{"id":16,"date":"2023-09-13T21:39:04","date_gmt":"2023-09-13T19:39:04","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/nicolasschilling\/?page_id=16"},"modified":"2024-03-20T16:41:59","modified_gmt":"2024-03-20T15:41:59","slug":"geschichtsstunde","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/nicolasschilling\/geschichtsstunde\/","title":{"rendered":"Geschichtsstunde"},"content":{"rendered":"<p>Geschichtsstunde am Freitagnachmittag. Nicht jedermann kann daran Gefallen finden. Euch kann ich aber beruhigen. Ich werde hier keinen n\u00e4chsten Wikipedia-Artikel schreiben, sondern vielmehr Beobachtungen aus meinem bolivianischen Alltag mit etwas Geschichtswissen erkl\u00e4ren.<\/p>\n<hr \/>\n<h2><strong>Was die Salte\u00f1a mit der spanischen Eroberung zu tun hat<\/strong><\/h2>\n<p>Die Salte\u00f1a ist der beste Snack am Morgen, die Salte\u00f1a schmeckt gut, die Salte\u00f1a ist Kultur und die Salte\u00f1a vereint. La Empanada boliviana ist eine mit Br\u00fche, Kartoffeln, Chili und Rindfleisch gef\u00fcllte Teigtasche, die mittlerweile ganz oben in der bolivianischen Kulinarik steht. Und tats\u00e4chlich steckt bedeutend viel Geschichte in dem \u00fcblichen Fr\u00fchst\u00fcckssnack.<\/p>\n<p>\u00dcber einen eindeutigen Ursprung streiten sich die Geister; und Bolivien und Argentinien. Obwohl die erste Aufzeichnung in dem Rezeptbuch der Do\u00f1a Josepha de Escurrechea in der bolivianischen Stadt Potos\u00ed gefunden wurden, ist eine Namensverbindung mit der argentinischen Stadt Salta sehr wahrscheinlich. Eine Familie aus Salta soll bei der \u00dcbersiedlung nach Bolivien mit dem Verkauf von der neuen Empanada Art in Bolivien ihren Lebensunterhalt finanziert haben.<\/p>\n<p>Die Empanada war jedoch bis zur spanischen Eroberung S\u00fcdamerikas (1492) vollkommen unbekannt. Erst durch die Kolonisation hat sich die urspr\u00fcnglich europ\u00e4ische Empanada auch in S\u00fcdamerika verbreitet. Mit dem Ankommen der Spanier, stie\u00dfen zwei unterschiedliche Kulturen aufeinander und es begann die Phase des ersten Kontakts, auch Kulturber\u00fchrung genannt. Durch die eindeutige Differenziertheit ist es eine Phase des Abtastens und des Gegenseitigen Austauschs z.B. von Geschenken und der \u00dcbermittlung eigener kultureller Gegenst\u00e4nde, wie auch die Empanada. Durch die milit\u00e4risch-technischen Fortschritte, der Missionierung sowie rassistischen Gr\u00fcnden, entstand in der spanischen Bev\u00f6lkerung ein \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl, welches die Eroberung und Ausbeutung des Kontinents legitimieren sollte. Bis zu den Unabh\u00e4ngigkeitskriegen (Bolivien 1825) hat diese Phase des Kulturkonflikts angehalten.<\/p>\n<p>Die spanischen Kolonien in der \u201eneuen Welt\u201c haben allerdings auch wesentlich dazu gef\u00fchrt, dass sich die Kulturen miteinander vermischen, miteinander verflechten. Man spricht dann von Akkulturation. Vor allem Bolivien ist ein Land, in dem solche Mischelemente zum Alltag geh\u00f6ren: angefangen in der Zusammensetzung der Bev\u00f6lkerung sind ca. 80% sogenannte Mestizen, ihre Vorfahren sind also sowohl Indigene als auch Spanier. Doch auch sehr auff\u00e4llig sind die Kleidung der Cholitas, die Religion (Synkretismus) und eben auch die Salte\u00f1a. Sie ist die Neuerfindung der spanischen Empanada mit andentypischen Zutaten.<\/p>\n<p>Nach meiner Wahrnehmung sind Bolivianer vor allem auf die Dinge, die eben Elemente ihrer indigenen Kultur enthalten, besonders stolz. Trotz vieler spanischer Einfl\u00fcsse ist es ein sehr kulturstarkes Land und spiegelt das gerne nach au\u00dfen wider. Dazu geh\u00f6ren neben dem Essen auch ganz besonders die Tanzkultur und der Synkretismus. Und tats\u00e4chlich hat es mit dieser Ausgepr\u00e4gtheit auf dem s\u00fcdamerikanischen Kontinent auch einen Alleinstellungsmerkmal.