zeitpunkt, wo ich die Führung übernahm, hatten wir die Orientierung gänzlich verloren. Was vor uns am Straßenende lag, haute uns aber ohnehin aus dem Sattel. Was wir sahen, schien so unwirklich, dass wir uns die nächsten zwei Minuten gegenseitigen interviewten, ob das denn seien konnte, ob unsere Sinneswahrnehmung der Realität entsprach. Vielleicht, dachten wir, tat uns die sich anschleichende Sommerhitze nicht gut, die zu späterem Zeitpunkt noch Sahara Temperaturen entfalten würde. Hundert Meter vor Straßenende gab es nun keinen Ausweg mehr in einen Science-Fiction Film – vor uns lag ein Wasserfall, mitten in Berlin. Wir jubelten und warfen unsere Arme in die Luft. Unfassbar! Fünf Minuten später kämpften wir uns mit den Fahrrädern den ansteigenden Park hinauf, ketteten die Fahrräder oben an den Zaun der Aussichtsplattform, und sprangen dann noch die Treppen zum Denkmal empor. Vor uns lagen alte Fabrikdächer. Ungläubig drehten wir uns langsam im Kreis, machten eine hundertachzig Grad Wende, und sahen dann zumindest, was wir hinter uns gelassen hatten – die Protzbauten inklusive des Fernsehturms von Berlin Mitte. Wir jubelten wieder, als wir feststellten, dass wir noch auf Berliner Boden waren. Dann ging es weiter, mehr oder weniger mit Plan, zum Tempelhofer Feld, durch die Bezirke Tempelhof, Schöneberg und nach Charlottenburg durch den Kurfürstendamm. Wir rasten an unzähligen Baustellen, dem Berliner Verkehrslärm -und Luft, Ampeln und im Stau stehenden und hupenden Autofahrern vorbei, vor allem aber: rasten wir meine zukünftige Berliner Lieblingsstraße entlang: die B96! Sie führte am Tempelhofer Feld und Viktoriapark vorbei, und zeichnete sich durch ein starkes Gefälle aus. Ich breitete meine Arme aus, und flog die Straße herunter. Freiheit!

„Ich genoss jedes grüne Licht, das bedeutete, dass ich freie Freiheitsfahrt hatte, dass meine nach hinten wegwehenden Haare nicht zum Erliegen kommen mussten […]“

Zwischendurch machten wir Halt in einem Restaurant, und fuhren dann durch das nächtliche Berlin nach Hause. Noch nie zuvor hatte ich die Stadt so befreiend wahrgenommen wie auf dieser ersten Gurkentour. Ich genoss jedes grüne Licht, das bedeutete, dass ich freie Freiheitsfahrt hatte, dass meine nach hinten wegwehenden Haaren nicht zum Erliegen kommen mussten, dass ich weiterhin Slalom um die abends auf dem Kudamm stolzierenden Menschen fahren konnte. Ich genoss auch jedes rote Licht, das meinen Oberschenkelmuskeln ein wenig Entspannung bescherte, das mich kurz atmen ließ, und mich wieder neben meinen Rivalen positionieren ließ. Spätestens als wir am Tiergarten vorbeikamen fing das provokante Vorbeifahren an. Der jeweils Hintere von uns trat noch einmal kräftig in die Pedalen, und fuhr dann mit erhobenem Kopf, spitzem Kinn und einem „Queen-Winken“ am Anderen vorbei. Wir lachten, und jubelten wie so oft an diesem Tag.

