Warum das Nein zu Jura kein Ende, sondern ein Anfang ist

„Und warum?“, ist die Frage, die mir gewöhnlicherweise gestellt wird, wenn ich zufrieden und entspannt, fast schon stolz und lächelnd, von meinem Studienabbruch erzähle. Jedes Mal fällt die Antwort erstaunlicherweise anders aus. Langsam kehrt auch eine gewisse Trägheit und Lustlosigkeit ein, mich noch und noch und noch einmal auf dieses Gespräch einzulassen, um den Leuten meine Zufriedenheit verständlich zu machen. Denn das ist sie für viele anscheinend nicht – verständlich. Wie sollte das auch zusammenpassen? Abbruch, Veränderung, Cut heißt Unzufriedenheit. Ansonsten hätte es ja keinen Anlass zum Abbruch gegeben. Studienabbruch heißt oft monatelanges, wenn nicht sogar jahrelanges Dulden einer Lebenssituation, die als stabil galt, und deswegen dem Cut, der Instabilität und der vorübergehenden Orientierungslosigkeit vorzuziehen war. Abbruch heißt Revision des Lebensentwurfes, heißt, sich Fragen zu stellen. Abbruch heißt vielleicht auch Flucht vor dem was Ist, hin zu Klarheit. Vor allem heißt Abbruch sich seinen Sorgen und Ängsten zu stellen, überhaupt wahrzunehmen, dass es diese gibt, ihnen Gehör und Raum zu verschaffen, sich mit ihnen zu beschäftigen und dann Schlüsse zu ziehen. In diese Orientierungslosigkeit wollte ich mich lange nicht hineinwerfen bzw. wollte ich sie nicht als solche wahrnehmen. Stattdessen habe ich mich dann von einem System ins andere geflüchtet, wohlwissend, dass ich nichts von Jura will, und das Jura auch nichts von mir will. Wenn ich an die Zeit des „Systemwechsels“ (vom Schulsystem zum Studiensystem) zurückdenke, taucht ein kurzer Emailverkehr zwischen meiner Französisch Lehrerin und mir in meiner Erinnerung auf. Es ging um ein französisches Motivationsschreiben, welches ich für die Bewerbung eines deutsch-französischen Studiengangs verfassen musste (so fühlte es sich tatsächlich an). Und während ich an jenem Schreiben saß, das ich ihr später zur Korrektur zusenden würde, dachte ich darüber nach, was ich schreiben sollte. Ich war wirklich ratlos. Perplex. Wo es doch sonst immer so aus mir heraussprudelte, wenn ich Menschen von meiner Motivation, meinem Interesse an einer Leidenschaft erzählte. Hier sprudelte nur Ratlosigkeit. Da war einfach nichts in mir. Meine Hand ließ sich nicht leiten, sie musste vielmehr Druck auf die scheiß Tasten ausüben, sodass am Bildschirm vor mir ein wahrlich zusammengedachter, vielleicht auch geflickter Text erschien, der irgendwie wiederspiegeln sollte wer ich bin. Ein Text, der viel mit Europa, und deutsch-französischer Freundschaft, und viel Liebe zu Frankreich (aber vielleicht wenig Liebe zu Jura?) zu tun hatte. Und was ich noch so gut erinnere, ist der Moment der Selbstironie, in dem ich die Mail an meine Französisch Lehrerin schrieb, mich schon einmal im Voraus bedankte, und ihr mitteilen wollte, wie sehr ich doch nicht wusste, wie ich dieses blöde Motivationsschreiben füllen sollte, wie sehr mein Herz es nicht wusste. Manchmal gibt es Momente, in denen sich das Herz klar äußert. Das war wohl einer. In der Email beließ ich es dann trotzdem bei dem Dankeschön. Und zog nach Berlin.

