Schreibwetter, oder: endlich meine ersten Eindrücke

11 Grad und Nebel. Windig scheint es auch zu sein. Die Blätter der Bäume vor meinem Zimmerfenster wehen verrückt durch den Wind. Auch zu Beginn dieser Woche dachte ich schon, der Herbst wolle sich beeilen, um für den Winter Platz zu machen. Morgens lief ich, die sonst eigentlich immer zu kalt angezogen geht, mit Winterjacke über den Schulhof. Cristiana, meine erste, sehr herzliche rumänische Bekanntschaft (zu der ich euch demnächst sicher mehr erzähle), fragte ich, ob man in Rumänien im Winter mit zwei Winterjacken herumläuft, wo ich doch jetzt schon, Ende September, mit Einer gut bedient bin. Sie lachte, bestätigte meine Vermutung. Natürlich liefen die Rumänen im Winter mit zwei Daunenjacken herum. Es dauerte einige Sekunden bis es bei mir dämmerte und ich ihre Ironie bemerkte. Dann lachten wir beide. In meinem Lachen steckte allerdings auch etwas Sorge um die Winterkälte. Cristiana erzählte von ihrem kältesten Winter mit -30 Grad. Wie stellte ich mir einen solchen Winter vor? -30 Grad wären tatsächlich außerhalb dessen, was ich bisher in meiner Kleinstadt am Niederrhein erlebt hatte. Hier herrschten mäßige Temperaturen und nachhaltig, weiß, glänzender Schnee war schon lange nicht mehr zu sehen gewesen. Tatsächlich hatte ich wenig positive Assoziationen zu der klirrenden Kälte, die mir die Sorge nehmen, und ein Stück Vorfreude bescheren konnten. Woran ich dachte, war Romantik. “Is the winter romantic here in Iasi? “, fragte ich Cristiana. “You want to know, whether the winter is romantic?”, sie lachte. “Yeah, I was like…there must be something positive about this cold, freezing winter…”, antwortete ich. Wir lachten wieder. Vielleicht ist das das Positive – keine klirrende Kälte, sondern eine lachende Kälte eben. Meine Frage blieb unbeantwortet. Vielleicht sind es auch eher die Menschen, die Romantik erzeugen, und weniger die Umstände, Ort, Zeit und Wetter. Ich muss mir also romantische Menschen suchen! Und Cristianas Erzählung vom -30 Grad Winter ist zeitlich sicher auch sehr weit entfernt, hoffentlich bis vor die Zeit des Klimawandels!

So, jetzt aber zu den ersten Eindrücken. Nach fast zwei Wochen Einleben leider etwas verspätet. Ich habe sogar Schwierigkeiten, mich daran zu erinnern, was denn meine wirklich ersten Eindrücke waren. Diese sind nämlich im Grunde schon fast wieder weggewischt von einem deckenden Wohlgefühl, was sich am ersten Wochenende eingeschlichen und dann ausgebreitet hat. Ich erinnere mich, wie ich am Ankunftstag, gleich nachdem ich mein Zimmer im Internat eingerichtet hatte, auf Entdeckungstour gehen wollte. Es sollte nur ein kleiner Spaziergang werden, bei dem ich mich, mit Rücksicht auf meinen schlechten Orientierungssinn, nicht all zu weit von dem Internat entfernen wollte. Der Schulcampus hat drei Eingangstore. Ich wählte das Rechte, vor dem sich auf der gegenüberliegenden Seite ein Museum befand. Das würde ich aber erst in einem kurzen „Hände-Füße-Gespräch“ mit dem Museumswächter herausfinden. Ein älterer, bäuchiger, weißhaariger Mann in schwarzer Uniform, der beobachtete, wie ich in den Museumsgarten hineinspähte. Er sprach mich an. Ich verstand kein Wort. Nicht einmal Floskeln, wie ‚Dankeschön‘, ‚Guten Tag‘ und ‚Auf Wiedersehen‘ hatte ich mir vor der Abreise angeschaut. Ein Schweigen mit angehobenen Mundwinkeln und bedauernden Blicken entstand, wie ich es in Zukunft noch so oft erleben würde. Die Floskeln bekam ich dann von dem Mann beigebracht. Fotos von seinen Söhnen bekam ich auch gezeigt, ich verstand, dass einer in den USA, der andere in Deutschland lebte. Es würde nicht das erste Mal sein, dass mir Menschen, die mir einen Moment zuvor noch fremd waren, versuchen, rumänisch beizubringen, und mir im Laufe der „Konversation“ Fotos von ihrer Familie zeigen. Meistens von Festen und Hochzeiten, Kindern und Enkelkindern. Ich spürte oft ihren Stolz, und das Glück, das sie durch ihre kleine oder große Familie in sich trugen. Ich spürte auch ihre Herzlichkeit und Gastfreundschaft (eigentlich ein zu deutsches Wort für ihren Umgang mit mir), die Offenheit und Wärme. Dass so etwas in diesem Maße für mich ungewöhnlich bis neu war, ist glaube ich unschwer vorstellbar. Auch die Deutschland-Vergleiche würde ich in Zukunft oft ziehen, hoffentlich neutral und nüchtern.

