{"id":154,"date":"2022-04-18T17:47:39","date_gmt":"2022-04-18T15:47:39","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/nikolkainchile\/?p=154"},"modified":"2022-04-20T18:53:13","modified_gmt":"2022-04-20T16:53:13","slug":"kurze-lebensgeschichten-im-taxi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/nikolkainchile\/2022\/04\/18\/kurze-lebensgeschichten-im-taxi\/","title":{"rendered":"Kurze Lebensgeschichten im Taxi"},"content":{"rendered":"<p>Manchmal ist es das g\u00fcnstigste und einfachste einen Uber zu bestellen, um sich damit von A nach B zu bewegen. Vor allem Nachts ist es das Sicherste, um nach Hause zu kommen. Beim Einsteigen wei\u00df ich zuvor nie, wem ich gleich begegene und mit wem ich die n\u00e4chsten 10 &#8211; 30 Minuten verbringe. Ebenso wenig ist beim Einsteigen klar, ob es eine schweigende Autofahrt wird, mit lauter Musik oder mit einer angeregten Unterhaltung bei welcher ich einen kleinen Teil einer Lebensgeschichte kennenlerne. W\u00e4hrend meiner Uber-Fahrten habe ich bereits zahlreiche interessante Gespr\u00e4che gef\u00fchrt und Lebensgeschichten von verschiedensten Menschen erfahren. Eine davon hat mich besonders ber\u00fchrt, die von <strong>Jos\u00e9 aus Venezuela:<\/strong><\/p>\n<p>Auf einer l\u00e4ngeren Uber-Fahrt von au\u00dferhalb der Stadt zur\u00fcck nach Santiago, bin ich in ein sehr intensives Gespr\u00e4ch mit dem Uber-Fahrer gekommen. Zu Beginn haben wir uns \u00fcber das Leben in Santiago unterhalten und ich habe erz\u00e4hlt was mich nach Santiago bringt. Im Gespr\u00e4ch ist mir direkt aufgefallen, dass sein Spanisch klarer und deutlicher ist, weshalb ich wusste, dass er nicht urspr\u00fcnglich aus Chile kommt. Jedoch war mir zu dem Zeitpunkt noch nicht bewusst, welche Lebensgeschichte dahinter steckt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/nikolkainchile\/files\/2022\/04\/IMG_8359.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-173\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/nikolkainchile\/files\/2022\/04\/IMG_8359-300x385.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"385\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/nikolkainchile\/files\/2022\/04\/IMG_8359-300x385.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/nikolkainchile\/files\/2022\/04\/IMG_8359-768x987.jpg 768w, https:\/\/kulturweit.blog\/nikolkainchile\/files\/2022\/04\/IMG_8359.jpg 797w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Jos\u00e9 kommt aus Venezuela und lebt seit 5 Jahren in Santiago &#8211; nicht ganz freiwillig. Er musste aufgrund der politischen Situation aus seinem Heimatland fliehen. Als sei das noch nicht schlimm genug, wurden seine Frau und Tochter in Venezuela ermordert. Der Grund: Jos\u00e9 war politisch aktiv und die Familie hatte eine andere politische Meinung vertreten. Er sagt, er hatte den Umst\u00e4nden entsprechend noch Gl\u00fcck und die M\u00f6glichkeit zu fliehen, das haben viele andere nicht. Hier in Chile kann Jos\u00e9 seinen erlernten Job nicht aus\u00fcben, weil sein Abschluss nicht anerkannt wird. Er hat Bauingenieurwesen studiert und im Stra\u00dfenbau gearbeitet. In Santiago ist er Uber-Fahrer und lebt von einem Tag zum anderen. Er sagt: <strong>&#8222;Una nueva forma de esclavitud&#8220;<\/strong> <em>(es ist eine neue Art der Sklaverei).<\/em> Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie traurig mich das macht und wie sehr mich seine Geschichte ber\u00fchrt. Jos\u00e9 sagt daraufhin nur:<strong> &#8222;Para mi es la normalidad&#8220;.<\/strong> F\u00fcr ihn war das Leben mit viel Kriminalit\u00e4t und Korruption normal.