{"id":257,"date":"2015-07-13T23:25:31","date_gmt":"2015-07-13T21:25:31","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/?p=257"},"modified":"2017-01-21T18:25:04","modified_gmt":"2017-01-21T17:25:04","slug":"vom-unsinn-des-uhrzeigersinns-und-anderen-erkenntnissen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/2015\/07\/13\/vom-unsinn-des-uhrzeigersinns-und-anderen-erkenntnissen\/","title":{"rendered":"Vom Unsinn des Uhrzeigersinns (und anderen Erkenntnissen)"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Bolivien ticken die Uhren anders als in Deutschland, schon wegen der sechsst\u00fcndigen Zeitverschiebung. Hat man sich aber erst einmal akklimatisiert, entdeckt man erstaunlich viele Gemeinsamkeiten.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist ein Sonntagnachmittag in La Paz und wir veranstalten eine kleine Grillfeier auf unserer Dachterrasse. Die Sonne brutzelt auf unsere Scheitel, Ren\u00e9, der Hausherr, wendet W\u00fcrstchen und ich spreche einen jungen Bolivianer an, der gerade mit einem Berg Kartoffelsalat besch\u00e4ftigt ist. Eddie ist neunzehn Jahre alt und arbeitet im B\u00fcro einer bolivianischen Stiftung. Er spielt Schlagzeug und Gitarre, sonntags nimmt er Ballettunterricht in einer Tanzschule. Eddie hat Bolivien noch nie verlassen. Er w\u00fcrde gerne mal nach Brasilien reisen, erz\u00e4hlt er. Deutschland hingegen reizt ihn nicht: \u201eDiese entwickelten Staaten machen mir Angst. Ich w\u00fcrde mich da vermutlich nicht zurechtfinden.\u201c<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/DSC02433.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-318\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/DSC02433.jpg\" alt=\"DSC02433\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/DSC02433.jpg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/DSC02433-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Vielleicht denkt Eddie, dass wir in Deutschland mit Raumschiffen zur Arbeit fliegen, w\u00e4hrend unsere intelligenten H\u00e4user den Einkauf f\u00fcr uns erledigen. Vielleicht hat er auch einfach nur das Gef\u00fchl, dass ihn die Menschen in Deutschland nicht verstehen, dass er auf Leute treffen w\u00fcrde, die vollkommen anders sind als er selbst. Ich beuge beiden Bef\u00fcrchtungen vor, indem ich Eddie erz\u00e4hle, dass Deutschland gar nicht so anders ist als Bolivien. Dass wir auch nur mit Wasser kochen und Schlagzeug oder Gitarre spielen. Und w\u00e4hrend ich so rede bemerke ich, dass mir das alles sehr bekannt vorkommt: Das Verbindende zwischen den Kulturen und Lebensformen war Thema auf dem Kulturweit-Vorbereitungsseminar, das ich im M\u00e4rz in Berlin besucht habe.<\/p>\n<p><strong>Das Kulturweit-Programm als p\u00e4dagogischer Lerndienst<\/strong><\/p>\n<p>Ich bin mit dem Kulturweit-Programm in Bolivien, dem internationalen Freiwilligendienst der UNESCO-Kommission und des Ausw\u00e4rtigen Amts. Seit 2009 vermittelt Kulturweit junge Menschen im Alter von 18 bis 26 Jahren f\u00fcr sechs bis zw\u00f6lf Monate an eine Einsatzstelle in Afrika, Asien, Lateinamerika oder Europa. Bei den Einsatzstellen handelt es sich um Einrichtungen oder Kooperationen der Partner von Kulturweit. In meinem Fall ist das die Deutsche Welle Akademie.<\/p>\n<p>Kulturweit versteht sich als p\u00e4dagogischer Lerndienst, es sind die Freiwilligen, die etwas lernen sollen w\u00e4hrend ihres Aufenthalts. Zum Beispiel, dass die Menschen am anderen Ende der Welt gar nicht so anders sind als die Menschen zuhause, oder auch, dass es im Arbeitsalltag viele Dinge gibt, die \u00e4hnlich funktionieren wie in Deutschland. Zumindest f\u00fcr meine Einsatzstelle, die Fundac\u00edon para el Periodismo (Stiftung f\u00fcr den Journalismus, kurz FPP) trifft das zu. Montagmorgens ist hier Teamsitzung, man bringt sich gegenseitig auf den neuesten Stand. Unter der Woche gehen unz\u00e4hlige Emails \u00fcber den Server, am Wochenende stehen Konferenzen und Gesch\u00e4ftsreisen an. Das Aufgabenspektrum der FPP ist breit, es wird publiziert, kommuniziert und ausgebildet. Letzteres in Kooperation mit der Deutschen Welle Akademie, die hier gemeinsam mit der GIZ den Aufbau einer dualen Journalistenausbildung, die Educaci\u00f3n Dual, unterst\u00fctzt.<\/p>\n<p><strong>Duale Journalistenausbildung der FPP und der DW Akademie<\/strong><\/p>\n<p>Die erste neunmonatige Lehrredaktion der Educaci\u00f3n Dual ist gerade zu Ende gegangen. Ich war dabei, als die <em>Eduale\u00f1os<\/em> eine Kindernachrichtensendung produzierten, eine Plastikverarbeitungsanlage in Szene setzten, Tierschutzaktivistinnen interviewten und Diskussionen \u00fcber journalistische Ethik im digitalen Zeitalter f\u00fchrten. Beeindruckend, wie schnell hier gearbeitet wird: Ideen sind kaum gedacht schon getwittert, Gespr\u00e4chspartnerInnen werden \u00fcber Facebook kontaktiert, ein Interview meist f\u00fcr die n\u00e4chste halbe Stunde vereinbart. In der FPP laufen alle F\u00e4den zusammen: Sie stellt die R\u00e4umlichkeiten, kommuniziert mit den Ausbildern, ist mit der Planung, Ausf\u00fchrung und Evaluation des Projekts betraut.