{"id":388,"date":"2017-01-21T18:18:07","date_gmt":"2017-01-21T17:18:07","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/?p=388"},"modified":"2017-01-21T18:23:43","modified_gmt":"2017-01-21T17:23:43","slug":"el-lustrabotas-der-schuhputzer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/2017\/01\/21\/el-lustrabotas-der-schuhputzer\/","title":{"rendered":"El Lustrabotas &#8211; Der Schuhputzer"},"content":{"rendered":"<p><em>(Zur Abwechslung mal etwas Prosaisches&#8230; ich selbst geh\u00f6re \u00fcbrigens zu den fahlen Gesichtern hinter den Scheiben des aufgebockten Motors&#8230;.)<\/em><\/p>\n<p>Meine Finger werden zu Eis zerfallen, so kalt und ganz leblos schlackern sie an meiner Hand, wie W\u00fcrmer vor der F\u00fctterung und ich laufe, laufe dass die Finger nur so fliegen in der Luft, rechts links, ich h\u00f6re es knacken, vielleicht ist einer gebrochen, ich sp\u00fcre nichts. Sollen sie doch abfallen, ich brauche sie nicht, ja, da werden die anderen gucken wenn ich ohne Finger R\u00e4der schlage bergauf bergab, wenn ich ohne Finger Schuhe putze, mit dem Mund, dem Mund werde ich es machen, daf\u00fcr kann man mehr nehmen, das Doppelte, diese Idioten, sie werden staunen und w\u00fcnschen, sie h\u00e4tten auch keine Finger mehr. Sollen sie doch in den Rinnstein fallen, zusammen mit dem ganzen Wasser und der Wurst von Ju\u00e1n, ganz frisch und dampft noch, und plumps den Ratten auf der Teller, die werden sich freuen mit ihren roten Augen, mit dem Schwanz werden die wackeln und meine Finger fressen, zack zack, da bleibt nix \u00fcbrig bei denen, nicht mal die Knochen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es ist so kalt, so kalt, ich rutsche aus und schlage mich hin, ein Finger bleibt im Dreck, die anderen nehme ich mit, ich habe nur noch neun, noch neun Finger und zwei F\u00fc\u00dfe ohne Zehen, die sich f\u00fcr mich in die Kurve legen, weiter hoch. Beweg deinen K\u00f6rper sonst frierst du fest und kommst nie wieder los, sag dir dass oben der Himmel auf dich wartet. Oben scheint die Sonne. Und dann nehm ich meine M\u00fctze ab und sch\u00fcttel die L\u00e4use raus und w\u00e4lz mich im Gras wie ein Hund, das geht auch ohne Finger, und sp\u00e4ter vielleicht werd ich einen Schuh putzen von so einem Herrn mit langem Daumennagel und Gehstock. Vielleicht ist es auch nur ein fetter Tourist mit Sonnenbrand, dem werde ich den Schuh putzen f\u00fcr hundert Bolivianos, einen Schuh, mehr nicht.<\/p>\n<p>Ich putze Schuhe, rechts links Taktgef\u00fchl, klopf klopf Unterseite, Hebelwirkung, Seitenwechsel, Schuhcreme schwarz braun blau. Die blauen sind selten, ich mag blau, blau ist wie der Himmel und das Wasser, blau ist die Sch\u00fcrze meiner Mutter, wenn sie mir mit ihren Fingern \u00fcber die Stirn f\u00e4hrt und in die Haare, meine Haare sind wie Borsten, ich k\u00f6nnte meine B\u00fcrste bespannen damit, ich k\u00f6nnte Schuhe putzen mit meinen Haaren. Ich laufe, Knie nach vorn, ich sehe nichts als den wei\u00dfen Streifen neben mir, den darf ich nicht \u00fcberqueren. Ein aufgebockter Motor rast an mir vorbei, hinter seinen Scheiben sitzen bleiche Gesichter mit gro\u00dfen Augen und dunklen M\u00fcndern. Meine Sandalen haben Riemen aus Leder, die geben nicht so schnell nach, und oben ist Himmel, ist Gras und Sonnenschein und vielleicht ein M\u00e4dchen mit blauer Sch\u00fcrze, ein Herr mit blauen Schuhen.