{"id":98,"date":"2011-03-24T10:44:29","date_gmt":"2011-03-24T09:44:29","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/patrick\/?p=98"},"modified":"2011-03-24T10:44:29","modified_gmt":"2011-03-24T09:44:29","slug":"fruhlingsferien-teil-1-sichuan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/patrick\/2011\/03\/24\/fruhlingsferien-teil-1-sichuan\/","title":{"rendered":"Fr\u00fchlingsferien Teil 1 (Sichuan)"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Zeit zum Ausruhen blieb nach dem Besuch meiner Familie keine. Ich hatte bereits ein Zugticket nach Chengdu, Hauptstadt der Provinz Sichuan, gekauft und wollte zwei Tage sp\u00e4ter fahren. Obwohl ich das Ticket fr\u00fchzeitig erworben hatte, war es mir nicht gelungen, einen Sitzplatz zu ergattern. Freudig sah ich daher schon den 32 Stunden Stehplatz entgegen, die mich erwarteten. Das Fr\u00fchlingsfest stand kurz bevor und Millionen von Chinesen machten sich auf, ihre Verwandtschaft zu Besuchen um das Fest gemeinsam zu feiern. Jeder r\u00e4t einem davon ab, w\u00e4hrend dieser Zeit zu reisen, weil einfach \u00fcberall Menschen sind und es unheimlich schwer ist Karten zu bekommen. Au\u00dferdem werden fast \u00fcberall die Preise erh\u00f6ht. Wenn man an einer Schule arbeitet ist man aber eben auf die Schulferien angewiesen und muss dann reisen, wenn man Zeit daf\u00fcr hat.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Der Zug war brechend voll und \u00fcberall standen Leute. Ich sa\u00df mitten im Gang auf meinem Koffer und war bereits nach einigen Stunden schlecht gelaunt. Gl\u00fccklicherweise musste ich nur eine Nacht im Zug verbringen, da ich morgens losgefahren war und so am Abend des n\u00e4chsten Tages ankommen w\u00fcrde. Als es bereits dunkel war fragte mich eine junge Chinesen, warum ich denn nicht geflogen sei. Dazu muss ich sagen, dass man diese Frage sehr h\u00e4ufig gestellt bekommt, da viele Chinesen davon ausgehen, dass wir Ausl\u00e4nder alle furchtbar reich sind. Nun sind Inlandsfl\u00fcge eigentlich auch gar nicht so teuer und k\u00f6nnen sogar g\u00fcnstiger sein als ein Schlafplatz im Zug. Allerdings steigen die Preise f\u00fcr Flugtickets in den Hauptreisezeiten, w\u00e4hrend Zugtickets immer gleich viel kosten. Ein Flug w\u00e4re zu diesem Zeitpunkt also deutlich teurer gewesen. Da die Chinesin selbst auch keinen Sitzplatz hatte und nicht stehen wollte, griff sie mein Handgelenk und schleppte mich zum Speisewagen, wo wir bequem sitzen konnten. Nach einer Weile kam nat\u00fcrlich jemand um unsere Bestellung aufzunehmen, aber sie erkl\u00e4rte ihm, dass wir nur eine Weile sitzen wollten. Offensichtlich ist das normalerweise nicht erlaubt, da nicht jeder dort sitzen kann, aber da gerade wenig Leute essen wollten, lie\u00df man uns gew\u00e4hren. Ich habe mehrmals nachgefragt, ob man mich als Ausl\u00e4nder nicht einfach rausschmei\u00dfen wolle, aber sie versicherte mir, dass wir sitzen bleiben k\u00f6nnte und es damit nichts zu tun habe. Zu diesem Zeitpunkt wollte ich schlichtweg keine Sonderbehandlung. Etliche Chinesen qu\u00e4lten sich auf unbequemen Plastikhockern, warum sollte ich gem\u00fctlich sitzen d\u00fcrfen. Da aber auch andere Chinesen einfach nur dort sa\u00dfen blieb ich ebenfalls sitzen. Zwar mussten wir mehrmals den Platz wechseln und in den Essenszeiten auch mal komplett aufstehen, aber wir durften nach langer