So etwas wie Alltag beginnt

Orscha, 19. September 2018. – Nach drei Tagen in der Schule melde ich mich hiermit wieder und kann schon ein wenig aus der Schule berichten. Mein Bild ist allerdings noch nicht vollständig, deswegen versuche ich, noch nicht zu bewerten oder zu verallgemeinern.

Ein paar kleine, aber wichtige Beispiele für Unterschiede zu deutschen Schulen:

*Stundenplan: Es gibt keine Doppelstunden. Zu jeder vollen Stunde beginnt eine Unterrichtsstunde, nach 45 min gibt es jeweils 15 min Pause.

*Notengebung: Es gibt keine wirklichen Zeugnisse. Was zählt, sind die Endnoten in den Prüfungen nach Klasse 9 und 11. Trotzdem wird den Schülern nach jeder Stunde eine Note eingetragen, von 1 bis 10, wobei 10 die beste Note ist.

*Fremdsprachen: Alle Schüler müssen Russisch und Belarussisch lernen, die beiden offiziellen Amtssprachen. (Vielleicht schreibe ich noch einmal darüber.) Dazu kommt eine Fremdsprache, an der Schule hier Englisch oder Deutsch. Lateinunterricht gibt es nicht, in anderen Schulen kann es Französisch, Chinesisch oder Spanisch geben (alles eher selten).

Anzeigetafel im Zentrum mit der Aufschrift „Ich liebe Belarus“

Interessant am Deutschunterricht ist vor allem, wie sehr sich die Kurse unterscheiden. Klar ist: Deutsch ist viel zu schwer. Als Beispiel Klasse 3: Ich habe den größten Respekt für die Lehrer- sie müssen Neunjährigen, die gerade erst das lateinische Alphabet lernen, den Unterschied zwischen „ei“, „ie“ und „eu“ erklären. Außerdem sind viele Buchstaben des kyrillisches Alphabets auch im lateinischen Alphabet vorhanden, aber anders. „н“ entspricht dem deutschen“n“, „n“ im Russischen (Schreibschrift) ist auf Deutsch „p“, „р“ auf Russisch wiederum ist auf Deutsch „r“. Erklärt das bitte mal in einer dritten Klasse.

In Klasse 10 ergibt sich ein anderes, aber ebenso interessantes Bild. Als die Schüler mich durch ihre Schule führen und sie mir vorstellen sollen, erzählen fast nur die Mädchen – was Deutsch angeht, haben sie die Jungs anscheinend schon vor Jahren abgehängt. Das Niveau geht massiv auseinander – blöd nur, dass alle die gleichen Abschlussprüfungen schreiben, und alle verpflichtend auch in Deutsch.

Am Dienstag Nachmittag weiht Irina (meine Ansprechperson in der Schule) mich in die Geheimnisse des belarussischen Verkehrswesens ein, denn am Wochenende soll ich mit den anderen Freiwilligen in Minsk sein. Als wir die Bahnkarten kaufen, verstehe ich die Dame am Schalter falsch und lege 60 Rubel hin – Irina lacht mich aus. Ich hatte 57 Rubel (ca. 23€) verstanden und das für einen normalen Preis für die jeweils zweistündige Hin- und Rückfahrt gehalten, doch tatsächlich sind es 15,70 Rubel (ca. 6€).  Eine  positive Überraschung für jemanden, der für eine Fahrt von Berlin nach Kassel 97€ bezahlt hat. ладно, dafür haben die belarussischen Züge kein WLAN – allerdings gibt es hier unbegrenztes mobiles Internet für etwa 7€/Monat.

Und als Bonus:
1) Die Züge haben üblicherweise keine Ver-spätung.
2) Die Tickets sehen einfach cool aus.

 

Die Gastfamilie führt mich unterdessen weiter in das belarussische Leben und vor allem Essen ein. Die Entdeckungsreise durch die belarussische Küche nähert sich langsam ihrem Ende, denn am Freitag soll ich in meine Wohnung im Zentrum umziehen. Die Eltern fragen mich, was ich kochen kann – ich erzähle ein bisschen, aber sage nicht, dass ich nach ihrer Vollverpflegung am liebsten fürs Erste auf Salat und Gurken umsteigen würde, und auch nicht unbedingt abends noch warm essen muss, wenn ich mittags in der Schule für weniger als 50ct ein vollwertiges warmes Mittagessen kaufen kann.

Ob ich noch länger in der Familie bleiben wollen würde? Naja. Die Vorteile sind natürlich klar – aber was z.B. die Sprache angeht, brauche ich nicht nur Gesprächsübung, sondern vor allem auch Zeit zum Lernen. Mir fehlen sehr viele Wörter, die ich mir einprägen muss, und auch Lesen und Grammatik muss ich üben. Von daher lerne ich vielleicht besser, wenn ich in der Wohnung bin – Sprachpraxis habe ich immer noch, notwendigerweise. Und mit der Familie kann ich mich immer noch treffen (das wollen sie auch unbedingt).

Nachteile: Die Zeit hier kann echt anstrengend sein. Oft läuft der Fernseher durchgängig oder die Jungs spielen Videospiele ohne Kopfhörer, abends auch gerne beides gleichzeitig. Ich sage nichts dagegen, doch es stört natürlich, denn in dieser kleinen Wohnung kann man sich mit fünf Leuten einfach schlecht aus dem Weg gehen. Die Zeit in der Schule ist für mich interessanter und angenehmer als die Zeit in der Wohnung – dennoch bin ich der Familie unheimlich dankbar für ihre (Gast-)Freundlichkeit. Ich kann kaum etwas Schlechtes über sie sagen, es liegt eher an mir, wenn ich mich nicht ganz wohl fühle.

Was es nicht alles gibt: Snickers с семечками – Snickers mit Sonnenblumenkernen

Es gibt auch immer wieder lustige Momente. Die Jungs machen sich über das Wort „Sonnenblumenkerne“ lustig (im Vergleich zum russ. „семечки“ seeehr viel länger) und können es kaum fassen, als ich von den sechswöchigen Sommerferien in Deutschland erzähle – in Belarus sind die Sommerferien volle drei Monate lang. Außerdem scherzen wir über Lukaschenka, den belarussischen Präsidenten „auf Lebenszeit“.

Ich kann mich wirklich nicht beschweren. In meiner wenigen Zeit bis jetzt habe ich viele, viele Eindrücke gesammelt, die ich nicht alle hier wiedergeben kann/will. Die Zeit ist alles andere als langweilig, und Belarus ist definitv nicht die triste Ostblockdiktatur, die man als Besucher vielleicht erwartet.

Bis dann und до свидания!

Jonathan

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