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Der Allrounder f\u00fcr jede Situation &#8211; Das Kokablatt<\/strong><\/p>\n<p>Mat\u00e9 de Coca, Coca machucada oder Cerveca de Coca. Das getrocknete, kleine, gr\u00fcne Blatt ist fester Bestandteil eines bolivianischen Lebens und soll in allen Situationen helfen: Ob man ein Mittel gegen die H\u00f6henkrankheit braucht, neue Konzentration beim Busfahren oder einfach etwas zum Kauen. Es lohnt sich die kleine T\u00fcte immer mit dabei zu haben.<\/p>\n<p>Die Tradition um die Cocapflanze reicht weit zur\u00fcck in die Zeit indigener St\u00e4mme. Schon 3000 v.C. soll das Cocablatt etwas Heiliges gewesen sein, ein Geschenk der G\u00f6ttin Pachamama (Mutter Erde). Verwendet wurde es vor allem von der h\u00f6heren Gesellschaftsschicht w\u00e4hrend religi\u00f6sen Zeremonien und als Arzenimittel. Zudem ist das Cocablatt extrem reich an N\u00e4hrstoffen wie Vitaminen, Eisen und Proteinen.<\/p>\n<p>Das Kauen von Coca verbeitete sich mit der Zeit in allen Gesellschaftsschichten. Vor allem im Proletariat spielte es im Alltag eine immer gr\u00f6\u00dfere Rolle. So war (und ist) es \u00fcblich, dass die Minenarbeiter von Potos\u00ed nichts weiter als eine T\u00fcte Coca mit in den Stollen nahmen. Um Gl\u00fcck in der Ausbeute und Gesundheit heraufzubeschw\u00f6ren, muss dem Minengott \u201eT\u00edo\u201c ebenfalls ein Beutel mitgebracht werden.<\/p>\n<p>Und die Tradition hat sich stark gehalten, denn in ganz Bolivien ist es auch heutzutage \u00fcblich, Coca zu kauen. Ein \u00fcbliches Bild auf der Stra\u00dfe ist die Cholita mit \u201ebolsa\u201c (Beutel) und \u201ebolito\u201c (so wird die Wangentasche voll mit Coca genannt). Doch genauso Bauarbeiter, Busfahrer, die sich wachhalten m\u00fcssen, unsere Tourguides.. Der Wirkstoff verbessert n\u00e4mlich nicht nur die sauerstoffaufnahme, sondern ist auch etwas sehr gesellschaftliches und soll ein gutes Miteinander f\u00f6rdern. Untereinander und nat\u00fcrlich auch zu Pachama.<\/p>\n<p>So kam es, da Coca auch \u00fcberall frei erh\u00e4ltlich ist, dass ich selbst meine Erfahrungen damit gemacht habe. Man zieht dabei die getrocknete Blattfl\u00e4che mit den Z\u00e4hnen vom Stiel ab. Das wiederholt man dann bei jedem Blatt, bis die Wange voll wird (bolito) und man beginnt darauf leicht zu kauen. Ohne eine gro\u00dfe Auswahl an Bl\u00e4ttern probiert zu haben, w\u00fcrde ich behaupten, dass es sich geschmacklich nicht gro\u00df von den anderen abhebt. Allerdings ist je nach Menge und Zusatz (Backpulver oder Aktivkohle) ein Effekt sp\u00fcrbar, auch wenn ich denke, dass er nicht gr\u00f6\u00dfer gemacht werden sollte, als er ist. Man f\u00fchlt sich etwas wacher, wie etwa nach einem Espresso und tats\u00e4chlich hilft es bei Atemschwierigkeiten in der H\u00f6he und bei Anstrengungen. F\u00fcr Wanderungen und Touren kommt bei mir deshalb auch immer eine bolsa mit in den Rucksack.<\/p>\n<p>Und ein Hinweis zum Schluss. Die Droge Kokain wird aus dem enthaltenen Wirkstoff in dem Kokablatt synthetisch hergestellt. Die Konzentration in dem Blatt ist allerdings so gering, dass es ca. 150kg Kokabl\u00e4tter f\u00fcr 1kg Kokain ben\u00f6tigt. Eben deshalb ist das reine Blatt in Bolivien legal und eine toxische Wirkung oder Suchtgefahr ist nicht nachgewiesen. Trotzdem gilt Bolivien als Produzent und Exporteur von Kokabl\u00e4ttern und Kokain und kurbelt so das illegale Gesch\u00e4ft an. Nordamerika und Europa sind die Hauptkonsumenten der Droge.