Ankommen und gleich wieder losfahren

Schreiben ist schwer. Schwerer als Spanisch zu sprechen. Das ist vermutlich auch der Grund, warum ich an diesem Eintrag schon seit über zwei Wochen sitze. Im Gegensatzt dazu, schaffe ich es überraschenderweise mitten in der Nacht auf dem Nachhauseweg von einer durchtanzeten Nacht, einem cocakauenden Taxifahrer, der mir mit ruhiger und konzentriertem Gesichtsausdruck zuhört einigermaßen genau meinen Wohnort zu beschreiben. Nicht nur das ich kann ihn sogar um 5 Bolivianos runterhandeln. Nachts sind die Taxis hier aber auch teilweise echt teuer!

Während ich das schreibe fällt mir auf, dass ich so langsam aber sicher anzukommenscheine. Für deutsche Verhältnisse sind 25 Bolivianos für eine Taxifahrt, umgerechnet etwas mehr als drei Euro, wahnsinnig günstig. Wenn eine reguläre Fahrt aber in der Regel 12-15 Bolivianos kostet, sieht die Sache schon ganz anders aus. Aber das jetzt plötzlich hier im weit von Schwaben entfernten Bolivien der „Klischeschwabe“ durchschlägt ist vielleicht nicht die vorteilhafteste Tatsache, um daran das Gefühl des Angekommenseins festzumachen. In den letzten circa sechs Wochen, die so überraschend schnell an mir vorbeigezogen sind konnte ich schon viele andere Erfahrungen machen durch die ich mich hier immer wohler fühle.

Gleich an meinem ersten Abend war ich Essen, mexikanisch. Hört sich erstmal überraschend an, macht hier aber natürlich rein geographisch durchaus mehr Sinn, als in Memmingen das Las Carrettas zu besuchen. Abgesehen davon, dass es sehr lecker war, habe ich auch gleich ein weiteres Mitglied des Deutschkollegiums kennengelernt. Eigentlich schon wieder ein Name zu viel für mein gejetlagtes ich, was mich aber nicht davon abhielt einen schönen Abend zu haben und gleich danach noch fünf (!) weitere Namen zu lernen. Diesmal keine Deutschlehrer, sondern Deutschsprechende, die nie die Wahl hatten ob sie denn auch wirklich Deutsch sprechen möchten: deutsche Freiwillige. Freiwillige gibt es hier in Cochabamba wirklich viele, egal ob Deutsche, Engländer, Schweizer oder Franzosen, von allem was dabei sozusagen.

Aber zurück zu Mica, der Deutschlehrerin, die ich gleich an meinem ersten Abend kennenlernen durfte. Sie War nämlich der Grund, dass ich, kaum angekommen an meinem ersten Wochenende gleich eine neue, wenn auch kleinere Reise antreten konnte. Am Freitagabend bekam ich eine Nachricht von Mica ob ich denn nicht vielleicht Lust hätte am kommenden Sonntag mit nach Incallajta zu fahren. Planmäßig wäre Anna dabei gewesen, aber würde an diesem Wochenende unterwegs sein, Glück für mich, so wurde ein Platz frei. Nicht so 100%ig wie sich herausstellen sollte, aber so ungefähr halt.Wie ich erfuhr, betreut Mica ein Projekt, dass Teil  eines Wettbewerbes der ZfA zum Thema Natur und Kultur ist. Man muss dazu wissen, dass dieses Jahr von der ZfA das Humboldt-Jahr ausgerufen wurde. Es muss dieses Jahr also irgendein Jubiläum in Verbindung mit diesem großen Naturforscher geben, der zufällig auch noch Südamerika besucht hat, also gleich zweimal interessant für unsere Schule. In diesem Rahmen gibt es viele Aktionen und Wettbewerbe für Schüler, und an einem aus dieser Fülle nahmen wir nun teil.

(In Cachabamba finden Ende Mai auch noch die Humboldt-Spiele statt, für die auf Ländern wie Ecuador und Peru und noch ein paar mehr extra Schüler hierher anreisen. Dafür wird schon seit Wochen fleißig geprobt und die Schule richtig herausgeputzt. Es wird wortwörtlich jeder Ziegelstein nochmal frisch angemalt! Leider fällt das alles mit meinem Zwischenseminar im fernen Lima zusammen, sodass ich von dem Specktakel leider nicht so viel mitbekommen werde.)

