Wer bin ich in einer anderen Sprache?

Ich bin jemand, der eigentlich gerne und mitunter viel redet. Vor allem im Deutschen bilde ich gerne lange Sätze mit vielen Konjunktionen. Ich benutze gerne komplizierte Umschreibungen, meistens auch für einfache Zusammenhänge, weil ich Spaß daran habe herauszufinden, wie viele Möglichkeiten es gibt, das ein und dasselbe auf verschiedene Weisen auszudrücken. Am Ende aber genieße ich es die Möglichkeit zu haben, etwas genauso ausdrücken zu können und zu formulieren wie ich es möchte.

Wie gesagt, diesen, ich nenne ihn mal, Spleen im Deutschen auszuleben fällt mir leicht, im Englischen kann ich das alles auch schon ganz gut duplizieren, nicht aber im Spanischen.

Was sich jetzt erstmal so anhört, als wäre das kein so großes Problem, stellt für mich aber durchaus einen größeren Einschnitt in meine Persönlichkeit dar. Natürlich kann man komplizierte Dinge auch einfach herunterbrechen und im Großen und Ganzen dasselbe vermitteln. Doch am Ende des Tages ist es einfach nicht damit zu vergleichen, genau das ausdrücken zu können, was ich möchte.

Ich habe es immer als selbstverständlich genommen, ohne große geistige Anstrengung oder gar Vorbereitung durch meinen Alltag zu gehen. Ich konnte auf dem Markt einkaufen, ohne im Vorfeld die Namen der weniger oft verwendeten Obst- und Gemüsesorten nachzuschlagen. Ich konnte einen Weg in 2 statt 5 Minuten beschreiben, da ich nicht darüber nachdenken musste, was jetzt nochmal rechts, geradeaus oder an der Ecke bedeutet. Ich konnte, wenn ich mich denn traute, entspannt in einer Bar jemanden ansprechen, ohne befürchten zu müssen, dass ich vielleicht an einem Punkt der Unterhaltung etwas nicht verstehen würde, weil es zu schnell ausgesprochen wurde oder schlicht, weil ich die Bedeutung eines der verwendeten Worte nicht kennen würde. Ab und zu konnte ich sogar ohne zu überlegen lustig sein (zumindest meiner Auffassung nach). Alles alltägliche Dinge, über die man sich normalerweise keine Gedanken macht, schon gar nicht Dinge, denen man mit Respekt begegnet.

Mittlerweile hatte ich die Möglichkeit, ich würde es als ordentliches Spanisch bezeichnen, zu lernen. Ich kann, wenn ich abends einmal ausgehe, ziemlich soliden Smalltalk führen, auch wenn es immer noch nicht dasselbe ist wie im Deutschen. Ich bin oft immer noch frustriert, wenn ich einen Gedanken nicht so formulieren kann wie ich es möchte und ich habe immer noch größere Hemmungen ein längeres Gespräch anzufangen. Trotz allem komme ich jetzt mit besseren Sprachkenntnissen viel leichter durch meinen Alltag.

Das alles ist natürlich einfacher mit ein bis vier Bier, aber ich kann ja nicht jeden Tag besoffen hinter mich bringen. Rückblickend habe ich festgestellt, es gibt viele verschiedene Ichs, in jeder Sprache ein anderes, aber jedes etwas gesprächiger im leicht angetrunkenen Zustand.

Diese Erfahrung zählt natürlich nicht zu den angenehmsten, die man während seiner Zeit in einem Land, in dem eine fremde Sprache gesprochen wird, machen kann, aber meiner Meinung nach zählt sie aber zu einer der wichtigsten. Wenn man dazu, wie ich, noch die Möglichkeit hat, mitzuerleben wie ungleich anstrengender es ist Deutsch zu lernen im Vergleich zu Spanisch, kann man nicht umhinkommen das ein oder andere Klischee aus dem deutschen Alltag zu überdenken.

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