„Irgendwann prustete Lizzi nur noch zu meinem WG-Bruder rüber: Ich glaube du steckst richtig in der Scheiße“

Wenn Lizzi kam, und zum Abendessen blieb, gab es zwei Gerichte, die wir kochten – Pfannkuchen oder Waffeln. Diese mit Auberginenmousse, Champignons und Zwiebeln belegten Küchlein tendierten oft dazu, Mitternachtspfannkuchen zu werden, so wie ich sie mir von Oma immer gewünscht hatte. Wenn wir an die Pfannkuchen Abende zurückdenken, lachen wir uns oft jetzt noch duselig und dämlich! An einem Abend, als wir zu dritt am Küchentisch saßen, wollte Vali von einem meiner Faux Pas erzählen. Ich wusste worauf er hinaus wollte, für mich war die Grenze des Witzes aber überschritten, also sagte ich, er solle bitte nicht erzählen, was ihm auf der Zunge liege. Lizzi guckte uns verwirrt an. Vali guckte mich ebenfalls verwirrt an, denn er hatte nicht erwartet, dass mich das Gerede über den Faux Pas derartig emotional traf. Dann schauten sie sich gegenseitig an und teilten ihre Verwirrung. Ich musste lachen, weil ich bemerkte, dass sie aus gänzlich verschiedenen Gründen verwirrt waren und auch ganz unterschiedlich viel wussten. Sie lachten auch, und als ich schließlich wieder ernst wurde, wussten sie gar nichts mehr. Irgendwann prustete Lizzi nur noch zu meinem WG-Bruder rüber: „Ich glaube du steckst richtig in der Scheiße“. Ich war noch nie verletzt, und hab dabei so wahnsinnig viel gelacht.

„Wir waren uns einig, dass man Berlin nicht verstehen könne, ohne auf dem Mauerpark gewesen zu sein.“

Sonntags gingen wir oft in den Mauerpark. Kurz nach der Immatrikulation führte Lizzi mich im frühen Oktober das erste Mal dorthin. Berlin war noch sehr warm. Wir genossen das Flanieren oder mehr Durchgeschobenwerden über die große Grün-, zu Matschzeiten auch Braunfläche, auf der Sonntags ein Flohmarkt und das berühmte Mauerparkkaraoke stattfanden. Wir waren uns einig, dass man Berlin nicht verstehen könne, ohne auf dem Mauerpark gewesen zu sein. Der Mauerpark war Berlin! Es waren mitunter die Straßenmusiker am Mauerpark, die die Stadt so lebendig machten. Bei Betreten des Flohmarkts, ließen wir uns von der Masse treiben, auch diese hatte ihren eigenen Rhythmus. An der einen oder anderen Stelle fingen wir dann an, zu handeln, uns gegenseitig zu unterstützen. Manche Händler setzten den ersten Preis gerne unrealistisch hoch, meinten sie hätten die Jacke in Paris für 80 € eingekauft, wir mussten lachen, die Händler blinzelten auch oft, wussten nicht, ob sie ihr ohnehin schon aufgeflogenes Schauspiel noch weiterführen sollten oder nicht. Irgendwann kauften wir uns dann an einem der multikulturellen Fastfood Stände etwas zu essen, und setzten uns auf die Tribüne des Fußballstadions, die neben der Grünfläche gelegen war. Hier fand das Mauerpark Karaoke statt! Je später wir kamen, desto betrunkener waren die Menschen, und desto schlechter dementsprechend der Gesang. Wir waren dann oft enttäuscht, und setzten uns das Limit noch bis zum nächsten guten Sänger*in zu warten, oft dauerte, und dauerte dies. Einer der schönsten Mauerparkgesänge war zweifellos jener A Cappella Gesang an dem warmen Oktobertag, wieder einmal wussten wir, dass wir in dieser Stadt richtig gelandet waren.

„In unserem Blickfeld würde dann hinten rechts eine Masse von Plattenbauten liegen, vorne mittig ein paar Kirchen, ein paar Hochhäuser, ein bisschen Berlin, vermutlich der Wedding.“

Nicht unweit vom Mauerpark standen zwei Flaktürme am Humboldthain. Um sie zu erreichen, ging es durch einen sehr waldigen und hoch gelegenen Park. Wie ich später erfuhr, wurde hier kurz nach dem zweiten Weltkrieg ein Bunker gesprengt, auf dessen Trümmerhaufen nun der Park lag. Wir kletterten die Holztreppen hinauf, bis wir die erste und schließlich die zweite Aussichtsplattform erreichten. Beide waren von einem zwei Meter hohen Zaun umzäunt, durch dessen Schlitze wir Berlin sehen konnten. In unserem Blickfeld würde dann hinten rechts eine Masse von Plattenbauten liegen, vorne mittig ein paar Kirchen, ein paar Hochhäuser, ein bisschen Berlin, vermutlich der Wedding.  

