Russisch, Musik und Lehrertag

Orscha, 07. Oktober 2018 – Nach einer guten Woche melde ich mich erneut aus Orscha, wo mittlerweile sogar die Heizungen funktionieren. Es hat sich wieder ein bisschen Schreibstoff aufgebaut, wovon ich zumindest Einiges hier erwähnen möchte.

Wie der Titel schon sagt, geht es heute vor allem um drei verschiedene Themen – durch diese Struktur kann ich den Inhalt besser „bündeln“. Direkt im Anschluss schiebe ich noch einen zweiten Eintrag über den Samstag gestern nach, damit es nicht zu viel auf einmal wird.

*Russisch: Jede Woche bin ich zwei Stunden im Russischunterricht der 5. Klasse dabei und versuche so viel Nutzen wie möglich daraus zu ziehen. Die Themen verstehe ich meistens gut, das erleichtert das Verständnis, auch wenn manche Sichtweisen mir neu sind. Das ist wiederum interessant, z.B. das, was man hier als качетсва речи (in etwa: Beschaffenheit der Sprache) bezeichnet – demnach zeichnet sich die Qualität der Sprache eines Einzelnen durch dessen точность, чистота, правилность, логичность, богатство, уместност und выразительность (Genauigkeit, Sauberkeit, Richtigkeit, Logik, Reichtum, Angemessenheit und Ausdrucksstärke) aus. Die Schüler lernen so etwas auswendig, mittlerweile habe ich es auch einigermaßen drin. Ich weiß auch nicht, was mir das bringt, aber irgendwie ist es ganz cool und interessant. Nebenbei baue ich meinen Wortschatz aus – das vor allem auch durch die Märchen, die die Schüler lesen.

Außerdem hat der Unterricht die Folge, dass mich einige der Fünftklässler morgens am Eingang freudestrahlend begrüßen, ohne dass ich irgendetwas dafür getan hätte. Ein weiterer Punkt auf der Liste der Dinge, die ich nicht verstehe.

Natürlich wäre es noch viel besser, hätte ich weitere regelmäßige Termine, in denen ich mein Russisch üben und verbessern kann. Aber das hat sich bisher nicht ergeben, oder ich war eben zu faul bzw. scheu. Im Blog meiner Vorgängerin lese ich, wie sie sich schnell mehrere feste Termine in der Woche eingerichtet hat, um sich zu beschäftigen – das sollte ich auch tun. Hoffentlich schaffe ich es irgendwie. Auf Dauer reicht es nicht, nur in der Schule, in der Wohnung und auf Ausflügen zu sein, dann lerne ich auch keine Leute vor Ort kennen.

Wie es mit meinem Hörverstehen bisher so ist, hängt ganz von der Situation ab. In russischen Gesprächen, die ich selbst angefangen habe, verstehe ich meistens viel, denn ich kenne ja das Thema; ähnlich ist es im Unterricht, im Deutschunterricht verstehe ich die russischen Passagen in der Regel gut. Wenn ich das Thema nicht kenne, wird es schwieriger, aber in der Regel verstehe ich zumindest die Satzstruktur – wenn allerdings jemand anderes (überraschend) ein Gespräch anfängt und dabei erwartet, dass ich auch normale oder schnelle Sprache verstehe, ist es schwierig, dann verstehe ich kaum etwas.

Am Freitag hatte ich zum ersten Mal Russischunterricht bei Irina, meiner Ansprechpartnerin. Es ist noch nicht klar, ob wir regelmäßig Unterricht haben werden oder immer nur, wenn gerade Zeit ist, aber die Hauptsache ist, dass es jetzt losgeht. Ich hoffe, dass durch den Unterricht mein Lernen noch einen Schub bekommt, aber das wird sich erst zeigen.

Die ersten Russisch-Hausaufgaben

*Musik: Im Deutschraum steht ein Keyboard, an dem ich in Freistunden spielen kann. Um ehrlich zu sein, macht das allerdings wenig Spaß – man kann das Keyboard kaum mit einem „normalen“ Instrument vergleichen. Meine Stücke klingen einfach nicht echt, sondern sehr künstlich, langweilig, doof.

Umso mehr freue ich mich, als mir eine Alternative gezeigt wird – eine Musiklehrerin der Schule hat für ihren Raum ein E-Piano angeschafft, made in Japan. Ich darf das Instrument testen, und schon beim Anschlag merke ich, dass es ein ziemlich gutes Piano ist. Kurz darauf perlen Couperins „Barricades Mystérieuses“ durch den Raum. Der Klang ist fast schon himmlisch im Vergleich zu vorher. Die Töne erfüllen das Zimmer, als gäbe es echte Saiten, feine dynamische Abstufungen sind möglich und der Bass ist einfach toll, was bei diesem Stück besonders effektvoll ist. Ich genieße es sehr, denn einen echten, guten Klavierklang habe ich schon seit Wochen nicht erlebt.

Mir wurde schon angeboten, dass ich häufiger spielen darf, hoffentlich komme ich dazu. Das E-Piano ist vermutlich noch um einiges hochwertiger als mein Übungsinstrument zuhause.

*Lehrertag: Am Freitag ist день учителя, Lehrertag. Schon vorher geht es im Unterricht um Schultraditionen (Lehrplan Kl. 8) und ich bekomme den Eindruck, dass man diese hier sehr viel ernster nimmt. Die Schulfeste werden auch tatsächlich als Feste wahrgenommen und nach bestimmten Traditionen begangen: So werden am Lehrertag alle Stunden um 15 min verkürzt und die Schüler bringen ihren Lehrern Geschenke mit. Auch die Deutschlehrer gehen nicht leer aus (Zitat E. „So groß war das Geschenk noch nie“).

Außerdem findet ein Konzert statt, in dem die unterschiedlichen Musik- und Tanzgruppen der Schule auftreten, Lehrer geehrt werden und zusätzliche einige der Lehrer selbst Lieder vortragen. Ich kenne keines der Lieder, bin aber beeindruckt, wie vielseitig das Konzert wird – dadurch erfahre ich auch mehr über meine Schule. Zum Beispiel gibt es viele, viele verschiedene (und immer zu 90-100% weibliche) Tanzgruppen, was ich von meiner Schule in Deutschland nicht behaupten kann. Meiner Schwester P. hätte es sehr gefallen, LG an dich :)

Nebenbei frage ich Irina, wie viele männliche Kollegen sie an der Schule hat – sie zählt fünf, von etwa hundert (oder mehr). Ich bin also mal wieder in einer deutlich weiblich dominerten Umgebung gelandet… aber das passiert mir ja nicht zum ersten Mal.

Die Fortsetzung folgt gleich im Anschluss.

P.S.: Über Skype habe ich erfahren, dass auch einige Heuchelheimer aus der Martinsgemeinde diesen Blog hier lesen. Erst einmal liebe Grüße an Euch alle – und außerdem, falls Ihr Euch fragt, ob ich die Gemeinde vermisse: ja, das tue ich. Ich vermisse das Organist-Sein, die Gottesdienste und natürlich die Menschen, und freue mich schon darauf, an Weihnachten wieder nach Heuchelheim zu kommen.

 

 

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