Puppen, Poroshenko & K-Pop

Montag, 23.09.2019, Beginn meiner 2. Woche als Freiwillige in Saporishja, Ukraine

Meine ersten 10 Tage hier sind wie im Fluge vergangen (nicht zuletzt weil ich die Hälfte der Zeit krank zuhause war) und trotzdem habe ich schon so viele neue Eindrücke hier gesammelt, die ich niemals in einem Beitrag unterkriegen würde. Ein paar Dinge, die mir bisher aufgefallen sind und andere random facts habe ich deshalb in ein paar Stichpunkten zusammengefasst.

– alle Menschen, die ich bisher getroffen haben waren extrem freundlich und hilfsbereit ( sogar die Menschen in meinem Nachtzugabteil, nachdem ich sie ausversehen erst mit meinem Gepäck angerempelt, und später (wieder ausversehen) mit Studentenfutter beworfen hatte)

– die Vormieter meiner Wohnung haben gefühlt 90% ihres Besitzes hier gelassen, was sehr praktisch für mich ist, da ich so gut wie nichts neu kaufen muss.

mein neues Wohnzimmer

Allerdings verbergen sich in den vielen Schränken und Schubladen immer wieder neue Überraschungen. Ein paar nennenswerte Beispiele sind: diverse Puppen (nur ein bisschen gruselig), eine Plastiktüte voll Erde, ein mysteriöser rosaroter Handschuh uvm.

– in meiner ersten Woche habe ich mich an der Schule hauptsächlich den Klassen vorgestellt und konnte mich mit einigen SchülerInnen austauschen. Eine Frage, die für mich überraschend oft aufkam – ob und was für eine Meinung ich zu K-Pop habe. Fazit – es scheint eine große Rolle zu spielen, ob man sich klar für oder gegen das Phänomen koreanischer Popmusik positioniert.

– Saporishja, ist so viel mehr als eine „hässliche, postsowjetische Industriestadt“, wie sie liebevoll im Reiseführer beschrieben wird. Natürlich sind die rauchenden Fabriken und die riesige, graue Staumauer im Stadtbild unübersehbar, ich glaube aber auch, dass ich selten so viele Parks und Bäume in einer Großstadt gesehen habe. Ganz zu schweigen von der Khortytsia, einer ebenfalls riesigen, großteils naturbelassene Insel die zwischen den zwei Ufern des Dnipro schwimmt und den ehemaligen Zentralsitz (Sitsch) der Saporoger Kosaken, beherbergt.

auf der „Sitsch“

der berühmte Staudamm

– fast alle Süßigkeiten, die man hier kaufen kann werden von „Roshen“, einem Unternehmen des ehemaligen Präsidenten PoROSHENko vertrieben. Wie viele andere ukrainische Produkte, werden auch Roshen-Süßigkeiten seit Anfang des militärischen Konflikts zwischen Russland und der Ukraine (2014) von der russischen Regierung boykottiert. Folglich verzeichnet die Firma große Einnahmeverluste, mit dem Nebeneffekt, dass Petro Poroshenko nun nicht mehr Billionär, sondern „nur noch“ Millionär ist.

ROSHEN-Bonbons

– mit „я не говорю по русски“ („ich spreche kein Russisch“- was nach 2 Jahren Schulunterricht leider ziemlich der Wahrheit entspricht) und einem semi-verzweifelten Blick kam ich bisher erstaunlich weit. Einen Russischkurs oder Lehrer zu finden ist im Moment trotzdem meine Priorität Nr. 1 (Umgangssprache in Saporishja ist russisch – die meisten Leute lernen erst in der Schule Ukrainisch)

Trotz meiner miserablen Russisch und Ukrainisch-Kenntnisse und ein paar kleinerer Problemen, habe ich nicht das Gefühl, in meiner ersten Woche unter dem berühmt-berüchtigte Anfangstief zu leiden. Ich denke das liegt vor allem an den Menschen, die das Einleben deutlich angenehmer gemacht haben:

– Nastja: eine ehemalige Schülerin meiner neuen Schule, die mich vom Bahnhof abgeholt und die ersten beiden Wochenenden damit verbracht hat, mir die Stadt zu zeigen. Dank ihr weiß ich jetzt 1. wie blauer Kaffee schmeckt, 2. ganz viel über die Geschichte der Ukraine und insbesondere Saporishja, orthodoxe Weihnachten und andere Traditionen 3. Dass ich ukrainischen Schlager (sorry Oleg Vinnik) genauso wenig mag wie deutschen, aber dass es  4. Auch extrem coole ukrainische Musik gibt (Empfehlungen auf Anfrage)

– Larissa: meine Mentorin, die trotz ihres engen Zeitplans immer ein offenes Ohr für mich hat, mir meine erste Borsch spendierte und generell viel mit Papierkram rund um Schule, Wohnung, Handyvertrag etc. geholfen hat.

– Olya: meine liebe Vermieterin, die sich täglich nach meinem Wohlbefinden erkundigt (gefolgt von mindestens 2 Emojis) und mir einen Wasserkocher geschenkt hat

– die Kassiererin beim nahgelegenen Supermarkt, die mich inzwischen schon kennt und trotz Sprachbarriere immer netten Smalltalk führt

– die Lehrerinnen und SchülerInnen, die mich direkt willkommen geheißen haben und durch die die Atmosphäre an der Schule so herzlich ist (an meinem 3. Tag wurde ich z.B. direkt von einer Horde kuschelwütiger 6.Klässler am Eingang empfangen)

 

Das wars erstmal von mir, mehr Neuigkeiten, vor allem auch von meiner Einsatzstelle, gibt es demnächst, wenn ich dann im Schulalltag drin bin : )

Statue von Leonid Shabotinsky, einem Gewichtheber, nachdem die Straße in der ich wohne benannt ist

 

 

 

Blick aus meiner Wohnung

 

 

 

 

Der Sobornyi Prospekt ist mit seinen 6 Spuren und 12 (oder sogar 15) km Länge die längste innerstädtische Straße Europas
-> sehr beeindruckend und man kann sich praktisch nicht verlaufen

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