Von Zeigefinger-Kultur und Zickenkrieg

Das Problem vieler Politiker ist, dass sie, statt Lösungsansätze für aktuelle Probleme auszuarbeiten, strategische Parteipolitik betreiben. Dies tritt besonders in politischen Talkshows zum Vorschein. Hier umgehen sie Fragen, die ihnen gestellt werden, indem sie die Schwächen des Anderen aufzählen. Gleichzeitig versuchen sie dann paradoxerweise die Argumentationsstrategie des Anderen zu enthüllen und darauf hinzuweisen, dass dieser, der Andere, lediglich von seinen Fehlern/internen Probleme ablenkt, und mit dem Zeigefinger auf die Anderen zeigt. Als Vorbereitung auf eine Talkshow gilt, die Schwächen, die Faux-pas, die internen Kämpfchen des Gegners zu recherchieren und als Konter verwenden zu können, anstatt sich mit der Thematik, mit den wirklichen gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen. Leider wird dieses Verhalten oft von dem Moderator/in der Talkshow unterstützt, indem diese[r] Fragen stellt, die auf parteipolitische Machtkämpfe abstellen, bzw. einen solchen vorprogrammieren. Was wir erleben ist ein politisches Klima, das sich immer mehr jenem in den USA besonders zu, aber auch außerhalb von Wahlkampfzeiten annähert. Es geht nicht mehr um die Inhalte, die Problemstellungen, es geht nicht mehr um die Spaltung der Gesellschaft, um den rechten, auch rechtsextremen Mob, der sich mit Teilen der AFD vermengt, um Rentenarmut, um das Bildungssystem, den Mangel von Pflegekräften, […] wirklich wichtige Probleme, die angepackt werden müssen, sondern um politische Namen und Gesichter, deren Rang und Position, um Parteien, deren Geschlossenheit oder Widersprüchlichkeit. Während der Rücktritt eines Politikers/in, die Distanzierung oder Zurücknahme einer Aussage rauf und runter diskutiert wird, gerät die Sache zunehmend stark in den Hintergrund. Auch ich bemerke, dass ich inzwischen besser über die einzelnen politischen Gesichter informiert bin, als über die Themen, für die sie, jene Gesichter, einst ins Amt gewählt wurden.

Dass die Bevölkerung dann enttäuscht ist, sich mit den sie umzingelnden Problemen allein gelassen, ja, von den Politiker/innen im Stich gelassen und in ihrem Vertrauen missbraucht fühlt, ist kein Wunder. Traurig ist auch, dass sich dieser parteipolitische Zickenkrieg in das Auftreten der jungen Politiker/innen einpflanzt, bzw. diese keine konträre Position beziehen, sondern sich von dem verführerischen Spiel mitreißen lassen. Dem Spiel, Wahlkampf auf Kosten Anderer zu führen, Wählerstimmen durch das Fehler-Aufzeigen Anderer gewinnen zu wollen. Jenes Spiel führt offensichtlich auch zu einer gewissen Blindheit. Einer Blindheit dafür, dass eine solche Strategie bei den Wähler/innen erfolglos ist, und stattdessen (rechts-)populistische Parteien erstarken lässt. Es scheint einer Alkoholsucht zu ähneln, durch das Trinken (bzw. Mitspielen) können die eigentlichen Probleme ignoriert werden. Die Sucht (hier: das Spiel, die Schuldzuschreibungen) ist somit ein Vorhang, eine Kaschierung der eigentlichen Fragen, der eigenen Inaktivität. So lernen schon die Parteichefs/Parteichefinnen der jungen Parteien (Jusos, junge Union, junge Liberalen, etc.), wie sie sich zu verhalten haben, um an die Spitze zu kommen. Und die älteren aktuellen Minister/innen nutzen nicht ihre Erfahrung, um den Anschuldigungen mit Gelassenheit und Sachlichkeit entgegenzutreten, diese vielleicht sogar selbstkritisch und reflektiert zu behandeln. Nein, sie spielen mit und unterstützen die vom medialen Sensationsgeist geprägte politische Zeigefinger-Kultur. Gesagt sei auch, dass diese Strategie von allen Parteien verwendet wird, egal ob Opposition oder Regierungspartei, d.h. egal ob, von Natur der Sache her „kritisierende Partei“, oder „befürwortende Partei“.

Politiker/innen müssen begreifen, dass sie die Menschen durch ihr Auftreten in der Öffentlichkeit verlieren. Jeder einzelne politische Geist kann durch ein themen-fokussierteres Auftreten das Vertrauen der Bevölkerung zurückgewinnen! Wichtig ist, dass überhaupt ein Bewusstsein für das eigene politische Spiel entsteht. Wichtig ist, dass gehandelt wird, und zwar schnell! Weg von den Gesichtern, Namen, Anschuldigungen und Rücktrittsforderungen, hin zu Themen, Lösungsstrategien und Kooperation!

Dass dieser Beitrag ein wenig ernster und im Verhältnis zur Lebenserfahrung einer 19-Jährigen etwas „zeigefingerhaft“ formuliert ist, liegt daran, dass ich kurz zuvor eine Polit Talkshow gesehen habe. Seltsamerweise hat mich die Sendung gleichzeitig ermüdet und gereizt, ja, geärgert. Meine Eindrücke bzw. im Speziellen meine Ärgernis will ich gerne teilen. Ich denke, dass gerade in den heutigen Zeiten das Teilen von Eindrücken und auch Empfindungen, wie Ärgernis oder Ermüdung, etc. sehr wichtig ist. Jedweder Versuch in den Diskurs zu treten erhält offene, freiheitliche Denk- und Verhaltensstrukturen, somit also einen der Grundpfeiler der Demokratie. Das Beitragsbild zeigt ein an eine Hauswand gekleistertes Plakat (sog. Paste Up). Auf diesem ist ein Witz über die Inaktivität der politischen Parteien Rumäniens gekritzelt, die, laut des Street Art Künstlers, die Bevölkerung im Stich lassen. Die rumänische Bevölkerung hat momentan mit antidemokratischen Bewegungen stark zu kämpfen. Ich wiederum möchte dennoch nicht nach Rumänien, sondern in mein eigenes Land schauen. Möchte auf Deutschland zeigen. Auf uns. Auf mich. Sehe, dass dort, besonders wenn ich wieder Zuhause bin, genügend Bedürfnis für Benennung (dessen, was passiert) und aktiver Gestaltung der Gesellschaft besteht.

https://www.ardmediathek.de/tv/Anne-Will/Streit-um-Maa%C3%9Fen-in-welcher-Verfassung/Das-Erste/Video?bcastId=328454&documentId=56096326

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