„Jedes zweite Wochenende gingen Lizzi und ich auf Jazzbarsuche. Wir suchten die Bar Berlins, an der uns alles gefallen würde“

Jedes zweite Wochenende gingen Lizzi und ich auf Jazzbarsuche. Wir suchten die Bar Berlins, an der uns alles gefallen würde, die einfach passte, so wie wir uns sie vorgestellt hatten. Manchmal redeten wir über unsere Bar, wie sie aussah, welcher Typ von Kellner uns bedienen würde, welche Musik dort lief. Natürlich tanzten die Menschen auch in unserer Bar. Irgendwann würde beim ersten Tonerklingen eines Cellisten, oder Saxophonnisten – mein Lieblingsjazzinstrument – der erste Körper im Publikum mitschwingen, die Arme würden ausgebreitet und die Augen geschlossen. Und plötzlich würde die ganze Bar tanzen. Die Menschen könnten gar nicht mehr anders als tanzen. Die Musik würde durch ihre Körper fließen, sie wären getrieben von den Klängen der Liveinstrumente.

Es war großartig so sehr in die Nacht hinein zu leben. Ich fragte mich, was den Reiz des Nachtlebens erzeugte. Manch gruseliges U-Bahn Gesicht um die frühe Stunde? Als wir uns am Ende eines solchen Abends in der U9 verabschiedeten, baten wir uns jedes Mal: „Und schreib mir, wenn du angekommen bist!“ In der nächsten Sekunde würde ich Lizzi die Rolltreppe hochfahren sehen, und ich selbst inmitten einer vollen U-Bahn im dunklen Tunnel verschwinden. Wir erstellten schließlich ein Bar-Ranking, aber die Bar, würde wohl für immer in unserer Vorstellung verbleiben.

„Es war meine Belohnung, bei der ich begann wieder Leben in meine an der Oberfläche eingefrorenen Beine zu lassen“

Ein Genuss war auch an dem ein Kilometer entfernten Schäfersee joggen zu gehen. Den Großteil unserer Joggingrunden erahnten wir, im Stockdunkeln zwischen Laternenschein, See und Sonnenaufgang. Das schönste war das Dehnen am Ende der Qual. Es war meine Belohnung, bei der ich begann wieder Leben in meine an der Oberfläche eingefrorenen Beine zu lassen. Wir hatten einen Lieblingsdehnplatz: eine kleine Aussichtsplattform, von der aus wir den besten Blick auf den leeren erwachenden See hatten. Es war wunderbar so frisch und natürlich in den frostigen Wintertag zu starten!

„Die Sauerei fing an, als Vali mir einen Luftballon schenkte, der die Form eines Kackhaufens hatte […]“

Ich merke, dass ich ein bisschen in der Zeit springe. Während die Freiheitsfahrradtour Ende Frühjahr stattfand, kam die Idee einen Adventskalender zu gestalten im Vorjahr Ende November auf. Ich bekam die ungeraden, Vali die geraden Tage. Und natürlich wäre es viel zu langweilig gewesen dem Anderen durch nützliche und wohl überlegte Geschenke eine Freude zu machen. Stattdessen begaben wir uns auf die Suche nach (wohl überlegten) Spaßgeschenken. Die Sauerei fing an, als Vali mir einen Luftballon schenkte, der die Form eines Kackhaufens hatte, so wie man sie auf WhatsApp als Smiley versenden konnte. Genervt nahm ich mein erstes Türchen dankend entgegen. Was darauf folgte waren unter anderem eine Rolle Klopapier, eine Playmobiltoilette, ein Kloputzgutschein, ein Playmobilstuhl (weil Vali einmal erzählt hatte, dass das Wort „Stuhl“ für ihn durch seine Arbeit im Krankenhaus eine völlig neue Bedeutung bekommen hatte) und schließlich, als wir es gar nicht mehr aushielten: ein Schild mit dem Titel „Intervention“. Seit Beginn der Spaßgeschenke fanden nämlich immer mehr Interventionen statt, so sollte das ausdrückliche Schild den Rückgriff auf Interventionen ein bisschen regulieren. Das mit Abstand süßestes Adventstürchen war eine Tafel Schokolade, wobei der Umriss eines jeden Stückchens mit einem weißen Zettel beklebt war, auf dem draufstand, mit wem ich das Stückchen teilen sollte, bzw. aus welchem Grund ich es essen sollte. Natürlich nutzte Vali dies auch um mich zu ärgern, denn ich hatte vorher angekündigt, wegen Verzicht auf ungesunde Ernährung, keine Schokoladen-Geschenke zu wollen. Und jetzt, beim Schreiben, fällt mir auf, dass ich ein Adventstürchen noch gar nicht eingelöst habe – ich hatte Vali einen Frühstücksgutschein mit einem großen Wurstangebot geschenkt (denn er war in der Adventszeit gerade in seiner vegetarischen Phase, die Lust zu Ärgern beruhte also auf Gegenseitigkeit!).

