Gemischte Tage und Gefühle

Orscha, 8. Dezember 2018. – Seit meinem letzten Eintrag ist es Dezember und damit Advent geworden und der Heimaturlaub ist noch einmal näher gerückt. Es hat seinen Grund, dass ich länger als üblich nichts geschrieben habe, aber ab jetzt geht es hoffentlich normal weiter.

Nach dem Ende des Seminars war meine Ansprechpartnerin eine Woche lang auf einer Fortbildung und ich daher bei den anderen Lehrerinnen eingesetzt, meistens mit weniger Stunden als normal. Genauso wie immer läuft das manchmal gut, manchmal weniger. Mittlerweile kann ich die Schüler wie auch die Lehrer besser einschätzen, kenne die Klassen besser, kann die Lehrer besser „beurteilen“, sofern mir das überhaupt zusteht. Nach einer Weile sind manche Menschen doch etwas anders, als zunächst erwartet, meine Meinung hat sich bei einigen etwas verändert- positiv und negativ…

Es ist eben so, dass viele Unterrichtsstunden sich letztendlich für keinen der Beteiligten lohnen. Klasse 4 und 5 ist da meistens sehr dankbar, aber in Klasse 8 (wo ich oft bin) kann viel danebengehen. Die Schüler dürfen Texte über „Musikfestivals in Deutschland“ auswendig lernen oder in Gruppenarbeit erarbeiten. Und es ist viel zu klar, dass mindestens die Hälfte der Klasse den Zusammenhang des Textes nicht versteht. Eine andere achte Klasse darf ihre Lieblingssänger vorstellen, wirkt dabei aber genauso motiviert wie Klasse 8б beim Aufsagen der Biographie Beethovens.

(Diese Biographie war als Text im Buch und übrigens nicht mal korrekt, um ehrlich zu sein. Im Text stand, dass Mozart Beethovens Lehrer war, doch die beiden haben sich nicht einmal getroffen.)

Der spannendste Tag dieser vorigen Woche war der Donnerstag, an dem ich in eine weitere Schule eingeladen war: Дубровно (Dubrowna) liegt noch etwas östlich von Orscha, nur noch dreißig Kilometer entfernt von der russischen Grenze. Die Straße Orscha-Dubrowna führt schnurgerade von meiner Einsatzstadt in den 8000-Einwohner-Ort, der offiziell Stadt ist, sogar Zentrum des dortigen Landkreises, aber irgendwie auch ziemlich Dorf. „Dorfstadt“ oder „Stadtdorf“ passt meiner Meinung nach am besten. Von Dubrowna aus würde die Straße vermutlich genauso gerade weiter nach Russland führen. Das Bittere: die Grenze ist offen und wird nicht kontrolliert, aber genau deshalb darf ich sie nicht überschreiten. Belarus und Russland arbeiten so eng zusammen, dass man alle Grenzkontrollen gestrichen hat; das bedeutet gleichzeitig, Ausländer dürfen die Grenze nicht passieren, da sie dann nicht kontrolliert werden können und ihr Visum so nicht überprüft werden kann. Demnach werde ich leider nicht ins nahe Russland fahren können und Dubrowna bleibt vorerst der östlichste Punkt Europas, an dem ich je war.

Den Kontakt nach Dubrowna hat eine Lehrerin in Orscha hergestellt. Es ist relativ offensichtlich, warum ich die Schule besuchen soll: die Schüler haben kaum Sprachpraxis und werden außer mir in nächster Zeit kaum noch einen Deutschen treffen. Diese Erwartung bestätigt sich in der Schule: die Schüler scheinen wenig darauf vorbereitet, ihre Sprachkenntnisse tatsächlich anzuwenden, und sind sehr scheu. Ich möchte die Schule gerne noch einmal besuchen, um vor allem sprechen zu üben.

Neben dem Austausch mit den Schülern werde ich noch von einigen Lehrern empfangen, darunter die beiden Deutschlehrer, eine Englischlehrerin und die Schulleitung. Es geht vor allem um Sprachen, wie schade es doch ist, dass immer mehr Schüler Englisch lernen wollen und so weiter. In Dubrowna gibt es bisher noch Deutsch und Französisch, und ich als Freiwilliger werde auch nicht verhindern können, dass beides neben Englisch weiter und weiter schrumpfen wird.