Diskussion die Nacht im Speisewagen verbringen. Wer wann und wo sitzen darf ist mir immer noch ein R\u00e4tsel und ich kann mir gut vorstellen, dass die freundliche Chinesin in mir als Ausl\u00e4nder einfach nur eine M\u00f6glichkeit gesehen hat, im Speisewagen unterzukommen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Als ich endlich in Chengdu ankam, war ich froh endlich aus dem Zug steigen zu k\u00f6nnen und etwas zu essen. Ich fuhr zum Hostel, checkte ein und verbrachte den Abend noch auf einer Touristenstra\u00dfe in der N\u00e4he. Ich musste einige Tage \u00fcberbr\u00fccken, da Julia und Annika nachkommen wollten, aber noch zu tun hatten. Am n\u00e4chsten Tag machte ich mich also auf den Weg zur Pandazucht und -forschungsstation. Sichuan ist n\u00e4mlich Heimat der Pandas. Die vom Aussterben bedrohte ist quasi das Wappentier Chinas. Die Spezies ist nun allerdings daf\u00fcr bekannt was Reproduktion (und eigentlich alle anderen Bereich des Lebens) angeht eher faul zu sein. Seit der Mensch den nat\u00fcrlichen Lebensraum der B\u00e4renart systematisch dezimiert hat muss nachgeholfen werden, um f\u00fcr Nachwuchs zu sorgen. Deswegen hat man einige Zuchtstationen eingerichtet, in denen man die Pandas beim Fressen und Schlafen beobachten kann. Gleichzeitig kann man etwas dar\u00fcber lernen, was getan wird um die B\u00e4ren zu vermehren. Das viele Geld, das man mit den Eintrittskarten f\u00fcr diese Stationen macht, k\u00f6nnte man nat\u00fcrlich auch f\u00fcr die Aufforstung der Bambusw\u00e4lder ausgeben und die Wiederherstellung des nat\u00fcrlichen Lebensraums ausgeben, aber dann h\u00e4tte man es viel schwerer weiter Eintritt zu verlangen&#8230;<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Chengdu hat wie die meisten alten St\u00e4dte einige Sehensw\u00fcrdigkeiten zu bieten und ich habe auch wieder den ein oder anderen Tempel besichtigt. Allerdings ist das schon l\u00e4nger her und  die Tempel hier sind auch nicht anders als die in anderen St\u00e4dten. Deswegen spare ich mir jetzt eine detaillierte Beschreibung. Erw\u00e4hnenswert ist aber die K\u00fcche Sichuans. Die meisten denken, wenn sie Sichuan (Sezuan f\u00fcr die, die mit der neuen Pinyin-Transkription nichts anfangen k\u00f6nnen) h\u00f6ren wohl sofort an scharfes Essen. Und es gibt einen Grund, warum das Essen dieser Provinz einen solchen Ruf genie\u00dft. Quasi jede Mahlzeit wird mit diversen scharfen Zutaten gew\u00fcrzt. Am markantesten ist aber wohl <\/span><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\"> <\/span><span style=\"font-family: 'Arial Unicode MS'\">\u82b1\u6912 <\/span><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">(huajiao), ein Pfeffer, der im Deutschen einfach nur Szechuanpfeffer genannt wird. Er schmeckt nicht nur scharf sondern hat sogar eine bet\u00e4ubende Wirkung im Mund. Trotz der teilweise gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftigen Sch\u00e4rfe ist das Essen in Sichuan sehr lecker. Insbesondere Hotpot sollte man mal probieren, wenn man nach Sichuan oder Chonqing kommt (die beiden geh\u00f6rten fr\u00fcher zusammen).