Aber zurück zu Incallajta. Nachdem ich zuerst nicht so genau wusste, ob ich bis Sonntag schon fit genug sein würde, sagte ich schließlich doch schnell zu. Wann bakommt man schon mal die Möglichkeit umsonst dreieinhalb Stunden autozufahren (?!), einfach! Am Sonntag war es dann soweit. um sechs Uhr wollte mich Mica zusammen mit Nico abhohlen umd dann zu dem Zuhaise eines Schülers zu fahren, dessen Vater sich als Fahrer und dazu noch seinen Geländewagen als Fahrzeug zur Verfügung stellte.

Also klingelte um fünf Uhr sonntagmorgens mein mitgebrachter Wecker und ich dachte mir einmal Umdrehen muss noch drin sein. Ich war andscheinend doch noch erschöpfter als ich dachte, denn, als ich das nächste mal meine Augen öffnete war es dreiviertel sechs :(. Also raus aus dem Bett, parallel Zähneputzen und Duschen, Abtrocknen, dann in die Hose springen. Währenddessen ruft schon Mica an, dass sie schon da sind, fünf Minuten früher als geplant, zu meinem Glück. Ich meine ich muss nur noch schnell Schuhe anziehen, werfe das nächstbeste T-Shirt über, eine Regenjacke, zwei Bananen und eine Wasserflasche in den Rucksack und los gehts. Um 6.05 Uhr sitze ich zusammen mit Mica in Nicos Taxi. Nico ist ein altersloser Mann, vermutlich mittleren Alters. Trotz der Sprachbarriere konnte ich bei unseren vorherigen aufeinandertreffen erfahren, dass er aus Potosi, der höchstgelegenen Großstadt der Welt, stammt, er hier in Cocha aber das Wetter beeeser findet und sich die deutschen  Temperaturen in etwa so wie im auf ca 4 000 Meter hoch gelegenen Potosi vorstellt („muy frio, no?“) was ich mit Einschränkungen bejahte („si, a veces“). Er ist schon wirklich rumgekommen in der Welt, nicht nur in Bolivien, hat bereitrs in Spanien Gearbeitet und wird demnächst Großvater, weswegen er mit seinem Taxi nie zu weit von dem Haus seiner Tochter weg fährt, sollten die wehen einsetzen. Kurz ich mag Nico, auch ein bisschen, weil er mich immer Benji nennt, wenn wir uns sehen, das gefällt mir irgendwie.

Mittlerweile sind wir bei dem Haus des Schülers mit Auto angekommen. Er wohnt in einer Gated-Communiti etwas außerhalb des Zentrums in Richtung Osten. An der Einfahrt muss Nico bei einem Pförtner seinen Ausweis abgeben. Alle Häuser sehen gleich aus, schön wie ich finde, aber halt eins wie das andere. Wir halten an einem Haus, vor dem ein Hyundai SUV parkt. Wir bezahlen Nico, verabschieden uns und steigen aus. Mica klingelt an einem mannshohen eisernen Gartentor. An einem Ende des Vorgartens öffnet sich die haustür und ein schlacksiger Jugendlicher kommt auf uns zu. Wir begrüßen uns, stellen uns vor. Alle Schüler die mit uns fahren, es sind insgesamt fünf, hat mir Mica im Vorfeld erzählt sprechen sehr gut Deutsch hat mit Mica im Vorfeld erzählt. Das kann ich bei dem ersten wirklich bestätigen. Wir betreten das Haus und ich lerne seinen Vater und seine Mutter kennen. In Wohnesszimmerkombination setzen wir uns und während die anderen langsam eintrudeln erfahre ich etwas mahr über das Projekt. Es handelt es sich um einen Wettbewerb bei dem entweder die besonderen Naturmerkmahle oder besondere Kulturgüter des eigenen Landes vorgestellt werden sollen. Bei uns wird das in  der Form eines fiktiven Nachrichtenbeitrages mit einigen Außenbeiträgen passieren. Natürlich alles in deutscher Sprache. Jetzt verstehe ich auch langsam meinen Nutzen, ich soll etwaige Fragen zu nachrichtentypischen Ausdrücken aus Deutschland klären und etwas bei der Erstellung des Skriptes helfen.