Ich frage mich, wann ich ihn wohl wiedersehen werde, und wie es ihm geht…im söderrischen Bayern.

Ich muss viel lachen, wenn ich an die Berlin Zeit denke, und mir wird sehr warm ums Herz, denn ich merke, dass diese Erinnerungen Schätze sind. Nein, ich bin diese Erinnerungen, und das beste: sie sind kostenlos, ich muss mir einfach nur zuhören!

Ich spüre, wie sich jetzt fast Wehmut entwickelt bei all dem Glück, was ich jetzt wieder spüre. Und dann denke ich an eine Charity Veranstaltung, auf der ich letztes Wochenende in Iasi war, denke an ein Plackat, welches verkauft wurde, auf dem draufstand „the best is yet to come“. Ja, the best is yet to come!

 

Schönste Zeit – Bosse

https://www.youtube.com/watch?v=RTlzQEA-4oc

Tauwetter

Oder: von der Freiheit zu gehen

 

Ich sitze hinter meinem Fenster und beobachte, was auf der anderen Seite vor sich geht. Nacht. Null Uhr vierunddreißig. Der Schulhof ist in der Dunkelheit gut zu sehen, wird von zwei sich zuzwinkernden Laternen bestrahlt. Das Zwinkern wird vom grau-lila schimmernden Himmel abgemildert. Die Blätter auf dem Boden glänzen. Alles steht. Ich liebe diese Ruhe, dieses scheinbar ewige Standbild. Als würden die Gebäude, welche wochentags für so kurze Intervalle so viele Kinder schlucken und sie gegen Nachmittag für den Rest des Tages wieder ausspucken, nachts zu Obst- und Gemüse eines Standbilds verfallen. Kein Licht mehr, kein Tumult mehr, keine Wärmezufuhr mehr, kein Bodengeschrubbe mehr. Nur noch Standbild. Und der Schnee taut. Jener, der sich vor zwei Wochen im Wege eines schweren Schneesturms angesammelt hatte. Es ist Tauwetter. Ich lausche der Stille, dem Standbild.

Vor gut zwei Tagen diagnostizierte ich nun endgültig, dass ich anfällig für Freiheitsentzug bin. Obwohl es hier doch noch so (Jura-Studiums-) verhältnismäßig wenig zu tun gibt, schaffte ich es, mir einen Arbeitshaken zu suchen, an dem ich mich und meine Kleider aufhängen konnte – auf unbestimmte Zeit. Ich entdeckte, wie viel Potenzial darin steckte, rumänisch zu lernen, wie viel Raum, den es zu füllen galt, wie viel Leiterstufen, die noch empor zu klettern waren. Ich verfiel in ein altes Muster – jenes, der Arbeitssteuerung, die von nun an bestimmte. Ich war am Beginn, mich in eine Routine, in die Hamsterrad Routine einzuarbeiten. Was diesmal anders war: ein Infusionsschlauch versorgte mich mit Reflektionswasser. So spürte ich selbst, wie ich mir meine eigene Freiheit entzog. Diesmal sah ich zu, wie ich das Schloss meiner Zelle verriegelte und den Schlüssel aus dem Fenster warf. Ich sah, wie ich aus Zwang, Strebsamkeit, meinem Ehrgeiz oder dem selbstausgesprochenen Verbot heraus, Freude empfinden zu dürfen, in dem Hamsterrad gefangen blieb. Ich schrieb:

„Ich spüre, dass ich süchtig bin. Ich spüre meine Sucht. Sie ist immer noch da. Alles was sie benötigt, ist ein kleiner Raum, in dem sie sich niederlassen kann. Ein kleines Potenzial, das sie entdeckt. Ein Potenzial, an dem sie sich festbeißen kann, mit den Worten: nutze es! Verschwende es nicht! Reize aus, was es auszureizen gibt! Schaffe einen Ort der Perfektion! Und höre nicht auf, ehe du fertig bist!“

Mir wurde klar, dass, sollte ich ein neues Studium anfangen, dann musste ich einen Weg finden, meine Freiheit zu bewahren. Vor zwei Monaten hatte ich mit einer Pfarrerin gesprochen, die mir von ihrem Sonntag erzählte – für sie ein Tag der Ruhe und des Rückzugs. Mir gefiel der Gedanke, und doch merkte ich auch, dass für mein Freiheitsentzug kein Marshall Plan her musste – der Plan bestand einfach darin, mir die Freiheit zu nehmen. Und dann hörte ich heute Abend ein Interview mit der Schauspielerin Laura Tonke, die genau das beschrieb – das Sich in eine Routine einfuchsen, und mit der Zeit das Gefühl für den eigenen Willen, für die eigene Lust zu verlieren. Dass sie das eine Jahr Nichtstun gebraucht hatte, um wieder frei zu sein, um wieder zu spüren, ob sie das tat, was sie wollte, oder: um wieder zu spüren, was sie wollte. Das war es, was mir durch den Freiheitsentzug oft verloren ging – mein Gefühl, mein Gespür dafür, was ich wollte, worauf ich Lust hatte.

Ich sank tiefer in den Stuhl, schlürfte meinen heißen Tee. Lauschte dem Tauwetter. Hielt inne.

 

https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/koelner-treff/video-koelner-treff—mit-vanessa-mai-und-roeland-wiesnekker-100.html

frankophiles Meeresbild

Es ist schon gut zwei Monate her, da lief ich mit Cristiana durch die dunklen Straßen in der Nähe der großen Palace Mall. Wir waren auf der Suche nach einem Burger Restaurant, oder besser, sie war auf der Suche, und ich folgte ihr. Und plötzlich flüsterte ich in die dunkle, schwarze Nacht, mitten in eine Bucht von Plattenbauten, die die grellen Lichter des Shoppingcenters abschirmten, hinein „Ich glaube ich studiere in Frankreich“. Als hätte ich dies schon immer gewusst, sprach ich diese bisher noch nicht so ehrlich und fest ausgesprochene Wahrheit aus. Und erzählte dann auch ein paar Tage später meinem Papa davon. Erzählte, dass ich nicht immer versuchen müsste, mich neu zu erfinden, dass ich mich stattdessen auf Dinge stützen sollte, die ich schon weiß, die ich mir nicht erst noch erarbeiten muss. Dinge, an denen ich nicht zweifele. Ich erzählte von den Dingen, die ich wusste. „Ich weiß, dass ich französisch liebe, und ich weiß, dass ich das Meer liebe. Also werde ich in Frankreich am Meer studieren.“ Papa lachte. Und vielleicht stimmte er dann zu, oder so ähnlich.

Jedenfalls tauchte in den letzten Tagen wieder ein Bild auf. Ein Bild, in dem ich in Frankreich am Meer studierte.

Und mich irgendwann wohl auch in naher Zukunft an die Aufgabe begeben werden müsse, das Internet zu durchforsten, was man denn in Frankreich am Meer studieren könnte. Aber das hat noch ein wenig Zeit.

Es war ein sehr schönes Bild.