Abbruch ist auch so schwer, weil er die Aufgabe einer vermeintlich stabilen Lebenssituation bedeutet, in der ehemals Entscheidungsklarheit, ein gewisser Grad an Selbstfindung und Selbstverwirklichung, ein vertrautes soziales Umfeld, ein Zuhause, eine Eingliederung in ein System, (wenn auch als Matrikelnummer), eben Stabilität, herrschte. Das „Nein“ oder „Stopp“ ist mir so leicht gefallen, weil ich Jura die ganze Zeit nur als Übergangslösung (unbewusst) empfunden habe. Vielleicht habe ich mich also nie wirklich als Teil des neuen Systems empfunden. Während die ersten drei Wochen der Horror waren, war das restliche erste Semester gut erträglich, hat sogar Spaß gemacht und mich interessiert. Und trotzdem wusste ich die ganze Zeit, wenn auch unbewusst, dass es ein Ort ist, an dem ich nicht bleiben möchte. Im zweiten Semester kam dann mehr und mehr das Verlangen Psychologie studieren zu wollen. Das war im Übrigen eine gute Erklärung mit Jura aufzuhören, denn so musste ich mich nicht mit dem beschäftigen, was mir an Jura nicht passt, sondern nur mit dem, was mir an Psychologie passt. So habe ich meine damaligen Gedanken auch klar anderen gegenüber formuliert, habe gesagt „ich höre ja nicht mit Jura auf, weil mich Jura nicht interessiert, sondern einfach, weil mich Psychologie mehr interessiert. Dann fuhr ich irgendwann nach den Klausuren mit dem Fahrrad und Valli an meiner Seite nachts durch München, und sagte vor mich hin „Ich glaub ich hör auf mit Jura“. Und damit war eigentlich alles gesagt. Und je öfter ich diesen Satz aussprach, desto besser ging’s mir, desto sicherer und richtiger fühlte er sich an. Raum für Ehrlichkeit. Sicherheit in der Unsicherheit. Zufriedenheit.

Was soll ich nun antworten auf die Frage? Mein Grund ist ein alles oder nichts Grund. Er ist sehr abstrakt und lässt sich nur schwer mit Worten ausdrücken. Der Grund bin ich. Der Grund ist mein Herz. „Weil das bin ich nicht“, war die erst letztens formulierte Antwort an eine Freundin, diese gefiel mir tatsächlich ganz gut. Jura ist meine Umgehungsstraße. Sie umgeht ein tiefes Schlagloch. Das Schlagloch ist mit rot-gelben Absperrband gesichert. Da will auch niemand, besonders ich nicht, einen Blick hineinwerfen. Dafür ist es viel zu angsteinflößend. Und dunkel. Wer weiß, ob ich da je wieder rauskommen würde. Dabei ist es doch so wichtig auch mal in die tiefen, dunklen Löcher reinzuschauen, nur so verlieren sie nämlich an Tiefe und Dunkelheit. So wichtig, ehrlich zu sich zu sein. Jura ist nicht nur meine Umgehungsstraße, sondern (für mich) auch eine Einbahnstraße. Bei diesem Gedanken frag ich mich, wie viele Juristen wohl auch in die Einbahnstraße reingefahren sind und es niemals bemerkt haben. Jene Jura-Einbahnstraße ist wegen ihrer vielen Möglichkeiten und guten Zukunftsaussichten einfach sehr verlockend. Da erinnere ich mich an eine Einführungsveranstaltung in der Ersti-Woche, in der ich hörte, dass fast jeder Dritte sein Studium abbricht. Ich war echt schockiert über die Statistik, vor allem aber verstand ich die Zahl nicht. Waren die deutschen Studenten wirklich so faul? Hatten sie derartig wenig Durchhaltevermögen und Leistungsbereitschaft? Verständnislosigkeit machte sich in mir für jene Köpfe, die diese Zahl füllten, breit. Witzig ist im Nachhinein, wie fremd mir das Studienabbrecherdasein schien, wie sehr ich mich nicht dazu zählte, wo ich doch innerlich schon genau wusste, dass ich auch mit Jura aufhören würde.

Meine Umgehung fühlt sich wichtig und richtig an. Als wenn ich sie habe fahren müssen, um auf der eigentlichen, auf der Ich-Straße, weiterzufahren. Als wenn ich sie habe fahren müssen, um mir der Bedeutung von Ehrlichkeit zu meinem Selbst bewusst zu werden. Und deshalb ist sie auch kein Ende, mit Absperrband, sondern der Anfang. Hin, zu einem ehrlichen, klaren Weg.

2 Gedanken zu „Warum das Nein zu Jura kein Ende, sondern ein Anfang ist

  1. Ein schöner Text! Vor allem, da das fremd wahrgenommene “Scheitern” doch für einen selbst einfach neue Perspektiven bedeutet. Viel Spaß und Freude im Psychologie-Studium und vielleicht mal bei einem Alumni-Treffen in München.

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