Unterdessen ist es kurz vor acht Uhr, wir sitzen seit ca 50 Minuten in unserer Wohnesszimmerkombination, warum habe ich mir vorher nochmal so viel Stress gemacht? Um kurz nach acht sind dann alle da. aus der Garage wird noch kurz ein Ersatzreifen geholt und im Kofferraum verstaut, in dem nun nicht mehr sonderlich viel Platz ist. Aber für die Rucksäcke reicht es noch. Dann stellt sich uns aber das nächste Problem: Das Auto ist zwar nicht besonders klein, hat aber nur fünf Sitzplätze. Der Kofferraum fallt jetzt als potenziell freie Fläche aus. Was also tun? Die Antwort ist simpel, wir müssen stapeln. In Deutschland unmöglich, aber hier, solange vor der Mautstelle eine der zwei Personen auf dem Beifahrersitz kurz auf die Rückbank klettert kein großes Prolem. So fahren wir also, fünf Personen auf dem Rücksitz, zwei auf dem Beifahrersitz, nur der Fahrer hat ein wenig mehr Platz, zunächst über eine breite geteerte Straße an einem Lkw-Stau vorbei, mal bergauf, mal bergab, später über gepflasterte und geschotterte Straßen knapp vier Stunden nach Incallajta.

Dort angekommen wurde das Auto geparkt und wir alle gönnten uns ein spätes Frühstück. Danach ging es über einen kleinen Fluss zu einem kleinen Haus mit Innenhof, das ich als „Rezeption Incallajtas“ bezeichnen würde. Dort konnte wer wollte die Toiletten benuzuen, die in Englisch (!) und in Spanisch ausgeschrieben waren, was mir hier in Bolivien wirklich selten begegnet. Für den Eintritt und die Führung eines ortskundigen Führers musste noch jeder 10 Bolivianos bezahlen und nachdem auch noch die Besucherliste ausgefüllt war konnte es losgehen.

Der zuüberquerende Fluss, vielleicht auch eher ein größerer Bach

Über die Führung können die Bilder glaube ich besser berichten als ich. Nur kurz zu den Fakten, an die ich mich noch glaube zu erinnern: Die ersten Häuser wurden Dort zwischen 1 000 und 1 100 erichtet. Alle noch erhaltenen Mauern sind aus Stein gebaut, diese Steine werden mit einer sehr mörtelähnlichen Substanz zusammengehalten. Bevor sich die Witterung an Allem zu schaffen gemacht hat waren alle Häuser außerdem noch verputzt und bemalt. In Incallajta steht außerdem das älteste zweisöckige Haus Boliviens.

Ich glaube die Bilder vermitteln das werklich besser als ich.

Von den zwei Stockwerken ist leider nicht mehr alles erhalten

Hier sieht man Teile der Gemeinschaftshalle, in der beim traditionellen Neujahrsfest mehrere tausend Menschen Platz fanden

Diese Ansicht macht die Dimensionen glaube ich etwas klarer

Während unserer Besichtigung wurden immer wieder Ausschnitte für den Projektfilm aufgenommen, in dem auch unser Führer mit seinem gefühlt unerschöpflichen Wissen über diesen geschichtsträchtigen Ort mitwirkte.

Nach einigen interessanten Stunden saßen wir dann alle wieder im Auto. Auf dem Rückweg war von dem Regen bei der Anfahrt keine Spur mehr, zu unserem Glück, denn der Ersatzreifen wurde tatsächlich benötigt und Reifenwechseln ist ja schon im Trockenen nicht die angenehmste Aufgabe. Kurz vor Cochabamba machten wir noch einen Imbissstop, bei dem ich meine ersten zwei Empanadas erstand und natürlich auch aß, mit einem obligatorischen Glas CocaCola versteht sich.

Schlussendlich kamen wir dann alle erschöpft, aber Glücklich und größtenteils unversehrt gegen Abend wieder in Cocha an. Ich könnte noch einiges mehr von meinem ersten Sonntag in Bolivien erzählen, aber das hier sollte eigentlich mal eine Zusammenfassung meiner ersten vier Wochen werden und das ist ja jetzt schon ziemlich aus dem Ruder gelaufen und ich bin erst bei Tag fünf.

Also Schluss für jetzt, wenn es jemand bis hier unten geschafft hat, vielen Dank fürs Lesen, freut mich wirklich.

Bis bald, Benjamin

 

 

 

 

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