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte wissen, ob er die M\u00f6glichkeit hatte einen anderen Teil seiner Familie hier her zu bringen, um mit ihnen gemeinsam zu leben. Jos\u00e9 antwortet darauf hin nur knapp: &#8222;Estoy solo ac\u00e1&#8220; <em>(Ich bin alleine hier)<\/em>. Mir wird ganz anders und ich finde kaum Worte, um darauf einzugehen. Darauf hin erz\u00e4hlt er mir von seinem Sohn, der in Spanien lebt und dort studiert. Mit Hilfe der<strong> Konrad-Adenauer-Stiftung<\/strong> hatte er die M\u00f6glichkeit drei Mal nach Deutschland zu reisen und \u00fcber seine Lebensgeschichte bei Kongressen zu berichten. Beim Zuh\u00f6ren merke ich, dass Jos\u00e9 voller Stolz ist, wenn er von seinem Sohn erz\u00e4hlt. Gleichzeitig jedoch die Kehrseite &#8211; beide haben keine M\u00f6glichkeit sich zu besuchen, da das notwendige Geld fehlt. Ich frage ihn, ob er fr\u00fcher oder sp\u00e4ter nach Spanien gehen m\u00f6chte, um n\u00e4her bei seinem Sohn zu leben. Jos\u00e9 verneint ganz klar und sagt, dass es dort leider keine guten Jobs gibt &#8211; vor allem nicht f\u00fcr Personen in seinem Alter. Er tr\u00e4umt davon nach Amerika zu gehen, um dort ein besseres Leben zu haben.<\/p>\n<p>Kurz vor Ende der Fahrt versuche ich die Stimmung noch etwas zu drehen, da ich diese Fahrt so nicht beenden wollte und frage ihn, was er an der Kultur in Venezuela besonders mag. Jos\u00e9 l\u00e4chelt und sagt, dass Venezuela voller Musik und Tanz ist &#8211; das fehlt ihm sehr. Auch das Essen in Chile findet er langweilig &#8222;siempre papas, papas,papas&#8220; sagt er &amp; er hat vollkommen recht &#8211; Pommes gibt es wirklich zu jedem Essen. Am liebsten mag er die peruanische K\u00fcche. Ich frage ihn, ob er mir etwas venezuleanische Musik zeigt und Jos\u00e9 freut sich sehr und z\u00f6gert keine Sekunde. Er macht folgendes Lied an, erh\u00f6ht die Lautst\u00e4rke und wir h\u00f6ren einfach den karibischen Kl\u00e4ngen zu:<\/p>\n<h2 style=\"text-align: center\"><span style=\"color: #008000\"><a style=\"color: #008000\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=wd3WYvimnlE\">Song der Woche: Estrellas de Fania &#8211; Fania all stars<\/a><\/span><\/h2>\n<p>Ich merke wie die Musik ihn ein wenig seiner Kultur n\u00e4her bringt und er in Erinnerung schwelkt &#8211; in guten als auch grausamen. <strong>La fuerza de la m\u00fasica<\/strong>, denke ich nur in diesem Augenblick.<\/p>\n<p>Am Ende der Fahrt kann ich gar nicht oft genug wiederholen, wie dankbar ich f\u00fcr das offene Gespr\u00e4ch bin und, dass er mir einen solchen Einblick in seine Lebensgeschichte gegeben hat. Jos\u00e9 verabschiedet sich und wiederholt dabei immer wieder: <strong>&#8222;Mucha felicidad&#8220;<\/strong> <em>(Viel Freude).\u00a0<\/em>Diese Verabschiedung ber\u00fchrt mich so sehr, dass mir Tr\u00e4nen in die Augen kommen. Jemand der so viel Schreckliches erlebt hat und dir trotzdem offen und ehrlich Freude und Gl\u00fcck w\u00fcnscht &#8211; das geht unter die Haut.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><a href=\"https:\/\/kulturweit.blog\/nikolkainchile\/files\/2022\/04\/IMG_8237.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-167\" src=\"https:\/\/kulturweit.blog\/nikolkainchile\/files\/2022\/04\/IMG_8237-300x400.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"400\" srcset=\"https:\/\/kulturweit.blog\/nikolkainchile\/files\/2022\/04\/IMG_8237-300x400.jpg 300w, https:\/\/kulturweit.blog\/nikolkainchile\/files\/2022\/04\/IMG_8237.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Manchmal ist es das g\u00fcnstigste und einfachste einen Uber zu bestellen, um sich damit von A nach B zu bewegen. Vor allem Nachts ist es das Sicherste, um nach Hause zu kommen. 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