<\/p>\n<p>Und am Abend packe ich meine <em>caja<\/em>, packe in Ruhe, es ist hell auf der Stra\u00dfe und der Rinnstein noch warm, ich ordne alles f\u00fcr den n\u00e4chsten Tag, die B\u00fcrsten, die Schuhcreme und die <em>tinta<\/em>, ist nicht mehr viel \u00fcbrig davon, zwei T\u00fccher f\u00fcr die Schuhe und eins f\u00fcr die Nase, den <em>clefa<\/em>, aber die <em>pasamonta\u00f1a<\/em> zieh ich nicht aus, zieh sie bis weit hinauf unter die Augen. Mein Bauch knurrt, ich esse zu wenig, fast nichts, nur am Morgen bevor ich zu arbeiten beginne, hei\u00dfen Mais mit K\u00e4se von der Frau an der Ecke vor der <em>San Francisco <\/em>mit den zwei kleinen M\u00e4dchen, die haben dasselbe Gesichtchen, ein Maisgesichtchen und rotgebrannte Backen von der nahen Sonne, die B\u00e4ckchen pellen sich und die Haut h\u00e4ngt in Fetzen, sie spielen Fang-mich auf der Stra\u00dfe um den Topf mit den Maiskolben herum. Am Morgen schon spielen sie, und spielen den ganzen Tag und spielen bis abends und in der Nacht, lachen und laufen und frieren nicht fest.<\/p>\n<p>Ich nehme mir eins von den M\u00e4dchen, ich nehme mir eins damit es mit mir l\u00e4uft den Berg hinauf, immer vor mir weg und wo es gelaufen ist wird die Luft ganz warm und riecht nach Kindermund, nach M\u00e4dchenhaar, die kleinen schwarzen F\u00fc\u00dfe plitsch platsch durch die Pf\u00fctzen, blaues Wasser, sing! sage ich, als ich die Sirenen h\u00f6re, die hinter uns die Stra\u00dfe hinaufjagen, sing lauter!, und die <em>caja<\/em> schl\u00e4gt mir gegens Knie, und ich treibe uns auf dem Seitenstreifen entlang, wir fliegen fast, so schnell sind wir, fliegen wie auf einem Teppich und geradewegs \u00fcber die Maschinen hinweg, durch das schwarze Dach hinaus zur Sonne, das ist nicht weit,\u00a0 dauert nur ein paar Sekunden und wir sind da, und die Backen des M\u00e4dchens gl\u00fchen wie Granat\u00e4pfel, rot und dick und rund.<\/p>\n<p>Wir nehmen uns das M\u00e4dchen, sagen sie zu mir, einer von ihnen h\u00e4lt mich unten fest, damit ich nicht lostrete mit meinen Sandalen, wir nehmen uns die kleine <em>mamita<\/em>, deine S\u00fc\u00dfe hier, seine Hand dr\u00fcckt zu, ich kann sein Gesicht sehen im halben Schatten. Sag kein Wort, verstanden? Ich sage kein Wort, ich denke, sie ist erst ein paar Jahre alt denke ich, kann nicht schnell laufen, nicht putzen, kaum sprechen. Du darfst sie nicht hergeben. Das M\u00e4dchen muss bei dir bleiben, es ist zu klein, du musst drauf aufpassen auf der Stra\u00dfe und wenn sie ihm Geld geben steckst du es ein und bringst es deiner Mutter und bringst das M\u00e4dchen zur\u00fcck zu ihr. Wir nehmen das M\u00e4dchen, sagt der Gro\u00dfe ohne Haare, der Kopf sitzt ganz wackelig auf seinem d\u00fcnnen Hals, Hahnenhals, mit meinem Messer k\u00f6nnt ich den abschneiden, zack und weg, mit meinem Messer, mit einem Hieb. Sie nehmen sie sich, greifen nach ihr und unter die kleinen Arme und sind schon weg, hinter der Kirche links ab raus auf den Markt, wo man alles kaufen kann, auch Tiere, auch Menschen.<\/p>\n<p>Wir sitzen und kauen, das Gesicht fast im Teller, die Suppe ist hei\u00df, ist scharf und brennt in den Augen, es liegt ein Knochen von der Kuh darin, die war schon alt, so alt, dass sie keine Milch mehr gegeben hat. Ihr Fleisch ist ganz l\u00f6chrig, ich stecke meinen Finger hinein, lange dunkelbraune Sehnen schwimmen bei den Kartoffeln, den Bohnen und dem Reis. Unsere Mutter sitzt auf einem Hocker und schaut, schaut wie es drau\u00dfen dunkel wird, wie ein m\u00fcder Hund f\u00e4llt die Sonne auf den Boden, zerspringt und es bleibt nichts \u00fcbrig von ihr, nichts bleibt \u00fcbrig vom Tag. Ich sehe sie an, die Mutter, alles ist faltig und sehnig wie bei der Kuh, die H\u00e4nde, die Wangen, die Stirn, sie muss noch die H\u00fchner ins Haus holen, in die K\u00fcche, da gackern und br\u00fcten und kacken sie die ganze Nacht lang. Am Morgen dann sitzen wir wieder mit schaukelnden Beinen am Tisch und trinken Milch und die Kleine lacht \u00fcber den wei\u00dfen Rand an meinem Mund, lacht ohne Z\u00e4hne und mit laufender Nase.