{"id":218,"date":"2019-10-21T19:58:08","date_gmt":"2019-10-21T22:58:08","guid":{"rendered":"https:\/\/kulturweit.blog\/nataschainchile\/?p=218"},"modified":"2019-10-21T20:00:07","modified_gmt":"2019-10-21T23:00:07","slug":"proteste-in-chile","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/kulturweit.blog\/nataschainchile\/2019\/10\/21\/proteste-in-chile\/","title":{"rendered":"Proteste in Chile"},"content":{"rendered":"<p>Ich habe ziemlich lange gebraucht, um f\u00fcr diesen Eintrag eine \u00dcberschrift zu finden, aber ich glaube die einfache \u00dcberschrift &#8222;Proteste in Chile&#8220; trifft es ganz gut. Ich finde es schwierig, \u00fcber ein politisches Thema zu berichten und kann hier auch nur von meinen pers\u00f6nlichen Erfahrungen berichten. Aber so wie alles andere, was ich hier in Chile erlebe, geh\u00f6rt auch dies zu meinem Aufenthalt und daher m\u00f6chte ich auch davon bloggen. Aaaaber ich m\u00f6chte mich hiermit auch f\u00fcr eventuelle Unrichtigkeiten entschuldigen.<\/p>\n<p>Vor nicht allzu langer Zeit wurden die Metropreise hier in Santiago erh\u00f6ht, durchschnittlich um 30 Pesos, was etwa 4 Cent entspricht. Somit musste man nun keine 800 Pesos, sondern 830 Pesos (laut einem W\u00e4hrungsrechner 0,98 Euro zu 1,02 Euro) pro Fahrt in der Rush Hour bezahlen.* Dies war wohl der anf\u00e4ngliche Ausl\u00f6ser der Proteste am Freitag. Eigentlich fahre ich ja immer mit dem Fahrrad zur Arbeit und nach Hause, hatte aber am Freitag geplant, mit Mona nach den Sprachkursen \u00fcber unsere Reisepl\u00e4ne zu reden und etwas zu kochen. Spontan entwickelte es sich dann noch zu einem Getr\u00e4nk in einer Bar und so wollten Paulin, ich, Mona und einer ihrer Kurskameraden ins Stadtviertel Lastarria. Da die Metro nicht mehr fuhr, wollten wir mit dem Stadt in die Auto, da der Fu\u00dfweg rund eine Stunde betrug. Nach etwa 15 Minuten im Parkhaus hatten wir uns jedoch immer noch nicht nach vorne bewegt und so entschlossen wir uns doch, zu Fu\u00df zu gehen. Die Stadt war suuper voll, \u00fcberall Autos, Busse und sehr viele Menschen auf den Stra\u00dfen. Das Wetter war gut und so war der Anfang des Fu\u00dfweges wenigstens nur halb so schlimm. Allerdings fing irgendwann das Atmen an, wehzutun und auch die Augen fingen an zu brennen. Wir dachten erst, es sei einfach Smog, aber im Nachhinein bin ich mir ziemlich sicher, dass es Tr\u00e4nengas war. Mona und Paulin haben es kurz bevor wir zur Bar sind auch noch voll abbekommen. Als wir von der Bar zu Mona nach Hause gingen, haben wir einige Feuer gesehen und im Laufe des Abends auch mitbekommen, dass viele Metro Stationen zerst\u00f6rt waren und es viele Proteste auf den Stra\u00dfen gab. Sicherheitshalber habe ich die Nacht dann bei Mona verbracht.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen war ich zu knickig, mir ein Taxi zu leisten und bin zu Fu\u00df nach Hause gegangen. Es war ruhig auf den Stra\u00dfen, jedoch hat man noch Aschereste gesehen und auch sonst viel Dreck auf den Stra\u00dfen. Das g\u00fcltige Gebiet der Fahrr\u00e4der, mit denen ich immer fahre, wurde auch eingeschr\u00e4nkt und man kann die Fahrr\u00e4der nur noch in einem eingeschr\u00e4nkten Bereich benutzen. Die Proteste gingen auch tags\u00fcber weiter. Pi\u00f1era, der Pr\u00e4sident Chiles, hatte die Fahrpreiserh\u00f6hung der Metro allerdings zur\u00fcckgenommen und Freitag Nacht aber auch den Ausnahmezustand in der Stadt ausgerufen. Mittags traf ich einen Freund zum Mittagessen, da habe ich nur eingeschr\u00e4nkt etwas von den Protesten mitbekommen. Eigentlich wollten Mona und ich noch zu einer Veranstaltung gehen, aber Mona hatte mir dann bereits von Ausschreitungen auf der Stra\u00dfe erz\u00e4hlt und so haben wir dies dann gelassen. Abends waren wir zum Feiern verabredet und trafen uns gegen 19 Uhr zum Vortrinken. Schon vorher hatte ich Ger\u00fcchte \u00fcber eine m\u00f6gliche Ausgangssperre geh\u00f6rt, die dann leider auch wahr wurden. Ab 22 Uhr durfte man die H\u00e4user nicht mehr verlassen &#8211; also kein Feiern. Es gab auch schon ab 21 Uhr keine Taxis mehr und eigentlich wollten wir uns auch noch etwas