<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Chengdu ist eine angenehme Stadt mit tollem Essen und einigen interessanten Sehensw\u00fcrdigkeiten. Was mir aber am besten gefallen hat, war die Atmosph\u00e4re im Hostel. Das Personal war jung und freundlich und es ergaben sich st\u00e4ndig Situationen in denen man mit anderen G\u00e4sten in Kontakt kam. Wir spielten gemeinsam Jianzi (chinesischer Hacky Sack mit Federn) oder Tischtennis. Als am zweiten Abend eine Gruppe von Reisenden aus der Nachbarprovinz Yunnan ankam, die noch nichts gegessen hatte, wurde ich um kurz nach Mitternacht erst mal zum Hotpot-Essen eingeladen. Wie bereits gesagt war es zwar unheimlich scharf, aber eben auch sehr lecker. An einem anderen Tag sammelte ein M\u00e4dchen aus Dali von jedem 2 RMB ein und kochte daf\u00fcr im Hostel ein leckeres vegetarisches Essen. Wir machten auch oft gemeinsam Musik, ein tibetischer Gast hatte n\u00e4mlich seine Gitarre dabei. Vor allem mit Li Yao, deren englischer Name Abby ist, habe ich mich sehr gut verstanden. Sie arbeitet an der Rezeption des Hostels und wir haben relativ viel Zeit miteinander verbracht. Wir sind auch zweimal zusammen essen gegangen, dazu sp\u00e4ter mehr.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Da wir uns aber vorgenommen hatten ein bisschen mehr von dieser riesigen Provinz zu sehen (Sichuan ist ein gutes St\u00fcck gr\u00f6\u00dfer als Deutschland und hat in etwa gleich viele Einwohner), mussten wir nat\u00fcrlich auch einige andere Orte besuchen. Zun\u00e4chst fuhren wir ins nicht allzu weit entfernte Leshan, wo ein gigantischer Buddha Touristen anlockt. Zun\u00e4chst liefen wir durch einen wirklich beeindruckende Anlage mit allerlei buddhistischen Statuen und Symbolen, die in den Berg gemei\u00dfelt waren. Das Wetter war nicht besonders gut, aber durch den leichten Regen wirkte der S\u00fcden Sichuans fast wie ein Dschungel. Der Buddha selbst ist mit einer H\u00f6he von 71 Metern tats\u00e4chlich riesig. Man klettert an seitlich in den Berg geschlagenen Treppen nach unten und versucht, einen guten Blick auf die gesamte Statue zu bekommen. Gebaut wurde der gro\u00dfe Buddha um die Str\u00f6mung des  Fluss, der unterhalb des Berges verl\u00e4uft zu b\u00e4ndigen, da etliche Schiffe dort verungl\u00fcckten. Tonnen von Gestein wurden aus dem Fels geschlagen und in den Fluss geworfen, wodurch sich die Str\u00f6mungen tats\u00e4chlich ge\u00e4ndert haben und die Passage sicherer geworden ist. Nat\u00fcrlich erz\u00e4hlen einem die Bewohner Leshans, dass die Kraft der Statue diese Ver\u00e4nderung bewirkt hat^^<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Eine weitere Attraktion, die wir uns nicht entgehen lassen konnten, war das im Norden gelegene Naturschutzgebiet Jiuzhaigou. Uns wurde zwar gesagt, dass es im Sommer oder Herbst sch\u00f6ner sei, aber wir hatten schlie\u00dflich keine gro\u00dfe Wahl. Au\u00dferdem sind die Karten im Winter deutlich g\u00fcnstiger. Wir fuhren also mit dem Bus durch die Berge in den Norden. Die Strecke kann man nur als abenteuerlich beschreiben. Im Jahr suchte, wie einige noch wissen werden, ein furchtbares Erdbeben die Provinz heim. Viele Menschen starben und weite Teile der Infrastruktur wurden zerst\u00f6rt. Auf dem Weg nach Jiuzhaigou kann man \u00fcberall noch Spuren der Katastrophe finden. Zerst\u00f6rte Stra\u00dfen und Hochautobahnen und auch einige besch\u00e4digte H\u00e4user s\u00e4umen den Wegrand. Daher dauert die eigentlich gar nicht so weite Strecke auch 10-12 Stunden. Die Busse fahren nur morgens, man muss also mindestens drei Tage einplanen und sitzt dann zwei davon im Bus. Als wir ankamen