Am Abend komme ich noch zur Probe der Schulmusikgruppe, die zurzeit deutsche Weihnachtslieder einstudiert. Eigentlich mache ich nicht viel außer ein bisschen Aussprache üben, aber die Lehrerin findet es trotzdem toll und stellt irgendwelche Videos davon auf Facebook. Nach dem Weihnachtsteil üben die SuS- es sind tatsächlich zwei Jungs dabei, für die ich großen Respekt habe – noch die spaßigeren Stücke, ihre belarussischen und russischen Lieder und Tänze. Ich bitte eine weitere anwesende Lehrerin, sie möge mir doch bitte jeweils die Namen der Stücke aufschreiben, sodass ich später noch mal reinhören kann, und sie schreibt gleich den ganzen Text mit. Problem dabei: die Texte sind teilweise auf Belarussisch, der Sprache, die eigentlich niemand in Orscha spricht. Über die Rechtschreibung muss die Lehrerin sich also wieder mit anderen Kollegen beraten. Eine insgesamt ziemlich lustige Situation, finde ich, aber vielleicht muss man hier sein, um das zu verstehen. Jedenfalls kenne ich jetzt etwas mehr Musik auf Russisch und Belarussisch.

Am ersten Adventswochenende bin ich wieder in Minsk, Denise aus Sluzk hat Geburtstag. Wir verbringen das Wochenende zusammen, unsere „Feier“ gefällt mir insgesamt aber weniger, ich schreibe hier nichts mehr dazu. Ich bin jedenfalls relativ froh, als ich am Sonntag gegen 18 Uhr wieder in Orscha ankomme und noch ein bisschen telefonieren kann, doch schon am nächsten Tag bin ich krank. Vermutlich habe ich mich über das Wochenende erkältet, das trifft mich in dieser Woche mit voller Wucht. Ich gehe noch in die Schule, weil es gerade noch geht, aber ohne große Lust.

Am Mittwoch bin ich wieder in Minsk, für das „Kulturmittlertreffen“. Weil ein Zug ausfällt, muss ich frühmorgens losfahren und komme abends am gleichen Tag zurück, insgesamt fünf Stunden im Zug. Im Voraus hatte ich gar keine Lust, am Ende ist es aber doch sehr okay. Dieses Mal sind wieder alle fünf Freiwilligen da, was relativ selten ist. Vor dem Treffen sind wir мальчики noch im ГУМ, dem staatlichen Kaufhaus, wo man von allen Seiten beim Einkaufen oder Bummeln überwacht und damit unsanft daran erinnert wird, in welchem Land man sich gerade befindet. Trotzdem spricht mich hier eine Verkäuferin an, ich soll beurteilen, welche von zwei Farben modischer ist, als junger Mann müsse ich das doch wissen. Das wiederum könnte auch Deutschland sein.

Nachdem mein Russisch zwischendurch ein paar Mal Aussetzer hatte, habe ich am Mittwoch überraschend noch einen Erfolg: ein ziemlich langes Gespräch im Zug. Mein Gegenüber wird neugierig, als ich (endlich mal wieder :/ ) meine Karteikarten durchgehe, und spricht mich darauf an. Als meine Situation klar wird, kommt ein Feuerwerk der Standardfragen. Ich werde über alles ausgefragt, der junge Familienvater ist fasziniert. Er will mich am Ende sogar zu sich nach Hause einladen und mich seiner Familie vorstellen, wir haben auch Telefonnummern ausgetauscht – aber trotz seiner Beteuerung „я позвоню!“ ist bisher, am Samstag Abend, nichts gekommen.

Dann Freitag wieder Schule, Wochenende eher frei. Habe mir endlich die Haare schneiden lassen, es war höchste Zeit. Gerade liegen die Temperaturen bei etwa -3°, aber natürlich wird es noch kälter. Momentan ist außerdem alles glatt, nachdem der Schnee für einen Tag geschmolzen und dann wieder gefroren ist.

Zum Schluss noch etwas zum Schmunzeln: Klasse 4 redet gerade über ihre Familie, ein tolles Thema, weil die Schüler dafür einen schönen Stammbaum gestalten durften. Sie verwechseln nur immer mal Wörter und sagen Dinge wie „Meine Mutter ist sechsunddreißig Jahres Zeit“. Knuffig.

Всё… До свидания и всего хорошего!

Jonathan

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