Deutsche Kartoffel

Wie lerne ich die Schüler*innen bloß kennen, ohne dauernd diese öde Vorstellungsrunde einzuleiten? Diese Frage beschäftigte mich, nachdem ich in den letzten zwei Wochen etliche Vorstellungsrunden einleiten durfte. Vorstellungsrunde heißt die Schüler*innen lächelnd und fragend anschauen, um sie zu ermutigen, etwas über sich zu erzählen, Fragen zu stellen, wenn der Beginn des „Etwas über sich Erzählens“ übermäßig Zeit in Anspruch nehmen  würde, sich wiederum den zaghaften, zögerlichen Fragen der Schüler*innen zu stellen (ich glaube so gut, wie in den Vorstellungsrunden habe ich mich selber noch nicht kennengelernt!), mit 20-30 Namen beglückt zu werden, diese mithilfe von anderen Informationen über die Kids in einen Kontext zu packen, und leider aber am Ende der Stunde doch genauso schlau (!) aus dem Klassenzimmer heraus zu spazieren, wie vorher…dabei ist Namen merken doch so wichtig…! Ich merke oft, wie sich die Distanz schnell verringert, und das Vertrauen zunimmt, nur weil ich den Gegenüber, der für mich kurz zuvor noch namenlos war, mit seinem Namen ansprechen kann. Ich jedenfalls fühle mich dann gesehen, individualisiert. Mir wurde zugehört, und man hat mich abgespeichert. Eine Form von Anerkennung und Respekt eben. Und leider lässt mich mein Gedächtnis doch zu oft im Stich…

Das war das eine, was mir durch den Kopf ging. Wie schaffte ich es, die Namen der Schüler*innen zu behalten und gleichzeitig auf die mittlerweile ausgelaugte und monotone Methode der „Vorstellungsrunde“ zu verzichten? Wie schaffte ich es, die Vorstellung etwas interessanter und spannender zu gestalten? Wie schaffte ich es, das Vertrauen der Schüler*innen zu gewinnen und bei ihnen das Gefühl des Gesehenwerdens zu erwecken?

Witzig, dass mir ausgerechnet mein Patenkind der Berliner Studienzeit den Anstoß für eine Lösung gab. Der Kleine war damals acht Jahre alt, mittlerweile ist er neun, und wir trafen uns einmal pro Woche, um Berlin unsicher zu machen. Wie die meisten Kinder, ärgerte auch er die Menschen gerne mit lieben Worten. Ein liebes Wort, welches ich in einer seiner Geschichten einmal zu hören bekam, war „deutsche Kartoffel“. So würde er seine deutschen Klassenkameraden nennen. Er lachte, als er mir die Geschichte erzählte. Kicherte. Und ich, die zu oft nicht wusste, wie auf solche lieben Worte zu reagieren war, erklärte ihm etwas empört „Mensch, so etwas kannste doch nicht sagen…deine Klassenkameraden sind dann traurig, wenn du die so nennst. Das verletzt die.“ Der Kleine kicherte weiter, wie Kinder dann eben kichern, wenn sie einmal am Kichern sind. Naja, jedenfalls ließ ich mich durch die große Shoppingmall in Iasi treiben, und dachte prompt an die liebevolle Bezeichnung meines Patenkindes für seine Klassenkameraden. Und dachte dann an die Vorstellungsrunde. Und Schwups, war die Idee der deutschen Kartoffel Runde geboren!

Als ich den Mädels heute in der Jugend debattiert AG meine (gefakte) deutsche Kartoffel präsentierte, wurde mächtig gelacht. Es machte ja auch so viel mehr Spaß, sich gegenseitig Fragen zu stellen und dabei eine Kartoffel durch den Raum zu werfen! Und die Fragen schienen immer spannender zu werden, ich musste sie gar nicht mehr durch aufmunternde, lächelnde Blicke stimulieren. Es war eben, als hätte die deutsche Kartoffel eine magische Sprachverleihungskraft, die dazu noch die Lachmuskeln anstrengte! Ab jetzt wird nur noch mit der Kartoffel gearbeitet!

Ein Gedanke zu „Deutsche Kartoffel

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