zu essen bestellen, was auch nicht mehr funktionierte. So musste ich wieder au\u00dfer Haus \u00fcbernachten. Der Abend war aber trotzdem sehr sch\u00f6n \ud83d\ude42<\/p>\n<p>Sonntag wurde es mit den Protesten nicht besser und nachdem wir, Ruby (eine Kurskameradin), Konrad (mein Mitpraktikant) und ich bei Sille, einer anderen Kurskameradin, zum Mittagessen waren hie\u00df es auch schon nach Hause fahren. Eigentlich war ich noch verabredet, aber da das Taxi erstmal super lang brauchte (Sille wohnt etwas au\u00dferhalb), um uns abzuholen und der Taxifahrer meinte, dass es in der Innenstadt nicht wirklich sicher sei, fuhr ich nach Hause. Im Nachhinein war dies auch gut so, da es eine erneute Ausgangssperre ab 19 Uhr gab und ich dann vielleicht nicht mehr nach Hause gekommen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Auch heute, am Montag, wird noch protestiert. Angefangen mit der Metropreiserh\u00f6hung geht es um noch viel mehr. Bildung ist sehr teuer hier, das Gesundheitssystem ist nicht sonderlich gut oder auch das Mindesteinkommen liegt nur bei etwa 400 Euro und zumindest das Leben hier in Santiago ist so ziemlich genauso teuer wie in Bonn, wenn nicht sogar in einigen Bereichen noch etwas teurer. Laut den Nachrichten gibt es mittlerweile um die 10 Tote (einige bei Br\u00e4nden ums Leben gekommen). Die meisten Superm\u00e4rkte haben geschlossen und vor den wenigen ge\u00f6ffneten M\u00e4rkten stehen die Leute Schlange. Busse fahren wieder einige und auch eine Metrolinie ist wieder ge\u00f6ffnet. Ich wei\u00df leider nicht mehr genau seit wann, aber es gibt nicht nur Polizei in den Stra\u00dfen, sondern auch das Milit\u00e4r wurde mobilisert &#8211; das erste Mal seit dem Ende der Diktatur unter Pinochet 1990. Auch heute gibt es wieder eine Ausgangssperre ab 20 Uhr&#8230; so langsam f\u00e4llt mir echt die Decke auf den Kopf. Aber da das Wetter so sch\u00f6n ist, war ich vorhin mal drau\u00dfen in einem Caf\u00e9 und hab mir ein St\u00fcck Kuchen geg\u00f6nnt. Auf der Suche nach einem ge\u00f6ffneten Supermarkt, bin ich auch wieder einem ganzen Schwall Protestanten auf der Stra\u00dfe begegnet. Heute und auch morgen musste und muss ich nicht arbeiten gehen und von Tag zu Tag wird geschaut, wie sich die Situtation entwickelt. Ein chilenischer Freund hat mir gesagt, dass auch er sowas noch nie erlebt hat, also richtigen Zeitpunkt ausgesucht, um hier zu sein \ud83d\ude00<\/p>\n<p>Innerhalb der letzten drei Tage habe ich gemerkt, dass ich doch froh sein kann, normalerweise in Deutschland zu leben und dort aufgewachsen zu sein. Ich habe keine Angst vor der Situation hier und mir geht es gut, jedoch ist alles sehr ungewohnt und vor allem an die Ausgangssperre kann ich mich nicht gew\u00f6hnen und in mir drin brodelt meine rebellische Seite. Ich finde das Gef\u00fchl richtig komisch, so in meiner Freiheit eingeschr\u00e4nkt zu sein. Tags\u00fcber kann ich nat\u00fcrlich noch rausgehen, bin aber dennoch vorsichtig. Morgen treffe ich aber &#8211; falls sich die Lage nicht verschlimmert &#8211; ein paar Freunde und wir wollen zum Santa Lucia hoch und picknicken. Abends f\u00fchlt es sich ein wenig an wie eingesperrt sein und das auch noch im eigenen Zuhause. Dauernd h\u00f6rt man auch noch hupende Autos, Helikopter und protestierende Menschen, die auf ihren T\u00f6pfen herumschlagen. Daher hoffe ich einfach, dass sich die Situation schnell verbessert und der Alltag bald wieder einkehrt.<\/p>\n<p>* Die Metropreise unterscheiden sich in verschiedenen Tageszeiten. In der Rush Hour ist es am teuersten, dann gibt es einen allgemeinen Tarif, der zwischen 9 und 17:59 Uhr sowie 20 und 20:44 Uhr gilt und den g\u00fcnstigsten, der zwischen 6 und 6:59 Uhr gilt sowie 20:45 und 23:00 gilt. Danach ist es nicht kostenlos &#8211; die Metro f\u00e4hrt blo\u00df einfach nur bis 23 Uhr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich habe ziemlich lange gebraucht, um f\u00fcr diesen Eintrag eine \u00dcberschrift zu finden, aber ich glaube die einfache \u00dcberschrift &#8222;Proteste in Chile&#8220; trifft es ganz gut. 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