Von den Sieben-Hügeln nach Siebenbürgen

oder: neue Welt entdecken

Wir sitzen im Zug von Brasov nach Sibiu. Die Sonne scheint. Vorhergesagt war Regen. Richtig viel sogar. Wahrscheinlich werden die Wolken von den Bergen aufgehalten, sodass in den von Bergketten umrahmten Städten kein Regen ankommt. Bei mir sind kleine Sonnenfunken, keine Wolken, kein Regen, vielleicht noch leichter Nebel. Aber je mehr die Sonne durch das Fenster hereinscheint, desto mehr kommt auch bei mir die Sonne raus. Meine erste Zugfahrt durch Rumänien. Stille. Nur das Rollen des Zuges. Die Erhitzung der Gleise. Das Rauschen. Vorbei an Sträuchern, deren Bewegungen ich wegen der Geschwindigkeit nicht erkenne. Sicher zucken sie zusammen von dem Windstoß des Zuges. Felder. Die verwachsene Natur. Einzelne Sträucher hier und da. Chaotisch. Unstrukturiert. Schön. Ich sehe mich durch die Dry Savanna fahren. Erinnere mich bei diesem Stichwort, und auch bei den den Regen aufhaltenden Bergbarrieren an den Erdkunde Unterricht. Dry Savanna. Relief Rainfall. Die unterschiedlichen Grün- und Brauntöne der Sträucher holen mich wieder zurück in den Zug. Der Himmel ist diesmal weiß. Durch das Weiß scheint eine zitronenfarbene Sonne hindurch. Dieser weiße, blasse Zitronenton steht über den Bergen. Wo ich hinschaue in der Ferne nur Berge. Die Sonne ist schon im Winter. Die Bäume noch im Herbst. Es ist Ende Oktober.

Schwarz. Tunnel. So plötzlich. Schreibpause, ist das letzte Wort, das ich noch zu Papier bringe. Braune Blätter. Jedes Mal, wenn ich von meinem mit Knien und Buchunterlage gebastelten Schreibtisch wieder aufschaue haben die Blätter eine andere Farbe. Ich komme gar nicht hinterher sie zu beschreiben. Grün gelb. Orange. Jetzt Wald. Schräger Wald. Dunkel grün. Braun. Gelb. See. Sehr klein. Aufeinander gestapeltes Holz. Das würde Papa freuen. Dunkel Grün. Und jetzt plötzlich alle Farben in einer Waldlichtung, zu der es einen Abhang hinuntergeht.

Bremsen. Laut. Gekrächze. Wir stehen.

Puuh. Ich habe Zeit herunterzuschreiben. Meine Stichworte in Sätze zu verpacken. Ich denke zurück an den Mann, der unsere Zugfahrt eingeleitet hatte. Wir saßen nicht lange, da kamen zwei Rumänen, und machten uns darauf aufmerksam, dass wir scheinbar auf den falschen Plätzen säßen. Ich zeigte ihm unsere Tickets. Als sich die beiden zunächst nicht zufriedengaben, eilte ein Mann herbei. Er hatte ein schmales, kleines Gesicht, einen dunklen Teint, schwarze Haare mit grauen Strähnen und gläserne, kindliche Augen. Er reihte ein paar Fetzen deutsch aneinander, versuchte uns zu erklären, dass wir tatsächlich im falschen Wagon waren. Die Fetzen deutsch, unsere Gesten und Fetzen Englisch, und das Rumänisch der anderen beiden Beteiligten löste ein leises Gemurmel im Wagon aus. Wir fingen die Aufmerksamkeit der anderen Mitreisenden ein. Ungewollt. Die Situation löste sich auf als sich eine ältere Frau unsere Tickets ansah und in fließendem Deutsch moderierte. Ich war baff. Ich sei jetzt in Siebenbürgen, kommentierte Julika als Erklärung. Ich nickte langsam. Und während sich das Gemurmel im Abteil wieder beruhigte, und die Menschen ihre Aufmerksamkeit wieder von uns abwandten, begann der Mann mit dem dünnen Gesicht und den gläsernen Augen zu reden. Er redete langsam und bedacht. Erzählte von seinen sieben Kindern in Sibiu, und seiner Arbeit in München. Dass er sie jeden Monat besuchen käme. Erzählte weiter von gesundheitlichen Problemen, die wir nicht richtig verstanden. Seine gläsernen Augen strahlten uns an. Glück breitete sich aus. Trauer auch, als er über Krankheit und Vermissen sprach. Doch so traurig seine Sätze auch waren, am Ende kam wieder das Glück in seine gläsernen Augen zurück. Seine Augen hatten eine solche Kraft. Es fiel mir schwer, mich irgendwann abzuwenden, und endlich einen Blick aus dem Fenster zu wagen, als der Zug langsam ins Rollen kam.

Es geht wieder weiter. Rechts von uns taucht plötzlich ein kleines mit Stacheldraht eingezäuntes Gehege auf. Zwei Ziegen grasen vor sich hin. Ich beuge mich vor, um aus dem Fenster auf der anderen Seite zu gucken. Links in der Ferne stehen verstreut kleine Häusergruppen. Beim Vorbeugen erkenne ich, dass die Frau auf der linken Sitzbank damit beschäftigt ist, Julika abzuzeichnen. Julika sitzt neben mir und liest. Die Frau zeichnet. Ich schreibe. Auch Julika fühlt sich beobachtet. Einzelne, sekundenlange Blicke, die die Frau braucht, um sich Julikas Silhouette einzuprägen. Ich erinnere mich an die Abschreib-Übungen in der Grundschulzeit, bei denen wir aufstehen und zu einem Stuhl nach vorne laufen mussten, um uns die Seite eines Buches einzuprägen. Die Lehrerin zählte dann die Anzahl der Abschreib-Gänge, oder gab dies zumindest vor. Ich wende meinen Blick von der Frau ab, die sich inzwischen von mir beobachtet fühlt. Künstler sollten nicht gestört werden. Auch Julika dachte vermutlich so, und las trotz der Blicke, die ihr Gesicht regelmäßig streiften, einfach weiter. Es ist so schön, wie sich Menschen ergänzen, denke ich. Wie eine Kreativität in die nächste wandert. Wie sie sich abzeichnen, beschreiben, erinnern, gedenken. Wie sie in und miteinander wirken.

Jetzt sind rechts Schafe. Eine große, weite Herde. Kein Schäfer. Ich wunder mich, warum sich auf der strohigen Weide so komische Stoppeln befinden, bis ich erkenne, dass die Stoppeln Schafe sind. Jetzt geschorene Felder. Dann ein kleiner, frisch renovierter Fußballplatz, der einsam neben den Schienen steht. Das Weiß der Linien glänzt. Am Rand befinden sich für die Heim- und Auswärtsmannschaft jeweils eine Bank aus stadionähnlichen Plastikstühlen. Abwechselnd gelb und weiß. So niedlich. Alles geht so schnell. Es passiert sehr viel. Wenn ich auf meiner Lieblingszugstrecke von Köln nach Berlin aus dem Fenster schaute, kam mir alles sehr langsam vor. Monoton. Deswegen liebte ich das Zugfahren. Hier ist es spannender. Wahrscheinlich, weil die Welt noch so neu ist. So viele Premieren. So viel neue Welt entdecken.

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