mussten wir feststellen, dass es im Norden deutlich k\u00e4lter ist als in Chengdu. Besonders gut hatte ich mich nicht vorbereitet und das Hostel hatte auch keine warmen Duschen. Auf unserem Zimmer war au\u00dfer uns noch ein Japaner namens Hiroki, mit dem wir gemeinsam Essen gingen. Am n\u00e4chsten Tag beschlossen wir ihn auch in den Park mitzunehmen. Hiroki begleitete uns den ganzen Tag und so hatte ich auch endlich ein wenig m\u00e4nnliche Gesellschaft und konnte einige Gespr\u00e4che f\u00fchren, die mit Julia und Annika so nicht m\u00f6glich gewesen w\u00e4ren^^ Hiroki hatte in Tokyo angefangen, Chinesisch zu studieren und verbrachte jetzt ein Auslandssemester in Harbin, ganz im Norden Chinas. Wie wir hatte er Ferien und reiste nun durchs Land. <\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Der Park war auch im Winter noch sehr spektakul\u00e4r. \u00dcberall gab es tolle Wasserf\u00e4lle und unfassbar blaue und gr\u00fcne Seen. Au\u00dferdem konnte man in den kleinen D\u00f6rfern viele Menschen tibetischer Herkunft treffen. Das Gebiet war allerdings viel zu gro\u00df, um es bei diesen Temperaturen zu Fu\u00df zu erkunden. Also zahlten wir bisschen mehr, um mit dem Bus fahren zu d\u00fcrfen. Als wir Abends wieder zum Hostel kamen und gemeinsam in der Lobby a\u00dfen, rief mich jemand von Annikas Handy aus an. Sie hatte es anscheinend verloren und der Finder versuchte sie nun zu erreichen. Er redete eine Weile mit Hiroki, dessen Chinesisch am besten war, konnte sich aber nicht mit uns treffen, da er bereits wieder in Chengdu war. Es handelte sich anscheinend um einen tibetischen M\u00f6nch. Irgendwann war der Akku von Annikas Handy dann leer und sie musste sich damit abfinden, es nicht wiederzubekommen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Am n\u00e4chsten Tag wollten wir wieder zur\u00fcck. Hiroki kann leicht verpeilt sein und so kam es, dass er kein Geld mehr hatte, um die Busfahrkarte zur\u00fcck nach Chengdu zu bezahlen und auch nicht so leicht an neues kam. Also lieh ich ihm das Geld und wir fuhren gemeinsam zur\u00fcck. Wir sprinteten um den Bus nicht zu verpassen, weil wir einfach kein Taxi bekamen und schon sp\u00e4t dran waren. Gl\u00fccklicherweise hatte man auf uns gewartet, obwohl wir bereits 10 Minuten Versp\u00e4tung hatten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, sans-serif\">Wieder in Chengdu beschlossen wir weiterhin gemeinsam zu reisen. Annika, Julia und ich hatten bereits eine Karte f\u00fcr die Weiterfahrt nach Kunming in der Provinz Yunnan also wollte Hiroki sich auch eine kaufen. Er musste einen anderen Zug nehmen und sich wieder Geld von mir leihen-.- Ich verbachte noch einen Abend mit Abby vom Hostel, bevor wir dann am n\u00e4chsten Morgen zum Bahnhof aufbrachen. Abby kam auch mit, um sich von mir zu verabschieden. Ich wusste, dass ich auf jeden Fall noch einmal zur\u00fcck kommen musste und machte mir schon Gedanken, wann ich das n\u00e4chste Mal in Chengdu sein k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeit zum Ausruhen blieb nach dem Besuch meiner Familie keine. Ich hatte bereits ein Zugticket nach Chengdu, Hauptstadt der Provinz Sichuan, gekauft und wollte zwei Tage sp\u00e4ter fahren. Obwohl ich das Ticket fr\u00fchzeitig erworben hatte, war es mir nicht gelungen, einen Sitzplatz zu ergattern. 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