<\/p>\n<p>Und ich laufe, ich renne, sprinte durch die Nacht wie ein Dieb, wie einer auf der Flucht, wie einer, der vergessen hat wie es ist, ein Mensch zu sein. Und ich sp\u00fcre nichts, habe alle meine Finger verloren und meine <em>caja<\/em> weggeworfen, im Fluss liegt sie aber ich bin nicht hinterher gesprungen. Manchmal m\u00f6chte mir Erde auf den Kopf schaufeln, mit dem Gesicht im Feld liegen, vergraben liegen und hoffen, es gibt keinen Gott, keinen der gesehen hat, was mit der Kleinen passiert ist, keinen, der meiner Mutter erz\u00e4hlt, was sie mit ihr gemacht haben, wenn sie mit ihren fleckigen gefalteten H\u00e4nden in der Kirchbank kniet und nach oben aufschaut und die Decke zwischen den Balken und Bildern und Leuchten absucht. Meine Mutter, und wenn ich k\u00f6nnte w\u00fcrde ich da hinter ihr am Kirchentor stehen, nur wenige Schritte hinter ihr und einen Stein werfen, einen gro\u00dfen spitzen Stein, und wenn ihr das Blut aus dem Kopf gelaufen und sie gegangen w\u00e4re w\u00fcrde das M\u00e4dchen zur\u00fcckkommen, w\u00fcrde die Kleine vom Himmel auf die Erde zur\u00fcckfallen und so alt werden wie meine Mutter, so alt wie die Kuh in der Suppe.<\/p>\n<p>Ich darf nicht einschlafen, darf nicht schlafen, auch wenn mir die Augen aus dem Kopf auf die F\u00fc\u00dfe fallen wie glitschige Eier, auch wenn alles von mir weg- und abgetragen wird und am Ende nur noch meine Gedanken auf dem Weg sind, immer weiter rauf, nach oben, und ich wei\u00df wenn ich n\u00fcchtern werde bin ich runter vom Teppich, werden sie mich finden mit dem Gesicht im Feld, im Fluss und mein Messer, das Messer mit dem ich den Hahnenhals abgeschnitten habe: zack und weg. Kommen Schuhputzer in den Himmel? Ich hoffe sehr, es gibt keinen Gott, ich hoffe sehr, es gibt einen, einen mit blauen Schuhen, der oben in der Sonne sitzt und auf mich wartet.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Zur Abwechslung mal etwas Prosaisches&#8230; ich selbst geh\u00f6re \u00fcbrigens zu den fahlen Gesichtern hinter den Scheiben des aufgebockten Motors&#8230;.) Meine Finger werden zu Eis zerfallen, so kalt und ganz leblos schlackern sie an meiner Hand, wie W\u00fcrmer vor der F\u00fctterung &hellip; <a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/2017\/01\/21\/el-lustrabotas-der-schuhputzer\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1622,"featured_media":296,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[21],"tags":[],"class_list":["post-388","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-allgemein"],"amp_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/388"}],"collection":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1622"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=388"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/388\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":392,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/388\/revisions\/392"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/wp-json\/wp\/v2\/media\/296"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=388"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=388"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=388"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}