Dann spazierte ich die Straßen bis in das Stadtzentrum herunter, in die ich mich direkt vom ersten Augenblick an verliebt hatte. Sie erinnerten mich an die Stufenfahrt in die Toskana. Straßen, auf denen wir im Hochsommer so wunderbar schnell herunter und dann schwitzend, keuchend wieder herauf gejoggt waren. Ich liebe diese Höhenunterschiede in der Stadt der sieben Hügel. Es ist als würde ich den Höcker eines Kamels hinunter rutschen, als hätte ich von oben auf dem Höcker noch einen tollen, weiten Ausblick über die ganze Kamelhorde hinweg, sodass ich auch den letzten Kamelhöcker erkennen kann, und unten im Höckertal angekommen, ist eben nur noch jenes sichtbar, das Tal, das lebhafte, abends so sehr schön beleuchtete Stadtzentrum. Es ist ein Genuss auf der Straße zu laufen, und am Horizont, am scheinbaren Ende der Straße, Hügel, Berge und Wälder zu sehen! Und dann faszinieren mich die schon beschriebenen Stromleitungen. Zusammen mit Abendsonnenlicht machen sie das Blickfeld gleich noch viel wärmer!

Unten an der Hauptstraße angekommen, viel es mir schwer diese zu überqueren. Es gab Zebrastreifen. Es gab auch Ampeln. Doch hatte ich den Eindruck, dass diese mehr eine Empfehlung, als eine Richtlinie, Vorschrift waren. Genau dasselbe Verfahren auch mit den Anschnallgurten im Auto. Das hatte uns schon ein lautes Gelächter beschert, als ich mit dem Taxi von dem Flughafen abgeholt wurde. Jedenfalls lernte ich schnell, dass man nicht wie in Deutschland, am Zebrastreifen darauf warten konnte bis ein Auto anhielt, denn da konnte man lange warten. Man musste einfach gehen. Es fühlte sich an als würde ich mein Leben auf die Straße schmeißen. Zumindest bisher haben die Autofahrer aber Rücksicht auf das auf die Straße geschmissene Leben genommen! Und mit der Zeit verstand ich dann auch, warum Cristiana immer so schnell über die Straße lief, obwohl der Countdown der Ampel noch bei 30 Sekunden war. Es waren eben keine 30 Sekunden Zeit, um die Straße zu überqueren, sondern 30 Sekunden, um das Leben auf die Straße zu schmeißen. Da war es besser weit zu schmeißen und es schnell wieder einzusammeln!

Dass ich die Situation derartig extrem schildere, hängt mit meinen Empfindungen zusammen, als ich das erste Mal die Straße überquert habe (Stichwort: erster Eindruck!). Erste Eindrücke haben allerdings auch oft die Eigenschaft an sich, etwas übertrieben und hysterisch zu sein. Denn alles ist neu und fremd, und was ist schon spannender, als Unterschiede herauszustellen? Beim Überlesen dieses Eintrags fallen mir die abenteuerlustigen Formulierungen ins Auge. Damals (in der ersten Woche) waren sie meine emotionale Realität. Heute gehe ich deutlich gelassener über die Straßen, es ist einfach zur Normalität geworden, meine emotionale Realität ist jetzt also eine deutlich Andere!

Meine momentane Realität ist immer noch: nebeliges Regenwetter. Dennoch schiebe ich mich mal die nassen Straßen herunter. Zeit, um von meinem Höcker ins Tal zu kommen, und etwas zu essen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.