Ganz aufgewühlt, aber nicht wegen der kurzen Haare

Ich bin ganz aufgewühlt. So viele schöne Dinge sind zu tun. Vorzubereiten. Zu tragen. So Vieles, an das ich denken muss. Darf. Gerade sagte mir der Museumswächter ‚Guten Abend‘, fragte, warum ich die Straße heruntergehe. Glaube ich. Mehr verstand ich dann auch nicht. Auf die Frage, wie es mir geht, antwortete ich stolz und gelassen ‚Bine, foarte bine‘. Ich sprach es in der melodischen und zufriedenen Tonlage aus, in der mir die Mädels des Internats die Worte vorgesprochen hatten. Sehr langsam und monoton, fast maschinell spulte ich die Wörter ab. Der Museumswächter war nicht der einzige, der bisher gelacht hatte. Jetzt liege ich in meinem Bett, dabei hatte ich versprochen nach dem Abendessen wiederzukommen. Er steht wohl die ganze Nacht bis um 7 Uhr morgens draußen. Das ist Aufwühlthema Nr.1.

Die Workshops, die ich noch vorbereiten muss, wühlen mich auch auf. Nächstes Wochenende geht es nach Brasov zum Debattierwettbewerb. Langsam werden die Mädels nervös. Ich auch. Nur die Kartoffel scheint ihre wundersamen antistress Kräfte nicht zu verlieren. Was der Energizer für die nächste Stunde sein kann, was die letzten Tipps sind, die ich den Mädels noch mit auf den Weg geben kann, geht mir durch den Kopf. Nichts, außer Freude. Freude am Debattieren. Freude am Deutsch sprechen. Der einzige und beste Motor eine Sprache zu lernen. Freude am Menschen kennenlernen. Freude an der Herausforderung. Das alles kann ich nur vermitteln, wenn ich es auch empfinde. Ich stelle mir gerade einen Lehrer vor, der die Schüler im Hinblick auf die Abiturprüfungen beruhigen möchte. Und weil er mit der Situation, der Vorbereitung, dem Curriculum selbst überfordert ist, schreibt er sich den „Beruhigungsvortrag“ auf einen Zettel, und liest diesen stotternd vor, während die das Blatt haltende Hand hin und her zittert, und seine Blicke hin und her springen. Die Schüler*innen werden nichts anderes als Beruhigung spüren!

Ich möchte Freude vermitteln. Meine Aufgewühltheit muss weg.

Eigentlich wollte ich aber über meine Sehnsucht nach kurzen Haaren schreiben. Ich wünsche mir kurze Haare.

Sie sollen vier Zentimeter kurz sein. Ich werde sie mir in Berlin schneiden lassen, nach dem Nachbereitungsseminar. Wahrscheinlich kommt eine Freundin mit zum Friseur. Dann können wir zu zweit geschockt sein. Ich weiß noch nicht wo. Vielleicht irgendwo im Wedding. Vielleicht irgendwo im Prenzlauer Berg. Und dann gehe ich zum Mauerpark. Dort gibt es so schöne, stylische Stirnbänder, die ich schon seit Beginn meiner Berliner Studienzeit bewundere. Das muss toll aussehen. Die kurzen Haare mit dem Band um mein Gesichtchen. Warum fragen mich die Menschen nicht nach meiner nächsten Frisur, statt nach meinen Studienplänen? Kurze Haare werden meine Zukunft. So schön!

Und von Berlin aus werde ich dann, samt meiner kurzen Haare und dem Stirnband, nach Hause fahren. Und Papa beim Holzhacken helfen. Und alte Weinkisten bemalen. Und das Haus putzen.

Bis mir ein Licht aufgeht. Oder ich nicht mehr danach suche?

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