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Die Sache mit dem Meer<\/strong><\/p>\n<p>Wer meinen Blog bisher verfolgt hat, der wei\u00df, dass ich an der Unidad Educativa Naval \u201eHer\u00f3es del Pac\u00edfico\u201c arbeite. Und wer sich jetzt auch noch mit Bolivien etwas auskennt, der wei\u00df auch, dass Bolivien ein Binnenstaat ist, zu keiner Seite hat es also Zugang zu einem Meer. Woher stammt dann also der Name \u201eHelden des Pazifiks\u201c?<\/p>\n<p>Das geht auf einen weitreichenden Konflikt zwischen Chile und Bolivien zur\u00fcck. Mit der Unabh\u00e4ngigkeit der s\u00fcdamerikanischen L\u00e4nder, galt es auch die Landesgrenzen zu definieren. Das Gebiet am Pazifik um Antofagasta war gering besiedelt und zu keinem Land explizit zugeh\u00f6rig. Die Steuerrechte hielt allerdings Bolivien und auch mit Hinblick auf die Kolonialzeit tendierte das Gebiet zu dem Andenstaat. Mit der Entdeckung von reichen Bodensch\u00e4tzen baute aber vor allem Chile ihre Wirtschaft in der Atacama-Region aus und schlug bedeutenden Profit daraus. Diesen Vorteil wollte sich Bolivien nicht entgehen lassen und erh\u00f6hte die Steuern ma\u00dfgeblich, sp\u00e4ter besetzte es die Minen mit eigenen Soldaten. Um sich dabei abzusichern, ging es ein B\u00fcndnis mit Peru ein. Als Chile von diesem B\u00fcndnis erfuhr, erkl\u00e4rte es 1879 beiden Staaten den Krieg. Und es sollte bekannterma\u00dfen dazu kommen, dass Bolivien und Peru den Krieg verloren und beide L\u00e4nder Gebiete an Chile abtreten mussten. Der Friedensvertrag von 1904 regelte schlussendlich die Grenzen und machte Bolivien zum Binnenstaat.<\/p>\n<p>Seither k\u00e4mpft Bolivien um einen erneuten Zugang zum Meer. Tats\u00e4chlich verlor es dadurch erheblich an wirtschaftlichen Potential und Identit\u00e4t. Evo Morales machte es sich zur Aufgabe, den \u201crechtm\u00e4\u00dfigen\u201c Anspruch auf das Meer bei internationalen Gerichtshof einzufordern. Ohne Erfolg. Dennoch vereint Bolivien die Mentalit\u00e4t, im Unrecht zu sein. Mit seiner Phantommarine auf dem Titicacasee, dem allj\u00e4hrigen D\u00eda del Mar (Tag des Meeres) und dem verbreiteten Hashtag #NuestroMar, h\u00e4lt es diesen Glauben aufrecht am Leben. Au\u00dferdem kriegt man bei diesem Thema gerne die Geschichte zu h\u00f6ren, dass die Chilenen, die tanzenden Bolivianer \u00fcberfallen und abgeschlachtet haben, friedliche Bolivianer gegen kriegerische Chilenen. Dieses Feindbild h\u00e4lt bis heute an.<\/p>\n<p>Es mag sein, dass Chile nicht gerade legal und auf aggressive Art das Gebiet um Antofagasta beansprucht hat. Zudem war es die kriegserkl\u00e4rende Nation. Doch auf einen \u00fcber 140 Jahre alten Konflikt zu beharren, der in sich verwickelt, 1904 aber abgeschlossen wurde, ist in meinen Augen ein falscher Ehrgeiz. Es sollte eher darum gehen, alternative L\u00f6sungen zu finden, um den wirtschaftlichen Nachteil auszugleichen. Und dennoch vereint dieser Gedanke die ganze Nation. Es ist bemerkenswert, wie mittlerweile das nicht-Vorhandensein des Meereszugangs ein fester Bestandteil bolivianischer Identit\u00e4t geworden ist. Und das wird sicherlich \u00fcber viele Generationen noch der Fall bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geschichtsstunde am Freitagnachmittag. Nicht jedermann kann daran Gefallen finden. Euch kann ich aber beruhigen. Ich werde hier keinen n\u00e4chsten Wikipedia-Artikel schreiben, sondern vielmehr Beobachtungen aus meinem bolivianischen Alltag mit etwas Geschichtswissen erkl\u00e4ren. 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