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_0721.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-269\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_0721.jpg\" alt=\"IMG_0721\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_0721.jpg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_0721-300x225.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_0721-750x563.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Seit die Educaci\u00f3n Dual pausiert, mache ich Fotos. Von Minibussen und Blumenst\u00e4nden, von Flussl\u00e4ufen und Graffiti-Kunstwerken auf H\u00e4userd\u00e4chern. \u201eWei\u00df jemand, wer diese D\u00e4cher bemalt hat?\u201c, habe ich auf Facebook gefragt und ein Foto dazu gepostet. Die\u00a0<em>Eduale\u00f1os<\/em> kommentierten, am Nachmittag sa\u00df ich mit der Initiatorin des Projekts vor der architektonischen Fakult\u00e4t und lies mir erkl\u00e4ren, warum die D\u00e4cher von La Paz nun bunte Motive tragen: Es handelt sich um einen k\u00fcnstlerischen Protest gegen Reklametafeln, gegen die urbane \u201econtaminaci\u00f3n visual\u201c. Die FPP wird meine Fotoreportage in einem Zeitschriften-Spezial \u00fcber La Paz ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/FPP_6687.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-273\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/FPP_6687.jpg\" alt=\"FPP_6687\" width=\"1024\" height=\"683\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/FPP_6687.jpg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/FPP_6687-300x200.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/FPP_6687-750x500.jpg 750w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p>In Bolivien ticken die Uhren anders \u2013 <a href=\"http:\/\/indiancountrytodaymedianetwork.com\/2014\/06\/29\/why-are-clocks-running-backwards-bolivia-155545\">und das nicht erst, seit Evo Morales ein linksl\u00e4ufiges Ziffernblatt am Parlamentsgeb\u00e4ude anbringen lassen hat, um sich symbolisch vom kolonialem Import des Uhrzeigersinns zu emanzipieren.<\/a> In Bolivien gibt es Kinderarbeit, Korruption, Kokain- und Menschenhandel. Es gibt Gesetze, die die Pressefreiheit einschr\u00e4nken und Tageszeitungen, die weit entfernt von unabh\u00e4ngiger Berichterstattung sind. Aber es gibt auch Kindernachrichtensendungen, Plastikverarbeitungsanlagen, Tierschutzaktivistinnen, Twitter und Facebook. Projekte gegen visuelle Raumverschmutzung. Und Eddie, der mit mir auf der Dachterrasse gesessen, \u00fcber das Leben philosophiert und dabei Unmengen schw\u00e4bischen Kartoffelsalat gegessen hat.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_1886.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-319\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_1886.jpg\" alt=\"IMG_1886\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_1886.jpg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_1886-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Clock of the South: Der Uhrzeigersinn ist dem Lauf der Sonne auf der Sonnenuhr nachempfunden &#8211; und auf der S\u00fcdhalbkugel l\u00e4uft der Schatten nun mal in die entgegengesetzte Richtung, ergo nach links.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_1887.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-320\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_1887.jpg\" alt=\"IMG_1887\" width=\"1024\" height=\"768\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_1887.jpg 1024w, https:\/\/kulturweit.blog\/oliboli\/files\/2015\/07\/IMG_1887-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dieser kleine Bericht wurde in leicht abge\u00e4nderter Form im Newsletter der Deutschen Welle Akademie ver\u00f6ffentlicht. Den bekommt man \u00fcbrigens (auf Deutsch und auf Englisch) per Mail, wenn man sich hier anmeldet:<\/em><\/p>\n<pre>dt &gt;&gt; <a href=\"http:\/\/www.dw.com\/de\/newsletter-anmeldung\/a-15718221\" target=\"_blank\">http:\/\/www.dw.com\/de\/newsletter-anmeldung\/a-15718221<\/a> \r\nen &gt;&gt; <a href=\"http:\/\/www.dw.com\/en\/newsletter-registration\/a-15718229\" target=\"_blank\">http:\/\/www.dw.com\/en\/newsletter-registration\/a-15718229<\/a><\/pre>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Bolivien ticken die Uhren anders als in Deutschland, schon wegen der sechsst\u00fcndigen Zeitverschiebung. Hat man sich aber erst einmal akklimatisiert, entdeckt man erstaunlich viele Gemeinsamkeiten. 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